Wie könnte die Welt des Odysseus geklungen haben? Eine genaue Antwort gibt es leider nicht. Doch das hielt Christopher Nolan nicht davon ab, für seinen neuen Kino-Hit “The Odyssey” auf einen ganz besonderen Soundtrack setzten. Statt eines klassischen Orchesters wollte der Regisseur eine Klanglandschaft, die möglichst eng mit der Bronzezeit verbunden ist. Filmkomponist Ludwig Göransson nutzte daher antike Instrumente wie Leiern, Bronzegongs und Auloi, um den Film zu vertonen. Das Ergebnis ist einer der wohl außergewöhnlichsten und aufwendigsten Filmsoundtracks des Jahres.

Die Odyssee von Homer bis Nolan
Die Odyssee wurde wahrscheinlich im 8. Jahrhundert v. Chr. von dem Dichter Homer verfasst und zählt damit zu den ältesten Geschichten Europas. Sie behandelt die Rückkehr des mythologischen Odysseus aus dem Trojanischen Krieg, der rund 400 Jahre vor dem Werk, schätzungsweise im 12. Jahrhundert v. Chr., stattgefunden haben soll. Einen Einblick in den Trojanischen Krieg liefert das frühere homerische Werk, die Ilias.

Hierbei ist bis heute umstritten, ob es sich um das Werk eines einzigen Dichters handelt oder die Odyssee und die Ilias das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit sind, die später Homer zugeschrieben wurden. Über Jahrhunderte hinweg wurden die homerischen Epen in Kunst, Literatur und Musik immer wieder aufgegriffen und neu interpretiert.
Knapp 2500 Jahre später entschloss sich schließlich der Oscar-ausgezeichnete Filmemacher Christopher Nolan dazu, die legendäre Erzählung für die große Leinwand zu adaptieren. Mit einer massiven Starbesetzung und Matt Damon als Odysseus begannen die Dreharbeiten im Frühjahr 2025. Der Film erschien schließlich am 16. Juli 2026 und feierte sofort einen enormen Erfolg. Mit über 1.3 Milliarden Dollar in Einnahmen, gehört er schon jetzt zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten.

Kein klassisches Hollywood-Orchester
Christopher Nolan schien schon früh im Entstehungsprozess eine konkrete Vision für den Film gehabt zu haben. Üblicherweise nutzen epische Historienfilme den mächtigen Klang eines großen Orchesters, inklusive Streichern und Bläsern, um die gewaltige Klangwelt des Filmes zu schaffen. Doch Nolan entschied sich klar gegen diesen Ansatz – im antiken Griechenland gab es schließlich noch keine Violinen, Kontrabässe und Posaunen.

Stattdessen sahen sich Nolan und Komponist Ludwig Göransson mit einer ungewöhlichen Aufgabe konfrontiert: Wie schafft man ein Soundtrack für eine Welt, dessen Musik längst ausgestorben ist? Göransson begann also damit, die Instrumente der Antike zu recherchieren, um eine möglichst authentische Rekonstruktion zu schaffen. Natürlich erweist sich diese Aufgabe als herausfordernd, da wir uns nicht sicher sein können, wie die antiken Instrumente früher gespielt und verwendet wurden. Deshalb wurde Göransson von verschiedenen Experten der Archäologie, Musikgeschichte und antiken Ethnologie unterstützt, die den Soundtrack erst ermöglichten.
Der Aulos
Im Zentrum stehen hierbei besonders der Aulos und die Lyra. Der Aulos ist ein antikes Doppelrohrinstrument, das ähnlich funktioniert wie zwei separate Flöten, die gleichzeitig gespielt werden. Üblicherweise wurden diese zwei Blattrohre aus Schilfrohr oder Lotus hergestellt. Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. finden sich zahlreiche Erwähnungen des Aulos in bildlichen und literarischen Darstellungen.

Göransson bezeichnete den Aulos als “Rockstar-Instrument” der Antike. Über Jahrhunderte hinweg genoss es nämlich eine enorme Popularität und wurde in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens, von religiösen Opfern und Prozessionen über Sportfeste bis zu Militärmärschen, verwendet. Besonders zentral war das Instrument aber beim griechischen Theater und bei schauspielerischen Festen. Forscher und Forscherinnen konnten hierbei archäologische Überreste und Fragmente des Aulos nutzen, um das Instrument zu rekonstruieren und sogar spielbare Repliken zu bauen.
Die Lyra
Doch auch die Lyra (auch Leier genannt) zählt zu den populärsten und beständigsten Instrumenten der griechischen Antike. Anders als der Aulos lässt sich die Lyra nicht so einfach aus gefundenen Exemplaren rekonstruieren, da ihr organisches Material, oft Holz und Tierhaut, über die Jahrhunderte verfaulte. Stattdessen arbeiteten Forscher und Forscherinnen primär mit Abbildungen auf antiken Gefäßen und anderen historischen Quellen, um die antike Lyra wiederherzustellen.

Besonders bemerkenswert ist hierbei, wie Nolan das Instrument im Film verwendet. Der Klang der Lyra taucht mehrmals auf, wenn Odysseus seinen Bogen spannt und anschließend dessen Sehne anschlägt. Damit erweitern Nolan und Göransson den Nutzen vom Soundtrack, der hierbei fließend in das Sounddesign und die praktische Handlung des Filmes überläuft.
Percussion
Noch außergewöhnlicher wird es bei der Auswahl der Percussion-Instrumente. Hierfür besorgte Göransson ganze 35 Bronzegongs in verschiedenen Größen und experimentierte mit ihrem Klang. Vermutlich gab es auch im antiken Griechenland ein gongähnliches Instrument, da griechische Mythen beispielsweise davon berichten, dass junge Männer auf Bronzescheiben schlugen, um die Schreie des kindlichen Zeus zu übertönen. Doch die Bronzegongs hat Göransson nicht nur deswegen gewählt. Sie passen nämlich auch ideal in die bronzezeitliche Welt des Filmes, da Bronze zu jener Zeit das wohl wichtigste Material für Waffen und Werkzeuge war.
Göransson blieb aber nicht nur bei den Gongs, sondern experimentierte mit allen möglichen Klangquellen, die er finden konnte. Hierfür schlug er zum Beispiel gegen Wände, Geländer und einfaches Schrottmetall und nahm die entstehenden Sounds auf. Er nutzte sogar das Gehäuse einer alten Klimaanlage, die er digital bearbeitete und mit verschiedenen Effekten ergänzte, um eine metallische und raue Klanglandschaft zu erzeugen. Mit diesen absurden Klanginstrumenten und der digitalen Nachbearbeitung verleiht Göransson dem Soundtrack dabei einen bewusst modernen Charakter.
Synthesizer
An anderer Stelle setzt Göransson, ganz im Gegensatz zum Filmthema, auf Synthesizer und Drone-Sounds. Laut Christopher Nolan war das Ziel nämlich nicht, einen strikt historisch akkuraten Film zu schaffen. Es soll stattdessen eine Geschichte sein, in welche sich auch moderne Zuschauer und Zuschauerinnen hineinversetzen können. Es solle sich nicht wie eine fremde Welt oder ein musikalisches Museum anfühlen. Gerade diese Mischung aus Aulos, Lyra und Bronze mit Synthesizern und elektronischen Sounds schafft diese einzigartige Spannung in der Filmmusik.
Die menschliche Stimme
Das letzte “Instrument”, welches eine zentrale Rolle in dem Nolan-Blockbuster spielt, ist die menschliche Stimme. Schon seit der Archaik wird sie in verschiedenen Formen, mal als Solo-, mal als Chorstimme, verwendet. Komponist Ludwig Göransson erklärte, dass ihm die Vocals dabei halfen, die emotionalen Momente der Musik besser auszuarbeiten und hervorzuheben. Neben den Chören und traditionellen Gesängen sind hier auch einige prominente Stimmen zu hören.
So übernimmt beispielsweise der britische Musiker James Blake einen Gesangspart im Stück “When I’m Home“. Auch die Schauspielerin Samantha Morton, welche die Rolle der Kirke im Film spielte, übernahm eine Gesangsrolle, hier in dem Lied “Circe“. Ähnlich wie bei der Verwendung des Synthesizers hilft der Gesang dabei, dass Zuschauer und Zuschauerinnen eine gewisse Bekanntheit zwischen den ganzen ungewöhnlichen Instrumenten spüren können.

Zuletzt sorgte die unerwartete Teilnahme des Rappers Travis Scott bereits für viele Gespräche. Der Rapper ist nicht nur auf dem Abspannsong “When I’m Home” vertreten, sondern übernimmt sogar im Film selbst die Rolle eines Barden, also eines singenden Dichters. Scott ist eines der ersten Gesichter, die im Film zu sehen sind, wobei sein Charakter die legendäre Erzählung des Trojanischen Krieges vorträgt.
Diese scheinbar unkonventionelle Ergänzung passt jedoch erstaunlich gut zum Konzept des Films. Schließlich waren die Epen des Homer in Gesänge eingeteilt und wurden über Jahrhunderte mit Rhythmus und Melodie vorgetragen. Christopher Nolan erklärte, dass Rap-Musik ebenfalls auf Rhythmen, Sprache und der Kunst des Erzählens beruht. Rapper wie Travis Scott führen demnach dieselbe erzählerische Kunsttradition weiter, die schon Homer und zahlreiche antike Dichter bedienten.
Musik als ein erzählendes Medium
Mit 23 Songs und einer Laufzeit von rund zwei Stunden schuf Ludwig Göransson einen mächtigen Soundtrack für die Odyssee-Verfilmung. Zum einen versuchte er die authentische Musik der Antike zu rekonstruieren, gleichzeitig bearbeitet er sie in einem modernen Kontext, mithilfe von digitalen Effekten und Studioequipment. Gerade diese Spannung zwischen dem Modernen und dem Antiken findet sich aber bereits in dem Originaltext der Odyssee.
Homer schrieb die Odyssee im 8. Jahrhundert, doch die Geschichte spielt um das 12. Jahrhundert, 400 Jahre früher. Da er die Epoche seiner Erzählung, die mittlere Bronzezeit, nicht selbst erlebt hat, vermischen sich auch hier Elemente der “Alten” und der “Neuen” Zeit. So bestehen zwar alle Waffen und Rüstungen im Epos aus Bronze, doch an einer Stelle zieht Odysseus einen Vergleich zur Eisenhärtung durch die Arbeit eines Schmieds. Diese Technik existierte zu der Zeit von Odysseus aber nicht.

Auch in dargestellten Bestattungsritualen und Kriegstechniken orientiert sich Homer an den Bräuchen seiner Gesellschaft, die er wiederum in die frühere Zeit seiner Erzählung einbaut. Es ist dabei gerade die Kombination aus den mythologischen Elementen der Vergangenheit und die Vertrautheit mit den Ergänzungen des Jetzt. Genau hier liegt die Stärke des Odyssee-Soundtracks.
Wir können nicht wissen, wie genau die Antike geklungen hat. Göransson bietet eine spannende Interpretation mit eigenen Erweiterungen, damit das Publikum nicht den historischen Klang der Antike, aber dafür das Gefühl derselben erleben kann. Damit reiht sich diese Interpretation von Christopher Nolan und Ludwig Göransson in eine jahrhundertelange Tradition ein, von der selbst Homer ein Teil war. Für eine Heldengeschichte, die seit über 2500 immer wieder neu erzählt wird, ist es vielleicht die passendste Interpretation für das moderne Kino.

Ob Rock, Soul, Disco oder Klassik – diese zehn legendären Soundtracks haben die Film- und Musikgeschichte nachhaltig geprägt.
