Trotz Insolvenz geht’s bei Native Instruments munter weiter – und das sogar gleich mit neuer Nummer: auf Komplete 15 folgt überraschend – Komplete 26? Statt Versions-Zählung nun Jahreszahlen; genial. Was sonst noch neu ist und wie sich das Paket der Pakete in der Praxis schlägt, klärt der Test.

Soviel vorweg: inhaltlich bleibt das Konzept des All-in-One-Bundles bestehen, es wird nur erweitert: Im wesentlichen sind der “Über-Synth” Absynth 6, der Sequenzer-Sampler Circular, das avantgardistische Claire Piano sowie die “Cinematic-Rhythm-Library” Odes neu dabei. Ergänzt wird durch weitere Sounds, Effekte, Expansions und Packs – im Kern aber alles Inhalte, die Native seit Komplete 15 separat veröffentlicht hat und nun im neuen Bundle zusammenführt.
- gutes Preis/Leistung-Verhältnis
- extrem viel Masse auf hohen Niveau
- keine Innovationen
- wenig Kuratierung der Presets
- vereinzelte Bugs in den Librarys
Native Instruments Claire Bundle
Das Claire Bundle enthält die beiden Piano Libraries Claire und Claire: Avant vom Entwickler-Team Galaxy Instruments, das schon mit Noire, The Giant oder Piano Colors beeindruckende Instrumente lieferte. Beide Claire Pianos basieren auf dem italienischen Konzertflügel Fazioli 308.
Während sich Claire klanglich eher konventionell zeigt, lassen sich bei der Variante Avant avantgardistische Phrasen mit der Particles-Engine entdecken. Wer diese extravaganten Sounds nicht benötigt, kann weiterhin bei Claire bleiben. Unterm Strich sind aber beide Bibliotheken empfehlenswert!
Native Instruments Circular
Polyrhythmische Klanglandschaften auf Knopfdruck – dieses Versprechen hält die cineastische Library Circular von Native Instruments durchaus. Die rhythmischen Soundscapes entstehen mit vier einzelnen Layer, die wiederum 160 Soundquellen und einen Sample-Import anbieten.
Das Instrument besticht mit einem recht hohen Inspiration-Faktor und erlaubt eine dynamische Steuerung per Poly Aftertouch. Auch wenn die Library in der Praxis selbst begeistern kann, trüben einige technische Probleme den Spaß beim Produzieren – dennoch ein klarer Tipp für Producer, die elektronisch-cinematische Loops suchen.
Native Instruments Erosia
Experimentell ausgerichtet ist das cinematische Sound-Design-Instrument Eroisa für den Kontakt-Player. Es kombiniert bis zu vier Layer aus Granular-, Sample- oder Wavetable-Sounds für die kreative Erstellung von organischen Texturen.
Die Aufnahmen sind ungewöhnlich – hier hört man tatsächlich akustische Soundgeräusche, die durch Reibung, Kratzen oder Streichen entstanden sind. Für den Schnellstart gibt es eine gute Library mit über 200 Presets. Wer schon einige typische Cinematic-Instrumente hat und einen Spezialisten für leicht schräge, unheimliche und natürliche Klanggefilde benötigt, stößt bei Erosia auf eine passende Quelle.
Native Instruments Session Bassist Jam Bass
Ein virtuelles Arranger-Instrument, das auf einem klassischen Dual-Pickup-Bass basiert, ist der Native Instruments Session Bassist Jam Bass. Das Kontakt-Instrument bietet zwei Spielmodi: Pattern/Groove-Modus und Melodie/Instrument-Modus zur Performance eigener Basslinien.
Klarer Trumpf sind die über 280 spielbaren Phrases in verschiedenen Artikulationen, die beim traditionellen Songwriting schnelle und meist auch brauchbare Ergebnisse liefern. Ein Plus sind die integrierten Amps und Effekte, die von NI Guitar Rig stammen. Für Pop, Rock, Jazz oder Funk ist man mit den Phrasen von Session Bassist schneller und besser am Ziel als mit dem Einspielen von MIDI-Noten.
Native Instruments SG Electric Ruby Deluxe
Mit SG Electric Ruby Deluxe bringt Native Instruments den warmen und resonanten Klang einer Vintage-Hollowbody-E-Guitar von 1969 mit P-90 Pickups ins Kontakt-Format. Wie bei Session Bassist Jam Bass kann man entweder eigene Lines und Soli einspielen oder eine große Pattern- und Song-Library nutzen. Für Jazz, Blues, Soul und Retro-Pop stehen 230 Patterns und 55 Song-Presets bereit.
Lobenswert sind die zahlreichen Artikulationen wie Slides, Mutes, Hammer-Ons für lebendige, natürliches Performances. Schließlich kommt auch das Sounddesign nicht zu kurz, wobei User von SG Electric Ruby Deluxe auf Effekt-Presets zugreifen kann.
Native Instruments 24K Drums
Native Instruments 24K Drums ist ein virtuelles Instrument aus der Play-Serie für die schnelle Produktion von Hip-Hop- und Rap-Beats im Stil der 2000er Jahre. Rund 25 Drum-Kits und etwa 400 Sounds liefern den „goldenen“ Hip-Hop-Style quasi produktionsfertig. Jedes Kit enthält bis zu 16 Grooves, die sich direkt triggern oder als MIDI-Noten in die DAW integrieren lassen. Einen schnellen Workflow ermöglicht die intuitive Oberfläche mit Makro-Reglern und auch der schnelle Austausch von Samples lädt zum Probieren ein – man muss sich nicht mit Presets zufrieden geben.
Best of iZotope – “Light”
Mit Neutron 5 Elements, Ozone 12 Elements und Nectar 4 Elements bringt Komplete 26 gleich drei zentrale iZotope-Werkzeuge für Mixing, Mastering und Vocal Processing in abgespeckter Form mit – und hier profitiert ganz klar von der DNA der ganz großen Vollversionen und bringt jede DAW nach vorn. Keine Frage!
Nectar steht beispielsweise exemplarisch für den modernen All-in-one-Ansatz im Vocal Mixing, bei dem KI-gestützte Assistenten und Makro-Controls ohne tiefes Vorwissen schnell zu überzeugenden Ergebnissen führen, die Vollversion mit ihren zahlreichen Modulen skaliert in den absoluten Profi-Bereich!
Neutron wiederum liefert ein breiteres Set abgestimmter Mixing-Tools, die durch effiziente Workflows und praxisnahe Features wie Clipper oder gar “intelligente” Dynamikbearbeitung punkten. Ozone bleibt die feste Größe im Mastering.
In der Elements-Ausführung sind die Stärken allesamt reduziert, geben aber dennoch einen guten Einstieg in die iZotope-Welt – insbesondere für Nutzer, die assistierte Ergebnisse bevorzugen. Dennoch gilt auch: einzelne Plugins wie Ozone Elements oder Neutron Elements wurden bereits mehrfach gratis rausgehauen oder mit anderen Aktionen gebündelt.
Auswahl an Einzeltiteln
Fazit – NI Komplete 26
Native Instruments hat sich in den letzten Jahren leider strategisch verzettelt: die Idee, durch massive Zukäufe mit Venture-Capital iZotope, bx und die Plugin Alliance in ein größeres Ökosystem zu stecken und das Ganze perspektivisch mit AI-Features aufzublasen, klang auf dem Strategie-Papier sicherlich toll – in der Praxis wirkt jedoch vieles unfertig, manches ist verschwunden oder schlicht für den Alltag “normaler” Musiker irrelevant.
Statt Produktinnovation dominiert ein immer kleinteiliger Content: GB-dicke Libraries für Kontakt, neue Bundles, mehr „Value Packs“. Das mag funktionieren, ersetzt aber keine Vision. Komplete ist kein Innovationsmotor mehr, sondern nur Distributionsmodell mit Discounter-Charakter.
Darüberhinaus hat man zentrale Pfeiler der eigenen Geschichte vernachlässigt. Absynth wurde erst eingestellt und dann halbherzig reanimiert, Reaktor spielt keine Rolle mehr, Massive X konnte die Erwartungen als Nachfolger nie einlösen – und von Maschine+ fang ich gar nicht erst an.
Selbst beim Filet-Stück namens Kontakt zeigt sich das Problem: Trotz seiner nach wie vor wichtigen Rolle im Markt leidet die Plattform unter Bugs, inkonsistenter Pflege sowie gefühlten Stillstand in zentralen Bereichen. Das Fundament ist da – aber wie oder was konkret weiterentwickelt wird bleibt unklar. Der Rotstift im Nacken hilft sicherlich nicht.
Im Ergebnis wirkt Native Instruments leider kaum mehr wie ein Innovationsführer sondern wie ein Content-Aggregator mit Shop. Für alte Nutzer ist das Ökosystem sicherlich weiterhin relevant, aber wer neu einsteigt, bindet sich an eine Plattform, deren strategische Ausrichtung alles andere als klar oder gar sicher ist. 3,5 Sterne.
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