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Toontrack EZkeys Grand Piano Test

PRAXIS

Installation und Autorisierung
EZkeys Grand Piano ist auf DVD oder als Download erhältlich. Nach der Installation steht die Software als Stand-Alone-Version und als VST-, AU- oder RTAS-PlugIn in kompatiblen Host-Programmen zur Verfügung. Beim ersten Start muss EZkeys autorisiert werden. Dafür legt man auf der Toontrack-Website einen Account an und registriert die Seriennummer. Besitzt der Musikrechner einen Internetanschluss, muss man danach nur noch die Login-Daten des Toontrack-Accounts in EZkeys eingeben. Für den Fall, dass kein Internetanschluss zur Verfügung steht, besteht auch die Möglichkeit einer Registrierung über Challenge-/Response-Codes.
Der Piano-Sound
Mit gut 500MB ist der gesampelte Flügel im heutigen Umfeld vergleichsweise sparsam, zumindest in seinem Speicherbedarf. Das kommt den Ladezeiten und der Systemperformance zugute. Aber kann das Instrument auch klanglich überzeugen?

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EZK GP 01 Piano Pop1a EZK GP 02 Piano Pop1b mehr Details EZK GP 03 Piano Pop2 EZK GP 04 Hoch Leise

Beim ersten Höreindruck wirkt der Klang durchaus angenehm. Der EZkeys-Flügel hat einen klaren, durchsetzungsfähigen Pop-Sound. Zwar habe ich in anderen, deutlich teureren Librarys schon lebendigere und authentischere Flügel gehört – dennoch, für ein Produkt, das gerade einmal knapp über 100 Euro kostet, ist der Klang unbedingt als gut zu bezeichnen! Als Begleitinstrument für Pop- und Rockmusik funktioniert er sehr gut, jedenfalls solange dem Piano keine allzu exponierte Rolle zukommt. Gerade die vermeintlich unspektakuläreren Klänge sind im Zusammenspiel mit anderen Elementen ja oft die Besseren. Nehmen wir uns den Sound einmal etwas genauer vor und versuchen, der Klangerzeugung auf die Schliche zu kommen.

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EZK GP 05 Velocities

Der Test mit unterschiedlichen MIDI-Anschlagstärken offenbart etwa 6-7 Velocity-Layer, wobei die Sprünge dazwischen zwar hörbar sind, sich in der Praxis aber nicht störend bemerkbar machen. Nicht schlecht bei diesem Preis! Damit reicht die dynamische Ausdruckskraft im Pop- und Rock-Kontext absolut aus.

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EZK GP 06 Dynamik

EZkeys Grand Piano bietet spezielle Samples, die das Mitschwingen inaktiver Saiten abbilden sollen – die sogenannte „Sympathetic Resonance“. Das wird bei der Benutzung des Sustain-Pedals besonders deutlich: Die Töne bleiben nicht einfach liegen, sondern der Klang wird insgesamt runder und voller, wie es bei einem akustischen Flügel auch der Fall wäre. Im nächsten Beispiel ist der Effekt bei einer einzelnen Note und einem Akkord zu hören, jeweils zuerst ohne, dann mit Sustainpedal:

Audio Samples
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EZK GP 07 Resonanzen

Spezielle Samples für das Soft-Pedal bietet EZkeys Grand Piano leider nicht. Da dieses Pedal in der Popmusik jedoch vergleichsweise selten verwendet wird, ist das zu verschmerzen. Stattdessen wird der Una-Corda-Effekt durch eine Lautstärkenabsenkung und Filterung simuliert. Merkwürdig ist dabei, dass sich das Soft-Pedal auch bei gehaltenen Noten an- und abschalten lässt. Es wäre wesentlich authentischer, wenn der Effekt erst beim Anschlagen des nächsten Tons zum Tragen käme.

Angesichts der Menge an Samples hat mich der geringe Speicherhunger der Library etwas stutzig gemacht. Hören wir uns deshalb das Ausklingverhalten einmal genauer an:

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EZK GP 08 Ausklang

Hier wird deutlich, wie der geringe Platzbedarf zustande kommt: Die Samples klingen unnatürlich schnell aus. Es wird mit einem Fade-Out gearbeitet, das vor allem im tiefen Register viel zu früh kommt. Beim Spielen einer Klavierbegleitung in einem Popsong wird das nicht unbedingt stören, aber für ein etwas ausgefeilteres pianistisches Spiel ist das nicht ausreichend. 

Wie schon erwähnt ist der Klaviersound für Begleitarbeit im Pop-Bereich absolut akzeptabel, aber wer in Stilistiken unterwegs ist, in denen der Flügel die Hauptrolle spielt, wird schnell den Detailreichtum eines akustischen Instruments bzw. der noch aufwändiger gesampelten, teureren Konkurrenz vermissen. Aber im Pop/Rock-Kontext schlägt sich der EZkeys-Flügel sehr gut.

Effekte
Für einen Konzertflügel wirken die eingebauten Effekte etwas deplatziert, denn Verzerrer, Tremolo und Chorus gehören eher in die E-Piano-Fraktion. Andererseits lassen sich damit natürlich Sounds hervorbringen, die man von einem Flügel nicht unbedingt erwartet.

Schade ist, dass man nur sehr eingeschränkt Zugang zu den Einstellungen bekommt. Einzelne Effekte lassen sich nicht gezielt hinzufügen, sondern nur über eines der voreingestellten globalen Presets aktivieren. Auch die regelbaren Parameter halten sich sehr in Grenzen, und das Effekt-Routing bleibt unsichtbar und unveränderlich. Hier wäre in einer Version 2.0 noch viel Luft nach oben. 

Der Sound der Effekte ist dem Preis der Library angemessen. Einzig der Verzerrer enttäuscht wieder einmal – die wirklich gut klingenden PlugIn-Verzerrer kann man an einer Hand abzählen. Hall, Delay und Modulationseffekte gehen aber in Ordnung. 

Hier könnt ihr zwei Beispiele für Werks-Effektpresets hören:

Audio Samples
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EZK GP 09 Atmospheric EZK GP 10 Electric Dirt

MIDI-Library
Öffnet man den Song-Browser, hat man die Wahl zwischen zahlreichen MIDI-Files unterschiedlicher Stilistiken, die sich in der Song-Sektion zu einer individuellen Klavierbegleitung zusammensetzen lassen. Erfreulicherweise halten sich die extravaganten Patterns in Grenzen. Der Großteil der Files ist tatsächlich gut verwendbar, zumal sie sich an andere Akkordfolgen anpassen lassen. Hören wir uns einmal ein paar Beispiele an:

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EZK GP 11 MIDIFiles Rock Ballad EZK GP 12 MIDIFiles Funk EZK GP 13 MIDIFiles Rn B EZK GP 14 MIDIFiles Jazz

Das ist alles recht gelungen und orientiert sich stark an der Praxis. Statt sich mit selbstverliebtem Geklimper in den Vordergrund zu drängen, funktionieren die meisten Files einfach angenehm unauffällig. 

Was jedoch etwas stört, ist der Umstand, dass der virtuelle Pianist grundsätzlich die Basstöne mitspielt. Als Keyboarder und Pianist in einer Band lernt man schnell, dass man sich im tiefen Register eher zurückhalten sollte, wenn ein Bassist dabei ist. Schön wäre daher die Möglichkeit gewesen, die Basstöne direkt in der Song-Sektion von EZkeys zu deaktivieren. So bleibt leider nur der Umweg über den Export auf eine Sequenzerspur, um die Noten dort zu löschen.

Mit einem Doppelklick auf einen Part in der Song-Spur öffnet sich ein kleines Fenster, in dem man diesen transponieren und auf eine einfache Weise in der Velocity anpassen kann. Da die automatische Anpassung an die Songtonart das Piano in vielen Fällen sehr tief werden lässt, ist vor allem das schnelle Transponieren sehr praktisch. Außerdem lässt sich der Part hier einer Song-Sektion (Intro, Verse, Chorus usw.) zuweisen und wird entsprechend farblich markiert, was für einen besseren Überblick über das Arrangement sorgt.

Akkord-Designer
Beim Import eines MIDI-Files wird dieses auf die gespielten Akkorde hin untersucht. Das klappt mit MIDI-Files von außerhalb genauso wie mit den Dateien aus der internen Bibliothek und funktioniert mit nicht allzu speziellen Voicings recht gut, wie das folgende Video zeigt.

EZkeys beherrscht alle gängigen Akkord-Typen und liefert bei einfachen Varianten akkurate Resultate. Wird die Harmonik komplexer, kommt die Software aber zu Ergebnissen, die man diplomatisch als „interessant“ bezeichnen könnte. Im nächsten Beispiel nennt es die Akkorde in den Takten 2 und 6 C#m7#5, was zwar die enthaltenen Töne berücksichtigt, aber doch etwas an der Realität vorbeigeht. Im Kontext der umliegenden Akkorde und nach Gehör würde ich das einen Aadd9/C# nennen. Außerdem wird der Akkord in Takt 5 schlicht mit „D“ betitelt, obwohl er ganz klar eine große Septime und sogar eine None enthält. Vor allem, wenn viele Optionen im Spiel sind, liegt EZkeys also schon recht häufig daneben. Aus diesem Grund gibt es die Funktion „Adjust Chord Analysis“, mit der man die Software zwingen kann, einen Akkord umzudeuten – allerdings muss man sich dafür dann auch in der Materie auskennen.

Da das ein nicht unerheblicher Kritikpunkt ist, folgt noch ein zweites Negativbeispiel. Im nächsten Video nennt EZkeys den Akkord in Takt 5 G/D, obwohl er genau so aufgebaut ist wie die Takte 1 und 3. Das D im Bass ist glatt gelogen. Logik und Klang sprechen eindeutig für einen Em7. Der Takt 7 wird mit G betitelt, obwohl es sich um einen Em7 mit G im Bass bzw. um einen G6 handelt. Völlig daneben liegt EZkeys im letzten Takt. Der dort angegebene Akkord (D#5/add9/F#) hat nichts mit der Realität zu tun – das Ohr und die Theorie fordern hier einen F#7#5/#9

Beim Klick auf einen Akkord öffnet sich der Akkord-Designer. Er orientiert sich am Quintenzirkel, wobei die eingestellte Song-Tonart stets oben im Zentrum steht. Dadurch liegen die direkt verwandten Akkorde immer nahe beieinander und die harmonischen Beziehungen werden deutlich. Nun kann man den Akkord durch einen anderen ersetzen oder ihn nach Wunsch umgestalten. Wenn die Akkorde zuvor korrekt erkannt wurden, funktioniert das erstaunlich gut. Moll statt Dur, b9 statt 9, Gb 7/9 statt C7, noch eine #11 obendrauf – mit dieser Funktion lassen sich die MIDI-Files sehr flexibel umgestalten. Bei komplizierten Akkorden kommen zum Teil etwas eigenartige Voicings und Stimmführungen heraus, die ein Pianist wahrscheinlich anders spielen würde. Insgesamt ist die Funktion aber gut gelungen und bietet neben dem reinen Praxis-Nutzen auch die Möglichkeit, nebenbei noch etwas zu lernen. Auch für das Songwriting ist EZkeys geeignet. Mit wenigen Klicks ist ein Piano-Loop an den eigenen Song angepasst, ohne dass dabei mit Pitch-Shifting gearbeitet werden müsste. 

Für Verwegene bietet sich der Akkord-Zufallsgenerator an. Die nächsten beiden Videos zeigen den Akkord-Designer in Aktion – einmal mit einer einfachen Aufgabe und einmal mit komplexen Voicings. Hier wird auch deutlich, wo die Grenzen der Funktion in etwa verlaufen. Im zweiten Beispiel hätte ein Pianist die Stimmen sicherlich anders geführt. Trotzdem ist das eine innovative Funktion, die erstaunlich gut funktioniert.

Hefte raus, Klassenarbeit!
Hauptsächlich dient EZkeys ja dazu, Piano-Begleitungen zu erzeugen. Ganz nebenbei entpuppt es sich aber auch als hochinteressantes Werkzeug für das Erlernen von musiktheoretischen Zusammenhängen. Man kann Akkorde verändern oder austauschen und hört sofort, wie sie klingen und sich im harmonischen Kontext verhalten. Durch die Visualisierung anhand des Quintenzirkels werden die unterschiedlichen Harmonien in Bezug zur Grundtonart gesetzt. Neulinge im Haifischbecken der Harmonielehre finden hier eine Experimentierumgebung vor, die sowohl visuelles als auch hörbares Feedback gibt und zum Ausprobieren einlädt.

Toontrack hat das erkannt und legt der Software einen 27-seitigen PDF-Theorie-Crashkurs bei. Die dazugehörigen Hörbeispiele findet man als MIDI-Files in der Bibliothek, an denen man nach Lust und Laune herumbasteln kann. Leider ist der Kurs bislang nur auf Englisch verfügbar. Es bleibt zu hoffen, dass Toontrack Übersetzungen in andere Sprachen nachliefert, denn das ist ein wirklich schönes Zusatzfeature, das EZkeys schon jetzt einen dicken Pluspunkt einbringt!

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