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Make Noise 0-Coast Test

Praxis

Sound

Die ersten Schritte mit dem 0-Coast gestalteten sich bei mir etwas anders als bei den meisten anderen Synthesizern, wo ich zunächst oft versuche, ein paar bewährte Basics zusammenzuschrauben. Nicht so beim 0-Coast, der mich von Anfang an mit seiner ausgeprägten Persönlichkeit zu klanglichen Experimenten inspirierte. Und obwohl die Anleitung einige Beispielpatches enthält, ist das meiner Ansicht nach der beste Weg, sich diesem sympathischen, kleinen Synthesizer zu nähern: sich leiten lassen, Unerwartetes zu schätzen lernen und dem Spieltrieb freien Lauf lassen. Wenn man von der East-Coast-Synthese à la Moog kommt, bleibt einem fast nichts anderes übrig als einfach auszuprobieren, welche klanglichen Türen sich hinter dem nächsten Poti oder der nächsten Patchverbindung öffnen. Man werfe also den Arpeggiator an, schicke dem 0-Coast ein paar MIDI-Noten und lasse sich inspirieren!
Ein weiteres praktisches Werkzeug für die Klangbastelei ist der sogenannte „Drone Mode“, der im Handbuch als eine Basis-Konfiguration beschrieben ist. Dazu verbindet man einen Ausgang des CV Processors (Voltage Math) mit dem Dynamics CV Input. Da der Voltage Math Input B zu einem Offset normalisiert wird, wenn nichts im Eingang steckt, liegt hier in diesem Fall eine mit dem Plus-Minus-Poti regelbare Steuerspannung an. Mit dieser lässt sich die Dynamics-Schaltung öffnen, ohne dass die Contour Envelope dafür getriggert werden muss. So gibt der 0-Coast einen Dauerton von sich und man kann in Ruhe schrauben, was nicht selten vielschichtige, spannende und lebendige Drone Sounds ergibt. Die gehören meiner Ansicht nach dann auch zu den ganz besonderen Stärken des 0-Coast!
Doch genug der vielen Worte, lassen wir Klänge sprechen! Im folgenden Video seht und hört ihr ein paar Beispielsounds. Am Anfang habe ich auf Patchverbindungen verzichtet und zeige kurz die Auswirkungen von Contour, Overtone, Multiply und Slope. Danach folgen ein paar Patches, die mir im Verlauf des Tests begegnet sind.

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Als besonders inspirierend empfand ich die Slope-Schaltung mit ihrer flexiblen Formbarkeit. Im Cycle Mode ist sie die Quelle eines unglaublich reichhaltigen und vielschichtigen Signals zur Frequenzmodulation von Overtone, Multiply oder auch des Oszillators. Schon kleine Berührungen der Potis können drastische Klangveränderungen bewirken. Aber auch die Stepped Random Voltage, der Linear FM Input und die Voltage Math Sektion sind mächtige Werkzeuge, die in ihrer Einfachheit bestechen und doch so viele klangliche Möglichkeiten bieten.
Auch der Arpeggiator erweist sich als einfach, aber effektiv. Die üblichen Patterns (Up, Down, Up&Down etc.) sucht man vergeblich. Stattdessen spielt der Arpeggiator die Noten in der Reihenfolge ab, in der sie gespielt wurden. Ein Latch-Modus steht bereit, in dem fast ein kleiner Sequencer daraus wird. Er lässt den Arpeggiator weiterspielen, wenn die Tasten eines angeschlossenen MIDI-Keyboards losgelassen werden. Noten können hinzugefügt und auch wieder aus dem Pattern entfernt werden. Das Pattern kann bis zu 20 Noten umfassen. Zum vollwertigen Sequencer fehlen dann aber doch ein paar Features, wie etwa Möglichkeiten zum Einbauen von Pausen oder zum Transponieren des Patterns. Umso sinnvoller erscheint die Kombination des 0-Coast mit einem Sequencer wie dem Korg SQ-1, der auch CV Outputs zur Steuerung beliebiger Parameter des Synthesizers durch eine Sequenz bereit hält.

Audio Samples
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Hard Sequence Organics Lin FM Hypno Big Drone Fieps Arp Lin FM Junkyard Fluttering Arps

Der klangliche Reichtum des kleinen 0-Coast ist groß und auch nach einer ausgiebigen Testphase bin ich mir sicher, noch längst nicht alle klanglichen Facetten entdeckt zu haben. Durch die Kombination mit externen Komponenten wie etwa einem Eurorack-System lassen sich die Möglichkeiten nahezu unendlich erweitern. Eines dürfte jedoch bereits klar geworden sein: Ein „normaler“ Synthesizer für klassische Bässe, Leads und andere typische „East-Coast-Sounds“ ist der 0-Coast eher nicht. Stattdessen ist er irgendetwas zwischen Experimentierlabor und klanglichem Bauspielplatz und man tut gut daran, sich ihm mit Offenheit, Experimentierfreude und einem gesunden Spieltrieb zu nähern. Nebenbei erzeugt er mit die fettesten und interessantesten Drones, die mir seit langem begegnet sind.

Bedienung

Zur Bedienung gibt es nicht mehr viel zu sagen, denn das Wort „Spieltrieb“ ist ja schon gefallen. Hier steht ganz klar das Ausprobieren im Vordergrund; und wenn man an den Reglern dreht und ein paar Patchkabel steckt, dann dauert es nie lange, bis der 0-Coast mit einem inspirierenden Sound um die Ecke kommt. Sobald man mit der zunächst vielleicht ungewöhnlichen, aber dann recht einfachen Struktur vertraut ist, wirkt das Bedienfeld sehr übersichtlich und hilft mit Details wie Linien zur Darstellung der normalisierten Verbindungen. Auch die vielen Leuchten, von denen einige mit interessanten Formen die Make-Noise-Designsprache sprechen, helfen sehr, indem sie zum Beispiel die Verläufe der Hüllkurven oder der Stepped Random Voltage durch ihre Helligkeit anzeigen.
Einzig die bereits erwähnte Programmierung der MIDI-Einstellungen über die Buttons PGM A und B ist unpraktisch und könnte besser gelöst sein. Allein um zu erfahren, auf welcher „Seite“ man sich gerade befindet und welche Einstellung gerade zur Bearbeitung aktiv ist, muss man einen Code aus Blinken, Pulsieren und Leuchten mehrerer LEDs entschlüsseln und mit der Tabelle im Handbuch oder auf der Gehäuseunterseite vergleichen. Zwar bleibt dem 0-Coast auf diese Weise ein Display erspart, das die Kosten sicherlich drastisch erhöht hätte, nur für die MIDI-Settings Overkill wäre und auch gar nicht zum spielerischen Ansatz des Synthesizers passt. Dennoch bin ich überzeugt, dass sich das auch übersichtlicher hätte lösen lassen, zum Beispiel mit einer einfachen LED-Kette, die Auskunft über die gewählte Program-Seite gibt. Da man diese Settings aber in der Praxis nicht häufig braucht, tut das der Inspiration keinen Abbruch.
Die ausführliche und gut geschriebene, allerdings bislang nur auf englisch verfügbare Anleitung soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Sie ist als PDF-Datei auf der Website von Make Noise erhältlich. Kein Detail bleibt darin unerwähnt, sodass auch West-Coast-Neulinge nicht allein gelassen werden und eine gründliche Einführung in die vielleicht zunächst ungewöhnlichen Bausteine des 0-Coast bekommen. 

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