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05.04.2018

Workshop: Übekonzepte und effektives Üben für Schlagzeuger

Wie kann man seine Übezeit am Schlagzeug optimal nutzen?

All die Stunden, Monate und Jahre, die wir uns nun schon mit unserem Instrument beschäftigen, haben wir uns doch kaum mit dem auseinandergesetzt, was wir da eigentlich machen: Üben. Doch was ist üben? Und wie geht es richtig? Gibt es überhaupt ein richtig oder falsch? Wie holt man das meiste aus seiner Zeit heraus, und gibt es eine Abkürzung? Schaut man sich all die herausragenden Musiker und Künstler an, so stellt man fest, dass sie alle scheinbar mühelos ihr Instrument beherrschen, und oft wird ihr angeblich überdurchschnittlich großes Talent als Grund dafür genannt, dass sie diese imposante Leistung überhaupt erreichen können. Damit wird leider häufig suggeriert, dass man als Normalsterblicher zu solch großen Sprüngen nie fähig sein wird. Dabei steht fest, dass man das Talent nicht messen kann und dass die Worte „Talent“ oder „Begabung“ eigentlich Konstrukte sind, mit denen man die besondere Leistung bloß interpretiert und erklärt.

Das alte Sprichwort „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ könnte hierbei treffender nicht sein. Niemand nimmt ein Instrument in die Hand und beherrscht es bereits nach kurzer Zeit. Es ist zwar wissenschaftlich erwiesen, dass es Kindern leichter fällt, Bewegungsabläufe und Lernprozesse zu meistern, jedoch gibt es schlicht kein Alter, ab dem der Mensch nicht mehr lernt. Grundsätzlich gilt aber, dass es einen grob gemessenen Zeitraum von etwa zehn Jahren gibt, in dem ein Musiker sich intensiv mit seinem Instrument beschäftigen muss, um zu einem ausgereiften Musiker zu werden. Im Folgenden wollen wir euch wertvolle Tipps zum achtsamen Üben geben, durch die ihr euer Spiel nachhaltig verbessern könnt.

Was ist eigentlich Üben?

Ob strukturiert oder chaotisch, selten oder häufig – wir machen es alle irgendwie. Die methodische Wiederholung, die darauf abzielt, Können zu erlangen, zu bewahren oder zu steigern, nennen wir schlicht eine Übung. Beschäftigt man sich näher mit dem Thema, stolpert man immer wieder über den englischen Begriff „Deliberate Practice“, der den reflektierten und effektiven Lernprozess beschreibt. Hierbei geht es um den Übergang von einem Kompetenzstand zum nächsthöheren. Das jeweilige Material wird dabei sehr strukturiert geübt, um die größtmögliche Leistungsverbesserung zu erzielen. Diese Lernform wird als die effektivste Art der Übung beschrieben. 

Soweit die Theorie – doch was heißt das in der Praxis?

Bei dieser Form des Lernens geht es um viele kleine Schritte, die ein stabiles Fundament schaffen. Hierbei fällt oft das Wort „Muscle Memory“, das wohl am besten als „Muskelgedächtnis“ zu übersetzen ist. Diesen Vorgang kann man immer wieder bei sich selbst beobachten. Muss man sich beispielsweise in den ersten Fahrstunden die Abläufe beim Starten und Fahren eines Autos noch intensiv einprägen und gewissenhaft ausführen, laufen diese Dinge bereits nach wenigen Fahrten routiniert und quasi automatisch. Ebenso anspruchsvoll war es, sich als Kind erstmals die Schnürsenkel zuzubinden. All diese Vorgänge sind so sehr ins Unterbewusstsein übergegangen, dass sie mittlerweile für jeden von uns ohne jegliche Anstrengung durchgeführt werden können. Genau so ist es auch am Instrument. War es bei uns Schlagzeugern anfangs noch ungemein schwer, alle vier Gliedmaßen separat zu bewegen, können wir die motorischen Abläufe bei Dingen, die wir lange genug erlernt haben, nun steuern, ohne dabei groß über jede Note nachdenken zu müssen. Es geht also beim effektiven Üben darum, sich in einem überschaubaren Zeitrahmen neue Dinge am Instrument so einzuprägen, dass sie ins Unterbewusste übergehen. Gerade beim kreativen Prozess des Musikmachens geht es ja nicht mehr bloß darum, Geübtes in der Musik unterzubringen, sondern emotional auf die Mitmusiker zu reagieren und mit ihnen zu interagieren. Und das funktioniert nur, wenn man über die motorischen Abläufe nicht mehr nachdenken muss.

Wie übt man am Schlagzeug?

Besonders wichtig ist, dass die Übungen zielgerichtet sind. Dabei spielen natürlich Motivation und Disziplin eine entscheidende Rolle. Nur weil man zwei Stunden geübt hat, ist man danach nicht gleich ein besserer Musiker. Viele üben das, was sie schon können und nicht das, was Verbesserung bedarf, um sich weiterzuentwickeln. Wirkliche Lernprozesse werden sich für uns nie so angenehm anfühlen wie das Spielen des Lieblingssongs. Man wird also wahrscheinlich nicht direkt Spaß daran haben, aber sicher ein hohes Maß an Genugtuung und Befriedigung erlangen, wenn man später merkt, dass man neue Dinge wirklich beherrscht. Motivation und Ausdauer überwiegen Talent und angeborene Fähigkeiten. Das höchste Niveau an musikalischem Können, das man erreichen kann, wird hauptsächlich dadurch bestimmt, wie stark die Motivation, sich für das eigene Instrument zu engagieren, ausgeprägt ist. Trotzdem sollte man sich, nach Beendigung der Übungen, Zeit für Spielen und Musikmachen nehmen. Es ist wichtig, dass sich das Instrument nicht wie Arbeit anfühlt und wir nicht vergessen, dass wir Musik zum Vergnügen machen. 

Was übt man genau?

Um das heraus zu finden, geht es zunächst darum, eigene Schwächen oder Herausforderungen zu finden und dann Ziele zu setzen, um diese zu überwinden. Wahrscheinlich hat das jeder schon einmal erlebt: Man spielt ein Stück von Anfang bis Ende und fragt sich, warum man es immer noch nicht wirklich gemeistert hat. Jetzt geht es ans Eingemachte. Wichtig ist es, sich ehrlich einzugestehen, was noch nicht rund läuft. Das kann beispielsweise eine ganze Stilistik, ein Feel, ein spezieller Groove oder gar nur ein Takt sein, der einem immer wieder Probleme bereitet und den man sich nun vornehmen sollte. Grundsätzlich ist es ratsam, sich genau zu notieren, an welchen Dingen man arbeiten möchte. Dabei hilft es, kurzfristige und langfristige Ziele zu formulieren und Wege zu finden, wie man diese erreicht. Übungseinheiten müssen spezifische, herausfordernde, aber auch angemessene Ziele haben. Es ist dafür auch wichtig, sich vor jeder Übung bewusst zu machen, warum man diese übt. Wöchentliche Ziele, wie die Erarbeitung einer Seite eines Übungsbuchs, sollten in tägliche oder kleine, kurzfristige Ziele aufgeteilt werden. Zum Beispiel könnte ein Gedanke sein: „In den nächsten Minuten werde ich die erste Zeile so akkurat wie möglich spielen, damit ich Ende der Woche die ganze Übung spielen kann“. Bei effektivem Üben (Deliberate Practice) ist es empfehlenswert, sich eine Aufgabe zu nehmen, die einfach genug ist, dass man sie in ein bis drei Übungstagen meistern kann. Alle Dinge, die länger brauchen, sind zu komplex. Dabei bauen erreichbare Aufgaben immer aufeinander auf und verbessern, beziehungsweise erweitern, vorhandene Fähigkeiten. Man geht hier also wirklich an das Fundament des eigenen Spiels und baut es nachhaltig aus.

Besonders entscheidend ist es, das Material sehr langsam und Stück für Stück zu erarbeiten. Manchmal kann es auch helfen, den Handsatz umzudrehen, damit man ein musikalisches Motiv irgendwann wirklich variabel spielen kann. Hat man einmal eine grundlegende Schwierigkeit ausgemacht, sollte man mit verschiedenen Übungen an den Problemen arbeiten. In solchen Fällen ist es besonders wichtig, einen Lehrer zu haben, der einen mit unterschiedlichsten Übungen versorgen kann, die auf die jeweilige Aufgabe exakt zugeschnitten sind. Aber selbst der beste Lehrer ersetzt das Üben und die Selbstreflexion nicht. Entscheidend ist nicht nur, dass man die Übungen durchspielt, sondern dass man sich intensiv damit beschäftigt, wie man sich weiter verbessern kann. Dabei hilft es auch sehr, sich aufzunehmen, was mittlerweile mit jedem Telefon in erstaunlich guter Qualität möglich ist. Die Analyse des eigenen Spiels ist mindestens so wichtig wie die Übung selbst, da man so viel schneller erkennt, welche Dinge noch nicht rund laufen, aber manchmal auch zur eigenen Überraschung feststellen kann, dass etwas doch besser klingt, als man gedacht hätte.

Technik vs. Musik

Einige Schlagzeuger verlieren sich leicht in der Optimierung ihrer Technik und vergessen, wofür man diese überhaupt übt. Technik ist (nur) das Werkzeug für die Musik. Es bringt nichts, die ausgefeilteste Technik zu haben, wenn man sie nicht musikalisch einsetzen kann. Kein Bandkollege oder Zuschauer interessiert sich für exakte Moeller-Technik oder wie schnell man Doppelschläge spielen kann. Einen Groove richtig zu spielen, verlangt mehr als die exakte Ausführung der Notenwerte.

Wie lange sollte man üben?

Das Sprichwort „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ passt hier sehr gut. Verbesserung und das Verinnerlichen neuer Dinge brauchen Zeit, und es gibt keine Abkürzung. Grundsätzlich kommt es beim Üben nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität an. Nur durch Wiederholung lässt sich Erlerntes verinnerlichen. Wenn man nun also den neuen Handsatz, einen Groove oder ein Fill motorisch umsetzen kann, sollte man das im angemessenen, langsamen Tempo immer und immer wieder tun. Dabei sollte man mit und ohne Metronom üben und auf die exakte Ausführung achten. Im langsamen Tempo wird das Fundament gelegt, weshalb es wichtig ist, die Übung lange genug in diesem Tempo zu spielen. Wissenschaftler empfehlen, Übungen so langsam wie möglich durchzuführen, um dem Gehirn die Chance zu geben, den Bewegungsablauf zu beherrschen und abzuspeichern. Alle Fehler oder Unsauberkeiten manifestieren sich und werden sonst ins schnellere Tempo „mitgenommen“, was sehr frustrierend sein kann. Gleichzeitig sollte man aber auch das „Zieltempo“ im Blick haben und schrittweise das Tempo steigern. Üben ist ein mental anstrengendes Training, daher sind Pausen ein wichtiger Bestandteil des Prozesses. Professor Dr. Andreas C. Lehmann empfiehlt im bonedo Interview, in Intervallen zu üben, nach 20 Minuten konzentriertem Üben kurze Pausen einzulegen und nach insgesamt einer Stunde eine längere Pause zu machen. Er weist auch darauf hin, dass nach vier Stunden konzentrierter Arbeit das Maximum erreicht ist und der Kopf keine weiteren Informationen verarbeiten kann. Darüber hinaus kann es durchaus sinnvoll sein, ein paar Wochen im Jahr eine Auszeit vom Instrument zu nehmen. Dinge setzen sich, und man startet hinterher mit ganz neuer Inspiration und Motivation. Probiert es ruhig mal aus.

Übungspläne erstellen

Das Langzeitziel, der beste Drummer, der man sein kann, zu werden, ist hervorragend, aber nicht spezifisch genug. Ein Übungsplan hilft immens dabei, eine Struktur in die jeweiligen Übezyklen zu bekommen. Anhand der selbstgesteckten Ziele sollte man die verschiedenen Übungen gliedern und auch die Pausen zum Teil des täglichen Lernprogramms werden lassen. Vielen hilft es auch, einen Zeitraum für die jeweiligen Übungen festzulegen und dann über diese begrenzte Zeit die volle Konzentration auf die Übung zu lenken.

Ablenkungen vermeiden

Um die Konzentration aufrecht zu erhalten, hilft es, mögliche Ablenkungsquellen auszuschalten. Die viel verwendeten Metronom Apps auf Smartphones oder Tablets lassen sich auch im Flugmodus nutzen, der einen vor ständigen Push Benachrichtigungen bewahrt. Um wirklich zu üben, muss man auch erstmal in den Prozess kommen, was kaum möglich ist, wenn einen Nachrichten und Updates ablenken, um die man sich eigentlich auch später in der wohlverdienten Pause kümmern kann. Das hilft beim Üben und für das gute Gewissen.

Motivation vs. Frust

Die intensive Beschäftigung mit dem Instrument und dem eigenen Können kann eine große Überforderung darstellen. Fakt ist, dass man ein Instrument nicht „auslernen“ kann. Wir könnten bis zum Ende unseres Lebens rund um die Uhr üben und würden dennoch nie „fertig“ werden. Besonders wichtig ist die Motivation beim Üben, das nicht zur Pflicht verkommen sollte und uns am Ende womöglich den Spaß an der Musik nimmt. Man sollte sich davon verabschieden, 50 unterschiedliche Dinge jeweils nur ein bisschen zu üben, um das Gefühl zu haben, dass man viel schaffen würde. Viel nachhaltiger für den Lernerfolg ist es, sich eine einfache, grundlegende Aufgabe zu nehmen und darauf aufzubauen. Die eigentliche Verbesserung geschieht nur Stück für Stück und in kleinen Schritten, die schließlich zu einer tiefgreifenden Veränderung führen werden. Dabei ist es für die eigene Motivation notwendig, den Lernerfolg dieser kleinen Erfolge wertzuschätzen. Gleichzeitig ist auch das „dran bleiben“ in weniger motivierten Zeiten von hoher Bedeutung. Schwierige Passagen eines Stückes, komplizierte Grooves oder ein ungewohntes Feel brauchen in der Erarbeitung lange, und genau deshalb sollte man das irgendwann Erreichte zu schätzen lernen.

Inspiration

Ein nicht zu vernachlässigender Teil des Übens ist das Musikhören. Natürlich ist die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Spiel wichtig, aber ein elementarer Teil der Entwicklung als Musiker ist das Zuhören. Gerade in der heutigen Zeit wird Musik oft als Nebenprodukt konsumiert. In jedem Kaufhaus und selbst auf der öffentlichen Toilette läuft Musik. Dabei ist wirkliches aktives Musikhören eine Aufgabe, der man mit größtmöglicher Aufmerksamkeit nachgehen sollte, da sie Inspiration, Kreativität und Motivation fördert. Plattformen wie YouTube halten zwar eine Unmenge an Material und Wissen parat, ersetzen aber nicht einen Konzertbesuch. Dasselbe gilt für Online-Portale mit Workshops. Sie ersetzen keinen Lehrer, der mit seinem Wissen zielgerichtet auf jemanden eingehen kann, sondern sollten (nur) als Inspirationsquellen gesehen werden.

Der Wettbewerbsgedanke

In Zeiten von Social Media, Selbstoptimierung und Life-Hacks bleibt der Wettbewerbsgedanke nicht aus. Während viele Bereiche des Musikbusiness sicherlich dem Wettbewerb oder dem Konkurrenzkampf untergeordnet sind, sollte das für die Musik als solche und das Spielen eines Instruments niemals der Fall sein. Besonders der Vergleich von Erfolg und Können am Instrument kann zu einem lähmenden Gift werden. Während viele den Vergleich mit Mitmusikern als Ansporn und Motivation, weiter an ihren Fähigkeiten zu arbeiten, sehen, reagieren andere entmutigt oder frustriert, wenn ihnen klar wird, dass ihr Spiel noch nicht so ausgereift ist wie beispielsweise das eines jüngeren Musikers. Letzteres Beispiel beschreibt John Riley sehr gut in seinem Lehrbuch „The Art of Bop Drumming“, indem er auf die beiden legendären Trommler Tony Williams und Steve Gadd zu sprechen kommt. Während Tony Williams bereits mit 17 Jahren mit Miles Davis spielte, wurde Steve Gadd erst im Alter von 30 Jahren einem breiteren Publikum bekannt. Wäre Steve Gadd, der im selben Jahr wie Tony Williams geboren wurde, damals von Tonys frühen Erfolg entmutigt worden, wäre die Welt vielleicht heute um einen unglaublich einflussreichen Schlagzeuger ärmer.

Fehler machen

Den schlauen Satz „Wenn man beim Üben gut klingt, verbessert man sich nicht“, sollte man unbedingt verinnerlichen. Es geht beim Üben nicht um ein Vorspiel, sondern darum, völlig neue Dinge zu erarbeiten oder Fehler und Unsicherheiten auszumerzen. Dabei wird man besonders anfangs nicht gut klingen können, weshalb viele Musiker auch nicht üben können, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen jemand zuhört. Fernab von spezifischen Übungen sollte man sich aber auch die Zeit dafür nehmen, aus gewohnten Spielmustern auszubrechen und neue Dinge und damit auch Fehler passieren zu lassen. Dies ist hilfreich, um inspiriert zu bleiben und die Entwicklung des eigenen Spiels voran zu bringen. 

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