Gitarre Workshop_Folge
Workshop
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26.04.2013

Workshop Kreatives Rhythmus Gitarrenspiel #2 - Fünfklänge

Gitarren Akkorde online lernen - Kreatives Rhythmus Gitarrenspiel

Akkordwissen für Gitarristen

Hallo, geschätzte Leser und Kollegen. In der letzten Folge meines Voicingsworkshops haben wir uns mit verschiedenen Akkord-Mutterformen für die Basisvierklänge beschäftigt. Damit kommen wir schon sehr weit und können viele Einsatzbereiche abdecken. Trotzdem wollen wir hier noch tiefer in die Akkordwelt eindringen und unseren Blick auf weitere Mutterformen lenken, die unser Akkordspiel um viele Farben bereichern können.

Zu diesem Zweck betrachten wir in unserem Akkordgebilde zunächst einmal ein weiteres Stockwerk. Bis dato hatten wir es ja ausschließlich mit terzgeschichteten Vierklängen zu tun - doch das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Setzen wir auf unser Akkordtürmchen eine weitere Terz, so landen wir bei der None und aus unserem Vierklang wird ein Fünfklang, ganz konkret also ein Nonenakkord.

Im Notenbild stellt sich das wie folgt dar:

Sehr schöne Gitarrenvoicings finden wir, wenn wir uns die A-Saite als Grundton wählen. Gängige Nonenakkorde sind:

  • Maj7/9 bzw. Maj9: ein Maj7 Akkord mit hinzugefügter großer None
  • Dom7/9 bzw. 9: ein Dominantseptakkord mit hinzugefügter großer None
  • m7/9 bzw. m9: ein Mollseptakkord mit hinzugefügter großer None
  • m7/b5/9: ein halbverminderter Akkord mit hinzugefügter großer None

Wenn wir die None zusätzlich alterieren erhalten wir noch weitere Möglichkeiten: 7/#9 (der "Jimi Hendrix - Akkord"): ein Dominantseptakkord mit übermäßiger None Anmerkung: Das Besondere ist, dass die übermäßige None im Prinzip eine kleine Terz ist. Das heißt, wir haben einen Akkord mit einer kleinen und einer großen Terz. Da jedoch die große Terz "stärker" klingt, identifiziert unser Gehör einen Durakkord.

Um euch die Sache so einfach wie eben möglich zu machen, habe ich euch eine Grafik angefertigt, die Auskunft darüber gibt, welche Töne im Umfeld des Grundtons auf der A-Saite (grün und mit einer "1" gekennzeichnet) zu finden sind. 

Dem Diagramm könnt ihr entnehmen:

  1. Auf der A-Saite befindet sich unser Grundton
  2. Auf der D-Saite unsere Terz
  3. Auf der G-Saite die Septime
  4. Auf der B-Saite die None (hier die "2")

Wie ihr seht, haben diese Akkorde keine Quinte, das ist aber nicht weiter schlimm, denn auf die Quinte (und, wie wir später sehen werden, auch auf den Grundton), kann man manchmal durchaus verzichten. Versucht einmal selbst anhand des Diagramms nachzuvollziehen, warum unsere Akkorde ihren jeweiligen Namen tragen. Hier die dazugehörigen Griffdiagramme für unsere neuen Mutterformen:

Die klingen dann so - Grundton ist D:

Übertragen wir die Voicings nun auf die E-Saite, erhalten wir Akkorde, die sich ausschließlich auf den vier tiefen Saiten bewegen. Das bringt möglicherweise das Problem mit sich, dass unsere Griffe gerade in den tieferen Registern zu undifferenziert klingen. Gehen wir jedoch in höhere Lagen, sind sie durchaus praxistauglich.

Unsere Akkordintervallle stellen sich folgendermaßen dar. Wieder ist der Grundton grün markiert und mit einer "1" versehen. 

  1. Auf der E-Saite finden wir unseren Grundton
  2. Auf der A-Saite die Terz
  3. Auf der D-Saite ist die Septime
  4. Auf der G-Saite ist unsere None (hier die "2")

Hier die Diagramme für die Mutter-Nonenakkorde mit Grundton auf der E-Saite:

Und der Sound, ebenfalls mit Grundton D:

Alternativ können wir uns für den Grundton auf der E-Saite folgende Griffe zu Gemüte führen. Dafür sehen die Mutterformen wie folgt aus (den Dom7/#9 habe ich an dieser Stelle ausgelassen, da werden uns in den nächsten Folgen schönere Voicings begegnen):

Unsere Akkordintervalle für den Grundton auf der E-Saite entsprechen dem obigen Diagramm. Allerdings sind sie bei diesem Akkordtyp anders angeordnet:

  1. E-Saite: Grundton
  2. D-Saite: Septime
  3. G-Saite: Terz
  4. B-Saite: Quinte
  5. Hohe E-Saite: None

Diese Akkorde können ganz schöne Fingerbrecher sein. Oft müssen wir den Grundton auf der tiefen E-Saite mit dem Daumen greifen.

Es gibt aber auch noch eine andere Lösung: Spielen wir in einem Bandkontext oder auch nur mit einem Bassisten zusammen, können wir davon ausgehen, dass der Bass die Grundtöne übernimmt (dafür wird er schließlich bezahlt). Insofern ist es nicht zwingend notwendig, dass wir diesen Part ebenfalls übernehmen. Das bedeutet, wir schmeißen aus den obigen Voicings die tiefe E-Saite raus und spielen diese Akkorde nur auf den Saiten D, G, B und e.

Zur näheren akustischen Erläuterung habe ich auf dem Beispieltrack einen tiefen Basston (in A) spielen lassen und eben nur diese verkürzten Fünfklänge verwendet.

Um Routine im Umgang mit unseren neu gewonnenen Voicings zu erlangen, schlage ich wieder unsere Zwölftonreihen vor:

F Db E C Bb Ab Eb F# B D G A

Jeder der genannten Töne markiert jeweils den Grundton eines unserer zu trainierenden Akkorde. Dabei haben wir folgende Möglichkeiten, die Reihe zu verwenden:

a) Grundton A-Saite

b) Grundton E-Saite

c) Grundton E-Saite - alternativ

d) Gemischt, wobei man immer versucht, den kürzesten Weg zum nächsten zu gehen, wobei es natürlich mehrere Möglichkeiten geben kann.

Für ein besseres Verständnis gebe ich euch hier ein typisches Anwendungsbeispiel: z.B. Moll 7/9 Akkorde/gemischt:

Grundton F Db E C Bb Ab Eb F# B D G A
Typ A E A E alternativ E alternativ A E A E alternativ E A A

Ok - so weit, so gut. Fassen wir noch einmal zusammen:

Wir haben für Vierklänge zwei Akkordtypen, nämlich einmal den mit dem Grundton auf der E- und einmal den mit dem Grundton auf der A-Saite. Für Fünfklänge gibt es zwei Alternativen für den Grundton auf der E-Saite und eine Möglichkeit für den Grundton auf der A-Saite.

Das bedeutet unterm Strich also, dass wir quasi über fünf verschiedene Mutterformen verfügen, mit denen wir jetzt so einiges anstellen können!

Abfahrt

Kommen wir nun zu ein paar abgefahreneren Akkorden, deren Namen euch vielleicht in der Vergangenheit mit Angst, oder doch zumindest mit Respekt erfüllt haben. Doch damit ist jetzt Schluss, ihr habt bereits das komplette Rüstzeug, um euch die meisten Akkorde (mit ein wenig Transferleistung) herzuleiten.

Ich werde euch nun ein paar Akkorde zur Aufgabe machen. Bitte versucht zunächst, sie auf eigenem Wege zu bilden (darunter warten die Lösungen zum Nachschlagen). Beim ersten Voicing gebe ich euch ein Beispiel, wie euer Gedankenweg aussehen könnte:

A7/#5/b9 - Grundton E-Saite

Au weia - gut, wir setzen einen Fuß vor den anderen:

Also, es ist schon mal ein A7, das sollte uns mittlerweile grundsätzlich keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Dann brauchen wir aber die #5 - und da die 5 (Quinte) ja auf der B-Saite liegt, ist das Ganze kein Problem. Wir müssen diesen Ton einfach einen Halbton erhöhen, das heißt, ihn vom fünften auf den sechsten Bund hochsetzen, und schon haben wir die #5 am Start. Aber auch die b9 soll Teil des Akkords sein. Kein Problem, denn die None wartet auf der hohen E-Saite im siebten Bund, dementsprechend muss die b9 im sechsten Bund sein.

Voila, fertig ist der Akkord:

Und jetzt, für die Routine, noch ein paar Übungen zum Thema:

1. G7/b5 - Grundton E-Saite

2. Dm maj7/9 - Grundton A-Saite

3. C7/#5/#9 - Grundton E-Saite

4. C7b9 - Grundton A-Saite

Beispiele

Kommen wir nun zu ein paar Beispieltracks, angelehnt an bekannte Popsongs, mit denen ihr euch austoben könnt. Genau wie schon in der letzten Folge spiele ich euch im ersten Durchgang die Akkorde, der zweite steht dann zu eurer freien Verfügung:

"Mitleid at the Oasis"

"Georgs Porsche"

"Ich hab noch die Bluse"

Ich hoffe, es ist mir gelungen, ein wenig Licht in das gitarristische Dunkel zu bringen und euer Akkordspiel in höhere Sphären zu heben. Die beste Übung ist natürlich die Praxis: Sucht euch Stücke, die ihr zu Hause oder sogar in eurer Band spielt und integriert das eine oder andere Voicing, auch in eure Eigenkompositionen. Wie bereits in der letzten Folge meines Workshops erwähnt, könnt ihr auch hier wieder ein Realbook zur Hand nehmen und euch jeden Tag ein Stück vorknöpfen, das ihr ganz langsam akkordisch zum Metronom durchspielt. Denn bei Voicings gilt: Use it or lose it.

In der nächsten Folge werden wir uns mit den weiteren Stockwerken unserer "Mehrklänge" beschäftigen, und das mit vielen Beispielen aus der Praxis. Bis dahin viel Erfolg,

Haiko

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