Hersteller_Clavia
Feature
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26.03.2016

Zuweisung der Controller

Clavia hatten sich mit ihrer Idee eines frei konfigurierbaren, in „normale“ Synthesizer-Hardware verpackten Modularsystems eigentlich eine unlösbare Aufgabe gestellt, denn wie soll man eine feste Hardware-Bedienoberfläche für ein freies System gestalten? Dieses Problem plagt die Entwickler von MIDI-Controllern bis heute: Eine vorgegebene Ausstattung mit Bedienelementen muss irgendwie mit allen möglichen (Software-) Synthesizern in Einklang gebracht werden. Bei Controllern gibt es da zwei Möglichkeiten: Entweder liefert der Hersteller Templates mit, welche die üblichen Parameter der gängigsten Synthesizer abdecken, oder der Benutzer muss die Bedienelemente selbst mit den zu steuernden Parametern belegen und sich dann irgendwie merken, welcher Regler was steuert. Beim Clavia Nord Modular G2 ist das elegant gelöst und Parameter können einfach per Drag & Drop auf einen Regler geschoben und benannt werden.

Den Synthesizer von oben kann man so zum Beispiel in weniger als einer Minute benennen und auf die Regler legen, die dann auf den Displays entsprechend beschriftet werden. Hier hat Clavia also in der Verbindung von Soft- und Hardware wirklich das Gelbe vom Ei gefunden und hat dann auch im Vergleich zu vergleichbaren Umgebungen wie Cycling '74 Max, Native Instruments Reaktor und dem Kyma von Symbolic Sound die Nase vorn. Zumal der G2 noch die alten Endlosregler mit LED-Ringen besitzt, die in der Clavia Produktlinie leider später aufgegeben wurden. Der unschlagbare Vorteil dieser Regler ist es nämlich, dass sie bei jedem Programmwechsel immer genau an der richtigen Stelle stehen, wodurch das „Einfangen“ von Werten und das plötzliche Umstellen auf einen ganz anderen Wert bei Berührung des Reglers entfallen.

Slots und Performances

Die vier „Slots“ des G2 ergeben gemeinsam eine „Performance“. Also kann der G2 vier Programme parallel laden, nämlich jeweils eines in jeden Slot. Das können vier verschiedene Synthesizer sein oder zum Beispiel drei Synthesizer, die ihren Sound in ein Multieffektgerät im vierten Slot leiten. Eine Zusammenstellung von bis zu vier Slots kann dann als Performance abgespeichert werden, und damit kann man dann schon viel machen, bis hin zu Lead, Bass, Drums und Pad alle aus einem Synthesizer. Klar ist aber auch, dass mehr Slots auch mehr Rechenleistung verbrauchen, weshalb man die Slots von der Synthesizer-Oberfläche einzeln aktivieren und deaktivieren kann. Einer der großen Nachteile dieses Systems ist es, dass der G2 dabei immer alle Slots neu berechnet, was ungefähr eine halbe Sekunde Zeit braucht. In dieser halben Sekunde hört man absolut keinen Sound, das spontane An- und Abschalten von Slots während einer Performance kann man sich also abschminken.

Jeden Slot kann man sich als eigenständigen Synthesizer vorstellen, der beliebig auf die Ausgänge geroutet werden kann. Gleichzeitig ist er aber auch Teil eines größeren Verbunds, denn man kann Audio- und Steuerdaten von einem Slot zum anderen schicken. Als überspitztes Beispiel wären das also ein MiniBrute in Slot A, ein Minilogue in Slot B, ein aufgebrezelter DX7 in Slot C, und in Slot D werden dann MiniBrute und Minilogue durch vier verschiedene Ringmodulatoren geschickt und als Supermodulator durch den DX7 gejagt, um anschließend durch ein externes Signal phasenmoduliert zu werden. Das geht zum einen über spezielle Busse, die zwischen den Slots eine Audioleitung legen, zum anderen aber auch über das interne MIDI-Protokoll, das den ursprünglich 16 Kanälen noch spezielle, virtuelle Kanäle hinzufügt. Jeder Slot kann jedweden Parameter über ein MIDI-Modul intern zu jedem anderen Slot führen.

Aber natürlich lassen sich Steuerbefehle auch auf die althergebrachte Weise über das MIDI-Trio empfangen und an externe Geräte senden. Das eröffnet vielseitige Möglichkeiten im Verbund mit anderen Synthesizern, die man zum Beispiel über die ausgefuchsten Sequencer des G2 ansteuern kann und deren Signal man wiederum in den G2 einspeisen und etwa mit Delays, Hall oder einem selbst konfigurierten Multieffekt aufpeppen kann. Und natürlich lässt sich der G2 auch einfach als höchst flexibler MIDI-Controller für externe Geräte verwenden, mit quasi unendlich vielen Speicherplätzen. Durch den Sofortzugriff auf 240 Parameter bietet sich der G2 als eine Art „Supercontroller“ mit beleuchteten und beschriftbaren Displays an, mit dem sich die Arbeit an Instrumenten wie etwa dem DSI Evolver oder dem Oberheim Matrix 1000 sehr komfortabel gestalten lässt. Der Nord G2 sendet im übrigen auch SysEx, was gerade für den Evolver nötig ist. Falls das externe Gerät auch noch MIDI Out sendet, ergibt sich der unschlagbare Vorteil, dass sich bei Bewegung eines Reglers am externen Synthesizer auch die Regler im G2 mitbewegen. Wir halten also fest: Der Nord Modular G2 macht auch eine sehr gute Figur als ultimativer MIDI-Controller.

Sound

Was die klanglichen Möglichkeiten des Nord Modular G2 angeht, muss man sich nur mal ein Modularsystem mit 160 verschiedenen Modulen vorstellen, die man alle miteinander verbinden kann und von denen man, genügend Rechenleistung vorausgesetzt, auch nie eines zu wenig hat. Von kleinen, subtraktiven, 16-stimmigen Synthesizern bis hin zu mächtigen Monosynths, additiver Synthese für Drones mit 64 Sinusoszillatoren, FM-Synthese, Wavetablesynthese, Vektorsynthese, Granularsynthese, Vosim, FOF, Wave Terrain Synthese: Das Meiste, was man mit einem analogen Modularsystem machen kann, kann man mit dem G2 auch machen. Man muss dabei allerdings beachten, dass der G2 eher „normale“ Module enthält. So ausgeklügelte Buchla-inspirierte Sachen wie den Furthrrrr Generator oder das Terminal-Modul von endorphin.es wird man beim G2 nicht finden. Und auch wenn man das eventuell nachbauen könnte – es braucht viel Wissen, wie das geht und die Lernkurve kann dann schon recht steil werden. Überhaupt kann die Vielfalt der Möglichkeiten auch erschlagend wirken: Es gibt so viel, dass man auch immer mit der Nase darauf gestoßen wird, was man noch nicht weiß. Und es ist auch nicht immer ganz leicht, Patches von anderen Leuten zu analysieren und zu verstehen, zumal es in der Nutzer-Community einige echte Helden gibt, die unglaubliche Dinge mit dem G2 machen können. Man kann Uhren bauen, man kann den G2 sprechen lassen, man kann Spielgeräte bauen, man kann Zufallspattern zufällig Zufallsgenerieren lassen ...

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass man sich auch einfach treiben lassen kann und auf wunderbare Weise kommt beim Nord G2 immer etwas dabei heraus. Es ist ein bisschen wie Lego spielen, nur eben mit Synthesizermodulen. Und am Ende hat man halt keine Tankstelle oder einen Flughafen gebaut, sondern einen Drone oder eine kleine Orgel. Das ist ein großer Unterschied zu Cycling '74 Max, bei dem man schon vorher wissen muss, was man eigentlich machen will und dann auch auf atomarer Ebene alles kontrollieren kann. Der Vergleich zu Native Instruments Reaktor liegt da schon viel näher, zumal ja jetzt die Blocks dazu gekommen sind. Und tatsächlich kann man den G2 wohl vor allem mit Native Instruments Reaktor vergleichen, wenn wir mal den viel teureren Kyma weglassen: Hier wie dort werden vorgefertigte Module über Strippen miteinander verbunden, wobei die Module sehr ihren analogen Vorbildern ähneln. Die Unterschiede liegen darin, dass man bei Reaktor letztlich noch tiefer gehen kann als beim G2, der dafür aber seine eigene Hardware mit je vier Ein- und Ausgängen sowie der oben beschriebenen genialen Konfigurierbarkeit des Controllers mitbringt.

Die ganze Vielfalt dieses modularen Systems lässt sich mit ein paar Klangbeispielen kaum abbilden. In den ersten Beispielen geht es einmal quer durchs Gemüse mit typischen Synthesizer-Sounds neuerer und älterer Couleur. Alle Sounds laufen in einem einzelnen Slot des G2, Outboard-Effekte kamen nicht zum Einsatz. Tatsächlich würden fast alle Patches der Klangbeispiele auch in der kostenlosen Demo-Version laufen.

Was kann der G2 klanglich besonders gut? Zunächst mal ist es ein virtuell-analoger Synthesizer von Nord, also von einem der renommiertesten Hersteller solcher Instrumente. Dementsprechend ist die Qualität der Oszillatoren, der Filter und der Effekte. Bei den digitalen Oszillatoren und den Filtern kann man sagen, dass schon vor 10-15 Jahren hervorragende Module gebaut worden sind. Bei den Effekten ist es vor allem der Hall, an dem ein bisschen der Zahn der Zeit genagt hat und der lange nicht so schön klingt wie zum Beispiel der Hall im Roland System-1M. Bei den anderen Modulen, die zum größten Teil viel einfachere Rechenoperationen ausführen, ist das Alter eher egal. Klanglich brilliert der G2 also als einer der besten Vertreter der virtuell-analogen Synthese und mit dem entsprechenden Wissen ausgestattet, kann er so warm, voll und elegant klingen wie die meisten der hochgeschätzten analogen Schlachtschiffe. Mit dem entsprechenden Wissen ausgestattet heißt dabei folgendes: Während der Nord Modular der ersten Generation sehr markant klingende DACs hatte, die ihm im Vergleich einen geradezu rotzigen, dreckigen Klang verschafften, ist der G2 mit sehr neutral klingenden Wandlern ausgestattet. Das bedeutet, dass er zunächst einmal sehr clean klingt und keinen eigenen Charakter aufweist. Angesichts dessen, dass wir es hier mit einem Gerät zu tun haben, das auf ultimative Vielseitigkeit setzt, ist das sicherlich die richtige Wahl. Aber während ein (Korg) Arp Odyssey eben sofort einen gewissen (tollen!) Klangcharakter aufweist, muss man den beim G2 erstmal erreichen – und dazu muss man natürlich wissen, was man eigentlich erreichen will. Ein Beispiel: Die Oszillator-FM des Arp Odyssey öffnet sich bis maximal eine Dezime, also 16 Halbtöne. FM mit einer Dezime hört sich gut an. Im Bereich von keiner Modulation bis zur Modulation bis eben zu der Dezime passiert auch am meisten. Wer am Arp Odyssey also langsam den Regler hochzieht, der wird fantastische Dinge hören und wenn der Regler ganz offen ist, röhrt der Synthesizer, dass es eine Freude ist. Beim G2 dagegen kann man den Regler bis zu 64 Halbtönen aufziehen, und wenn er ganz auf ist, hört man nur noch digitales Gebrizzel. Das heißt, auf der Suche nach dem gleichen Klang wird man womöglich über die richtig interessanten Dinge zu schnell hinweg gehen, um dann enttäuscht zu sagen: Das war nix, das ist ja schrecklich, ich höre nur digitalen Noise und kein warmes, analoges Instrument. Und das zweite, was man wissen muss: Viele digitale Synthesizer haben tatsächlich einen viel größeren Anteil an hochfrequenten Tönen. Das ist zunächst mal nichts Schlechtes, in unseren Ohren hört sich das aber natürlich nicht so warm und schön, sondern eher etwas zu kalt und brillant an. Ironischerweise passiert das sogar bei Dexed, einer digitalen Emulation des durch und durch digitalen DX7. Wer also aus seinen digitalen Synthesizern einen warmen, bauchigen Klang bekommen will, tut oft gut daran, die Obertöne ein wenig zu dämpfen und den Bass ein wenig anzuheben. Und wenn man dann, um beim Beispiel zu bleiben, die Oszillator-FM nicht einfach aufreißt, sondern vorsichtig am Regler spielt, dann bekommt man aus dem G2 Klänge heraus, die von einem analogen Synthesizer kaum zu unterscheiden sind.

Eine Sache, wo der G2 brilliert, sind seine umfassenden Sequencer- und Pattern-Module. Hier eine Reihe von Sequencer-getriebenen Sounds. Auch hier gilt: Alle Sounds laufen auf einem einzelnen Slot, wir verbrauchen also nur maximal ein Viertel der Leistung des Synthesizers.

Auch Physical Modeling lässt sich mit dem Nord G2 bewerkstelligen. Man kann sich ja fragen, worin der Sinn liegt, mit einem Synthesizer akustische Klänge zu erzeugen, wenn man doch einfach entweder das Originalinstrument nehmen kann oder eine Sample Library. Der Grund liegt natürlich darin, dass man mit dem Synthesizer eben noch ganz andere Sachen machen kann, beim folgenden Gitarrensound zum Beispiel hörbar an den übertriebenen Nagelgeräuschen. Ein weiteres schönes Beispiel für Physical Modeling dann im Anschluss: eine Flöte, die in die Oktave überblasen wird.

Was man ja mit großen Modularsystem gerne macht, sind Patches, die sich selber spielen. Im Jargon gerne „noodle“ genannt, kann man natürlich auch mit dem Nord G2 lange Drones und sich tagelang variierende Klanggebilde schaffen:

Was ist ein Synthesizer ohne seine Filter? Obwohl das Filter aus den Nord Leads im G2 integriert ist, sind die verschiedenen Filter des G2 nicht von der Art eines Moog oder Arp, bei dem gleich die Sonne aufgeht. Das liegt einmal mehr daran, dass die einzelnen Module des G2 einen möglichst neutralen Klang produzieren, denn nur so kann der geneigte Klangskulpteur den Klang nach Gusto formen. Im folgenden Klangbeispiel werden die Filter mit zwei leicht verstimmten Sägezähnen und einem Sinus-Suboszillator gefüttert. Ein LFO und ein Sequencer steuern die Cutoff-Frequenz der Filter, von denen einige nacheinander ausprobiert werden. Bis auf ein kleine Feedbackschaltung des Filters werden keine weiteren Effekte eingesetzt. Folgende Filter sind im Beispiel nacheinander zu hören: Classic 12 dB; Multi LP 6 dB; Phase 3 Notch deep; Comb deep; Voice A-I-U und zum Schluss Nord BR 24 dB.

Patch Mutator

Ein nützliches Tool ist der von Synth-Guru Palle Dahlstedt entwickelte Patch Mutator, der zwei verschiedene Funktionen übernehmen kann: Zum einen kann er aus zwei verschiedenen Sounds die Zwischenschritte errechnen und automatisch als Variationen des Sounds abspeichern. So kann man also quasi übergangslos von Sound einer LFO-modulierten Kuh zu einem pitchgeshifteten Nashorn übergehen – vorausgesetzt natürlich, man hat Kuh und Nashorn schon vorher programmiert. Wem genau das schwer fällt, der kann die andere Funktion des Patch Mutators anwenden, nämlich mehr oder weniger zufällige Sounds aus einem Patch zu generieren. Dabei ist das „mehr oder weniger zufällig“ ganz wörtlich gemeint, denn die üblichen Random-Funktionen anderer Synthesizer produzieren oft überwiegend unbrauchbare Sounds und sind meistens nur Gimmicks. Nicht so beim Patch Mutator, bei dem man zum einen Wahrscheinlichkeit und Schrittgröße der Veränderungen im Voraus bestimmen kann, zum anderen aber auch auswählen kann, welche Module überhaupt verändert werden soll. So kann man viel zielgerichteter nach bestimmten Veränderungen im Sound suchen und klickt nicht hundertmal auf den „Random“-Button in der Hoffnung, es würde etwas dabei heraus kommen.

Nun könnte man natürlich sagen: Pah, ein Patch Mutator, so etwas gibt es doch für viele Synthesizer. Und für nichtmodulare Synthesizer mag das gelten, aber beim G2 haben wir es ja mit einem modularen Synthesizer zu tun, und da ist das eben doch noch einmal eine ganz andere Angelegenheit. Den Patch Mutator kann man zum Beispiel auch prima dafür einsetzen, Variationen für den Sequencer zu finden und die Bassline über acht Schritte von e-moll zu Cis-Dur zu modulieren. So kommt man quasi automatisch auf Tonfolgen, die einem niemals selbst eingefallen wären und die sich durch eine einfache Zufallsfunktion nicht generieren ließen. Man könnte auch langsam vom Breakbeat über einen 5/8-Takt zum Walzer übergehen und schauen, ob die Tanzfläche da noch hinterher kommt. Könnte natürlich sein, dass das dann der letzte Gig war. Im Übrigen funktioniert der Patch Mutator auch über MIDI: Wer ein MIDI-fiziertes analoges Schätzchen besitzt, kann mit dem G2 nicht nur die Patches desselben digital abspeichern, sondern auch mal schauen, was man sonst so aus der Kiste heraus bekommen kann. Ich für meinen Fall war ziemlich erstaunt, was für kranke Klänge aus meinem wahrlich eher harmlosen Siel Expander 80 kommen können, wenn man mit dem Patch Mutator da ran geht.

Der Nord Modular G2 in einem analogen Modularsystem

Apropos analoge Schätzchen: Es liegt natürlich nahe, den G2 in eine analoge modulare Welt einzubauen, denn es ist ja kein Problem, den Sound hinein oder aus dem G2 heraus in die analogen Module zu schleifen. Noch näher liegt es aber, den G2 als Megasequencer für die analogen Gerätschaften zu benutzen, denn bei Level-, Logik- und Sequencer-Modulen ist analog oder digital Jacke wie Hose und die digitale Variante ist viel flexibler, speicherbar und nicht zuletzt billiger. Zur Einbindung eignen sich zum einen natürlich MIDI-to-CV-Wandler, die leider nicht wirklich billig sind. Praktischerweise kann der Nord G2 aber zum Anderen aus dem Kopfhörerausgang Steuerspannungen ausgeben. Im folgenden Bild sieht man also den Nord G2 und die Pittsburgh Modular Foundation 3 in trauter Eintracht, wobei die zwei Oszillatoren des Pittsburgh vom G2 über MIDI angesteuert werden und die Filter des Pittsburgh von zwei Sequencern des G2 über den Kopfhörerausgang geregelt werden.

Nord Modular G2 – zukunftsfähig oder nicht?

Bleibt die Frage: Wieso wurde der Nord Modular G2 im Jahr 2009 vom Markt genommen, statt der Herstellerfirma Clavia die verdienten Reichtümer zu bringen? Dafür gibt es in der Tat mehrere Erklärungsversuche, von denen einige heute noch gelten, andere sich aber aufgrund der sehr regen Community inzwischen in Luft aufgelöst haben. Zunächst einmal war das Konzept der Nord Modulars schwer zu erklären beziehungsweise zu verkaufen: Im Laden stand da eine rote Kiste und daneben – wenn man Glück hatte – ein Computer. Die wenigsten Läden konnten da auch noch einen Verkäufer dazu stellen, der dem Kunden kompetent erklärte, wie das alles funktionierte, und ohne Einführung stand so mancher Kunde wohl eher verloren davor. Aus einem Moog Voyager kommen sofort tolle Klänge heraus, beim G2 kommt erstmal – nix. Beziehungsweise die Factory Sounds, die zwar okay bis gut sind, aber okay bis gut ist eben nicht richtig gut. Zweitens wurde für den Nord G2 ein Preis aufgerufen, der zwar gerechtfertigt war, bei dem man aber auch nicht einfach mal so zuschlug, zumal anfangs auch noch parallel das Vorgängermodel verkauft wurde, der Nord Modular G1. Der war billiger und hatte eine trockene, rotzige Soundsignatur. Da stand also neben dem teuren Luxusgerät mit neutralem Klang das billigere Modell mit brachialerem Sound, das aber auch schon richtig viel konnte – man kann sich denken, welchen Synthesizer die Mehrzahl der Interessierten gekauft hat.

In dieser Situation machten Clavia dann auch noch einen ziemlich dicken Fehler, indem sie den Support für den Nord Modular G1 plötzlich und unangekündigt aufgaben. Auf Windows-Rechnern lief der Editor zwar noch, für Mac OS X kam aber nur eine Beta heraus. In Zeiten, in denen ein Laptop richtig viel Geld kostete, war das eine Aktion, die viele Kunden des G1 richtig sauer machte. Auch deshalb muss der G2 bis heute damit kämpfen, dass viele denken: Irgendwann funktioniert der Editor nicht mehr, und das könnte gleich morgen sein. Tatsache ist: Der Editor für den G2 läuft bislang sowohl auf Windows als auch auf Mac Rechnern absolut problemlos – was im übrigen nicht so sehr verwundert angesichts der Tatsache, dass der Editor ja gar keinen Sound produziert. Anders sieht das bei der hervorragenden Demoversion aus, das ist die monophone Emulation eines G2 Rechenkernes auf dem Computer mit Ausnahme des Audio In, der DX7-Implementation und der MIDI-Module. Die Demo-Version läuft wie gehabt auf jedem Windows Rechner, auf OS X musste man sich dagegen eine Zeitlang damit abmühen, das Programm unter Wine laufen zu lassen. Inzwischen ist Wine aber so gut, dass es auch auf OS X wieder ohne Probleme läuft und man kann diese kostenlose Version eines der besten Softsynths nur jedem ans Herz legen. Auch der Editor des Nord Modular G1 läuft übrigens noch auf Windows und auch unter OS X kann man ihn zum Laufen bekommen. Man sieht: Es gibt viele verschiedene Versionen des Editors und der Demo-Software. Festzuhalten bleibt aber: Der Editor des Nord G2 lief und läuft ohne Zicken sowohl auf Windows- als auch auf Mac-Rechnern. Und in Zeiten, in denen die meisten irgendwo einen alten Computer stehen haben oder sich ein kleiner Rechner schon für kleines Geld kaufen lässt, ist das auch für die Zukunft kein echtes Problem mehr.

Ein letzter Faux-pas von Clavia war, dass man die Patches der Vorgängerversion nicht in den G2 laden konnte. Aber hier kommt die oben angesprochene englischsprachige Community auf electro-music.com ins Spiel, bei der nicht nur einige der besten Patcher unterwegs sind, sondern auch einige Computerprogrammierer. Und so kommt es, dass man inzwischen online alle G1-Patches für den G2 umschreiben lassen kann, dass sämtliche Patches für den Yamaha DX7 in das G2-Format umgeschrieben wurden, dass man einfache Klänge hochladen kann, die automatisch in einen G2 Patch „resynthetisiert“ werden, dass es Freeware-Editoren für Max OS X gibt, dass der Demo-Editor so aufgebohrt wurde, dass die MIDI-Module funktionieren... was soll man sagen, die aktive G2-Community ist Gold wert! Das Forum für den G2 hat inzwischen 50 Seiten erreicht und die Leute sind sehr freundlich. Wer eine Frage hat, bekommt hier innerhalb weniger Stunden nicht nur die Antwort, sondern im Zweifel gleich einen Patch, der das Problem löst. Die Klangbeispiele oben sind übrigens nicht nur Werksounds oder vom Autor selbst gepatcht, sondern basieren teilweise auf Patches aus dem mit 4500 Einträgen gut gefüllten Archiv und stammen unter anderem von Broeks, JLS, Danielson, Hordijk, Mire, Kleinert, smokris, Mother Misty, Berweck, Dasz Garnasz, Dave Peck, Flower P, Odd Bob, Sheridan, iPassenger und Blue Hell.

Kritikpunkte

Bleiben eigentlich nur noch zwei Kritikpunkte, wobei der eine keine echte Kritik sein kann, der andere leider auch bei vielen anderen Herstellern vorliegt. Zum einen ist und bleibt der Nord G2 eine komplizierte Angelegenheit. Zwar kommt man schnell zu Ergebnissen und es wird einem auch beim Ausprobieren der vielen im Netz erhältlichen Patches nicht so schnell langweilig. Aber bis man das alles verstanden und den G2 vollständig durchdrungen hat, vergeht eine lange Zeit. Die Analyse von Patches ist nicht immer ein Hochgenuss und auch das Spielen der Patches anderer ist trotz der beschriftbaren Displays und der vielen Drehregler nicht ganz leicht, denn man weiß ja zunächst meist nicht, wie das Patch genau aufgebaut ist. Es ist ein bisschen wie in einem riesigen Laden voller Synthesizer: Ohne ausführliche Beschäftigung mit jedem einzelnen Gerät kann man sie halt nur ein bisschen anspielen. Und auch wenn der G2 nicht so komplex ist wie Cycling '74 Max oder NI Reaktor auf der tiefsten Ebene: Leicht zu verstehen ist ein Granularsynthese-Patch auf dem G2 trotzdem nicht. Und auch zum Programmieren von „konventionellen“, subtraktiven Synthesizern braucht man etwas Erfahrung: Die Struktur hat man schnell gebastelt, aber damit es sich wirklich gut und eigenständig anhört, muss man etwas Zeit und Hingabe investieren.

Der zweite Kritikpunkt ist die Aufteilung des Oszillator Coarse Tunings und der Filterfrequenzen in Halbtöne. Natürlich kommt man mit der Fine-Einstellung auch in die Zwischenbereiche, aber zu einem analogen Synthesizer gehört eigentlich, dass man nahtlos durch alle Frequenzen „fahren“ kann und nicht durch die Halbtöne „steppt“. Leider lösen die Endlosregler des G2 auch nur mit der MIDI-üblichen 7-Bit-Auflösung auf und so stehen jedem Parameter nur 128 Werte zur Verfügung. Im Gerät selber wird natürlich mit einer viel größeren Auflösung gerechnet, konkret nämlich in 32678 Schritten pro Halbton.

Weiterführende Lektüre

Zuletzt noch der Hinweis, dass sich die Nord Modular Synthesizer hervorragend für das Erlernen der Klangsynthese eignen und an einigen Universitäten und Kursen als Beispielumgebung eingesetzt werden. Die Texte über den Nord Modular lassen sich dabei recht gut auf den G2 übertragen, andersherum ist das oft schwieriger. Wer Synthesizer wirklich verstehen will, findet im Nord Modular eine ideale Experimentierplattform vor. Passend zum Einsatz des Nord Modular als Lehrsynthesizer wurden einige Bücher dazu geschrieben, die sowohl Grundlagen als auch spezielle Konzepte der analogen Klangsynthese erklären. Die folgenden Bücher und Workshops wurden mit und für die Nord Modular Synthesizer geschrieben und bieten sich als weiterführende Lektüre an:

  • Roland Kuit: SoundLab
  • Rob Hordijk: Introduction to the Clavia Nord Modular G2 synthesizer
  • J.J. Clark: Advanced Programming Techniques for Modular Synthesizers
  • Peter Gorges/Len Sasso: Wizoo Guide Nord Modular
  • einige weitere Workshops von Rob Hordijk und Grant Middleton (Link)
  • Chet Singer: Physical Modeling on the Nord Modular G2

Und auch die „Synth Secrets“ von Gordon Reid sind zum Teil auf dem Nord Modular G1 geschrieben worden und es gibt so gut wie nichts, was man davon nicht auf den G2 übertragen könnte.

Fazit

Der Nord Modular G2 ist einer der umfassendsten virtuell-analogen Synthesizer, die je gebaut wurden. Der Hardware-Synthesizer bietet eine Klangvielfalt, wie sie sonst nur auf dem Computer oder (theoretisch) auf einem gigantischen Modularsystem erreicht werden kann. Mit seiner Verbindung von frei konfigurierbaren Modulen mit dedizierter Hardware, durch die sich die Patches dann sofort und auf höchstem klanglichen Niveau spielen lassen, besitzt er ein unerreichtes Alleinstellungsmerkmal. Durch seine vier Ein- und Ausgänge, die umfassende MIDI-Implementation und die fünf Displays und Endlosregler eignet er sich auch als höchst flexible Effektmaschine und als ultimativer MIDI-Controller. Etwas Durchhaltevermögen und Leidenschaft ist dabei vorausgesetzt, denn zunächst gibt es viel zu lernen und der „fette Sound“ kommt beim G2 nicht automatisch, sondern muss programmiert werden. Dann aber kann man Dinge erschaffen, die man mit keinem anderen Hardware-Synthesizer anstellen kann – übrigens auch nicht mit analogen Modularsystemen, denn ein vergleichbar umfangreiches analoges System wäre nicht nur unbezahlbar, sondern einfach auch nicht praktikabel.

Angesichts der nicht endenden Möglichkeiten und der anerkannt hochwertigen Algorithmen von Nord ist der G2 ein echter Tipp für alle, die sich für modulare Synthese interessieren. Innerhalb der kleinen, aber aktiven Nutzergemeinde erfreut sich der Synthesizer einer ungebrochenen Beliebtheit. Folglich sieht man nur wenige Exemplare auf dem Gebrauchtmarkt und die Preise sind auf recht hohem Niveau. Dennoch lautet das Fazit zu diesem „Youngtimer“ ganz klar: Zugreifen!

  • PRO
  • einzigartige Verbindung von virtuell-analoger modularer Synthese und Hardware (Keyboard-Varianten)
  • je vier Ein- und Ausgänge
  • 160 Module
  • Klangerzeugung mit 96 kHz / 24 Bit mit den Algorithmen der Nord Instrumente
  • gute Bedienung der Soft- und Hardware
  • auch als modulares Effektgerät einsetzbar
  • auch als ultimativer MIDI-Controller einsetzbar (Keyboard-Varianten)
  • Soft- und Hardware sind robust
  • lebendige Community
  • hervorragend zum Lernen analoger Synthese geeignet
  • auch gut geeignet zum Einbinden in ein analoges modular System
  • CONTRA
  • Hall nur gut, Delays nur mit 16 Bit
  • Drehregler nur mit 7 Bit Auflösung
  • keine digitalen Ausgänge
  • FAKTEN
  • Erscheinungsjahr: 2003
  • virtuell-analoge modulare Synthese in Verbindung von Hardware und Software
  • drei Modelle: Engine (Rack ohne Controller), G2 (3-Oktaven-Keyboard mit Controllern), G2X (5-Oktaven-Keyboard mit Controllern und doppelter Rechenleistung)
  • 160 Module
  • Klangerzeugung in 96 kHz / 16 Bit
  • je 4 analoge Mono-Ein- und Ausgänge
  • MIDI-Trio
  • Rechenleistung von Engine und G2 durch Voice Expansion Card verdoppelbar
  • Maße und Gewicht:
  • Engine 665x284x104 mm, 1,9 kg, 19" (1 Höheneinheit)
  • G2 665x284x104 mm, 5,1 kg
  • G2X 1007x294x104 mm, 8,2 kg
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