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27.01.2020

Twisted Electrons TherapKid Test

DSP-basierter duophoner 8-Bit SID Desktop-Synthesizer

The Kid of SID

Der vielseitige 8-Bit Wavetable-Synthesizer TherapSid Mk II von Twisted Electrons hat Nachwuchs bekommen: Den TherapKid.  Beide TherapSiden (übrigens eine Wirbeltiergattung, die im Trias-Zeitalter noch vor den Dinosauriern die Erde beherrschte) stammen soundtechnisch aus der Frühzeit der digitalen Klangerzeugung und ziehen ihren Klang aus SID-Chips, mit denen einst die Commodore C64 und C128-Heimcomputer bestückt waren. Wer kennt nicht die durchdringenden bis schrägen Klänge, mit denen seinerzeit die Computerspiele orchestriert waren. Synthesizer mit SID-Chips gibt es mittlerweile einige, das ging schon 1998 mit dem ersten Elektron-Produkt los, der legendären Sidstation. Mittlerweile gibt es eine kleine aber verschworene Musikergemeinde, die sich mit großem Enthusiasmus dem Chiptune-Sound widmet.

Auch Twisted Electrons aus Frankreich haben sich auf Instrumente mit 8-Bit-Ästhetik spezialisiert und zeigten bereits mit der Acid8 Mk II, das diese Form der Klangerzeugung nicht nur für nerdige LoFi-Experimente, sondern auch für moderne Clubproduktionen und Liveacts sehr gewinnbringend sein kann. Mit dem TherapSid schufen sie dann einen Desktop-Synth, der sich dem Thema SID in aller Tiefe widmet, so konnten User z. B. ihre eigenen SID-Chips einbauen. Die ersten SID-Chips in Homecomputern waren die Modelle MOS6581, die sich durch einen grobkörnigen Klang auszeichneten. Nachfolgemodelle wie der 8580 klangen deutlich sauberer und weisen weniger Störgeräusche auf, dafür ist der Filter kräftiger und resonanzfähiger.

Details

Alte SID-Chips sind allerdings immer schwerer zu finden und so haben Twisted Electrons aus der Not eine Tugend gemacht, die gesuchtesten Eigenschaften dieser beiden Chips in einem DSP zusammengeführt und darum herum den TherapKid konzipiert. Der Kleine wurde schon im April vorgestellt, ist aber nun endlich auch erhältlich. Als Mini-Variante zum großen Sid kommt der Kid in einem 185 x 95 x 30 mm kleinen und 700 g leichten Gehäuse mit stabiler Metallwanne und aufgeschraubter glatter schwarzer Oberfläche und wirkt ähnlich robust wie die bereits in diesem Jahr vorgestellten Acid8 Mk III und hapiNES L. TherapKid ist wie seine Sequenzer-bestückten Kollegen USB-powered und findet auf der Rückseite mit 3,5 mm Miniklinkebuchsen Anschluss an die Außenwelt. In diesem Fall reicht ein MIDI-Eingang und ein Mono-Audioausgang. Ein passendes MIDI-Adapterkabel und ein USB-Kabel liegen dem Gerät bei.

Erster Eindruck

Die Oberfläche ist mit 16 Mini-Potentiometern, 21 weiß hintergrundbeleuchteten Druckschaltern und einem zweistelligen LC-Display voll bestückt, zwei kleine schwarze Minidruckknöpfe neben dem LCD dienen zur Anwahl und zum Speichern der 50 Presets. Weil die Potis nur als nackte schwarze Schäfte ausgelegt sind, ist auch für kräftige Finger genug Platz zwischen den einzelnen Bedienelementen. Schön, dass dank einer weißen Markierung die Position eines Potis sofort erkennbar ist. Schon beim Betrachten des klar gegliederten Bedienpanels fällt auf, dass das kleine Kid funktionsmäßig nicht ganz mit dem großen Sid mithalten kann: Nur zwei Wavetable-Voices und zwei LFOs statt jeweils drei und nur eine Voice ist mit Reglern für Glide und Tune bestückt. Nur eine ASR-Hüllkurve beim Kid, während der Sid eine ADSR-Envelope pro Voice hat.

Der TherapKid hat aber auch einige eigene Spezialitäten auf Lager: Dank seiner virtuell-digitalen DSP-Seele kann pro Voice jede der vier Wellenformen unabhängig von den anderen in der Lautstärke und dem Tuning geregelt werden, was mit originalen SID-Chips nicht möglich ist. Genau dazu dienen dann auch die physikalisch nur einmal vorhandenen Regler für Tune, Glide und Mix. Zusätzlich ist der TherapKid duophon spielbar, so dass zweistimmige Klänge aus bis zu acht individuell gestimmten Wellenformen machbar sind: Schön für zweistimmige Riffs und komplexe Drones. Das digitale Filter verfügt neben Tiefpass, Bandpass und Hochpass auch über einen Notchfilter, der dem großen Bruder fehlt. Dafür vermisse ich beim Kid eine Anzeige, welches Filtermodell gerade angewählt ist. Das muss man sich merken.

Modern Retro

Also alles 8-Bit LoFi? Nicht ganz. Der kleine Synth ist ja anstelle echter SID-Chips komplett DSP-basiert von einem 96-MHz-32-Bit-Prozessor angetrieben. Die Klänge werden von einem 16-Bit-DAC mit Oversampling und Filter ausgegeben. Also Retro-Sound, der mit moderner Hardware erzeugt wird und zu vielschichtigen Finetunings und komplexen Modulationen fähig ist. Fünfzig Presets können gespeichert werden, das Teil ist via USB und einer großzügigen MIDI-Controller-Zuordnung präzise von einer DAW kontrollierbar und bietet dennoch genügend Echtzeiteingriffsmöglichkeiten. Wie das dann klingt, wollen wir im Praxisteil herausfinden.

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