Test
3
19.11.2010

Praxis

Mit seinen 22,7 kg Gewicht gehört der K4 sicherlich nicht zu den Tragefavoriten im Keyboard-Setup. Allerdings lässt er sich, dank der zwei hervorragenden Tragegriffe, dennoch ganz gut handhaben. Ob einem der "schwere" Sound jedoch einen entsprechenden Körpereinsatz wert ist, muss jeder für sich entscheiden. Für meinen Geschmack bewegt sich der Amp vom Gewicht her an der Obergrenze des Akzeptablen.

Insgesamt ist die Verarbeitung wirklich sehr gut. Man hat sofort das Gefühl, wertiges Equipment in Händen zu halten. Leider gibt es aber doch einen Makel: Die optisch akzeptablen Plastik-Potikappen sitzen teilweise etwas locker und schleifen bisweilen sogar beim Drehen über die Oberfläche des Panels. Auch wenn die Funktion davon nicht groß beeinträchtigt wird, fühlt sich das leider doch etwas billig an. Hier sollte Traynor unbedingt nachbessern – schließlich sind die Amps relativ hochpreisig.

Der Sound des K4 ist schnell beschrieben: Hervorragend. Vor allem überzeugt der Amp durch eine ziemlich ungefärbte, druckvoll-direkte Wiedergabe - genau das, was man sich von einem Keyboard-Amp wünscht. Dabei klingt der K4 keineswegs steril. Irgendwie vollbringt er das Kunststück, dass sich ein Rhodes ähnlich warm und vintagemäßig anhört wie über einen Gitarren-Amp. Gleichzeitig ist er bei Pianosounds oder harten Synths aber extrem soundtreu und liefert das gesamte Soundspektrum souverän ab. Schon der Klang des kleinsten Modells der Serie, des K1, überzeugt absolut. Der K4 hat aber mit seinem größeren Chassis, einem 12"-Speaker und mehr Leistung noch deutlich mehr im Angebot. Insbesondere die Bass-Abteilung ist extrem gut aufgestellt.

Die Stereo-Abbildung hat sicherlich enge Grenzen, wenn man bedenkt, dass die linken und rechten Speaker-Paare maximal 50 cm weit auseinanderliegen. Jedoch wird man den Amp normalerweise ohnehin meist nah bei sich haben. Und außerdem ist beim Keyboard-Monitoring schon sehr viel gewonnen, wenn überhaupt die Möglichkeit gegeben ist, den linken und rechten Kanal getrennt wiederzugeben - und nicht auf unkalkulierbare Weise summiert wird (oder gar überhaupt nur ein Kanal zu hören ist). Jedenfalls sorgen Stereo-Tremolos oder Chorus-Effekte für ein deutliches Aha-Erlebnis.

Von Haus aus ist mir der Sound von Traynors K-Serie vielleicht eine Spur zu muffig ausgelegt. Da bei Channel 1 und 2 aber für insgesamt 3 Stereo-Inputs EQs zur Verfügung stehen und man bei Channel 1 außerdem über den Voicing-Regler eingreifen kann, fällt das nicht so sehr ins Gewicht. Die 3-Band-EQs langen mit +- 15db ordentlich zu, und die Frequenzen scheinen mir ganz gut gesetzt. Tiefe Bässe und ebenfalls tiefe, angenehm schiebende Mitten wurden realisiert, während die Höhen eher von der spitzen, ungeschmeidigen Sorte sind. Das macht aber durchaus Sinn, denn man möchte mit dem EQ ja keine CD-Produktion mastern, sondern seinem Sound auf der Bühne zu Präsenz verhelfen.

Wie sich beim Ausprobieren zeigt, liefert der Voicing-Regler insgesamt 4 unterschiedliche EQ Presets, die Grundsounds möglich machen, die sich allein über den 3-Band-EQ nicht herstellen ließen. Wie sehr das auf der Bühne nottut, müsste ein längerer Praxistest zeigen. Schaden kann das Feature definitiv nicht. Mit den Anschlüssen des K4 sollte man bei einem normalen Bühnensetup ohne weiteren Mixer auskommen können. Wo der K1 mit einem unausgegorenen Konzept schwächelt, macht der K4 mit insgesamt 4 Stereo-Inputs, einem Stereo-Monitorkanal und dem feinen XLR-Stereo-Line-Out alles richtig. Und auch wenn wohl die wenigstens zusätzlich zu diesem schweren Amp noch einen aktiven Subwoofer mitschleppen werden, nehmen wir auch den Subwoofer-Out gerne wohlwollend zur Kenntnis.

Bei einigen Features von Channel 1 wird die Herkunft des Amps deutlich. Traynor ist nämlich vor allem für Gitarren- und Bass-Amps bekannt und gönnt dem K4 ein wenig Solo-Gitarren-Flair. Auf Knopfdruck weicht die normale Transistorschaltung einem Röhren-Preamp, der mit ein wenig mehr Wärme und etwas Röhrenkompression, allerdings auch mit deutlich weniger Pegel aufwartet. Per Tasten-Druck- oder Fußschalter lässt sich zudem in den "Lead"-Modus schalten, in dem der Sound verzerrt und das Volumen des Kanals um den Wert angehoben wird, den man mit dem entsprechenden Drehregler eingestellt hat. Booster sagt dazu der Gitarrist. Die wenigsten Keyboarder dürften daran gewöhnt sein, ein solches Feature zu benutzen. Aber vielleicht kann es bei dem einen oder anderen Rhodes-Solo ja hilfreich sein. Dreht man am Overdrive-Regler, lässt sich der Effekt zwischen einer weichen und harten Zerre stufenlos einstellen. Generell ist die Röhrenzerre relativ undramatisch, während in der Transistorvariante deutlich härter gesägt wird. Das Potential des "Overdrive"-Reglers ist vielleicht ein wenig sparsam ausgefallen, denn er hat nur sehr zurückhaltend Einfluss auf den Grad der Verzerrung. Die so erzeugten Sounds haben mit brachialen Marshall-Stacks natürlich nichts zu tun. Auch sind die Einstellmöglichkeiten recht begrenzt. Für Rhodes, Wurlitzer und Konsorten macht der Amp aber über dieses schöne Feature ein weiteres Klangfenster auf, das mir extrem gefällt.

Damit könnte sich der K4 durchaus als (weitaus vielseitigerer) Ersatz für einen Jazz-Chorus oder Ähnliches empfehlen. Wer mehr Flexibilität beim Distortion braucht, wird ohnehin zusätzlich zu einem Bodentreter greifen.

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