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Test
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05.04.2017

Townsend Labs Sphere L22 Test

Mikrofon-Modelling-System

Herzlich Willkommen in der Zukunft…und in der Vergangenheit.

Die Ankündigung des Townsend Labs Sphere L22 wurde von der Fachwelt mit Begeisterung aufgenommen. Und wer sich mit dem Mikrofon-Modelling des Sphere L22 dabei schon etwas genauer auseinandergesetzt hat, der hat mitbekommen, dass es hier um weitaus mehr geht als nur um die im Vergleich geradezu schnöde Nachahmung eines anderen Mikrofons auf der Hauptachse: Das Townsend ist dank seines Plug-Ins und seiner getrennt aus dem „Hardware“-Mikrofon herausgeführten Kapselsignale absolut flexibel. „Ultraflexibel“, wenn man so will. Was das zu bedeuten hat, wie man es nutzt und natürlich wie es klingt, dafür werde ich ein paar tausend Buchstaben bemühen – aber natürlich auch Klangbeispiele.

Details

Townsend Labs Sphere L22 – Was ist das eigentlich?

Bei einer neuen Produktgattung ist es immer spannend zu erfahren, welche Bezeichnung sich etabliert. Und nicht immer verläuft dieser Weg geradlinig und logisch. Das „Handy“ ist schließlich ein lustiger Unfall, aus „MIDI-/Audio-Sequencer“ wurde irgendwann „DAW“. Die Hardware, die man beim Kauf des Townsend Labs Sphere L22 erhält, ist im Grunde nichts weiter als ein Doppelmembran-Kondensatormikrofon. Zum Paket gehören Plug-Ins, die anhand des Mikrofonsignals bekannte Mikrofonklassiker nachahmen. „Microphone Modelling System“ wäre also ein treffender Begriff – auch wenn er die erweiterten Möglichkeiten des Townsend-Pakets nicht komplett darstellt.

Ohne Plug-Ins ist das L22 nur ein Mikrofon

Chris Townsend ist weniger ein Hardware-Ingenieur denn ein Software-Spezi, das zeigt seine bisherige Arbeit für Avid (Eleven, ReVibe, etc.). Und die Besonderheit des Sphere L22 ist ja nicht, dass es ein Mikrofon ist. Ganz im Ernst: Bis auf eine kleine Besonderheit ist es im Grunde Standard, in China gefertigt, mit SMD-Bausteinen aufgebaut - solide, aber nicht gerade atemberaubend. Die Plug-Ins erwecken den Geist zum Leben. VST2, VST3, AU und AAX Native lauten die Formate, in denen das Plug-In „Sphere DSP“ vorliegt. Somit kann eigentlich jede DAW das Signal des Townsend-Mikrofons verdauen und mit „LD-47K“, „LD-49K“, „LD-67“ und einigen anderen Modellen aus dem Signal des Mikrofons den Sound der begehrten Klassiker zaubern. Hier wird schon klar: Durch die Plug-In-Technologie kann komplett hardwareunabhängig im Mixdown ein anderer Sound eingestellt werden. Das ist der erste von vielen Pluspunkten. Wer aber schon beim Recording auf dem Kopfhörer den entsprechend modellierten Sound haben will, der kann sich dann freuen, wenn er ein UAD-System (Apollo/UAD-2) von Universal Audio besitzt. Denn dann kann das Signal sehr latenzarm modelliert Sänger oder Sängerin auf die Ohren gegeben werden. Ob man auch tatsächlich mit diesem Sound aufnehmen oder nur monitoren will, entscheidet dann der Status der „Insert Effects“-Buttons in der Console.  

Reines Modelling des axialen Direktsignals ist langweilig… das Sphere L22 ist „three steps ahead“

Plug-Ins, die anhand von unterschiedlichen Mikrofonsignalen bekannte, teurere Mikros durch Impulsantworten oder sonst wie nachzuahmen versuchen, sind alles andere als neu. Das Sphere L22 geht aber einen anderen, komplizierteren und erfolgversprechenderen Weg. Hier kommt das spezielle Mikrofon mit ins Spiel, denn sonst hätte sich Townsend darauf beschränken können, einfach ein Plug-In anzubieten. Auf den Fotos erkennt man es sehr gut: Das Mikrofon führt die Signale der vorderen und rückseitigen Kapsel getrennt aus dem Body. Ein Adapterkabel trennt beide Signale für die weitere Verwendung am zwingend mindestens zweikanaligen Preamp auf. Und selbst das ist noch nicht neu. Wir hatten vor Jahren das Sennheiser MKH800 TWIN und das Microtech Gefell UM 930 twin im Test. Ich habe damals schon Anregungen zur Nutzung dieser beiden Signale gegeben, aber auch mit zwei getrennten Mikrofonen lässt sich so einige praktische Lösung finden, wie man beispielsweise hier oder hier nachlesen kann. Versucht beispielsweise eine reine Softwarelösung oder ein einkanaliges Hard-/Softwaresystem, ein Mikrofon wie das Coles 4038 nachzuahmen, gibt es technische, logische Restriktionen. Das Coles ist als Bändchen eine Acht. Wie soll nun ein System diese Richtcharakteristik nachahmen, wenn ein Nierensignal den Ursprung des Klangs liefert. Und wie, bitteschön, soll ein Nierenmikrofon „erkennen“, aus welcher Richtung Schall eintrifft, damit es dementsprechend behandelt werden kann? Schließlich sind vor allem die Höhen bei nicht axialer Besprechung im Vergleich zur frontalen oft deutlich verändert. Durch die beiden Kapselsignale des Sphere L22 kann die Software, eine Aufnahme beider Signale vorausgesetzt, aber genau dies alles berücksichtigen. Aus beiden Signalen eines Doppelkapselsystems können alle gängigen Richtcharakteristiken von Niere bis Kugel, beziehungsweise Niere bis Acht hergestellt werden. Der Pattern-Wahlschalter eines normalen umschaltbaren Doppelmembran-Kondensatormikrofons macht das nicht anders.  

Ein Achter- oder Kugelmikrofon aus dem L22-Signal zu basteln, stellt die beiden Townsend-Plug-Ins also nicht vor besondere Probleme. Angenehm natürlich, dass sich durchaus Richtcharakteristiken wählen lassen, die das modellierte Originalmikrofon gar nicht bieten konnte. Breite Niere eines Neumann U 47? Kein Problem. Ein Coles 4038 als Superniere? Geht. Shure SM57 mit Kugelcharakteristik? Auch das ist möglich. Und natürlich: Das Plug-In vermag durch Erkennen des Eintreffwinkels auf das Mikrofon (errechenbar aus dem Delay über den Wegunterschied zwischen Vorder- und Rückseite) nicht nur den axialen Schall korrekt zu modellieren, sondern auch den seitlich oder rückseitig eintreffenden. Die typische Farbe des Raumes eines AKG C12 während einer Gesangsaufnahme kann das Townsend-System also direkt mitberechnen. Uncool ist anders!

Das ist spannend, findet ihr? Wartet ab, das war noch lange nicht alles.

Mit dem Regler „Axis“ ist es möglich, den virtuellen Winkel der Schallquelle zum Mikrofon zu verändern. Weil etwa eine M7-Kapsel bei leicht seitlicher Besprechung einen nicht uncharmanten und sich oft in komplexe Mixes gut einfügenden hohlen Klangcharakter erhält, kann man genau das einstellen – auch erst in der Mischung, wohlgemerkt. Darüber hinaus gibt es einen Regler für den Nahbesprechungseffekt, den man verstärken oder verringern kann. Als weitere Eingriffsmöglichkeit ist ein „Prox EQ“ genanntes Filter regelbar, das den Tiefbassanteil des Nahbesprechungseffekts steuert.  

Und es geht noch weiter: „Off-Axis Correction“ ist ein Prozess, der die Veränderung der richtungsabhängigen Frequenzverläufe zulässt. Typisch ist die stärkere Richtwirkung eines Mikrofons in den Höhen und die geringere zu den Tiefen hin. Der Pattern-Regler im Off-Axis- Correction-Bereich erlaubt eine „Idealisierung“. Dazu sind jedoch ein paar Einstellungen notwendig, denn das L22 kann natürlich nicht wissen, wie weit Schallquelle und reflektive Flächen voneinander entfernt sind. Deswegen gibt es Regler, die in Zentimetern die geringsten Entfernungen angeben sowie verschiedene Modi (Free-Field, zwei Diffuse-Field sowie Auto, das man für komplexere Setups oder sich stärker bewegende Schallquellen nutzen kann). Mit der Off-Axis-Correction kann man beispielsweise entscheiden, ein SM57 in Kugelcharakteristik nutzen zu wollen und dennoch Hyperniere einzustellen, um Übersprechungen oder Rückwürfe gezielt ausblenden zu können. Den „Pattern-Sound“, der ja sehr mikrofonspezifisch ist, stellt man dann mit dem eigentlichen Pattern-Regler im oberen Teil ein, die „technische Richtcharakteristik“ davon unabhängig im unteren Teil der Off-Axis Correction. In diesem Zusammenhang interessant ist das Polar Meter in der Mitte des Plug-Ins, welches die Einfallsrichtung des Schalls zeigt – damit können Bleeding oder auch die Positionen von Instrumenten erkannt werden.  

Ein Mikrofon reicht nicht? Dann eben zwei!

Klickt man auf den Dual-Button, kann man ein zweites Mikrofon auswählen. Hier hat man erneut die freie Wahl von Typus und Pattern, ja sogar die Axis lässt sich unabhängig einstellen. Neben dem Mischungsverhältnis beider Mikros ist mit „Align“ der Abstand beider Mikros zueinander auswählbar. Das geht allerdings nur im sehr begrenzten Maße von insgesamt vier Zentimetern, wodurch starke Änderungen im Bass und den Tiefmitten durch unterschiedliche Phasenlagen eher nicht möglich sein werden. Gut, vielleicht wäre das jetzt auch ein wenig viel verlangt…

Das Sphere L22 kann auch stereo benutzt werden

Auf dem Mikrofon sind Symbole abgebildet. Bei 90° findet man das klassische Stereosymbol mit dem einen anderen Kreis verdeckenden Kreis. Im Stereobetrieb ist dieser Punkt die Mitte des aufzunehmenden Klangkörpers, zeigt also beim Drumrecording zu Snare und Bassdrum und bei Chor und Orchester in deren Mitte. Für die Nachbearbeitung benötigt man in diesem Fall das zweite Plug-In, welches den Zusatz „180“ im Namen trägt. Hier lassen sich dann zwei gleiche oder auch verschiedene Mikrofone für die Stereoaufnahme einstellen. Für jedes der beiden sind Richtcharakteristika genauso wählbar wie die Axis und das dreistufige Hochpassfilter (welches übrigens immer allen Mikrofontypen zur Verfügung steht). Neben dem Pan, das man bei haarspalterischer Genauigkeit eigentlich Balance nennen müsste, ist sicher der Width-Regler von hoher Bedeutung: Dieser kann das Signal bis auf Mono einengen oder auf 200% Basisbreite auffächern. Man darf also festhalten: Das Townsend Labs Sphere L22 macht ganz deutlich mehr, als nur ein wenig andere Mikrofone nachzuahmen. Doch all das muss bedienbar sein und natürlich vernünftig klingen.  

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