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Test
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29.03.2012

Toontrack EZkeys Grand Piano Test

Virtuelles Instrument

Musik-Theorie á la Carte

Toontracks „EZDrummer“-Software ist seit vielen Jahren eine verlässliche Quelle für schnell zusammengepuzzelte Grooves. Als simples Tool für die Übungs-Begleitung gestartet, hat sich das Programm inzwischen zu einem ausgewachsenen Werkzeug gemausert, das eine gut klingende und wachsende Klangbibliothek mit authentischen, von Meistern ihres Fachs eingespielten MIDI-Grooves kombiniert. Mit EZkeys Grand Piano erweitert die schwedische Firma dieses Konzept nun auch auf ein Harmonie-Instrument.

Loop- und Lick-Sammlungen von anderen Instrumenten als Schlagzeug krankten bisher zumeist an einem wesentlichen Problem: Während ein Drumloop in der Regel nur rhythmisch passen muss und dementsprechend schnell gefunden ist, lässt sich eine fertig aufgenommene Phrase eines harmonischen Instrumentes nicht so ohne Weiteres in ein bestehendes Arrangement integrieren. Zum Rhythmus kommt als zweite Dimension die Tonalität und Harmonik, wodurch der Zufall ungleich größer sein muss, damit ein Baustein aus einer Library in den eigenen Song passt. Bisherige Bemühungen, dieses Problem zu lösen – etwa Steinbergs Virtual Guitarist-Reihe oder die Liquid Instruments von Überschall – konnten nicht wirklich überzeugen.

EZkeys Grand Piano hingegen kombiniert einen gesampelten Steinway-Flügel mit zahlreichen MIDI-Loops aus unterschiedlichen Stilistiken, die laut Toontrack von einem erfahrenen Session-Pianisten eingespielt wurden. Hinzu kommt eine ausgefuchste Funktion, die Akkorde erkennen, austauschen und umbauen kann und damit nicht nur das oben beschriebene Handicap beheben soll, sondern auch ein Werkzeug für Songwriting und Übungszwecke sein möchte. Wir haben den Klavier-Roboter für euch ausprobiert.

DETAILS

EZkeys Grand Piano funktioniert im Stand-alone-Betrieb oder als Software-Instrument (VST, AU, RTAS) innerhalb einer DAW. Die Software läuft im 32-bit- oder 64-bit-Modus. Kernstück des Programms ist der besagte gesampelte Steinway-Flügel, der dank einer verlustfreien Datenkompression nur gut 500 MB auf der Festplatte belegt und damit im Dunstkreise der heutigen Piano-Librarys fast bescheiden wirkt. Die Ladezeit beim Programmstart hält sich deshalb auch erfreulich in Grenzen. 

Das Instrument verfügt über „Sympathetic Resonance“-Samples, was bei einer Piano-Library in dieser Preisklasse durchaus bemerkenswert ist. Diese sollen die klaviertypischen Saitenresonanzen abbilden, aber auch Release-Samples sowie Hammer- und Sustainpedal-Geräusche sind vorhanden.

Mit einigen Features der teuren Konkurrenz, wie etwa Repetitions-Samples, kann EZkeys nicht aufwarten – das kann man zu dem Preis aber auch nicht erwarten. Im Vordergrund steht hier nicht die absolut detailgetreue Abbildung eines Konzertflügels für klassische Musik, sondern ein unkompliziertes Begleitpiano für Pop und Rock – eben easy. Und dafür sollte das Gebotene in der Regel völlig ausreichen. 

Interface
Die Benutzeroberfläche von EZkeys ist in drei Sektionen unterteilt. Ganz oben befinden sich zwei Listen, die der Auswahl von Librarys und Presets dienen, sowie ein Menü, in dem sich verschiedene globale Voreinstellungen ändern sowie z.B. die PDF-Bedienungsanleitung aufrufen lassen. Die Library-Auswahlliste deutet darauf hin, dass es in Zukunft neben dem Grand Piano noch weitere EZkeys-Librarys geben wird; tatsächlich verrät ein Screenshot in der Bedienungsanleitung schon die Existenz einer Upright-Piano-Library. Und es würde mich wundern, wenn Toontrack nicht auch schon an E-Piano-Librarys bastelte. Damit setzt die Firma das EZDrummer-Konzept fort, die Software Schritt für Schritt um zusätzliche Sounds zu erweitern.

Mittels der Preset-Liste lassen sich verschiedene Voreinstellungen aufrufen, die sowohl die Details des Klaviersounds selbst (Hammergeräusche, Release-Samples, etc.) als auch die Effekte betreffen. Das Speichern von User-Presets ist ebenfalls möglich. Ruft man ein Preset auf, kann man es über die vier Drehknöpfe links unten weiter einstellen. Die Knöpfe wechseln je nach Preset ihre Funktion und stellen die jeweils verfügbaren Regelmöglichkeiten dar. 

Etwas unübersichtlich ist, dass die Möglichkeiten zur Einstellung des Klaviersounds – etwa die Lautstärke der Hammer- oder Pedalgeräusche – in die Preset- bzw. Effekt-Sektion integriert wurden. Man hat nur Zugriff auf diese Parameter, wenn man zuvor ein Preset ausgewählt hat, das die entsprechenden Regler bereithält. Besser wäre es gewesen, die vier Drehknöpfe für die Effekte zu reservieren und für die Feineinstellung des

Klaviersounds eine eigene, permanent zugängliche Abteilung zu schaffen.
Auch die Effekte lassen vermuten, dass bereits an weiteren Librarys gewerkelt wird, denn viele von ihnen wirken bei einem Grand Piano etwas fehl am Platz. Für Rhodes- oder Wurlitzer-Klänge kämen sie jedoch wie gerufen. Die Einstellmöglichkeiten beschränken sich auf das Wesentliche – einen detaillierten Zugriff auf die Effekte bekommt man leider nicht. Auch das genaue Routing bleibt im Dunkeln. Klangbeispiele der Effekte gibt es dann im Praxis-Check.

In der Mitte der Bedienoberfläche thront in der Standardansicht ein grafisch aufwändig gestalteter Flügel. Dieser sieht zwar ausnehmend gut aus und visualisiert die gespielten Noten und die gedrückten Pedale, aber ausschließlich zur Zierde ist er nicht gedacht. Unter zwei Abdeckungen links und rechts der „Notenablage“ verbergen sich Einstellmöglichkeiten für die Velocity-Kurve, die Transposition und Stimmung des Instruments. Letztere beschränken sich auf das globale Tuning; alternative Temperierungen sucht man vergeblich. Auf der Notenablage wird beim Spielen außerdem der gerade gespielte Akkord angezeigt, was ein schönes Feature für Übungszwecke ist.

Den unteren Bereich der Oberfläche nimmt die Song-Sektion ein. Darunter kann man sich eine Art Mini-Sequenzer mit einer Spur vorstellen. Ein Klick auf den Song-Browser-Button öffnet den MIDI-File-Browser, der Benutzern von EZDrummer bekannt vorkommen dürfte. Hier kann man MIDI-Files vorhören, auswählen und sie dann auf die Zeitleiste in der Song-Sektion ziehen. Außerdem ist es möglich, externe MIDI-Files per Drag and Drop einzubinden. Leider funktionierte es im Test noch nicht, MIDI-Regionen direkt von einer Logic-Spur in EZkeys hineinzuziehen. Vom System-Browser aus (Windows-Explorer bzw. Finder) klappte das Ganze allerdings ohne Probleme. Momentan muss man also erst MIDI-Files vom Sequenzer aus exportieren, um sie anschließend in EZkeys importieren zu können. Das ist zwar noch etwas umständlich, aber nur ein temporäres Problem, wie mir Toontrack versprach, da am direkten DAW-Support bereits gearbeitet wird.


Legt man ein MIDI-File auf der Zeitleiste der Song-Sektion ab, wird es im Hinblick auf die gespielten Akkorde analysiert. Diese werden daraufhin angezeigt und lassen sich mit der Akkord-Designer-Funktion bearbeiten. So kann die MIDI-Performance an die eigene Komposition angepasst werden. Auf dieses sehr interessante Feature werden wir im Praxisteil noch genauer eingehen.

Die MIDI-Regionen lassen sich in der Song-Sektion auch zerschneiden und neu zusammensetzen, sodass man hier einen kompletten Piano-Track zusammenbauen kann. Leider produziert die Schnittfunktion bei laufendem Sequenzer reichlich Noten- und Sustainpedal-Hänger. Falls gewünscht, kann das Ergebnis dann per Drag and Drop auf eine MIDI-Spur des Host-Sequenzers gezogen werden. Auch lässt sich der gesamte Track auf diese Art in den Finder (Mac) oder Explorer (Windows) als MIDI-File exportieren. Beim Einsatz innerhalb einer DAW ist EZkeys normalerweise so eingestellt, dass es dem Tempo und der Song-Position des Host-Sequenzers folgt. Bei Bedarf lässt sich aber auch dies deaktivieren. 

Ganz unten befindet sich ein kleiner Bereich zur Einstellung der Songtonart, der Taktart und des Tempos. Besonders der Tonart kommt hier eine Schlüsselrolle zu, denn MIDI-Files können beim Import automatisch transponiert und an die Songtonart angepasst werden. Deshalb sollte man diese gleich zu Beginn richtig einstellen. 

MIDI-Library
EZkeys Grand Piano beinhaltet eine umfangreiche MIDI-File-Bibliothek, die vom schwedischen Session-Pianisten Rickard Frohm eingespielt wurde. Neben Piano-Patterns aus Pop, Rock und Soul/R'n'B umfasst die Library auch die Stilrichtungen Jazz, Latin, Blues, Boogie und Funk, aber auch Country- und Gospel-Patterns sind enthalten. Hinzu kommen dankenswerterweise auch simple Akkord-Patterns (z.B. Viertelnoten oder gebrochene Akkorde), die einfach gehalten und nicht stilgebunden sind. 

Die MIDI-Files sind in jeder Stilkategorie zunächst nach Taktart und der Unterscheidung Straight/Swing sortiert. Das ist praktisch, denn so werden diejenigen Patterns, die aus Prinzip gar nicht passen können, gleich von vornherein herausgefiltert. 

Auch die weitere Sortierung ist sehr praxisnah und erlaubt das schnelle Auffinden von passenden Patterns. Ähnlich wie bei einem Arranger-Keyboard stehen in jeder Stilistik verschiedene „Styles“ zur Auswahl, die Namen tragen wie „Rock Ballad 74 BPM“ oder „Boogie 12 Bar Killer 156 BPM“. In jedem Style gibt es dann Unterkategorien wie Intro, Verse, Chorus und Bridge. Doch damit nicht genug, denn für jedes dieser Elemente sind vier verschiedene Variationen verfügbar, die sich in ihrer rhythmischen Intensität unterscheiden. Gepaart mit der Möglichkeit, die Akkorde an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, ergibt das eine wirklich umfangreiche Auswahl an Patterns und Grooves. Von einfachen Begleitfiguren, die sich fast überall gut einfügen, bis hin zu recht üppigen, rhythmisch dichten Spuren ist für jeden Geschmack etwas dabei. Probieren wir also einmal aus, wie das Ganze in der Praxis funktioniert!

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