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26.05.2020

Snaremikrofone: 24 Mikros im Vergleich

Verschiedene Snaredrum-Mikrofone mit Audio und Video

Standards und Exoten, Moderne Mikros und Vintage-Klassiker

24 Mikrofone, die sich für die Aufnahme von Snares eignen, hat man nicht alle Tage im Studio, genauso wenig wie die Zeit, ein knapp 20-minütiges Vergleichsvideo daraus zu schneidern. Aber der Aufwand ist es wert, denn die Frage nach dem passenden Snaredrum-Mikrofon beschäftigt Tonleute und aufnehmende Drummer immer wieder sehr. Die Auswahl allein an neuen Mikrofonen muss nämlich als ziemlich erschlagend bezeichnet werden. Da gibt es die bekannten Standards wie das Shure SM57, mit welchem wahrscheinlich schon jedes erdenkliche Instrument auf der Welt aufgenommen wurde. Es folgen modernisierte Alternativen wie das Audix i5, welche den potenziellen Käufer mit einem Schlagzeug-optimierten Frequenzgang von sich überzeugen möchten. Manche Kenner schwören wiederum auf den Klang von alten Klassikern vom Schlage des edlen Sennheiser MD441 oder greifen zu modernen Kondensator-Varianten wie dem Earthworks DM20. Manchmal diktiert allerdings auch der Preis die Anschaffung und nicht wenige fragen sich dann, ob denn so ein günstiges Modell wirklich so viel schlechter klingt.

Natürlich lässt sich selbst mit dem umfassendsten Vergleichstest nicht objektiv sagen, welches Mikrofon das „beste“ ist. Das liegt nicht nur daran, dass es verschiedene Stilistiken und Geschmäcker und eine riesige Menge an verschiedenen Snares gibt, sondern eine ins Unendliche tendierende Zahl an verschiedenen Sounds, welche wiederum durch Räume, Spielweisen, Sticks und andere, mitschwingende Trommeln bestimmt werden. So kann selbst ein und dieselbe Snaredrum mit demselben Fell und vom selben Drummer gespielt, vollkommen unterschiedlich klingen, wenn man ihre Position oder den Aufnahmeraum verändert. Lässt man jedoch – wie in diesem Vergleich – alle Faktoren identisch und ändert nur das Mikrofon, treten die grundsätzlichen Eigenschaften der verschiedenen Schallwandler teils klar unterscheidbar hervor. Genau so haben wir es gemacht.

Die Prozedur: vier Kategorien, zwei Snaredrums

Es sind insgesamt 24 Mikrofone zu diesem Vergleich angetreten. Alle Modelle habe ich zudem an zwei deutlich unterschiedlich gestimmten Snaredrums ausprobiert. Das Referenzmodell ist meine 14x5,5 Zoll DW Craviotto Snaredrum mit massivem Kirschholzkessel und massiven Messingspannreifen. Sie gehört aufgrund ihres extrem ausgewogenen und druckvollen Sounds zu meinen persönlichen Favoriten und bildet die klanglichen Eigenschaften unserer Schallwandler sehr gut ab. Als Alternative habe ich eine alte Yamaha Recording Snare aus Stahl gewählt, wobei deren eigentlicher Kesselcharakter unter einem ausgeschnittenen Fell und tiefer Stimmung nahezu verschwindet. Dieser „Düsch“-Sound ist momentan sehr gefragt und legt den Fokus auf die untere Mitten- sowie Höhenübertragung der Mikros. Als Preamp kommt ein Sebatron vmp4000e zum Einsatz, dessen Signal von einem RME UFX Interface gewandelt wird, um dann in Logic Pro geschickt zu werden. Von jedem Mikro und jeder Snare gibt es jeweils ein Solo- und ein Mixsignal. Bei den anderen Mikros handelt es sich um AKG C214 Overheads, ein Sontronics DM1-B Bassdrum-Mikro innen sowie ein Solomon Subkick-Mikrofon am Resonanzfell. Für ein bisschen räumliche Dimension kommt ein leicht komprimiertes Mojave MA201 „Underhead“-Mikro zum Einsatz, allerdings nur in geringen Dosen. Bei der Positionierung aller Mikrofone habe ich jeweils den Sweetspot gesucht, wobei die Kapsel etwa zwei Zentimeter über dem Spannreifen liegt und die Einsprechachse auf die Mitte des Fells ausgerichtet ist.

Um die Orientierung etwas zu erleichtern, habe ich die Mikrofone in vier Gruppen unterteilt, als da wären Standards und moderne Mikros, Klassiker, günstige Kopien/Alternativen und Exoten/Spezialisten. Diese Kategorien sollten allerdings nur als grobe Richtschnur gesehen werden, denn es gibt natürlich Überschneidungen. So ist das Shure SM57 natürlich nicht nur ein aktuelles Standardmikrofon für die Anwendung, sondern auch ein Klassiker, welcher schon einige Jahrzehnte Produktionszeit auf dem Buckel hat. Bevor wir zum Sound der Mikros kommen, möchte ich kurz vorausschicken, dass dies kein Test ist. Die detaillierte Beschreibung aller Modelle würde hier den Rahmen sprengen, ich verweise stattdessen auf die bereits vorhandenen Einzeltests vieler Mikrofone.

Manche Mikros ähneln sich stark

Wenn ihr dieses Feature lest und euch die Soundfiles oder das Video anhört, habt ihr möglicherweise schon ein oder mehrere Mikrofone auf dem Schirm, die euch interessieren. Sofern es sich nicht gerade um das Copperphone handelt, könnte es sein, dass ihr die Unterschiede zwischen einigen Modellen nicht allzu groß findet. Und das ist völlig normal, denn besonders im Mix mit anderen Mikros oder gar mit anderen Instrumenten, schrumpfen manche Eigenheiten bis zur Unhörbarkeit. Dies liegt zunächst daran, dass sich viele unserer Kandidaten konstruktiv ähneln, hinzu kommt der generelle klangliche Charakter einer Snaredrum. Wir haben es hier mit einem sehr kurzen Impuls zu tun, der kaum eine klare Tonalität besitzt und sich aus verschiedenen Sound-Anteilen zusammen setzt. Analytisches Vergleichen wird aber noch durch einen weiteren Faktor erschwert und das ist die Rolle des Snaremikros im Mix. Nicht umsonst sprechen alteingesessene Studioleute bei den Nahmikrofonen auch von Stützmikros. In den meisten Musikrichtungen liefern nämlich die Overheads und eventuell vorhandene Raummikrofone bereits die grundsätzliche Klanginformation, das Snaremikro hat eher stützende Funktion. Ein ungeübtes Gehör nimmt den Unterschied zwischen an- und abgeschaltetem Snaremikro im Mix womöglich gar nicht sofort wahr.Das heisst natürlich nicht, dass es deswegen unwichtig ist, im Gegenteil. Je genauer ihr wisst, welchen Klang ihr haben möchtet, desto relevanter wird auch die Wahl des Mikros. Ich möchte euch jetzt ein paar Kategorien vorstellen, anhand derer ich mein(e) Snaremikro(s) auswähle.

Ein paar Tipps zum Anhören der Sounds

Wenn ihr noch keine große Erfahrung mit dem analytischen Hören habt, kommen hier ein paar Tipps, wie ihr Unterschiede wahrnehmen könnt. Um möglichst viel eurer Aufmerksamkeit auf die Mikros zu lenken, habe ich mich bemüht, immer dieselben beiden Grooves zu spielen. Geht also folgendermaßen vor. Hört zunächst einfach drauflos, springt in den Files oder Videos herum und macht euch erstmal mit dem Setting vertraut. Anschließend konzentriert ihr euch auf bestimmte Anteile im Klang der Snare.

Höhen und Snareteppich

Hier eignet sich der Höhenbereich, also der Snareteppich sehr gut. Versucht, das zischelnde Geräusch zu isolieren und achtet darauf, wie die Mikros es übertragen. Klingt es eher offen und frisch oder ein bisschen belegt? Ist es klar abgegrenzt oder eher rauschig und weniger definiert? Beginnt immer zunächst mit den Solo-Files und hört dann, was im Mix passiert.

„Pong“: der Kesselton

Als nächstes könnte ihr den Ausklang (Sustain) der Snare unter die Lupe nehmen. In unserem Fall geht das natürlich am besten bei der offen gestimmten DW Craviotto Holzsnare. Ist er sehr dominant und im Vordergrund, erzeugt er also ein tonales „Pong“ oder bleibt er zurückhaltender und integrierter? Auch hier solltet ihr zunächst die Solofiles im Player checken.

Attack

Wichtig für die Durchsetzungsfähigkeit einer Snare im Mix ist natürlich der Anschlag, also der initiale Knall, wenn der Stock das Fell trifft. Der Anstieg im Signal wird Transient genannt. Manche Mikros bilden diesen Knall sehr klar und plastisch ab, andere wirken fast ein bisschen komprimiert, die Membran braucht also ein bisschen, um einzuschwingen.

Übersprechungen

Ja, tatsächlich! Hört auch darauf, wie laut die im Groove gespielten Becken sind und wie diese klingen. Hört sich das restliche Geschehen relativ realistisch, nur eben lautstärkereduziert an oder scheint es, als würde das restliche Kit durch eine Blechdose näseln?

VIDEO: 24 Snaremikrofone im Vergleich

Meine Eindrücke

Im Netz geistern immer wieder verschiedene Tipps zum Kauf des richtigen Snaremikrofons herum, oft werden bestimmte Klassiker genannt, an welchen angeblich für diesen oder jenen Sound kein Weg vorbei führt. Das mag manchmal tatsächlich manchmal so sein, trotzdem behaupte ich, dass es einen großen „Pool“ an Snaremikros gibt, die euch auf keinen Fall am Aufnehmen toller Sounds egal welcher Art hindern werden. Macht euch auch immer klar, dass das Mikro nur ein Teil einer oft langen Kette ist. Hier kommen meine eigenen Eindrücke zu einigen unserer 24 Kandidaten.

Allrounder

Na, wie heisst das Snaremikro, welches vermeintlich in keinem Studio fehlen darf? Richtig, Shure SM57. Dieses Teil liefert seit Jahrzehnten Snaresounds aller Art und hat damit auch die Wahrnehmung geprägt. Es klingt in den Mitten druckvoll und rund und betont den Körper der Trommel. Gleichzeitig ist es aber kein besonders natürlich, detailliert oder realistisch klingendes Mikrofon. Trotzdem klingt es gut und mir würde auf Anhieb keine Snaredrum-Anwendung einfallen, in der ich es auf gar keinen Fall verwenden würde. Eine ähnliche Charakteristik bieten heutzutage viele Hersteller an, auch Kopien sind einige auf dem Markt. Das SM58 besitzt grundsätzlich den gleichen Klang, aber auch mit den Alternativen anderer Hersteller macht ihr in den seltensten Fällen wirklich etwas falsch.

Darf es etwas höhenbetonter und moderner zugehen?

Ihr kennt den SM57-Sound, aber wünscht euch gerade in den Höhen etwas mehr Brillianz und Realismus? Dann könntet ihr euch Modelle wie das Audix i5, das Telefunken M80, das Beyerdynamic M201TG, das Audio Technica ATM230, das Sennheiser e835 oder das sE Electronics V7X anhören. Eine absolute Edellösung stellt hier das Sennheiser MD441 dar, welches in der aktuellen Version allerdings mit guten 800 Euro Kaufpreis zu Buche schlägt. Interessanterweise fällt auch das alte Beyerdynamic MC640N in die Kategorie der sehr lebendigen Snare-Alternativen. Gebraucht ist so eines für unter 100 Euro zu bekommen.

Fokus auf den Kesselton

Beim Vergleichen der Files stechen sowohl das Shure SM7B als auch das Sennheiser e906 mit einem besonderen Fokus auf den Kesselton der DW Snare heraus. Aber auch das Beyer M88TG scheint etwas mehr Gewicht auf den Körper der Trommel zu legen. Pong!

Maximaler Realismus geht mit Kondensatormikros besser

Kondensatormikrofone sind allgemein nicht nur für eine höhere Empfindlichkeit bekannt, sondern auch für eine besser aufgelöste Höhenwiedergabe. Das Earthworks DM20 ist dafür ein sehr gutes Beispiel, denn es gibt die Details der Snaredrum akkurat, schnell und realistisch wieder. Besonders Ghostnote-Spieler und Besenfreunde könnten damit glücklicher werden als mit einem Dynamiker à la SM57.

Ist billig gleichzusetzen mit schlecht?

Hier in unserem Snaredrum-Szenario ist kein Mikrofon „schlecht“. Schließlich geht es auch um den Geschmack. Allerdings fällt bei allen vier Modellen der günstigen Preisklasse – die beiden Behringer, das Electro-Voice Cobalt Co4 und das Superlux PRA628 MKII - eine gröbere Auflösung bei gleichzeitig etwas „dosiger“ klingenden Einsprechungen auf. Da kommen die teureren Kandidaten eleganter daher.

Bei den Spezialisten ist alles erlaubt

Dass man Spezialmikrofone wie das Copperphone nicht mit den Maßstäben Realismus und Auflösung beurteilen sollte, dürfte klar sein. Hier geht es um einen ganz eigenen, Telefon-artigen Sound, der in der heutigen Welt einzigartiger Klänge sicherlich seine Berechtigung hat. Wenn euch solche Experimente interessieren, solltet ihr auf euer konventionelles Snaremikro mal eine leere Dose oder Plastikflasche stecken. Ich verweise euch mal an meinen Instagram-Kanal, auf dem ich mich mit Hingabe solchen Modifikationen widme.

Erstaunt war ich auch vom Electro-Voice N/D 868 Bassdrum-Mikro, welches mir fast wie ein Höhen-reduziertes SM57 vorkommt und insgesamt wirklich brauchbar kling

Audiofiles (Player)

Hier könnt ihr euch alle Mikrofone zunächst an der offen gestimmten DW Craviotto Holzsnare anhören, einmal im Kontext mit den anderen Mikrofonen und einmal solo:

Nun folgen dieselben Mikrofone an der stark gedämpften Yamaha Stahlsnare:

Audiofiles (Download)

Hier gibt es alle Audiofiles zum Download:

Fazit

24 Snaredrum-Mics mussten an zwei unterschiedlich gestimmten und gedämpften Snaredrums zum großen Vergleich antreten. Das günstigste Snaremikro kostet kaum 30 Euro im Laden, für das teuerste wird der Soundfreund an der Kasse um 800 Euro erleichtert. Klingt letzteres so viel besser? Die Antwort darauf fällt nicht eindeutig aus. Eine Snaredrum erzeugt nämlich zunächst einmal einfach einen kurzen Geräuschimpuls, den die allermeisten Mikrofone mehr oder weniger unfallfrei übertragen können und damit zu einem potenziellen Werkzeug im Studio- oder Live-Einsatz werden. Viele unserer Vergleichskandidaten liefern – zumindest für das ungeübte Gehör – relativ ähnliche Ergebnisse, welche sich im Mix mit anderen Mikrofonen oft kaum voneinander unterscheiden. Daher hilft es, wenn ihr euch beim Beurteilen auf bestimmte Klanganteile konzentriert und euch fragt, was für einen Sound ihr denn eigentlich haben möchtet: soll es der fette, druckvolle Backbeat sein oder sollte das Mikrofon auch feinste Nuancen der Teppichansprache plastisch abbilden können? Natürlichkeit und Präzision kostet in der Regel mehr, was nicht bedeutet, dass ihr für um die 100 Euro nicht ein tolles Snaremikro bekommt, welches viele Jahre und an vielen Snares tolle Ergebnisse liefert. Bildet euch am besten selbst ein Urteil, richtig unbrauchbare Snaremikrofone gibt es zum Glück kaum.

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