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06.06.2019

Scat Vocal Improvisation – Ist scatten lernen schwierig?

Muss ich mich dafür mit Harmonielehre auskennen?

Die ersten Schritte zur Scat-Improvisation

"Ich will scatten lernen, hast du ein paar Übungen dafür?" - solch einen Satz habe ich schon öfter in meinem Gesangunterricht gehört. Wer einmal angefangen hat, sich mit Jazzgesang zu beschäftigen, interessiert sich früher oder später auch für das Scatten. Die Erwartung, es schnell und einfach zu lernen, ist immer sehr hoch. Es gibt ja schließlich Übungsbücher für Jazz-Vokalisten. Zur Überraschung meiner Schülerinnen und Schüler gebe ich ihnen statt Übungsbüchern erst einmal andere Tipps, um das Improvisieren zu erlernen. Nicht wenige geben bald auf, weil sie merken, dass es eine Menge Zeit und Übung kostet, bis man sich durch die wichtigsten Aufnahmen durchgehört, Solos rausgehört und nachzusingen gelernt hat.

Dabei ist es gar nicht so kompliziert. Man muss als Sänger einfach nur kapieren, dass für sie die gleichen Regeln gelten wie für Instrumentalisten. Und für die ist es völlig selbstverständlich, dass man sich den Jazz vor allem über das Gehör aneignet. So war es schon immer, und so funktioniert es noch immer am Besten. Denn was wir nicht wollen, ist eine technisch erlernte Musik. Und auch wenn Jazz-Improvisationen manchmal sehr technisch und kompliziert klingen, so werden sie nur als gut wahrgenommen, wenn sie inspiriert gespielt werden. Doch was bedeutet Inspiration? Sicherlich nicht das "Runterdudeln" von Licks und Patterns.

Ich habe ein paar Videos von Interpreten zusammengestellt, deren Scat Vocal Improvisationen leicht nachvollziehbar sind. Durch das Nachsingen bekommst du ein erstes Gefühl fürs Scatten. Außerdem nehmen wir uns das Lied "The days of wine and roses" vor. Fünf Jazzmusiker/innen stellen ihre Interpretationen des Songs vor. So kannst du vergleichen und lernen, was man alles mit einem Song machen kann.

Zusätzlich gibt es ein paar Beispiele für häufig gebrauchte Scat-Silben und Videos von Michele Weir für Scat-Vocal-Anfänger.

Was ist Improvisation im Jazz eigentlich?

Improvisation sollte zunächst nicht als etwas gesehen werden, das von der Interpretation eines Songs losgelöst ist, denn sie ist nur eine Erweiterung der Interpretation. Man kann es quasi als eine ausführlichere Erzählung dessen, was man im Song bereits angedeutet hat, sehen.

Natürlich bedarf es dann einem größeren Wortschatz. Im übertragenen Sinne sind das die Noten aus den passenden Skalen und Tonleitern. Jedoch - würden wir nur darauf achten komplexe Satzstrukturen zu formulieren - könnte es passieren, dass jegliche Emotion verloren geht. Man ist dann als Zuhörer allenfalls beeindruckt, aber nicht unbedingt berührt. Und das ist der große Unterschied.

Es kommt drauf an, was man erreichen will. Viele junge Jazzmusiker wollen offensichtlich lieber beeindrucken. Doch das erreicht nur eine kleine Gemeinde von Jazz-Fans. Die Mehrheit des Publikums versteht bei komplexen und virtuosen Improvisationen kein Wort und bleibt den Jazz-Konzerten schließlich fern.

In früheren Zeiten sind Jazzmusiker anders an Improvisation herangegangen. Sie waren kreativ und wollten eine Message transportieren. Perfekte Virtuosen gab es nur sehr wenige. Warum also orientieren wir uns nicht mehr an unseren großen Vorbildern? Wir verehren sie, aber vergessen worum es ihnen damals ging.

Kürzlich hat Wynton Marsalis ein Interview gegeben, in dem er den Musikern die Schuld dafür gibt, dass die Clubs immer leerer werden. Er sagte: "The musicians suck". Er beklagte, dass die Jazzmusiker/innen von heute zu mathematisch spielen. Die Musik sei starr geworden, die Improvisationen "überprobtes" Wiederkäuen und übehaupt bräuchte das Publikum einen Musikabschluss, um zu verstehen, was gespielt wird. Das klingt zwar hart, bringt die Sache aber auf den Punkt.

Wie kann man scatten lernen?

1. Zunächst einmal solltest du dir eine lange Playlist zusammenstellen, die Jazzmusik aus sämtlichen Jahrzehnten enthält. Und bitte nicht nur Vocal Jazz, sondern vor allem Instrumental Jazz.

2. Höre intensiv hin! Versuche jedes Instrument zu verfolgen. Achte darauf, wie die Instrumente zusammenspielen. Im Jazz passiert vieles spontan und intuitiv. Die Musiker reagieren mit ihrem Spiel auf Impulse. Wenn z. B. der Pianist in seinem Solo die Dynamik erhöht, gehen die anderen sofort mit. Auch das ist Teil der Improvisation.

3. Als nächstes singst du Ton für Ton nach. Ja, genau! Je genauer du Tonlinien, Phrasierungen etc. nachsingen kannst, desto besser. Du eignest dir so nach einer Weile viel Vokabular an, das du später in deinen eigenen Improvisationen einbauen kannst. Die Art der Silbensprache richtet sich nach Rhythmus und Artikulation. Achte sehr genau darauf, ob Töne lang oder kurz, akzentuiert oder unbetont mit weichem oder hartem Ansatz gespielt werden, und welchen Vokal sie in ihrem Klang haben. Entsprechend kannst du die Silben selbst bestimmen.

4. Folgende Silben kommen sehr häufig in Scat Soli vor. Wenn man sie spricht kann man buchstäblich eine Big Band hören, die ein Swing Arrangement spielt.

Du wha - ba du wha - ba du bi du bi du bi du wha.

Di dn di dn di ba du ba. Ba du dap - ba du bap.

dulia dap dulia dap. Shaba daba dulia du bap.

Ganz wichtig ist hierbei, dass man sich an die Aussprache der Amerikaner hält. Ihr u klingt weniger rund als unseres. Und auch das i klingt etwas offener, fast wie ein e. Bei zu deutscher Aussprache klingt der Scat-Gesang sofort komisch.
Um sein Solo zum Swingen zu bringen, hört man sich am Besten sehr viel Big Band Musik an. Count Basies Arrangements sind ein großartiges Beispiel für swingenden Big Band Sound.

Wie viel theoretisches Wissen braucht man für eine gute Scat-Vocal-Improvisation?

Für die Harmonielehre-Einsteiger empfehle ich die Harmonielehre-Workshops von Bonedo.

Im Jazz begegnet man bestimmten Akkordverbindungen immer wieder. Mit der Zeit erkennst du diese Akkordprogressionen (auch Akkordverbindungen, Chord Changes oder Kadenzen genannt) in den Songs und kannst dann die passenden Melodien darüber improvisieren. Natürlich schadet es nicht, sich ein bisschen in die Harmonielehre des Jazz hineinzulesen.
Viele Dinge, die im Jazz scheinbar frei gespielt werden, erschließen sich erst, wenn man das Solo genau verfolgt und analysiert.

Wenn du Noten schreiben bzw. lesen kannst, dann könnte es auch hilfreich sein, das Solo zu transkribieren.

Es gibt in der Jazzgeschichte aber viele hervorragende Solisten, die von Musiktheorie gar keine Ahnung haben. Sie haben einfach immer nur sehr genau zugehört. Also nur Mut!

Am wichtigsten ist: Hören, hören, hören. Nachsingen, nachsingen, nachsingen!!!

Praxisteil Scat Vocal Improvisation

Hier ein paar Vorschläge für Improvisationen, die sich relativ leicht nachsingen lassen.

Chet Baker in drei Schwierigkeitslevel:

It Could Happen to You



But Not For Me



Do It The Hard Way



Sarah Vaughan:

Lullaby Of Birdland



How High The Moon



Shulie a Bop



Hier ein schönes Video, das noch mal erklärt, was Scat-Gesang eigentlich ist.

Introduction to Scat Singing:



Für Fortgeschrittene, die schon etwas von Harmonielehre verstehen und etwas Klavier spielen können:

Michele Weir - Scat Singing 1



Michele Weir - Scat Singing 2



The days of wine and roses

Höre dir unterschiedliche Aufnahmen dieses Songs von Henry Mancini & Johnny Mercer von verschiedenen Künstler/innen an und vergleiche sie. Jeder Künstler interpretiert den Song auf seine Weise und improvisiert entsprechend über die Chord Changes, die sie auch manchmal reharmonisieren. Auch variiert das Tempo bei den Aufnahmen. Versuche dich jeweils in die Versionen hineinzufühlen und zu hören. Singe die Soli und die Themen nach.

Cassandra Wilson – Vocal: (Joshua Redman-Sax Solo)



Andy Williams - Vocal:



Dexter Gordon - Tenor Sax:



Bill Evans - Piano:



Art Farmer -Trumpet:



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