Hersteller_Roland Electronic_Beats
Test
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25.07.2017

Praxis

Bereits nach wenigen Minuten mit dem Roland SE-02 lässt sich die Freude nur schwer unterdrücken. Aus dem Mini-Synthesizer kommt ein extrem fetter und druckvoller Grundsound. Durch die drei Oszillatoren kann man aus dem Vollen schöpfen und der SE-02 beeindruckt mit einer großen Bandbreite von Sounds, die allesamt konsistent und gültig klingen und von einer bestechenden, analogen Direktheit sind. Ich verwöhne mich zunächst mit einer Bass-Massage. Von einem simplen einzelnen bis hin zu gegeneinander verstimmten, oktavierten Oszillatoren lassen sich hier in alter Moog-Manier auf unkomplizierten Wege schnell Bässe in allen Facetten erschaffen, die die Wände wackeln lassen.

Das Filter steht klanglich selbstbewusst irgendwo zwischen Moog und SE-1. Es schmatzt, schiebt und wirkt fast etwas kratzig, wenn es stark aufgerissen wird. Der direkte Vergleich bleibt an dieser Stelle leider aus, was aber vielleicht auch gut ist. Der SE-02 braucht ihn meiner Meinung nach nicht – es geht ja wie gesagt gar nicht um eine möglichst authentische Moog-Kopie. Die Resonanz ist bei unserem Prototypen lange kaum hörbar, bei etwa 3/5 des Regelwegs dann aber auf einmal sehr stark präsent und erzeugt einen deutlichen Abfall der Lautstärke. Ich hoffe, dass das Emphasis-Poti bei der endgültigen Version des SE-02 neu kalibriert sein wird. Das Filter-Tracking hingegen funktioniert ohne Probleme, wie das folgende Beispiel mit oszillierendem Filter zeigt.

Die Oszillatoren können zwar über die „Fine“-Regler gegeneinander verstimmt werden, jedoch stelle ich schnell fest, dass sie das in den Oktaven ohnehin schon sind. Das Tracking, vor allem bei Oszillator 1, ist scheinbar nicht ganz sauber, wodurch die Intonation des SE-02 leicht schwankt. Das erinnert schnell an Vintage Synths und hat einen gewissen Charme. Jedoch hätte ich mir bei einem modernen Gerät gewünscht, den Grad der internen Verstimmung auswählen zu können. Auch dieser Kritikpunkt steht aber unter dem Vorbehalt eines Prototypen: Gut möglich, dass hier bei den Seriengeräten noch etwas justiert wird.

Die Envelopes arbeiten schnell, was knackige Drum- und Percussion-Sounds ermöglicht:

Moog-Referenz hin oder her: Wir hätten uns über Release-Regler bei den Envelopes gefreut. Das Zuschalten von Release auf das Decay-Poti ist immer ein Kompromiss, da es ja oft durchaus gute musikalische Gründe dafür gibt, unterschiedliche Release- und Decay-Zeiten zu nutzen. Wer den SE-02 durch die Minimoog-Brille betrachtet, wird hier nichts vermissen – auch die Kollegen von Skinnerbox sehen diesen Umstand in ihrem Video Review eher als Vorteil. Dennoch wäre man mit getrennt regelbarer Release-Zeit musikalisch noch flexibler.

Weiter geht's. Schnell werde ich zum Fan des Feedback-Reglers, der in Zusammenarbeit mit Noise und Filter zum Beispiel Lead-Sounds andickt oder auch kaputt macht:

Beim SE-02 kann man sich aber nicht nur einen externen Verzerrer sparen, er besitzt ja auch noch ein Delay. Es arbeitet digital und klingt deshalb sehr sauber und exakt, hat aber dennoch durch minimale Schwebungen und Verzerrungen einen gewissen Charakter. Dreht man den Feedback-Regler ordentlich hoch, kann man das Delay auch problemlos als eine Art Looper nutzen.

Auch die XMOD-Sektion trägt zum soliden Grundsound und zur klanglichen Flexibilität des SE-02 bei und ist dabei erfreulich einfach zu bedienen. Mit den drei Potis, mit denen sich auf einfachem Wege drei essentielle Modulationen erreichen lassen – Filter FM, Oszillator FM und PWM – lädt sie zum naiven Knöpfe-Drehen genauso ein wie zur schnellen Erzeugung von FM-Sounds und weiteren gezielten Klangmanipulationen. Hier merkt man richtig, was für ein Luxus drei vollwertige Oszillatoren sind, denn so kann man problemlos mal einen OSC für Modulationszwecke reservieren – oder aber alle drei sich gegenseitig beeinflussen lassen.

Die LFO-Sektion ist intelligent aufgebaut und erweist sich als vielseitiges Modulationswerkzeug. Durch die vielen Wellenformen und die verschiedenen Sync Modes eignet sich der LFO für verschiedenste Zwecke und lässt sich sogar als zusätzliche Hüllkurve nutzen.

Step Sequencer

Der SE-02 verfügt über einen sehr gut ausgestatteten Step Sequencer, der durch seine vielen Möglichkeiten sofort süchtig macht und sich als inspirierendes Pattern-Werkzeug erweist. Bis zu 128 Patterns zu je maximal 16 Steps passen in den Speicher. Die Noteneingabe funktioniert durch Halten des NOTE-Buttons und Eingabe der Note per Value-Regler oder MIDI-Tastatur. Ähnlich verhält es sich mit der Gate Time, die pro Step eingestellt werden kann. Pro Step kann außerdem ein Glide gesetzt werden. Das Highlight des Sequencers ist, dass er sämtliche Syntheseparameter pro Step speichern kann, sodass man theoretisch auf jedem einzelnen Step einen komplett anderen Sound programmieren könnte. Aber auch, wenn man nur einige Parameter sequenziert, hat man im Handumdrehen sehr lebendige Sequenzen erstellt. Für Pattern-Performances gibt es eine Reihe von intuitiven Funktionen, so lassen sich beispielsweise die Abspielrichtung und First Step / Last Step spontan ändern. Ein wenig Shuffle hier, noch ein veränderter PRM-Wert dort und schon ist es wieder drei Uhr morgens und man hat den Bus verpasst. Einziger Nachteil: Kontinuierliche Parameter-Fahrten (bei anderen Herstellern mitunter “Motion Sequencing” genannt) können nicht aufgezeichnet werden. Angesichts des ansonsten sehr umfangreich ausgestatteten Sequencers, der bei Bedarf auch MIDI sendet und sich flexibel synchronisieren lässt, ist das aber eher eine Kleinigkeit.

Im Song-Modus können Patterns zu Songs kombiniert werden, wobei sich auch Patchwechsel programmieren lassen. Ein Song kann aus bis zu 16 Abschnitten (“Parts”) aus je einem frei wählbaren Pattern und einem ebenfalls auswählbaren Patch bestehen, die jeweils bis zu 100 Mal wiederholt werden können, bevor der nächste “Part” folgt. Obwohl die Anleitung weiterhilft und es praktische Funktionen wie Insert / Delete gibt, erinnert das Erstellen und Editieren von Songs doch etwas zu sehr an die Programmierung älterer Drum Machines, um wirklich intuitiv oder gar Performance-tauglich zu sein. Wer die Mühe nicht scheut, kann mit dem Song-Modus aber durchaus komplette Pattern-Arrangements vorbereiten und abspielen.

Bedienung

Im Prinzip ist der SE-02 sehr einfach zu bedienen. Die vielen – wenn auch sehr kleinen – Regler ermöglichen einen direkten Zugang zu allen wichtigen Parametern und Modulationen und bei der Klangeinstellung wird man nicht von Menüs genervt. Um speicherbare Presets und MIDI-Steuerung von Parametern zu ermöglichen, werden die Regler der Klangerzeugung digital ausgelesen und stehen nach einem Patch-Wechsel natürlich nicht immer da, wo sie im Preset abgespeichert wurden – hier muss man mit den Reglern mitunter etwas "suchen".

In der Einarbeitungszeit erfordert der SE-02 gelegentliche Blicke in die Bedienungsanleitung, da durch die Miniaturgröße auch einige seltsame Abkürzungen auf dem Panel gelandet sind, vor allem bei den Schaltern. Ein starkes Einwirken des Mod-Wheels auf die LFO-Modulation wird beispielsweise mit „F“ zusammengefasst. Dennoch funktioniert die Mod-Wheel-Einbindung selbst tadellos und auch das Mix-Poti für die Mod-Wheel-Destination erweist sich als äußerst intuitiv für den Live-Einsatz.

Bei Funktionen wie Sequencer, Song oder auch den MIDI-Sync-Einstellungen wird die untere Steuerungszentrale zum Mekka der Tastenkombinationen. Durch die intelligente Beschriftung weiß man hier jedoch auch schnell, in welchem Modus welche Knöpfe zur gewünschten Funktion führen. Speziell bei den MIDI-Sync-Einstellungen und der Patch-Write-Funktion kam ich zunächst nicht ohne Bedienungsanleitung aus, nach einer Weile sollte aber auch das kein Problem mehr sein.

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