Feature
8
25.08.2017

Roadie – immer dabei und permanent unterwegs

Ausbildung oder Quereinstieg in den Eventbereich – Teil 10

Die Zeiten wandeln sich in der Eventbranche. Zunehmend wird auf fachlich qualifizierte Ausbildung gesetzt. Immer komplexer werdendes Equipment, Riesenveranstaltungen und auch behördliche Vorschriften verlangen danach. Wie ein Fels in der Brandung sind Roadies davon kaum betroffen. Gerade dann, wenn sie von den musikalischen Stars direkt beauftragt werden. Wichtig ist, dass sie nicht nur ihr technisches Handwerk, sondern auch das Instrument verstehen. Man muss wissen, wie man die Anforderungen des Musikers umsetzt. Dabei rücken die eigenen Fähigkeiten am Instrument und dem entsprechenden Equipment in den Vordergrund. Also noch weitaus mehr als bei einer rein auf logische Technik fokussierten Tätigkeit das „Learning by doing“.

Nimmt man es wirklich genau, existiert der Beruf des Roadies in Deutschland gar nicht wirklich, wenngleich die Bezeichnung sich im Event-Slang längst etabliert hat. Bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten von ihnen Fachkräfte für Veranstaltungstechnik. Der spezialisierte Ausdruck besagt vor allem Eines: Ein Roadie ist permanent unterwegs. On the Road eben. Im Normalfall ist er als technischer Backliner für das Equipment der Band zuständig. Auf- und Abbau der Instrumente, Licht- und Tontechnik inklusive Verkabeln, Stimmen, Instrumenten- und Soundcheck. Eben alles, was bei einem perfekten und logistisch aufwendigen Gig so anfällt. Nach dem Event müssen die Instrumente wieder verpackt, verstaut und verladen werden. Auch das ist Aufgabe der Roadies, bei denen sie allerdings im Normalfall von den regional engagierten Auf- und Abbauhelfern, den Stagehands, unterstützt werden.

Wer diesen Job dauerhaft machen möchte, kann schon mal prophylaktisch seine Wohnung kündigen: Er wird bei vernünftiger Auftragslage monate-, teils jahrelang mit den Künstlern on tour sein. Er erlebt den Reiz des Rock’n’Roll-Lebens und auch dessen Schattenseiten. Und die gängigen Klischees dürfen da durchaus bemüht werden.

Wie man Roadie wird

Der Werdegang ist nicht festgezurrt, obschon sich manche Parallelen zeigen. Viele haben selbst in einer Band gespielt und dabei die eigene große Karriere verpasst oder verpatzt. Andere haben beispielsweise in einem Gitarrenladen gearbeitet und sind dann durch die sich dort automatisch ergebenden Kontakte irgendwie in die Live- und Tour-Abteilung reingerutscht. Eine Möglichkeit zum Quereinstieg für technisch versierte Musiker. Wenigstens war das so bis 1998, bis plötzlich der Ausbildungsberuf Fachkraft für Veranstaltungstechnik geboren wurde. Danach wurde – in Deutschland – plötzlich auch in diesem Segment der Eventbranche zunehmend auf ausgebildete Fachkräfte gesetzt. Deutschland, du und deine Paragraphen. Im internationalen Kontext wird das nicht derart wichtig genommen. So kursiert in der Branche auch die nette Umschreibung des „Diplom-Roadies“.

Insofern ist die Tätigkeitsbezeichnung „Roadie“ ein Zwitter. Ein offizieller Beruf ist es nicht, selbst in der Liste der Agentur für Arbeit wird er in dieser Form nicht aufgeführt. Schon komisch; eine Tätigkeit, die faktisch vorhanden ist, die es aber in der Realität gar nicht gibt? Kann doch irgendwie nicht sein. Ist auch nicht so. Roadie ist zwar kein anerkannter Lehrberuf, die Fachkraft für Veranstaltungstechnik aber durchaus – und zwar mit extremem Zukunftspotenzial. Und schon wird daraus ein passender Schuh.

Wichtig ist, dass man was draufhat

Weitaus wichtiger als die zertifiziert duale Ausbildung ist den Bands, dass man was draufhat und schon von Haus aus das Verständnis von Equipment und Co. mitbringt, es quasi mit der Muckermilch aufgesogen hat. Die Backliner müssen ein grundlegendes Wissen darüber haben, welche Amps und Effekte bei welcher Einstellung wie klingen, wie eine Klampfe schnellstens nachgestimmt oder auch nachjustiert, wie die Sender die störungsfreie Übertragung bringen und vieles mehr. Komplexe – aber reduzierte – Kenntnisse von Bühnentechnik sind super, reichen dafür aber nicht aus. Wer eine Gitarre stimmen will, muss sie auch spielen können. Nicht unbedingt virtuos, aber zumindest einigermaßen anständig. Das will sagen: Hier gibt es einen direkten Bezug, eine Brücke zwischen Job und den eigenen musikalischen Fähigkeiten. Stell‘ dir vor, du schnallst dir beim Festival-Soundcheck die Gitarre mitsamt Sender um und testest sie auf dem 20 Meter langen Laufsteg, kommst aber über die ersten drei Wanderklampfen-Akkorde nicht hinaus. Dass das ein wenig peinlich wirken könnte, ist nicht mal ausschlaggebend. Du willst ja rausfinden, ob der Sound druckvoll und präzise rüberkommt. Dafür muss man ihn auch ihn den Fingern haben. Du musst wissen, wie Mikrofone vernünftig platziert werden, schon bevor der FOH-Techniker mit den Feinarbeiten beginnt.

Wo und wie findet man Jobs als Roadie

Häufig ergeben sich die ersten Jobs quasi nebenher, also per „Vitamin B“. Und wenn man erst mal drin ist, folgt ein Kontakt auf den nächsten. Bei Rental-Companies oder Backline-Verleihern können immer mal wieder Anfragen auftreten, die von dort sicherlich gerne weitergeleitet werden. Klar kann man sich dafür auch gewissermaßen offiziell bewerben. Eine unbedingt gute Einstiegsmöglichkeit ist hierzulande beispielsweise die Festival-Saison. Die großen Veranstalter, bzw. die dort tätigen Dienstleister suchen vor dem eigentlichen Startschuss immer wieder und inserieren dafür auch in Online-Jobbörsen.

Die positive Seite der Medaille

Die romantische Vorstellung lautet: Man ist direkt an der Seite der größten Stars inklusive der After-Show-Partys mit allem Drum und Dran. Schon das Dinge und Situationen, für die manch andere ihr letztes Hemd geben würden. Stimmt durchaus, wobei die Frage im Raum bleibt, wie lange dieser Promi- und Hero-Kult etwas Besonderes ist oder sich irgendwann – wie in jedem anderen Betrieb auch – zur Normalität und Selbstverständlichkeit entwickelt. Der Traum vieler Menschen ist es, vieles von dieser Welt zu sehen, die unterschiedlichsten Länder und Städte kennenzulernen und Mentalitäten zu erleben. Das passt zum Roadie-Job unbedingt. Auch wenn der Tour-Betrieb zeitlich meistens eng getaktet und nicht minder anstrengend ist. Soviel ist mal sicher: Man kommt rum und sieht die begehrtesten Metropolen und größten Locations. Die Top-Acts der Szene werden kaum in 20-Seelen-Dörfern auftreten, wenn wir mal von Festival-Legenden wie Wacken absehen.

Wer’s mag: Job mit Belastungspotenzial

Auf der anderen Seite stehen Aspekte, für die man schon ein wenig geboren sein sollte. Die müssen keinesfalls schlecht und unbedingt problematisch sein. Sind aber durchaus speziell und man sollte sich dabei von Anfang an keinerlei Illusionen hingeben. Die Frage: Passen meine persönlichen Lebensvorstellungen zu den außergewöhnlichen Anforderungen? Klar ist, dass man immer wieder lange Zeit unterwegs sein wird. Und „lange“ ist hier nicht als banale Umschreibung, sondern als Realität gemeint. Du wirst deine Familie, deine Freunde und deine Heimatstadt über Monate nicht zu Gesicht bekommen. Bist du in diesem Rock’n’Roll-Zirkus erstmal etabliert, kannst du wirklich überlegen, ob eine eigene Wohnung daheim überhaupt nötig ist.

On Tour sind die körperlichen Belastungen extrem, das lässt sich auch mit Schönfärberei nicht vom Tisch wischen. Nicht nur, dass das Equipment verdammt schwer werden kann. Eine 4 x 12er-Gitarrenbox wiegt auch ohne Tour-Case ungefähr 40 kg. Das rechne mal auf die komplette Backline hoch. Eine Gitarre in der Hand zu tragen, ist bestimmt kein Problem. Aber wieso muss jeder Gitarrero davon fünf oder zehn oder noch mehr haben? Du wirst Hitze, Kälte und vielen weiteren Belastungen ausgesetzt sein. Beim Betreten einer Halle ist die unangenehm kalt, während des Gigs dann überhitzt durch Lichtequipment und schweißgeschwängertes Publikum. Buckeln bei in vielen Fällen kaum ernstzunehmendem Catering. Zudem sind die Mahlzeiten und Ruhezeiten mehr als unregelmäßig und wollen deinen Körper nicht gerade mütterlich verwöhnen. Wieso das denn, die Bands kriegen doch immer super Essen? Ja, die schon, du nicht. Und in deren Kühlschrank darfst du auch nicht greifen. Du kriegst separate Kost. Wenn du Glück hast.

Gefühlte Einsamkeit trotz großer Crew

Zähneknirschend wirst du die Post oder Postings lesen, in denen dir die Kumpels erzählen, was du zu Hause gerade mal wieder Tolles verpasst hast. Und schon geht’s wieder ans Ackern. Für viele Roadies ist das die eigentliche Belastung. Die körperliche Belastung steckt man noch einigermaßen weg. Man steht im Saft des Lebens, ist noch jung genug und einfach fit. Die Psyche spielt da schon ganz andere Streiche. Obwohl man mit einem großen Tour-Tross von Menschen unterwegs ist, kann der Punkt der Einsamkeit kommen. Dieses Gefühl, entwurzelt von Zuhause und Familie zu sein.

Zum Reichwerden reicht das definitiv nicht

Eine konkrete Aussage über die Bezahlung lässt sich kaum machen, zumal es da eine riesige Bandbreite gibt. In der Branche ist die Rede von Tagessätzen zwischen 100 und 300 Euro. Dabei ist bei den Profis noch Luft nach oben vorhanden – leider auch nach unten. Reich wird man also, trotz aller Fixkosten, die man daheim einsparen kann, ganz sicher nicht.

Und warum macht man’s trotzdem?

Eine Frage, die jeder für sich nur ganz persönlich und individuell beantworten kann. Die Atmosphäre ist unvergleichlich. Gerade weil man unablässig unterwegs ist, rückt die Crew umso kumpelhafter und familiärer zusammen. Man wird Dinge in komprimierter Form und aus einer Perspektive erleben, die anderen Menschen ein Leben lang verborgen bleiben. Das ist eben nicht nur der Blick, den der Roadie hinter die Kulissen werfen kann. Er ist selbst Teil dieser Backline-Kulisse und maßgeblich für die funktionierende Show zuständig. Zur sprichwörtlichen Ruhe kann man im Leben noch früh genug kommen. Und außerdem: Wo hat man eine größere Chance, Kontakte zu Bands zu knüpfen und vielleicht mal selbst in der ersten Reihe zu stehen, als bei der Betreuung der Heros direkt on Tour? Mittendrin im Epizentrum der Veranstaltungswelt.

Verwandte Artikel

User Kommentare