Feature
2
21.04.2015

Lohnt es sich, teure Mic-Preamps zu kaufen?

Mikrofonvorverstärker im blinden Vergleichstest – zum Mitmachen und Selberhören!

SoundOnSound: Pick A Preamp

Lohnt es sich eigentlich, einen teuren Mikrofon-Preamp zu kaufen? Einen Röhren-Vorverstärker? Einen High-End-Preamp? Einen Klassiker wie ein API 512, einen AMS Neve 1073LB, einen SSL? Oder ist der Mic Pre aus dem analogen Mackie-Pult auch ausreichend?

Unsere Kollegen von SoundOnSound haben zum Mic-Pre-Thema einen sehr interessanten und aufwändigen Versuch gestartet, den wir euch hiermit in deutscher Fassung präsentieren. Es gibt eine Menge Hype in Bezug auf Mic-Preamps, aber bislang keine verlässliche Methode, sie vergleichend zu testen – bis den Kollegen das wohl schlaueste Piano der Welt in die Hände fiel. Und ihr könnt beim Preamp-Raten mitmachen, denn wir haben die Files als Download für euch zur Verfügung gestellt!

 

Verschiedene Mic-Preamps? Wozu?

Vor gar nicht so langer Zeit war der Gedanke, aus verschiedenen Mic-Preamps auszuwählen, eher exotisch. Wenn man in einem Studio aufnahm, nutzte man das vor Ort verfügbare Equipment: Mischer, Preamps, Kompressoren und so weiter. Und obwohl jeder Toningenieur seine eigenen Vorlieben in Bezug auf den idealen Klangs eines Mischers hatte, war es nicht die Regel, externe Preamps zu mieten, um klangliche Defizite auszugleichen – oder gar eine „Palette verschiedener Klangfarben“ anbieten zu können.

Viele Leute geben viel Geld für Preamps aus

Die Recordingwelt hat sich in den letzten drei Dekaden aber radikal verändert, und es gibt Leute, die von Mic-Pres so besessen zu sein scheinen, dass alles andere fast bedeutungslos erscheint. Das Internet ist voll von quälenden Debatten, welcher Preamp denn zu welchem Mikrofon oder welcher Signalquelle passt – und sogar auf dem Amateurlevel geben Leute viel Geld aus, um ihre Racks und Lunchboxes mit teuren Boutique-Modulen auszustatten.

Die Aufgabe eines Preamps ist überschaubar

Schlussendlich ist die Aufgabe eines Mikrofonvorverstärkers aber überschaubar: nämlich ein Signal mit niedrigem Pegel so zu verstärken, dass es vernünftig mit anderem Equipment weiter bearbeitet werden kann. Ist dieser Abschnitt der Signalkette wirklich so kritisch, dass es sich lohnt, ihm so viel Geld hinterherzuwerfen? Skeptiker geben zu bedenken, dass sogar preisgünstiges Equipment heutzutage über saubere, neutrale Preamps verfügt, die diese Arbeit ordentlich verrichten. Ihrer Meinung nach würden Projektstudiobetreiber viel mehr offensichtliche Verbesserungen erzielen können, wenn sie ihr sauer verdientes Geld in akustische Maßnahmen oder bessere Mikrofone investieren würden.

Preamps vergleichen? Gar nicht so einfach!

Einer der Gründe, warum es schwierig ist, die tatsächliche Bedeutung von Preamps definitiv zu beantworten, liegt daran, dass es in den meisten Fällen unmöglich ist, sauber unter ihnen zu vergleichen: Man kann das Mikrofonsignal splitten, aber so kaum mehr als zwei Preamps gleichzeitig auf einfache Art und Weise miteinander vergleichen – und wenn man es doch hinbekommt, fragt man sich immer, ob der Aufbau nicht den Klang verfälscht.

Alternativ kann man natürlich für jeden Take einen anderen Preamp einsetzen – aber niemand kann das gleiche Stück Musik jedes Mal genau gleich singen oder spielen. So könnten allein die Abweichungen in der Performance Unterschiede zwischen Preamps verdecken. Dieses Problem könnte man lösen, indem man eine Aufnahme über Lautsprecher abspielt und erneut aufnimmt. Das würde aber wieder andere Bedenken mit sich bringen.

Klavieraufnahmen machen lassen aus MIDI-Files

Ich hatte also schon länger über diese Frage gegrübelt, als ich von Jonathan Dodds’ Realpiano Service hörte. Er bietet Remote-Services für Klavieraufnahmen an, denn kaum jemand hat mal so eben einen guten Flügel zur Verfügung. Man schickt Jonathan einfach ein MIDI-File, er spielt es über ein Yamaha Disklavier ab und nimmt das Ganze mit hochwertigen Mikrofonen und Outboard-Equipment für einen auf. Das Disklavier ist ein Top-Konzertflügel, der über eine spezielle automatisierte Mechanik verfügt, die es erlaubt, MIDI-Files akustisch abzuspielen. So kann Jonathan seinen Kunden eine akustische Umsetzung ihrer MIDI-Files bieten, die perfekt ins jeweilige Arrangement passt. 

Yamaha Disklavier: Ideal!

Mir wurde klar, dass dieses Yamaha Disklavier mit seiner Konsistenz in der Performance die Voraussetzungen für einen echten Vergleich auf Augenhöhe schaffen könnte. Mit seinem großen Dynamikumfang, schnellen Transienten, großem Frequenzumfang und jeder Menge subtiler harmonischer Resonanzen und Obertöne ist ein Piano wohl eine der aufschlussreichsten Klangquellen, die es gibt. Wenn es also wirklich wesentliche Unterschiede zwischen Preamps gibt, sollte ein Piano, das jedes Mal genau gleich klingt, das ideale Instrument sein, diese Unterschiede aufzudecken. 

Jonathan fand unser Projekt auch gut – und so machten SoundOnSound Technical Editor Hugh Robjohns und ich uns ans Werk. Der renommierte Session-Pianist Matt Cooper fertigte uns speziell dafür ein MIDI-File an, das unser Equipment mit viel Dynamik und unter Einsatz des ganzen Tonumfangs entsprechend fordern sollte.

Es muss hier darauf hingewiesen werden, dass unser Vergleichstest in keinster Weise als „Shootout“ gedacht ist. Es gibt dermaßen viele Preamps, dass es unmöglich wäre, einen vollständigen Überblick zu schaffen. Es ging uns nicht darum, die Überlegenheit eines bestimmten Produktes herauszustellen, sondern einfach herauszufinden, welche  Abweichungen zwischen Preamps bestehen. 

Neve, API und SSL im Test dabei

Die Entscheidung, ob diese Abweichungen die Anschaffung teurer Preamps rechtfertigen, überlassen wir euch – genau wie das Testen all der vielen Mic-Pres, die wir nicht berücksichtigen konnten. 

Verschiedene Mic-Preamps im Vergleichstest

Die Namen NEVE, API oder SSL werden wohl in fast jeder Diskussion über Preamps genannt, also wollten wir die Klassiker dieser Marken unbedingt dabei haben. AMS Neve waren so nett, uns ein Lunchbox-Rack mit zwei 1073LB Modulen zu leihen, und der API Vertrieb Source Distribution schickte uns ein 3124+ Rackgehäuse mit vier API-Preamps. Hugh brachte außerdem seinen eigenen 4-Kanal SSL XLogic VHD Preamp mit. Um so viele unterschiedliche Designansätze wie möglich abzudecken, besorgten wir uns auch einen supercleanen Preamp ohne Übertrager – in unserem Fall den Maselec MMA-4XR von Prism Sound – sowie Röhrenpreamps von beiden Enden des Preisspektrums. Hugh brachte dafür den kürzlich bei SOS getesteten GP Electronics PML 200E Preamp aus der Boutique-Klasse mit, und Sonic8 lieh uns einen deutlich günstigeren ART Pro MPAII. Unsere Palette wäre natürlich nicht komplett, wenn wir nicht auch die Preamps eines einfachen Mischers testen würden. Hugh brachte dafür seinen Mackie 1402 VLZ Pro sowie einen ART DTI Stereo Transformer zum Symmetrieren des unsymmetrischen Signals an den Insertpunkten des Mischers mit. Jonathan besitzt ein sehr hochwertiges Prism Sound Orpheus Audio-Interface, das wir als A/D-Wandler für alle Tests nutzten. Aufgenommen wurde in Logic mit 24 Bit und 44,1 kHz.

Großmembran-Mikros: Brauner VMX

Nachdem die Auswahl der Preamps klar war, überlegten wir, welche Mikros wir einsetzen sollten. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns, die Tests jeweils drei Mal zu machen, da verschiedene Mikrofone unterschiedliche Eigenschaften der jeweiligen Designs betonen könnten. Jonathans Standardaufbau besteht aus zwei Brauner Großmembran-Röhrenmikrofonen (VMX Pure Cardoid), die beide auf Nierencharakteristik eingestellt und etwa 30 über den Saiten des Flügels platziert sind. Dieser Aufbau ergibt einen sehr schönen detailreichen Sound mit einem Quäntchen Wärme und einer „Larger than Life“-Qualität – also nutzten wir sie für die erste Testrunde. Als Kabel kamen die Vovox-Kabel der Brauner-Mikros zu den Preamps zum Einsatz sowie OFC-Kabel als Verbindung zwischen Preamps und Orpheus. Die weiteren Mikrofone waren ebenfalls mit OFC Kabeln angeschlossen.

Ribbon-Mikro von Royer

Im zweiten Durchgang wollten wir sehen, wie die Preamps mit der Herausforderung durch ein Stereo-Bändchenmikrofon klar kommen: Passive Ribbons benötigen viel mehr Verstärkung als die meisten Kondensatormikrofone und reagieren in der Regel sehr sensibel auf die Eingangsimpedanz des Preamps. Dafür wurde uns ein Royer SF12 inklusive der benötigten Spinne und des Splitterkabels von den Half-Ton Studios zur Verfügung gestellt. Wir mussten etwas experimentieren, bis wir eine zufriedenstellende Position für das SF12 im Studio gefunden hatten: Die Standardplatzierung knapp außerhalb des geöffneten Deckels fing phasige Reflektionen von hinten ein – dank einer nur durch einen dünnen Vorhang verdeckten Glastrennwand direkt hinter dem Klavier. Wir entschieden uns für eine ungewöhnliche, aber gut klingende, Platzierung ziemlich genau über dem Klavier. In etwa dort, wo der Kopf des Pianisten gewesen wäre.

Sennheiser-Kugeln

Zu guter Letzt kamen im dritten Test ein Paar Sennheiser MKH Kleinmembran-Kondensatormikrofone aus Hughs eigenem Arsenal zum Einsatz, die einen guten Ruf für ihre fast schon klinische Genauigkeit und sehr niedrige harmonische Verzerrung genießen. Wir nutzten ein Paar MKH20 (Richtcharakteristik: Kugel), diesmal wieder über dem Klangkörper positioniert – ungefähr da, wo auch die Brauner-Mikros ursprünglich waren. Nachdem wir jeweils uns zusagende Positionen gefunden hatten, blieben die Mikrofone während der ganzen Tests unangetastet.

Eigenschaften und Einstellungen der Preamps beim Test

Egal, ob es nun signifikante klangliche Unterschiede zwischen Preamps gibt, oder nicht: ergonomische und praktische Unterschiede gibt es auf jeden Fall. Und die treten besonders dann zu Tage, wenn man Stereoaufnahmen macht. Hugh hatte einen NTI Minirator MR Pro Tongenerator und einen kleinen aktiven Lautsprecher dabei (Sony SMS1P), und wir versuchten alle Preamp-Gains so einzustellen, dass die Pegelmesser in der Orpheus Control Panel Software immer den gleichen Pegel zeigten (wenn auch nicht den gleiche Pegel auf beiden Kanälen, da sich der Speaker nicht genau in der Mitte platzieren ließ). Am einfachsten war das bei den Designs mit Rasterpotis (Maselec, ART und Neve) und beim PML 200E mit seinen großen und fein kalibrierten Reglern. Es war deutlich schwieriger beim API, dem SSL und ganz besonders beim Mackie-Mischer mit seinen kleinen ungenauen Trimmpotis. Alle getesteten Preamps boten sowohl den Bändchen- wie auch den Kondensatormikrofonen genug Verstärkungsbereich, allerdings musste der API 3124+ für die Brauners und die MKHs mittels der Pad-Funktion im Pegel abgesenkt werden. Die Mackie-Preamps hingegen mussten beim Royer alles geben. Die ART- und SSL-Preamps verfügen beide über Klangbearbeitungsfunktionen: Wir haben beim ART die Eingangsimpedanz auf der höchsten Stufe von 3 kOhm belassen und den Plate Voltage Schalter für die Anodenspannung auf „High“ gestellt. Den „VHD“-Regler (Variable Harmonics Drive) des SSL haben wir komplett nach links gedreht, sodass nur  2. Harmonische erzeugt wurden. Den AMS Neve 1073LB hätten wir zur Klangfärbung härter treiben können, da er einen Ausgangsregler hat – haben wir aber nicht.

Zum ersten Mal abhören

Als wir die Aufnahmen über Jonathans Dynaudio-Monitore zum ersten Mal abhörten, fanden wir alle, dass zwischen den Preamps Unterschiede hörbar waren: Wir genossen die subtile Wärme, die der PML 200E besonders bei Bändchenmikrofonen hinzufügte – der ART klang im Vergleich etwas angestrengt. Der Maselec beeindruckte uns durch eine Genauigkeit, die zugleich musikalisch wirkte. Die leichte Mittenbetonung des API machte einen Sound, der sich gut im Mix durchsetzen würde – während der Neve einen satten Bassbereich mit etwas weicheren Höhen kombinierte. Die Orpheus-Preamps und der SSL wirkten präzise und ungefärbt – genau wie der Mackie.

Geht schnell: in die Irre führen lassen…

Aber wie wir alle wissen, passiert es ganz schnell, dass man sich von Änderungen in der Abhörlautstärke sowie vorgefassten Meinungen zu einem bestimmten Gerät – und von seinem Preisschild – in die Irre führen lässt. So machte ich mich daran, die Voraussetzungen anzugleichen: Am Beginn eines jeden Beispiels hatten wir darauf geachtet, etwas Signal von unserem Tongenerator aufzuzeichnen. Also lud ich sie alle in die Presonus Studio One Software und glich die Pegel des Testtons so genau wie möglich ab (auf 0,1 dB genau oder so). Dann exportierte ich jedes Beispiel in eine eigene Datei und gab jedem Beispiel eine einfache Nummer, statt eines Namens, der den Preamp verraten hätte. Ich war froh, dass ich das gemacht hatte, denn bei den anonymisierten und pegelabgeglichenen Dateien erschienen die Unterschiede erheblich subtiler zu sein – besonders bei den mit Kondensatormikrofon aufgenommenen Beispielen. Und zwar so subtil, dass im SoundOnSound Büro die meisten von uns sich nicht in der Lage sahen, die Dateien verlässlich auseinanderzuhalten oder zuzuordnen. Ich möchte es euch überlassen, ob ihr das besser hinbekommt – und euch so eure eigene Meinung bilden könnt, ob High-End-Preamps eine gute Geldanlage sind.

Wenn ihr den Test selbst machen wollt (was ihr solltet), dann könnt ihr hier die Files downloaden:

So, und nun viel Spaß beim heraushören! Hier bekommt ihr noch einen Überblick über die getesteten Preamps. Selbstredend benötigt ihr eine vernünftige Abhörmöglichkeit, um die Nuancen zu erkennen. 

 

Die getesteten Preamps:


ART Pro MPA II 

Trotz seines günstigen Preises bietet dieser Stereo-Röhren-Preamp jede Menge Features wie Rasterpotis, M+S Decoding, einstellbare Eingangsimpedanz und Anodenspannung. Jeder Kanal hat ein beleuchtetes VU-Meter, sowie eine „Tube Warmth“ LED-Kette. Einen Kompressor des Herstellers haben wir hier getestet. 

AMS Neve 1073LB 

Der 1073 ist das wahrscheinlich bekannteste klassische Preampdesign von Rupert Neve, und wurde ursprünglich in seinen High-End Konsolen verbaut. „LB“ steht für eine neue Version, die auf APIs Lunchbox-Format angepasst wurde. Genau wie der API ist der 1073 ein sehr beliebter Preamp für Rock- und Popmusik, und genießt den Ruf dem Signal eine gewisse Färbung und „Dicke“ zu verleihen. Den Test zum AMS Neve 1073LB und dem 88RLB lest ihr hier.

API 3124+ 

Dieses Modell bietet vier klassische API-Preamps im praktischen 19 Zoll Rackformat mit einer HE. Features: Instrument Inputs, Pad, Phantomspeisung und Pegelanzeige pro Kanal. Das API-Design wird allgemein als „punchy“ mit präsenten Mitten beschrieben und ist für Rockaufnahmen sehr beliebt – besonders für Drums und E-Gitarre. Den Test des Series-500-Moduls API 512 – ein schaltungstechnisch identischer Vorverstärker – findet ihr unter diesem Link

GP Electronics PML 200E

Mit seinem schönen Retro-Styling und klassischem Röhre- und Übertrager-Signalpfad ist dies ein wahrer „Boutique“-Preamp mit eindrucksvollen Spezifikationen für so ein Design.  

SSL XLogic VHD 

Die XLogic Serie bringt die Technologie der großen SSL-Konsolen ins Projektstudioformat. Der Alpha VHD Pre ist ein 4-Kanal-Preamp, der auf der VHD Schaltung der Duality-Mischer basiert. Jeder Kanal bietet schaltbare Phantomspeisung, Pad, Instrumenteneingang, sowie einen „Variable Harmonic Drive“ Regler, der es erlaubt, dem Signal wohldosierte Mengen harmonischer Verzerrung hinzuzufügen.  

Maselec MMA 4XR

Dieses vom legendären Abba-Engineer designte Modell ist ein hochentwickeltes Solid-State Preamp-Design für audiophile Puristen, mit einem linearen Frequenzgang bis rauf zu 200 kHz. Wir haben auch die im Prism Sound Orpheus eingebauten Mic Pres getestet, die auf einem ähnlichen Design basieren. 

Mackie VLZ Pro

Die VLZ Reihe bringt zu einem günstigen Preis eine Menge Features und Klangqualität. Unser Modell war ein VLZ2-Modell aus der zweiten Generation – aktuell gibt es bereits eine vierte, die VLZ4-Serie.

 

Die Auflösung steht mittlerweile etwas weiter unten in den Kommentaren. Also nicht aus Versehen dort hinscrollen: Spoiler Alert! 

(Übersetzung: Ralf Schlünzen)

Verwandte Artikel

User Kommentare