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09.06.2017

PLAYdifferently Model 1 Test

Analoges High-End DJ-Mischpult

Richie Hawtin hat einen DJ-Mixer gebaut. Und was für einen: Der PLAYdifferently Model 1 ist ein analoges Sechskanalmischpult nach den Vorgaben des Star-DJs aus Windsor, Kanada, in Zusammenarbeit mit Andy-Rigby Jones, der bei Allen & Heath die Xone-Serie designt und bei Allen & Heath wird der Mixer auch gefertigt. Wie wir im Test sehen werden, hat sich der Model 1 auch einiges von den englischen Pulten abgeschaut, ist quasi ein weitergedachtes Update des langjährigen A&H-Users Richie Hawtin. Der Chef von einflussreichen Labels wie Plus 8 oder Minus definiert spätestens seit seiner legendären Mix-CD Decks, EFX & 909 von 1999 die Kunst des Mixens neu, war mit der DJ-Software Final Scratch ein Pionier des digitalen Auflegens und hat mit audiovisuellen Gesamtkunstwerken wie der "Making Contakt" Tour das Mixen mit Loops auf ein neues Level gehoben. Wozu erzähle ich das hier? Der Model 1 spiegelt ganz augenscheinlich die Philosophie wieder, die hinter Hawtins künstlerischem Schaffen steht.

Details

Der PLAYdifferently Model 1 ist ein mattschwarzes Hi-End-DJ-Mischpult, wiegt 5,4 Kilogramm und misst 370 x 320 x 115 Millimeter, womit er gut einen Zentimeter höher ausfällt als Pioneers DJM-900nxs und Allen & Heaths Xone:92. Im Lieferumfang befinden sich neben dem Gerät selbst ein international einsetzbares Netzteil (100 – 240 Volt) mit abnehmbarem Kaltgerätekabel, ein englischsprachiges Handbuch, Sicherheitshinweise und ein großer Aufkleber.

Beim Model 1 ist vieles sehr anders als bei anderen DJ-Mixern. Was gleich als erstes ins Auge fällt: Es gibt keinen Crossfader. Das Teil ist nicht für schnelles Cutten und Scratchen gebaut, sondern zum feinjustierten Mixen, das verdeutlichen auch die sehr sahnigen Kanalfader, die Muldenkappen aufweisen, wie man sie üblicherweise eher auf Studiomixern findet.

Zweite gravierende Änderung: Die Kanalzüge haben keine normalen EQs. Dort, wo normalerweise der Bassregler sitzt, befindet sich beim Model 1 ein Hochpassfilter. Der fügt nichts zu, der nimmt nur weg, von Flat bei Linksanschlag bis 1 kHz bei Rechtsanschlag des Reglers. Analog dazu fungiert ein Tiefpassfilter als Höhenregler. Der ist bei Rechtsanschlag auf „Flat“ gestellt und regelt nach links bis 500 Hz runter. Beide Filter werde treffenderweise mit „Contour“ bezeichnet, denn sie shapen den Klang. Die Potis sind größer als die übrigen Regler dimensioniert und obwohl sie aus Plastik sind, schraubt man gern an ihnen herum.

Als Mittenregelung gibt es einen semiparametrischen EQ, welcher die Frequenzen zwischen 70 Hz und 7.000 Hz asymmetrisch um maximal 8 dB boostet, aber bis zu 20 dB cuttet. Trotz des sehr weiten Frequenzbereichs kann der sogenannte Sculpt-Filter nicht so recht als kreativer Sweep-Filter überzeugen. Er dient mehr zum präzisen Verstärken oder Vermindern von Frequenzen, die DJ hervorheben und herausfiltern will. Also weniger Performance-Tool, mehr Korrektionsinstrument zum Formen des Sounds. Wahrscheinlich sind die Sculpt-Regler deswegen kleiner als die Contour-Regler. Dies hat Methode, denn beim Model 1 sind Reglergröße und Reglerposition darauf bezogen, wie Performance-relevant ein Regler ist.

Die meiste Mix-Action wird also mit den Contour-Reglern bewältigt. Wer bei Pulten wie dem Allen & Heath Xone:92 schon mal gerne lieber die beiden zuweisbaren Filter als die EQs zum Mixen nimmt, wird seine helle Freude an diesem Konzept haben. Frequenzen lassen sich wunderbar isolieren, sodass verschiedenste übereinander gelagerte Signale sehr fein untereinander abgeschmeckt werden können. Das kommt Richie Hawtins DJ-Konzept sehr entgegen, wo mehrere Loops übereinander laufen, die im Frequenzspektrum eingeordnet werden wollen, was mit dem Model 1 sehr gut funktioniert.

Zusätzlich dazu gibt es noch einen Masterfilter, der pro Kanal zugeschaltet werden darf, der aber auch den beiden Returns zur Verfügung steht. Der „Aux Send 1“ lässt sich Pre- oder Post-Fader abgreifen, so dass man angeschlossene Effekte auch bei runtergezogenem Kanalregler ansteuern kann.

Die Pegelanzeigen der Kanäle sind mit zehn sehr dezenten LEDs ausgestattet. Die unteren sechs reichen bis 0 dB und leuchten dezent rot, die LEDs für +3, +6 und +9 dB sehr ähnlich in orange und nur die „PK“ genannten LED für die Peaks illuminieren in relativ grellem Weiß. Im Vergleich zur „Pegel-Disco“ manch anderer Hersteller wirkt der Model 1 dadurch angenehm zurückhaltend.

Pro Kanal dient ein kleiner Drive-Regler zur dezenten Sound-Anfettung. Dahinter verbirgt sich kein herkömmlicher Overdrive, sondern ein Signalstärke-abhängiger Verstärker, der Signale dezent oder extrem anfetten kann. Damit kann DJ lasch produzierten Platten etwas mehr Biss verleihen. Oder aber Techno-Loops in die Verzweiflung, äh, Verzerrung treiben. Dazu später mehr im Praxisteil. Der kleine Drive-Regler ist also beileibe kein Show-Effekt, auch wenn er wegen seiner internen Beleuchtung wie ein abtrünniger KORG Volca-Regler aussieht.

Zusätzlich gibt es noch einen Masterfilter mit Hoch- und Tiefpass, der pro Kanal zugeschaltet werden darf, der aber auch den beiden Returns zur Verfügung steht. Er wird über einen knackfreien, pillengroßen und blassrot hintergrundbeleuchteten Button zugeschaltet.

Hoch- und Tiefpassfilter sind anscheinend identisch mit den Kanalfiltern, allerdings weist der HPF noch einen Resonanzregler auf, mit dem die Schärfe variiert werden kann. So stehen also prinzipiell zwei sehr ähnliche Filter zur Verfügung. Allerdings wird DJ den Masterfilter eher so einsetzen wie den auf Allen & Heath Mixern und mit den Kanalfiltern so mixen wie auf anderen Mixern mit den EQs. Besonders ergiebig ist jener natürlich für die Aux-Wege, die dadurch auch auf eine sehr effektive Klangreglung Zugriff haben.

Einen „normalen“ Dreiband-Equalizer besitzt der Model 1 ebenso und zwar in der Mastersumme. Die Bass- und Mittenequalizer haben eine Glockencharakteristik mit einer recht großen Bandbreite und Einsatzfrequenzen bei 30 Hz respektive 1200 Hz. Der Höhenequalizer ist ein Kuhschwanz bei 3000 Hz. Die EQs sind asymmetrisch mit dezentem Boost von 6 dB und korrektem Cut bis 20 dB.

Über dem EQ befinden sich zwei kleine, versenkte Potentiometer für die separaten Masterlautstärkeregler für die XLR-Outs und die Klinkenausgänge. Soviel Verantwortung für solch kleine Regler? Ja, denn die Lautstärke wird schließlich einmal gesetzt und dann nicht mehr unbedingt angefasst. Bei anderen Mixern mit Masterfadern werden diese oft und gern mit Gaffatape fixiert, damit DJ nicht „versehentlich“ daran herumfummelt.  Die nur leicht aus dem Gehäuse ragenden Master-Regler des Model 1 kann man gar nicht unbeabsichtigt verstellen.

Die Bass- und Höhen-EQs des Booth-Ausgangs sind genauso klein und flach, der Volumeregler jedoch normal ausgeführt. Auch wieder logisch: Das Volume in der Kanzel regeln manche DJs nach jedem einzelnen Mix runter und vor dem Mix wieder hoch, um ihre Ohren zu schonen. Hingegen der EQ? Mit den +/-10 dB werden zu bassige oder zu spitze Monitor-Speaker dem persönlichen Geschmack angepasst. Und dann gilt ja meist: set and forget!

B2B friendly

Ein weiteres sehr cooles Feature ist der doppelte Vorhörweg. Richtig gelesen: Jeder Kanal weist zwei Cue-Tasten auf, sodass zwei DJs jeweils unterschiedliche Signale bei unterschiedlichen Lautstärkeeinstellungen vorhören können. Große Klasse! Das gibt’s zwar auch beim sündhaft teuren Pioneer DJM-TOUR1, doch das hätten ich und sicher die meisten der mittlerweile immer populärer werdenden DJ-Duos gerne auch in weniger teuren Pulten. Unter der Booth-Sektion befindet sich der „vollausgestattete“ Cue A mit stufenlos regelbarer Vorhöroption zwischen Cue- und Mastersignal. Es gibt einen Split-Schalter, natürlich einen Lautstärkeregler und wie bei Mixern nach Allen & Heath Bauart üblich, einen großen und einen kleinen Stereoklinkenausgang – falls DJ mal wieder den Miniklinkenadapter im Hotel vergessen hat oder ein DJ-Duo gern gleich zwei Kopfhörer anschließen möchte. Etwas spartanischer ausgestattet ist Cue B mit nur einem Lautstärkeregler und dem Cue-Weg als einziger Quelle, der praxisnah auf der linken Seite des Mixers verbaut ist. Im Walkthrough-Video erläutert Richie Hawtin einen weiteren Nebenwert des zweiten Cue-Wegs: Wenn er allein spielt, nutzt er Cue B als dritten Effektweg für den Flanger.

FX

Über die beiden Aux-Wege werden Effekte angesteuert, eine integrierte Effektsektion hat der Model 1 nicht. Von jedem Kanal kann ein unterschiedlicher Anteil an die Aux-Wege gesendet werden, wie bei einem Studiomischpult. Aux 1 ist dabei Pre-Fader schaltbar. Beide Aux-Returns haben vier LEDs zur Überwachung der Signalstärke. Der Trim-Regler erzeugt im voll aufgedrehten Bereich ebenfalls den bereits beschriebenen Drive-Effekt. Zur Lautstärkekontrolle kann DJ über die Send-Regler entsprechend weniger Pegel auf die Aux-Ausgänge schicken oder am angeschlossenen Effektgerät den Output variieren.

Backpanel

Überraschung: Pro Kanal ist nur einen Cinch-Paar für Phone oder Line verbaut. Man kann also nicht einen Turntable und einen CD-Player über den gleichen Kanal per Kippschalter hin und her switchen. An solchen Details zeigt sich meiner Meinung nach der bestimmende Einfluss von Richie Hawtin, dem „Man behind this mixer“: „Richie, hinten wird der Platz knapp, brauchen wir wirklich zwei Paar Cinch-Eingänge pro Kanal?“ Richie says no! Drei dieser Kanäle lassen sich von Line auf Phono umschalten. Dies geschieht mittels der kleinen roten Buttons auf der Rückseite, direkt neben den drei angenehm groß dimensionierten Masseschrauben. Ist Phono angewählt, leuchtet der rot hintergrundilluminierte Schalter auf der Mixeroberfläche. Aber eigentlich ist der Model 1 für den Betrieb mit D-SUB-Verbindungen optimiert. Der Model 1 hat keine eingebaute Soundkarte, daher gibt es auch keinen USB-Anschluss. Soundkarten und Studioequipment sollen an die ersten beiden Kanalzüge über je einen 25-Pin Tascam DB25-kompatiblen D-SUB-Eingang angeschlossen werden. Richie Hawtin nutzt dafür ein Antelope Audio Orion 32 Interface.

Eine Soundkarte dieser Qualität in den Model 1 zu integrieren, hätte den sowieso schon nicht billigen Mixer fast unerreichbar teuer gemacht. Insofern eine nachvollziehbare Entscheidung, dem DJ die Wahl der Soundkarte selbst zu überlassen. Allerdings lassen sich herkömmliche DVS-Systeme wie Traktor Scratch leider nicht wie gewohnt über die mitgelieferte Kabelpeitsche anschließen, es gibt ja nur einen Cinch-Eingang pro Kanal.

D-SUB-In 1 sendet acht Signale auf die Kanäle 1 bis 4. D-SUB-In 2 beschickt die Kanäle 5 und 6, ist aber auch hard-wired auf die Returns 1 und 2. Ist über die Aux-Return-Klinkeneingänge nichts angeschlossen, werden die Signale vom D-SUB-In-2 auf die Aux-Returns geschickt. Raffiniert und praxisnah! Ein weiterer 25-Pin D-SUB-Ausgang sendet direkt an den FOH-Mixer unter Umgehung des „Mix 1“-Lautstärkereglers.

Mittels zweier 9-Pin D-SUB-Anschlüsse lassen sich mehrere Model 1 Mixer koppeln, sodass alle Mixer über einen einzigen Masterausgang gebündelt werden. Auch die beiden Kopfhörerwege können dann über nur einen Mixer für alle Kanäle abgegriffen werden.

Der Record-Out befindet sich nicht auf der Rückseite, sondern oben rechts auf dem Pult. Das ist ebenfalls sehr praxisnah, so muss DJ nicht hinten rumfummeln, um das Aufnahmegerät anzuschließen. Eigentümlicherweise ist der Record-Out nicht als Cinch- sondern als Mini-Stereoklinkenausgang ausgeführt.

Power mit doppeltem Boden

Übrigens: Es gibt auch gleich zwei Netzteilanschlüsse. So können z.B. auf Festivalbühnen zwei Netzteile angeschlossen werden, die über verschiedene Stromkreise gespeist werden, um keinen Ausfall am Pult zu haben. Ein zweites Netzteil befindet sich allerdings nicht im Lieferumfang. Nutzt man nur ein Netzteil, ist es egal, mit welcher der beiden Buchsen dies verbunden wird. Interne Lösungen finde ich zwar vom Handling her angenehmer und leider lässt sich das Model-1-Netzteil (100-240V) auch nicht verriegeln. Allerdings sitzt es sehr fest in der Buchse, sodass eigentlich keine Gefahr besteht, es könnte sich unbeabsichtigt lösen.

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