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Test
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04.05.2021

Neural DSP Soldano SLO-100 Test

Amp-Modeling-Software

Pünktlich zur Neuauflage des Soldano SLO-100 Topteils, dem sagenumwobenen Verstärker der 80er und 90er Jahre, der den Sound von Gitarrenlegenden wie Gary Moore, Steve Lukather, Mark Knopfler und anderen dieser Zeit beflügelte, überrascht der finnische Plugin-Schmied Neural DSP mit einer Software, die exakt auf diesem 100-Watt-Topteil basiert. Amp-Kenner wissen, dass Soldano-Amps nicht gerade zum Taschengeldkurs über die Theke gehen, und daher erfreut die Nachricht doch umso mehr, dass der Sound dieses Boutique-Amps für knapp unter 100 Euro auf den Rechner gebeamt werden kann.

Das Neural-Konzept zeichnet sich bekanntermaßen dadurch aus, eine kleine, aber feine Auswahl an Verstärkern oder Einzelmodellen in Kombination mit ein paar Effekten und Cabinet-Emulationen pro Plugin zu vertreiben, wie z.B. auch beim Cory Wong-, Gojira- oder Plini-Plugin. Der SLO-100 macht hier keine Ausnahme: Hier erhalten User zwar nur einen einzelnen Amp, der, wie wir noch sehen werden, dafür aber unglaublich flexibel gestaltet werden kann. Nun aber Genug der Worte – da ich gerade einen Original Soldano-Amp vor mir stehen habe, bin ich natürlich extrem neugierig auf das Plugin und möchte ergründen, ob es den verheißungsvollen Namen „Soldano“ zu Recht trägt.

Details

Konzept

Beim Soldano SLO-100 Plugin handelt es sich um eine Software, die mit dem SLO-100 ein einzelnes Ampmodell virtuell simuliert, das im Prinzip drei Grundsounds liefert und sich mit einer beträchtlichen Auswahl an Speaker-Simulationen kombinieren lässt, die allesamt auf Basis von Impulsantworten (IRs) erstellt wurden. Neben dem Amp- und Cabmodell bietet die Software noch eine Reihe von Effekten, wie Kompressor, Verzerrer, EQ, Delay, Chorus und Reverb. Das SLO-100 Plugin kann sowohl als Stand-alone oder aber als Plugin für Mac OS und Windows im VST/AU/AAX-Standard eingesetzt werden.

GUI Übersicht

Um die Installation des SLO-100 Plugins vorzunehmen braucht es nur eine Internetverbindung zum Laden des Installers sowie einen iLok Account. Sowohl die Downloadvorgänge als auch die Installation und die Aktivierung liefen völlig geschmeidig ab – nach kürzester Zeit laufen die Finger auch schon warm.

Bei der Gestaltung des GUI bleibt sich Neural optisch und strukturell dem Look der anderen Produkte treu. Farblich ist die Benutzeroberfläche in Schwarz gehalten, während das typisch weiße Faceplate sowie das Logo des SLO-100 gut erkenntlich vor dem Hintergrund thronen. Ein kleines Gadget hat Neural sich nicht nehmen lassen: Da die alten Soldano-Modelle in diversen Tolexbezügen erhältlich waren und nach Kundenwunsch gestaltet werden konnten, kann beim Farbschema des SLO-100 Chassis im GUI über einen Rechtsklick im Menüpunkt „Skins“ zwischen Schwarz, Lila und, typisch 80s, Schlangenlederoptik gewählt werden. Über Rechtsklick oder ein kleines Icon in der rechten unteren Fensterecke lässt sich das GUI in drei Stufen skalieren.

In der Topzeile wurde der Header platziert, der den Signalfluss sowie alle Effektmodule anzeigt. Diese werden hier mittels Rechtsklick aktiviert, während ein Linksklick zu den Settings des jeweiligen Blocks führt, der dann für flexibles Tweaking bereit steht. In der Zeile unter dem Header wurden zwei Potis für das  In- und Outputlevel sowie jeweils eine Meteranzeige platziert, wodurch ein leichteres Pegeln möglich ist. Außerdem wurde ein Noise Gate untergebracht, welches stufenlos eingestellt und deaktiviert werden kann. Daneben gibt es die Option, das Oversampling zwischen Low und High und den Input zwischen Mono- oder Stereobetrieb umschalten zu können. In derselben Zeile gelangt man auch zu den Presets, die dort gelöscht, gespeichert und importiert werden können. Beim Auskundschaften bestimmter Voreinstellungen hilft ein Browserfenster. Die Suche wird zudem aber auch schon durch die gut gegliederte Menüstruktur extrem erleichtert: Sie unterteilt die Voreinstellungen in Artist-, User- und Factorypresets.

Zu den Künstlern, die hier persönlich Hand angelegt haben, zählen unter anderem Jack Gardiner und Andrew Baena sowie Gitarristen von Bands wie „Haken“ oder „Bleed from within“. In der Mitte des GUI zeigen sich übersichtlich und grafisch hervorragend aufgearbeitet die  Amp- bzw. Effektmodule, die wir im weiteren Testverlauf noch genauer besprechen werden. In der untersten Zeile der Benutzeroberfläche präsentiert sich ein Icon, das zum MIDI-Mapping und zu einem kalibrierbaren Stimmgerät führt. Im Stand-alone-Mode erscheint hier noch ein weiteres Icon, über das man zu den Audiosettings gelangt, sowie eine Tempofunktion, bei der die Geschwindigkeit wahlweise via Tap Button eingeklopft oder aber manuell eingetippt werden kann. 

Signalkette und Module

Die Signalkette des SLO-100 Plugins besteht aus fünf Blöcken, die in Bezug auf ihre Reihenfolge festgelegt und unveränderbar sind: Pre FX ->  Amp -> EQ -> Cab -> Post FX

Im Gegensatz zu vielen Neural-Plugins kommt der SLO-100 nur mit einem einzigen Ampmodell daher. Wer jedoch glaubt, dass man deshalb in der Flexibilität eingeschränkt würde, kann beruhigt sein. Denn der SLO-100 besteht aus zwei Kanälen: Normal und Overdrive – der Normalchannel weist dabei einen Clean- und einen Crunchmode auf. Für beide Channels stehen getrennte Preamp- und Master-Volume Regler bereit, über die sich Lautstärke und Zerrung regeln lassen. 

Auch wenn sich alle Kanäle bzw. Modi eine Klangregelung teilen, darf man hier zumindest auf Plugin-Ebene doch mit Fug und Recht von drei verschiedenen Kanälen sprechen. Apropos Klangregelung: Ein Bass-, Middle- und Treble-Regler erlauben rudimentäres EQing der Vorstufe. Presence- und Depthregler, die bei einem Echt-Amp an der Endstufensektion ansetzen, bearbeiten zusätzlich die Höhen und Bässe. Um dem Normalchannel noch einen kleinen Trebleboost zu entlocken, steht auch noch ein Brightswitch bereit.

Der Cabblock ist beim SLO-100 mit nur einer Gitarrenbox ausgestattet, bietet jedoch auch die Option, externe Speaker Impulse Responses zu laden. Auch wenn die Original Soldanos anfangs mit Eminence V12 und später mit Celestion V30 Speakern ausgeliefert wurden, lässt sich beim Plugin nur spekulieren, welche Box hier als Defaultcab gesetzt wurde.  Fakt ist jedoch, dass das Cab mit zwei verschiedenen Mikrofonen abgenommen werden kann, wobei sich das Miking im Stereobild frei anordnen oder auch im Center stufenlos mischen lässt.

Selbstverständlich lassen sich auch zwei verschiedene Faltungen für den linken und rechten Speaker laden. Zum Abnehmen der virtuellen Gitarrenbox hat man nun die Auswahl aus sechs klassischen Mikrofontypen, unter denen zwei dynamische, zwei Kondensator-, und zwei  Bändchenmodelle anzutreffen sind. Diese lassen sich hinsichtlich ihrer Position, Entfernung und Lautstärke frei verschieben und tweaken, was einerseits via Maus am Mike selbst, aber auch an den Potis funktioniert. Da bei Neural ebenfalls Impulse Responses zum Einsatz kommen, ist davon auszugehen, dass die Verschiebung der Position oder der Distanz über das Umblenden von mehreren IRs, die von Adam “Nolly” Getgood stammen, im Hintergrund geschieht. Wie bei vielen Faltungsloadern fällt auch beim Einsatz von Drittpartei-IRs die Flexibilisierung der Mikrofonierungsoption weg.

Die Effekte sind in einem Pre- und Post-Block angeordnet. Im Pre-FX-Modul befinden sich Pedale, die üblicherweise vor einen Amp gehängt werden. Im Falle des SLO-100-Plugins handelt es sich dabei um einen Kompressor, zwei Overdrives und einen gemoddelten Analogchorus. Von hier geht es in den Ampblock und unmittelbar dahinter wurde ein 9-Band Equalizer platziert, mit dem sich jede Frequenz um 12 dB boosten oder cutten lässt.

Der Post-FX Block hält nun die „timebased“ Effekte wie einen Delay und einen Reverb bereit. Das Delay ist eine Stereovariante, die Ping-Pong-Delays ermöglicht und die mit einer Tapfunktion sowie der Option, die Delay Time zum Songtempo zu synchronisieren, ausgestattet ist. Der Reverb ist mit seinen drei Potis extrem einfach und funktional gehalten und liefert einen festen Reverb-Typus.

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