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16.11.2018

Native Instruments Traktor: Evolution der DJ-Software

Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte digitale DJ-Kultur

Native Instruments Traktor ist neben Serato die wichtigste professionelle DJ-Software. Ob nun mixen nur mit dem Laptop, mit DVS-Unterstützung oder den eigenen hochspezialisierten Controllern: Traktor hat entscheidend das Bild des digitalen DJs geprägt, gefördert und Innovationen wie Loops, Beatjump, Remix-Decks, STEM-Decks und nicht zuletzt den berühmt-berüchtigten Sync-Button in die DJ-Kultur eingeführt.

Innerhalb von 20 Jahren ist die Berliner Software-Schmiede vom kleinen Start-up zum Global Player gewachsen und hat sich dennoch ihre Kreuzberger Bodenständigkeit bewahren können.

Anlässlich der Veröffentlichung von Traktor Pro 3 und den ebenfalls brandneuen Controllern Kontrol S4 MK3 und Kontrol S2 MK3 trafen wir die Person bei NI, die Traktor von Anfang an begleitet hat: Traktor Product Owner Friedemann Becker. Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte digitales DJing mit einigen hochinteressanten Einblicken hinter die Kulissen.

MJ Studio (1998) – „Traktor, ich bin dein Vater“

1994 stellte das Fraunhofer Institut den MP3-Standard vor, ein sehr verlustarmes Kompressionsverfahren, um möglichst effizient Musikdateien durch das noch junge und recht langsame Internet zu schicken. Bereits vier Jahre später und lange bevor 2001 der erste iPod auf den Markt kam, entwickelte die kleine dreiköpfige Firma d-lusion interactive media die erste virtuelle DJ-Software für PCs, in der MP3s mit zwei Playern gemixt und im Tempo angeglichen werden konnten. MJ Studio bot bereits einen Dreibandequalizer, Playlists mit ID3-Unterstützung, eine Vorhörfunktion, Mouse-Scratching und sogar eine Beaterkennung. Zwei der ehemaligen d-lusion-Gründer haben mittlerweile übrigens die bekannte Sprachlern-Company Babbel gegründet. Und wer noch mal selbst in die Frühzeit des digitalen Auflegens abtauchen will: Der Uropa aller DJ-Software kann immer noch kostenlos heruntergeladen werden.

Friedemann Becker stieß im Jahr 2000 zu Native Instruments:

„Als ausgebildeter Physiker habe ich schon früh Reaktors Vorläufer Generator genutzt, um damit alle möglichen Dinge zu bauen, die aber mehr mit Messtechnik als Musik zu tun hatten. Man hatte in dem digitalen Modularbaukasten ja alle nur erdenklichen mathematischen Funktionen, konnte elektrische Ströme reinfüttern und viel mehr damit machen als nur Sound. Ich bin dann auf Native Instruments während der Frankfurter Musikmesse 1999 zugegangen. Mein erster Job war Reaktor-Community-Manager, da habe ich die Reaktor-User-Library aufgebaut.“

Die Firma hatte sich gerade mit innovativen Software-Synths wie Reaktor und den ersten Plug-in Versionen legendärer Hardware-Keyboards wie Pro-52 (Sequential Circuits Prophet-5) und B4 (Hammond B3) einen festen Namen in der Studioszene erworben. Nun wollten die Berliner auch den DJ-Bereich erobern. Man suchte nach Entwicklern, stieß auf die Firma d-lusion und deren Produkt MJ Studio. Becker gibt einen Einblick in die Steinzeit des digitalen Auflegens:

„Damals sah DJing auf dem Computer so aus, dass man zwei Instanzen von Winamp mit einem Crossfader-Plug-in auf einem Desktop-Rechner mischen konnte. Das war noch nicht pitchbar und musste alles über Maus und Tastenkommandos bedient werden. Es gab damals noch keine auf DJs spezialisierten Controller und Soundkarten. MJ Studio war ebenfalls noch sehr basic, was den Funktionsumfang angeht, aber immerhin pitchfähig, dass DJs im Computer die Tracks angleichen konnten, war ein echter Quantensprung.

Wir haben dann die d-lusion Entwickler überzeugen können, zu uns zu kommen und ihr Know-how und ihre IP bei uns einzubringen. Der Beatgrid war eine der ersten Sachen, in die wir sehr viel Energie gesteckt haben, um ihn zuverlässig und markttauglich zu machen, weil das die Vorbedingung für eine zufriedenstellende Sync-Funktionalität ist. Diese Beat-Detection wurde – wie viele großartige Instrumente bei NI – ebenfalls in Reaktor entwickelt und später dann nach C++ portiert und patentiert. Das ist einer der technischen Beiträge, die ich selbst als Physiker zu Traktor im Laufe der Jahre beigetragen habe."

Traktor DJ Studio (2001) – Der erste „echte“ Traktor

So entstand 2001 Traktor DJ Studio als Weiterentwicklung von MJ Studio mit Friedemann Becker als Projektleiter.

„Das Erste was wir machten, war eine Neugestaltung der Oberfläche. Die Interaktion mit der Musik sollte sichtbarer, anfassbarer und dadurch unmittelbarer werden, als nur einfach Start und Stopp zu drücken. Das war dann die Darstellung der Wellenform, in der man mit der Maus schnell eine bestimmte Position anwählen und scratchen konnte, ähnlich wie bei einer Schallplatte. Dazu kamen ein komfortabler Browser und ein komplett neues Design, weil Native Instruments sich schon immer auch über das Design definiert und abgehoben hat. Wichtig war uns noch ein NI-typischer Filter, auch inspiriert durch das damals sehr beliebte Allen & Heath Xone:92-Pult und seine Filter-Mixing-Möglichkeiten, lange bevor Pioneer und die anderen Firmen Filter in ihren Mixern vorstellten. Trotzdem war das Design noch sehr verspielt, viele runde Elemente, später sind wir ja sehr viel nüchterner geworden. Aber es gab schon eine Master-Clock und das Phasenmeter, das die Synchronizität der beiden Decks darstellt.

Ebenfalls war uns wichtig, die Software durch einen Controller steuerbar zu machen. Deshalb haben wir das Ding MIDI-fähig gemacht, um Traktor mit General Purpose MIDI-Controllern wie Doepfer Pocket Control und Behringer BCF-2000 verbinden zu können. Das war einer der ganz wichtigen ersten Schritte für Traktor, um von professionellen DJs ernst genommen zu werden, die auf die Bühne gehen und dort auch wirklich schrauben wollen. Einige unserer ersten „Evangelisten“ waren aber auch reine „Maus-DJs“, wie die damals viel im Berliner WMF-Club spielte. Ein weiterer User der ersten Stunde war der Frankfurter Drum ’n’ Bass Produzent Kabuki, der schon auf dem Fusion-Festival 2001 mit der ersten Version von Traktor auflegte.

Wir haben natürlich keine Mühen und Kosten gescheut, unsere Bonedo-Autorenkollegin Manuela Krause, zu einem Statement zu bewegen

„Ich habe von Anfang an mit dem Computer aufgelegt und damals zunächst sogar meinen iMac G3 ins WMF geschleppt. Darauf hatte ich eine der ersten MP3-Softwares installiert: Tactile 12000. Auflegen und mixen mit der Maus! Das war total futzelig. Ging eigentlich nur mit schnellem Crossfade oder Track by Track. Dann hat mir ein Kumpel für eine Tour nach Tel Aviv seinen Laptop mit Traktor geliehen und ich war sofort total begeistert! Ich habe mir dann freiwillig einen PC-Laptop gekauft und meinen dicken Mac in die Ecke gestellt!

Lustig waren die Reaktionen der Kollegen: Ich war ja nicht „nur eine Frau“ hinterm Deck, sondern habe auch noch mit dem Rechner aufgelegt. Die anderen DJs haben das erst mal gar nicht ernst genommen. Die fanden das eher total lustig, aber halt nicht profimäßig. Die Einzige, von der ich positives Feedback bekommen hatte, war Electric Indigo (hier im Gear Chat), die hat mich in Sarajewo bei einem Rave gehört und gesehen!

Ich fand das Auflegen mit den ersten beiden Traktor-Versionen fantastisch! Das Beatmixen mit dem Mousepad und den Tasten ging ganz rhythmisch und leicht von der Hand. Das Schöne: Damals war Traktor noch sehr minimalistisch, reduziert aufs Wesentliche und trotzdem konnte man damit ordentlich den Floor rocken, wenn man die richtige Musik zur richtigen Zeit aufgelegt hat.”

Anlaufschwierigkeiten

„Traktor war zu Anfang noch kein Hype. Die Idee, eine DJ-Software auf den Markt zu bringen, war auf jeden Fall sehr mutig“, resümiert Becker.

„Die ersten User waren Leute, die für wenig Geld zuhause ein Auflegeerlebnis haben wollten, zumal nur wenig Musik überhaupt rein digital vorlag. Es gab eine Parallelentwicklung von MP3-Format und DJ-Software, darum hatten wir zu Anfang auch eine Funktion zur CD-Wiedergabe. Von den professionellen DJs wurden wir zu Anfang überhaupt nicht ernst genommen. Ein Computer in der DJ-Booth war Anfang der Nuller-Jahre ziemlich gewagt. Damals gab es ja noch nicht mal Ableton."

Seinerzeit fanden virtuelle Instrumente im Vergleich zu DJ-Software eher Akzeptanz, weil der Computer im Studio kein Fremdkörper war. Generell gab es sowieso viele Kompromisse. Aufgrund des noch vergleichsweise geringen Speicherplatzes in Computern hatten viele MP3s noch geringe Auflösungen wie 128 kBit und dann war da ja auch noch die Frage, wo das MP3 eigentlich herkommt. In der Zeit vor iTunes und Beatport gelangte viel Musik via Napster und anderer halblegaler Quellen auf die Computer. Aber die technische Entwicklung und die Zeit spielten wie schon bei der Entwicklung von nativen Plug-ins der Berliner Software-Schmiede in die Hände.

Embedded Player

Traktor DJ Studio war eine reine PC-Software, aber beschränkte sich nicht allein auf Computer. In Kooperation mit Sony Records gab es 2002 auf mehreren Dream Dance Compilations sowie auf dem Kai Tracid Album „Trance & Acid“ einen zusätzlichen Traktor-DJ-Mix, der als kleines kompaktes Mix-File auf der CD vorlag und auf die Audiotracks der CD zugriff. Dieser war am Windows-PC mit dem kostenlos enthaltenen Traktor-Player oder natürlich auch mit der Traktor DJ Studio Vollversion abspielbar. Auch der Autor dieser Zeilen hatte schon Ende 2001 die Ehre, mit Hilfe und Anleitung von Friedemann Becker höchstpersönlich für sein Album „Everyground“ einen solchen Mix zu erstellen. Dabei wurden mit dem digitalen „Automation Mix Recorder“ – fester Bestandteil bis zum Release von Traktor Pro im Oktober 2008 – lediglich die digitalen Prozesse aufgenommen und waren editierbar, abspielbar und konnten als Audiofile exportiert werden.

DJ-Mixes ließen sich sogar in mehreren Sessions nach und nach erstellen. Zu jener Zeit waren eben Festplatten noch relativ klein und ein unter Umständen mehrere Gigabyte großes WAV-File noch eine Zumutung für jeden Laptop. Auch hier testete NI also schon früh neue innovative Wege aus, auch wenn manche in der Sackgasse endeten oder später durch die voranschreitende technische Entwicklung wieder obsolet wurden.

Friedemann Becker: „Wir mussten den Automation Mix Recorder irgendwann fallen lassen, weil er unwartbar wurde. Mit jeder neuen Traktor-Version mussten wir alle alten Effekte und alle alten Workflows immer weiter mitschleifen, damit alte Recordings auf neueren Versionen abspielbar blieben und sich auch identisch anhörten. Das wurde irgendwann zu viel Aufwand, es wurde instabil und war auch von der Bedienung nie wirklich angenehm zu nutzen. Die erste Aufnahme durchgehend, kein Problem, aber Mixes im Nachhinein noch zu editieren – der eigentliche Sinn dieses Features – war ziemlich kompliziert. In der Zwischenzeit hatten auch größere Festplatten Einzug in die Laptops der User gehalten, längere WAV-Aufnahmen waren kein Problem mehr, so dass wir uns schließlich bei Traktor Pro zugunsten anderer Prioritäten vom Automation Mix Recorder trennen konnten.“

Traktor DJ Studio 2 (Oktober 2002) – Ganz nah dran am User

Schon im Oktober 2002 kam Traktor DJ Studio 2 in die Läden, endlich auch als Mac-Version, zusammen mit vielen neuen Features wie Keylock, mehr Loop-Funktionen, Preview-Player sowie einem kräftigen Re-Design. Der Sync-Button saß jetzt groß und prominent unter den Playern.

„Bei der zweiten Version vom Oktober 2002 sieht man dann schon die Tendenz, von einer ganz klaren einfachen Applikation zu einem relativ komplizierten Studioprojekt zu wachsen“, schmunzelt Friedemann Becker beim Blick auf den Screenshot. „Da kamen dann immer mehr User-Wünsche dazu und damals ist Traktor sehr nah am User entwickelt worden. Die Nutzer äußerten viele Ideen und Wünsche, die wir gerne zur Verfügung stellen wollten. Deshalb hat Traktor zu jener Zeit sehr viele Features bekommen, die auch teilweise sehr unterschiedliche Bereiche abdeckten.“

Traktor DJ Studio 2.5 (September 2003) – Beatjump und Key Control

Friedemann Becker: „Traktor DJ Studio 2.5 war dann eher ein kleines Update mit einem vertikalen Mixer, damit die Wellenformen schön viel Platz hatten. Die waren für immer mehr Leute richtig wichtig. Ich erinnere mich an lange Diskussionen, wenn wir mal das Farbschema verändert hatten: Die User beschwerten sich, dass sie „ihre Beats“ nicht mehr sehen konnten. Darum haben wir bei der Einführung der farbigen Wellenformen immer noch die Option belassen, die Wellenformen im gewohnten alten gelblichen Farbton anzuzeigen. Die farbigen Wellenformen sind übrigens tatsächlich frequenzbasiert, während wir bei Traktor DJ Studio 2.5 die Tönung noch über andere Faktoren erzeugt haben.

Dann bot diese Variante auch noch OSC (Open Sound Control), das ist eine Art „hochauflösendes MIDI“ mit dem Nachteil, dass es nicht standardisiert ist. Reaktor läuft mit OSC und der Plan war unter anderem, Traktor und Reaktor besser zu verbinden. Einige Video-Softwares nutzt ebenfalls OSC. Diese Exkursion haben wir dann aber nicht mehr weiterverfolgt, weil OSC eben sehr speziell ist.“

In Sync Traktor war in vielen Bereichen ein Vorreiter für digitales DJing. Nicht nur, dass Soft- und Hardware-Firmen wie Pioneer sukzessive Konzepte von Traktor wie Beatjump und Deck Lock übernommen haben: Vor allem in der leidigen Diskussion um den Sync-Button hat Native Instruments viele Schlachten vorweggenommen, die andere Firmen später nicht mehr schlagen mussten. Wie hat man bei NI diese Diskussion wahrgenommen?

„Das war schon ziemlich krass“, gibt Friedemann Becker unumwunden zu. „Aber respektierte DJs wie Chris Liebing waren sehr fasziniert vom digitalen Auflegen und haben für den Sync-Button Partei ergriffen. Dieser sei eben kein „Ersatz für den DJ“, sondern würde seine Möglichkeiten unterstützen und verstärken. Das hat uns unter dem Credibility-Aspekt sehr geholfen. Chris hat auch schon früh eine vierkanalige Variante von Traktor angeregt. Das war alles noch die Zeit vor der Vinyl-Kontrolle und das war auch die härteste Zeit für uns. Als dann Vinyl-Kontrolle, Richie Hawtin und John Acquaviva um die Ecke kamen, haben endlich auch viele professionelle DJs Traktor als ernsthafte Alternative angesehen.“

Traktor Final Scratch (März 2004) – Scratch it!

Im November 1998 stellte die Amsterdamer Firma N2IT auf der COMDEX in Las Vegas das erste Timecode-basierte digitale Vinyl-System (DVS) vor: „Final Scratch“ lief unter BeOS und der handgelötete Hardware-Prototyp steckte noch in einer Aluminiumbüchse. Auch in Deutschland war das System in der Folge zu sehen, so unter anderem beim Computer Chaos Camp (CCC) 1999 im Paulshof Altlandsberg, 25 km nordöstlich von Berlin.

Auf den speziell dafür gepressten Vinylplatten befand sich keine Musik, sondern ein digitales Timecode-Signal, das per Tonabnehmer und spezieller Soundkarte der Software mitteilte, wie schnell sich die Platte drehte und an welcher Abspielposition sie sich befand. Somit konnte DJ ein digitales Musikstück pitchen und scratchen und auch wie mit einer analogen Schallplatte die Nadel mitten auf den Track setzen. Die Software wies noch keine benutzerfreundliche Oberfläche auf, aber sie funktionierte! Erstmals ließen sich Musikdateien auf einem Computer mit Hilfe von Timecode-Vinylschallplatten kontrollieren.

Die beiden Plus 8 Label-Besitzer Richie Hawtin und John Acquaviva erkannten das Potenzial dieser neuen Technologie und stiegen in die holländische Entwickler-Firma N2IT als Gesellschafter ein. Öffentlich suchten die beiden Star-DJs nach Partnern für das notwendige roadtaugliche Audiointerface, hatten auch mit Native Instruments Kontakt, aber den Zuschlag erhielt dann Stanton und Anfang 2002 wurde auf der NAMM Stanton Final Scratch FS 1.0 vorgestellt. Die Software lief unter BeOS und Linux, kam weiterhin von N2IT und sah sehr schlicht aus: zwei gelbe Wellenformen auf blauem Grund, ein Browser und das war’s. Keine Fader, keine Buttons und kein Sync. Als Soundkarte diente der kreisrunde „Scratch Amp“, der via USB an den Computer angeschlossen wurde. Leider gab es dies revolutionäre System weder für Windows noch MacOS und Final Scratch verbreitete sich dadurch nicht wie erhofft.

Friedemann Becker erinnert sich: „Wir hatten mit Stanton schon früher Gespräche über Hardware geführt, z. B. ob sie nicht mal einen Mixing-Controller für uns bauen wollen. Nun kamen sie auf uns zu und fragten, ob wir Traktor Final-Scratch-fähig machen könnten. So ist die erste Version von Traktor Final Scratch entstanden. Dafür mussten wir aber noch mal richtig Entwicklungsarbeit reinstecken. So haben wir einen neuen Timecode und Decoder entwickelt, die eine bessere Performance lieferten, Mit dem neuen, sehr robusten Code waren nun auch schnelle Backspins und ganz langsame Scratches möglich und die Anfälligkeit für Staub und Störsignale wurde verringert. Vor allem aber die Tatsache, dass die Software endlich für Mac und Windows Computer verfügbar war, hat dann für Final Scratch den Durchbruch gebracht.“

Final Scratch FS 1.1 kam im März 2004 mit Traktor-typischem Interface zunächst für Linux und MacOS auf den Markt. Ab FS 1.5 war Schluss mit Linux und die Software setzte auf MacOS und Windows XP. Nun war auch hier Keylock möglich: Die Platte konnte bei unveränderter Tonhöhe in der Geschwindigkeit verändert werden. Aber nach wie vor gab es keinen Sync, hier durfte DJ per Control-Vinyl Hand anlegen.

Zeitenwende Zu jener Zeit wurden DJs von den Labels schon häufig mit MP3s statt Vinyl-Schallplatten bemustert, um die Promokosten niedrig zu halten. Viele DJs legten daher bereits mit einem Mix aus Vinyl und CD auf, aber DJ-CD-Player waren Anfang des neuen Millenniums noch verpönt und weit entfernt von den heutigen Möglichkeiten. So erschien ein System wie Traktor Scratch – auch dank des Supports durch Heavyweights wie Hawtin/Acquaviva – für vielreisende professionelle DJs sehr attraktiv, um viel mehr Musik auf Tour zu nehmen, als in eine oder zwei Plattenkoffer hineinpasst.

Für Hip-Hop Scratch-DJs tat sich ebenfalls ein völlig neues Feld auf. Endlich waren sie nicht mehr allein auf gepresstes Spezial-Vinyl oder schwer zu scratchende, kurzlebige Dubplates angewiesen, sondern konnten via DVS beliebige Soundfiles vom Computer einsetzen, z. B. Vocal-Spuren ihrer MCs und eigene kreierte Sounds. Und dass die Software noch nicht über das Sync-Feature verfügte, spielte hier keine Rolle. Friedemann Becker: „Beim Hip Hop DJ ist es ganz wichtig, die Scratch Skills auch zeigen zu können, ein eigentlich nicht dafür gedachtes Tool, wie einen Plattenspieler als Musikinstrument zu nutzen. Da ist Innovation fast schon kontraproduktiv, denn man will ja gar nicht, dass einem die Technik das abnimmt, sondern möchte seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen und als Scratch-Artist nachvollziehbar bleiben.“

Wer noch mehr zur Theorie des Timecodes erfahren möchte, findet bei Wikipedia eine gute Beschreibung. 

Traktor DJ Studio 2.6 (November 2004)

Das DJ-Studio mit Vinyl-Kontrolle Nach wie vor war Traktor Final Scratch eine eigenständige und unabhängige Software. Parallel dazu entwickelte Native Instruments das Traktor DJ Studio weiter. Mit Version 2.6 wurde auch Traktor DVS-fähig. Das war eine wichtige Sache, denn dadurch wurde das Traktor-Hauptprogramm mit all seinen mächtigen Funktionen zur Konkurrenz für das relativ simple Final Scratch. Unter anderem wurde die Final Scratch-Technologie dadurch Sync-fähig und es war möglich, trotz Vinyl-Kontrolle Tracks zu loopen. Dazu kam, dass der Track nicht mehr ausschließlich „absolut“ an den Timecode gebunden sein musste, sondern auch „relativ“ lief.

Außerdem führte NI mit dieser Version den Audiorecorder ein, um Mixe nicht nur als Daten per Mixrecorder, sondern auch direkt als Audiofile aufnehmen zu können, unerlässlich beim Betrieb mit Kontroll-Vinyl. Zusätzliche File-Formate wie FLAC, Ogg Vorbis, AAC und WMA gesellten sich zu MP3, WAV und AIFF.

Und schließlich schuf man mit „Conditional MIDI Mapping“ die Grundlage für eine höchst kreative Mapping-Scene, die Traktor in den Folgejahren zur wichtigsten Software für DJ-Controller machen sollte. Plötzlich gab es einen neuen Begriff: Controllerism, vor allem lanciert von der US-amerikanischen Website DJtechtools und deren Gründer Ean Golden, die unter anderem viele Mappings für alle möglichen und unmöglichen Controller zum kostenlosen Download anboten.

Friedemann Becker: „Ean Golden hat sehr viel bewirkt. Ich weiß nicht, ob er es war, der sich den Begriff „Controllerism“ ausgedacht hat, aber er hat ihn als neue Kategorie mit seiner Website DJtechtools sehr stark promotet. Selbst bei den DMC-Championshots wurde Controllerism neben Turntablism als neue Kategorie akzeptiert und eingeführt. Dazu kamen die vielen verschiedenen Mappings, die man bei DJTT herunterladen konnte, wie auch die Overlays und letztlich die Hardware, die Ean selbst entwickelt.“

Ean verkaufte mit dem Segen von Vestax eine eigene Version des VCI-400, kreierte für Novation die Dicer Mini-Controller und in eigener Regie die MIDI Fighter Serie.

Traktor 3 (September 2005) – Vier Decks und mehr

Mit Traktor 2 baute Native Instruments seine DJ-Software noch weiter aus: Nun gab es vier Decks, Effekte und sogar einen eigenen On-Board-Browser für den kürzlich aus der Taufe gehobenen Beatport-Store, an dem NI Anteile besaß. Nun war das GUI komplett mit Funktionen überladen und DJ konnte sich das User-Interface über das konfigurierbare Headerpanel sogar selbst konfigurieren. Und alles konnte entweder über MIDI-Controller oder Timecode-Vinyl gesteuert werden.

Friedemann Becker: „Wir fanden mittlerweile den Namenszusatz „Studio“ nicht mehr zutreffend, weil Traktor vor allem ein Bühnenwerkzeug geworden war, darum ließen wir ihn ab dieser Version weg. Traktor 3 bot den Höhepunkt in der Konfigurierbarkeit des User-Interfaces. So etwas gab es meiner Meinung nach nie wieder, wir hatten so viele Funktionen und es war nötig, im Headerpanel ein Rack anzubieten, wo man verschiedene Module einpluggen konnte, um die GUI nicht komplett explodieren zu lassen. Da es erst ab Traktor 3 auch vier Decks gab, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass erst 2005 Laptops genug CPU-Power hatten, um all die Features von Traktor auch problemlos in vierfacher Form zu verarbeiten. Gerade Key-Lock ist sehr „teuer“, was den CPU-Verbrauch angeht.“

Beatport Inside

„Die Beatport-Integration dagegen war eine Exkursion, die wir nach Traktor 3 nicht mehr weiterverfolgt haben“, erklärt Becker weiter. „NI war Teilhaber und wir standen Beatport bei ihrer Startphase sehr mit unserem Know-how zur Seite. Die Firma hatte sogar anfangs ihr Büro in unseren Räumlichkeiten. Da entstand dann die Idee eines eingebetteten Beatport-Fensters im Browser. Leider existierten zu jener Zeit Konzepte wie „responsive Design“ noch nicht, so dass Beatport ständig zwei Shop-Frontends pflegen musste, den in Traktor 3 und den im Web. Letzterer war natürlich stets aktueller und deshalb kauften die Kunden im Endeffekt dann doch immer im Onlineshop. Die Nutzungsintensität und der Aufwand haben sich für uns einfach nicht gerechnet. Die Idee war aber grundsätzlich gut und vielleicht kommt das ja auch mal irgendwann wieder, man müsste es nur anders lösen.“

Traktor Final Scratch 2 (November 2005) -Noch einmal gemeinsam

In der Zwischenzeit entwickelte Stanton den Scratch Amp 2, der ein wenig wie ein Car-HiFi-Verstärker aussah, per Firewire verbunden wurde und im November 2005 zusammen mit Traktor Final Scratch FS 2.0 auf den Markt kam. Von der Firewire-Schnittstelle versprach man sich weniger Latenz als mit USB 1.0. Der Scratch Amp 2 funktionierte nicht ausschließlich nur mit Final Scratch 2, sondern war auch kompatibel zu den damals aktuellen Traktor Versionen, z. B. Traktor DJ Studio 3 ab Version 3.3. Und so gab es für Stanton neben Serato eine weitere Konkurrenz: Native Instruments selbst. NI hatte einen eigenen Timecode (MK2) entwickelt, der mit dem ursprünglichen Final Scratch-Timecode abwärtskompatibel war: Mk1 Control Vinyls konnten z. B. nach wie vor genutzt werden. Friedemann Becker erinnert sich: „Es kam der Punkt, an dem wir dem Timecode ein Update geben wollten, um ihn noch robuster zu machen. Da dieser MK2 Timecode eine Neuentwicklung war und aus unserer Sicht auch nicht die Patente der Firma N2IT verletzte, stellten wir die Lizenzzahlungen ein. Dies führte zu einem Rechtsstreit mit Stanton, an dessen Ende ein Vergleich stand und Native Instruments die gesamten Patente am Timecode erwarb.

Ein Aspekt, der mich persönlich sehr stolz gemacht hat, war, dass viele der schlauen Köpfe aus der digitalen Computer-Technologie im Laufe der Zeit zum Traktor gestoßen sind. Da war Jim Mazur, der Kopf hinter Final Scratch bei Stanton, der 2007 zu uns stieß und bis 2017 die Traktor Brand geleitet hat und Chad Carrier, der Macher hinter M-Audios DJ Software Torq, die viele richtungsweisende Features als erste vorstellten. Chad war bei NI lange Jahre Product Owner für Traktor und leitet inzwischen eines der Maschine Teams."

Traktor Scratch (Januar 2007)- Getrennte Wege

Schon im Januar 2007 stellten die Berliner Traktor Scratch vor, sozusagen die Fortführung von Traktor Final Scratch unter eigener Flagge und mit eigenem Audiointerface, dem Audio 8 DJ. „Endlich haben wir dann auch mal eigene Hardware gemacht“, stellt Friedemann Becker mit erkennbarer Zufriedenheit fest. „Vorher hatten wir immer viele Kooperationen mit anderen Partnern, aber hier haben wir schließlich unsere eigenen Ideen verwirklichen können. Allen voran natürlich die Audio 8 DJ. Es gab vorher natürlich schon Standard-Soundkarten für Traktor, aber die waren alle nicht so optimal. Für den kleinen Geldbeutel stellte NI Traktor Scratch Duo vor, eine zweikanalige Variante der großen Software mit der passenden Audio 4 DJ-Soundkarte.

Traktor Pro (Oktober 2008) – Vieles auf Anfang

Mit Traktor Pro und der teureren DVS-Variante Traktor Scratch Pro setzte Native Instruments seine Software neu auf. Die neue User-Interface-Abteilung hatte die überladene Oberfläche von Traktor 3 wieder übersichtlicher gestaltet, Traktor Pro sah schon vor 10 Jahren ungefähr so aus, wie wir es heute immer noch kennen. Dazu wurde das Software-Innenleben kräftig entrümpelt, alte Routinen wurden rausgeschmissen und Traktor Pro war nicht mehr kompatibel zu seinen Vorgängern. Manchen Anwender hat das gestört, aber die stabile Engine, der neue Look und nicht zuletzt so kleine, aber feine Neuerungen wie die Darstellung des Cover-Artworks versöhnten die Traktor-Gemeinde schnell wieder. Für viele DJs war die Anzeige der Cover ein großer Wurf. Endlich konnte man Playlisten auch visuell durchsuchen, fast wie beim Blättern durch die Plattenkisten wurde das oberste Viertel des Covers auch in den „Crates“ angezeigt. Neben der Wellenform wurde die Umdrehungsposition oder die Qualität der DVS-Verbindung angezeigt. Kleine Service-Updates wie Traktor Pro 1.2 brachten weitere Verbesserungen wie eine flexiblere Effekt-Sektion, optimiertes Time-Stretching, Display-Unterstützung für aktuelle Hardware-Controller und mehr.

Mittlerweile war DJ-Software der Standard in der DJ-Booth. Der Begriff „Serato-Face“ kam für DJs auf, die mehr in ihre Laptops als auf den Dancefloor starrten. Um den Fokus vom Computer zu entkoppeln, mussten DJs die Musik „anfassen“ können, beim Spielen, aber auch schon beim Auswählen. NI stellte mit dem Kontrol X1 den ersten eigenen NI-Controller vor, mit Tasten und Reglern für Transport, Hot Cues, Loops, Browsing und Effekte. Ein kleines, geniales Hardcase brachte den flachen X1 auf gleiche Höhe mit den Turntables und dem Mischpult und fortan sah man viele DJs mit Scratch-Vinyl, die über den X1 durch ihre Playlisten browsten und Hot Cues, Loops und Effekte bedienten.

Traktor Pro S4 (Oktober 2010) – die Geburt der klassischen Controller-Console

Mit dem Kontrol S4-Controller mit integrierter Soundcard präsentierte NI dann schließlich eine Rundum-Sorglos-Komplett-Lösung für alle DJs, die nicht mit DVS arbeiten wollen. Der erste S4 ist der meistverkaufte Traktor-Controller aller Zeiten und Vorbild für viele Konsolen anderer Firmen. Auch der brandneue Kontrol S4 MK3 folgt mit seinem Formfaktor grundsätzlich immer noch dem Mark 1. In der dafür angepassten Traktor-Software wurden als Schmankerl vier Sample-Decks integriert, die Vorläufer der Remix Decks mit bis zu 64 Samples. Diese standen zu Anfang nur mit der Kontrol S4-Hardware zur Verfügung und das sorgte für Unmut bei den Usern, gerade bei der Mapping-Community, die gerne andere Controller wie z. B. das Novation Launchpad zur Kontrolle der Sample-Decks genutzt hätten.

Friedemann Becker bittet um Verständnis: „Leider wird einem oft schnell Böses unterstellt. Diese Einschränkung war seinerzeit nur der Tatsache geschuldet, dass es etwas ganz anderes ist, ein Feature nur für die eigene Hardware anzupassen oder es für beliebige MIDI-Controller mappbar zu machen. Wir wollten erst mal unsere Hausaufgaben machen und das Feature in einem kontrollierten Ökosystem zum Laufen kriegen, bevor wir es für alle anderen öffneten, denn dann gelten noch mal ganz andere Qualitätsstandards. Das wird es wahrscheinlich in Zukunft auch noch häufiger geben.

Wir hatten auch schon damals die Remix-Decks im Sinn, aber der Schritt wäre zu dem Zeitpunkt noch zu groß gewesen. Auch die Wellenformen waren bei Pro S4 noch nicht farbig. Insgesamt war Pro S4 ein Zwischenschritt, der auf weitere hinweist, aber seit Traktor Pro hat sich an der gesamten Architektur auch nicht mehr allzu viel geändert.

Die Menge an neuen Features wurde auch immer weniger, weil immer mehr Energie in die Wartung und die Stabilisierung dieser Software auf den sich ständig weiterentwickelnden Betriebssystemen investiert werden musste.

Service ist bei einer so alten Software oft der Löwenanteil der Arbeit: Es kommt ein neues MacOS und plötzlich ruckeln die Wellenformen und so weiter. Wir erhalten z. B. von Apple vorab immer Beta-Versionen der neuen Betriebssysteme, aber manchmal kommt dann beim letzten Update vor dem Release immer noch mal eine entscheidende Änderung, so dass man immer erst dann, wenn das neue Betriebssystem wirklich draußen ist, auch sagen kann, ob man komplett kompatibel ist oder nicht. Und das passiert bei Apple inzwischen jedes Jahr, bei Windows gibt es eher nur kleinere Updates. Aber das hält uns auf jeden Fall in Atem.“

Traktor Pro 2 (April 2011) – Alles so schön bunt hier

In Traktor Pro 2 gab es dann endlich Sample-Decks für alle farbige Wellenformen, den Loop-Recorder als Zwischenschritt zu den Remix-Decks. Insgesamt war Traktor inzwischen sehr ausformuliert. Was konnte man jetzt überhaupt noch „verbessern“. 

Friedemann Becker: „Was man immer noch besser machen kann, ist Stabilität und Effizienz, so dass die Software einen immer kleineren Footprint bekommt, um dem Rechner immer mehr Luft zu geben, seine Arbeit zu tun. Die meisten Stabilitätsprobleme bei Software kommen ja daher, dass das Programm „auf Kante gestrickt ist“, so dass die Rechenzeit nicht ausreicht, um das Audio, was in Echtzeit gespielt werden muss, zu berechnen. Um neue Features wie die STEM-Decks einzubauen, musste das Programm also genügend Reserven bekommen, denn prinzipiell waren nun bis zu 16 Stereospuren in Echtzeit zu berechnen. Nur durch die Rechnerentwicklung und interne Optimierungen war es überhaupt möglich, so viele Spuren und so was wie die Makroeffekte umzusetzen, wo pro Einheit immerhin drei Effekte unter der Haube laufen. Über die Buffersize stellt der User ja ein, wie viele Millisekunden er Traktor Zeit gibt, um das ganze Audio zu berechnen. Das ist die große Herausforderung bei Echtzeitapplikationen, im Gegensatz zu Nicht-Echtzeit-Programmen wie Photoshop.“   Die DVS-Variante Traktor Scratch Pro 2 brachte mit dem Audio 10 Interface das Update der Audio 8 DJ-Soundkarte gleich mit. Für kleineres Geld gab es die Zweikanal-Variante Traktor Scratch Duo 2 mit der Audio 6-Soundkarte.

 Mittlerweile hatte sich Traktor zu einer superstabilen Software gemausert, die klaglos ihre Audiodateien abspielte, selbst wenn der Rechner am Rande der CPU-Last läuft. Friedemann Becker erläutert: „Wir haben einige Sicherheitsnetze eingebaut. Der Audiothread, der Prozess, in dem die Audioverarbeitung berechnet wird, genießt die oberste Priorität und wenn es da knapp wird, wird erst mal das User-Interface in der Priorität runtergefahren, dann wackelt unter Umständen mal die Wellenform oder das GUI bleibt hängen, aber die Musik läuft weiter. Es kann natürlich immer noch zu Fehlern bei der Audioausgabe kommen, wenn der User viele andere leistungshungrige Programme offen hat, dann kann auch Traktor dagegen nichts mehr tun. Wir haben leider keine Sonderrechte im System.“

Traktor Pro 2.5 (März 2012) – Remixen mit der Power der Vier

Mit Traktor 2.5 wertete NI die Sample-Decks zu den weitaus mächtigeren Remix-Decks auf. Loops aus den Trackdecks oder dem Loop-Recorder konnten nun gespeichert und nahtlos synchron zu den Trackdecks laufen, ein Track quasi on-the-fly geremixt werden. Dazu gab es wieder neue, passende Hardware: Mit dem Kontrol F1 lassen sich bis zu 64 Loops und One-Shot-Samples abfeuern. „Remix-Decks und F1 gehören eng zusammen, denn ohne den lassen sich die Remix-Decks nur schwer bedienen“, erklärt Friedemann Becker. „Es hat uns auch immer geholfen, dass wir uns strikt an diese Zahl „Vier“ gehalten haben. Das können vier Volumes sein, vier Stems, vier Remix-Cells. Es gibt einen roten Faden bei Traktor, immer mit „Vierfachen“ zu arbeiten.“   

Traktor Pro 2.6 (November 2012) – Kontrol Z2, das Beste beider Welten

Mit „vier“ ging es dann auch bei neuer Hardware wie dem zweikanaligen Battlemixer Kontrol Z2 weiter, der sich mit seiner fest verbauten Traktor Scratch-zertifizierten Audiokarte vor allem an Hip Hop-DJs wandte und ihnen vier Autocue-Buttons zur Verfügung stellte, um Turntablism und Controllerism zu verbinden. Der gut verarbeitete vollwertige DJ-Mixer mit XLR-Outputs, separatem Booth-Output und Mikrofoneingang bietet normale Phono- und Line-Eingänge für Turntables und CDs, verwandelt sich aber bei via USB angeschlossenem Laptop mit Traktor in einen komfortablen Traktor-Controller mit Browse-Funktion, Effektregler, Hot Cues und sogar einem dreifachem USB-Hub für X1, F1 oder auch einfach eine USB-Schwanenhalslampe zur Ausleuchtung des Arbeitsplatzes. Immer noch eine gute Wahl für DJs, selbst wenn sie hauptsächlich mit Vinyl spielen.

Traktor DJ (Februar 2013) – Traktor To Go

Lange erwartet portierten Native Instruments ihre digitale DJ-Technologie im Februar 2013 auf das iPad, die App hieß Traktor DJ und war kurz danach auch für iPhone und iPod Touch erhältlich. DJ konnte nun die Musik bzw. die Wellenformen tatsächlich „anfassen“ und die App mit den typischen Gestentechniken bedienen. Dazu gab es einen kompakten Mixer mit integrierter Soundkarte, der sowohl unter iOS als auch OSX betrieben werden kann: den Kontrol Z1.

 Mit der Kombination Traktor DJ for iPad und dem Z1 hatte NI ein schlagkräftiges und äußerst mobiles DJ-System im Portfolio, das die Traktor-Philosophie erfrischend neu dachte und wieder zu ihrem Ursprung zurückführte: zwei Decks, EQ und Filter, that’s it. Plötzlich war sogar mobiles DJing möglich, noch vor dem Portablism-Hype, wie DMC-Champion DJ Shiftee in diesem schönen Promovideo auf den Straßen von Berlin zeigt.

Traktor Pro 2.9 (November 2014)- STEMS, ein völlig neues DJ-Format

Mit den STEM-Tracks lancierte NI vor mittlerweile nun schon vier Jahren ein hochinteressantes neues Audioformat. In einem MP4-Filecontainer befinden sich vier Subgruppen eines Tracks, die wie ein normales Stereo-File abgespielt werden, aber vom DJ individuell in Lautstärke, Filter und Effektintensität regelbar sind. Die entsprechenden STEM-Tracks können bei Beatport gekauft oder auch aus eigenen Produktionen durch den kostenlosen Stem Creator erzeugt werden. Gekaufte STEMS sind meist in Drums, Bass, melodische Elemente und Vocals und Effekte aufgeteilt. Dadurch hat DJ Zugriff auf einzelne Elemente des Songs. Dank eines ausgefuchsten Software-Compressors aus dem NI-Baukasten klingen auch STEM-Tracks trotz ihrer vier Einzelspuren fast so fett wie das gut gemasterte Stereofile. Die Software kam zusammen mit dem nächsten großen Hardware-Streich von NI, dem Kontrol S8, einem üppig dimensionierten Luxus-Controller mit zwei großen hochauflösenden Farbdisplays, der für das Spielen mit STEMS optimiert ist. Später kamen noch der kompaktere Kontrol S5 und Kontrol D2 hinzu, Letzterer quasi ein Single-Player oder Add-On zum Kontrol Z2. Aber auch nur mit dem Remix-Deck-Controller Kontrol F1 lässt sich ein STEM-Deck gut kontrollieren.

Four is the magic number

Wie kam Native Instruments auf die Anzahl von vier Tracks bei den Stem-Decks?“ „Ein ganz starker Antrieb war, dass es bei uns auch sonst schon immer „vier“ gab und dass es von der Hardware-Bedienbarkeit überschaubar bleibt. Klar war uns bewusst, dass man doch immer auch Kompromisse machen muss, nicht jeder Track lässt sich in vier logische Stems separieren, ohne Spuren zusammenzulegen. Wir haben lange zwischen den Zahlen vier, fünf und sechs hin und her diskutiert und sind am Ende des Tages hauptsächlich wegen der Hardware auf die „Vier“ gekommen. Für uns war wichtig, dass die STEM-Decks in einem mobilen Hardware-Controller-Setup bedienbar bleiben und unsere DJ-Software nicht zu sehr in eine DAW-Richtung abdriftet. Außerdem musste so ein Producer seine Einzelspuren nicht zu sehr preisgeben, das erhöhte die Akzeptanz bei den Musikproduzenten und war auch ein Argument.“

STEMS und wie es weitergeht

Wie DJ genau mit STEMS arbeitet, war vielen trotz informativen Bonedo-Crashkursen nicht klar und noch immer fristen die STEM-Tracks ein Nischendasein – von manchem heiß geliebt, von den meisten ignoriert. Dabei hatte sich NI vom STEMS–Format viel erhofft und das Format offengelegt, so dass auch andere Firmen STEMS auf ihren Geräten abspielfähig machen – leider bisher vergeblich.

Friedemann Becker wundert sich: „Es ist ganz paradox, es gibt sehr viele DJs, die das Format unglaublich interessant finden und sich fragen, warum es nicht weiter verbreitet ist. Wir geben uns da Mühe, wir haben z. B. auch mit Artificial-Intelligence-Firmen gesprochen, ob die das STEMS-Format nicht einsetzen wollen, weil sie sowieso in mehreren Layern und Dimensionen denken und arbeiten als der gewöhnliche DJ. Viele DJs sagen auch, dass es eigentlich eine unentdeckte Perle ist. Es ist ja kind-einfach mit einem STEM zu spielen, denn eigentlich musst du nicht mehr machen als bei einem Track. Du kannst entweder einfach gar nichts machen, aber du hast eben auch die Möglichkeit, in die Tiefe zu gehen. Durch die Aufteilung in vier Spuren sind STEM-Tracks der ultimative EQ, weil du nicht nur über Frequenzen, sondern direkt über Spuren die Sounds rausisolieren kannst, ohne dabei die Timeline zu zerstören. Es ist schade, dass es für STEMS nicht viel mehr Content gibt. Alle bisher produzierten STEMS-Files sind leider immer noch ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn du mal das gesamte Musikrepertoire der Welt betrachtest. Noch schwieriger wird das mit älterer Musik, von der wahrscheinlich gar keine Files existieren, aus denen die STEMS dann generierbar wären. Es ist also schwer, der Masse der DJs ihren Content in STEMS zur Verfügung zu stellen. Daher ist es also bislang eher ein neues Tool, als ein neues Format. Traumhaft wäre es natürlich, wenn man Stereofiles in einem Stem-Creator in vier separierte Tracks aufteilen könnte, so dass man aus jedem Track seine vier Stems extrahieren kann. 

Bonedo: Wäre es denn rein technisch vorstellbar, dass Traktor ähnlich wie die Accusonus Software Regroover irgendwann in der Zukunft aus jeder Stereomusikdatei vier getrennte Stem-Files generieren könnte?  

Friedemann Becker: „Ich glaube, da muss es hingehen. Das liegt so nah und so auf der Hand. So was wird ja heutzutage von neuronalen Netzwerken gerechnet. Da wird ein hochkomplexer Algorithmus auf die Musik losgelassen, der dann aus verschiedensten gelernten Kriterien einzelne Spuren extrahiert und das wird über eine kontinuierliche Lernschleife immer besser werden, garantiert. Das ist alles nur eine Frage der Rechenleistung. Im Falles des DJ-Stems kommt es ja noch nicht mal auf hundertprozentige Kanaltrennung an, da man ja eh immer im Mix arbeitet. Wenn ich also bei der extrahierten Bassdrum noch ein kleines Wispern von den Vocals übrighabe, das aber musikalisch akzeptabel eingeblendet ist, dann haben wir eigentlich das Ergebnis, das wir brauchen. Ich würde mich nicht wundern, wenn dieses Format noch ein Revival erleben wird, wenn die Algorithmen dann mal so weit sind, dass Traktor im Zuge einer Analyse – ähnlich der Beatgrid-Analyse – auch gleich die Stems mit extrahiert. Es gibt schon einige Firmen, die in die Richtung arbeiten, die konzentrieren sich noch mehr auf Vocal- und Drum-Extraction, es ist aber alles nur eine Frage der Einstellung. Ich bin da optimistisch.“

Die letzten Jahre von Traktor 2 Fortan verharrte Traktor auf Version 2. Es erschienen noch kleine Service-Updates, teilweise mit mächtigen Features wie Traktor Pro 2.11, das einen kleinen, feinen vierspurigen Step-Sequencer für die Remix-Decks, Ableton Link Support, HID-Integration für Pioneer CDJ-2000NXS2 und Traktor Scratch Zertifikation für Pioneers DJM-900NXS2 und Allen & Heaths XONE:PX5 brachte. 

Derweil eroberte Pioneer mit den aktuellen CDJs und Rekordbox die DJ-Booth, auch dank eines Großinvestments von über einer halben Milliarde Dollar, die die Private Equite Firma KKR (Kohlberg Kravis Roberts) 2015 in Pioneer DJ pumpte. Native Instruments besorgte sich im Oktober 2017 ebenfalls frisches Geld und die ersten Ergebnisse werden jetzt präsentiert: Im April 2018 kündigte Native neue Traktor-Software und Controller an. Die Zeit war reif für den Wandel. 

Im nächsten Teil der großen Traktor History: Traktor Pro 3, wie es dazu kam und was noch kommt.

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