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Test
10
27.10.2011

PRAXIS

Genug der Theorie – probieren wir einmal aus, wie die neuen Synths klingen.

Die drei Reaktor-Synths Spark, Prism und Razor findet man im „Player“-Tab im Reaktor-Browser. Per Doppelklick öffnen sie sich im Hauptteil des Fensters.

Spark
Die Bedienoberfläche von Spark ist trotz der nicht alltäglichen Synthese-Form relativ übersichtlich und gut strukturiert. Dennoch ist es von Vorteil, das Handbuch zu lesen und sich mit dem Signalfluss des Synths vertraut zu machen, wenn man selbst Sounds programmieren möchte. Natürlich kann man aber auch einfach eines der zahlreichen Presets öffnen, an ein paar Knöpfen drehen und sehen, was passiert.

Die Presets bieten einen guten Querschnitt durch die klanglichen Möglichkeiten dieses Synths. Von Flächensounds über Leads und Bässe bis hin zu mystischen Effekt-Klängen ist alles dabei. Vor allem die Pads und die Effekte gehören zu den Stärken des Synths. Die meisten Lead-Sounds fand ich dagegen weniger überzeugend. Der Klangcharakter ist auf eine angenehme Art und Weise digital entrückt, aber dennoch dynamisch und organisch. Die Sounds des Synths sind eigenständig und heben sich aus der breiten Masse hervor. Hier hört ihr drei Spark-Presets beispielhaft angespielt:

Prism
Auch Prism wird man nur wirklich zielgerichtet bedienen können, wenn man das Handbuch gelesen und das Tutorial absolviert hat. Die Klangerzeugung unterscheidet sich doch erheblich von allem, was sonst so üblich ist. Schon die Tatsache, dass ein Exciter der Hauptbestandteil der Synthese ist, verwirrt zunächst etwas. Die klanglichen Ergebnisse überzeugen jedoch. Auch Prism bietet eine große Auswahl sehr brauchbarer Presets unterschiedlichster Natur. Vor allem sphärische Klänge mit interessanten Obertonstrukturen sind die Stärke des Synths.

Prism klingt auf ganzer Linie digital, aber auf eine angenehme Art. Der Synth erschafft ungewöhnliche, fremdartige Klangwelten und eignet sich somit auch sehr gut für Sounddesigner und Filmkomponisten.

Razor
Der dritte neue Reaktor-Synth, Razor, verfügt über die am leichtesten verständliche Bedienoberfläche. Im unteren Bereich befinden sich die Grundbausteine der Synthese mit ihren wichtigsten Parametern. Der obere Bereich wird von dem bereits erwähnten Visualisierer eingenommen. Außerdem öffnet sich hier ein Auswahlbereich zum Beispiel für die verschiedenen Wellenformen oder Filtertypen, wenn man den betreffenden Parameter unten auswählt.

Den Ausgangspunkt der Synthese bilden die beiden Oszillatoren, die über eine große Auswahl von ungewöhnlichen Wellenformen verfügen. Sie bilden das Grundmaterial, dass sich durch die beiden Filter und die Effektsektion formen und verfremden lässt.

Die zahlreichen, nicht alltäglichen Filtertypen sind ein elementarer Bestandteil der Razor-Synthese. Sie gehen deutlich über die übliche Auswahl von Lowpass-, Highpass- und Bandpassfiltern hinaus. So gibt es ein Vowel-Filter, verschiedene Kammfilter und exotische Bausteine wie zum Beispiel ein „Waterbed“ oder „Pseudo Pitchbend“. Die beiden Filter verfügen dabei über unterschiedliche Typen und ergänzen sich kongenial. Je nach ausgewähltem Filtertyp ändern sich auch die dafür zur Verfügung stehenden Parameter.

Im folgenden Video seht ihr beispielhaft, wie das Vowel-Filter arbeitet.

Razor ist der druckvollste der neuen Synths. Während Spark und Prism eher in sphärischen Klangwelten zuhause sind, eignet sich Razor auch sehr gut für Bässe und Leads. Die zahlreichen Presets bilden einen guten Startpunkt. Man sollte jedoch nicht versäumen, selbst mit den Klangparametern zu experimentieren, denn dank der ungewöhnlichen Synthese bietet auch Razor viele neue Möglichkeiten.

Bei der Klangprogrammierung hilft die Visualisierung verschiedener Parameter. Im oberen Bereich der Razor-Oberfläche werden die Auswirkungen der einzelnen Klangformungs-Bausteine auf das Frequenzspektrum in Echtzeit dargestellt. Dabei kann man zwischen einer 2D- und einer 3D-Ansicht wechseln, was vor allem im Hinblick auf den nicht unerheblichen Rechenleistungs-Bedarf dieser Funktion wichtig ist. Die 3D-Ansicht erinnert etwas an Skybeamer-Scheinwerfer, die man mit der Maus sogar in unterschiedliche Richtungen lenken kann – eine nette Spielerei. In den nächsten beiden Videos seht ihr die Visualisierung noch einmal in Aktion.


Alle drei neuen Reaktor-Synths genehmigen sich übrigens einen ordentlichen Batzen Rechenleistung. Ein halbwegs aktuelles System ist deshalb empfehlenswert, wenn man die Synths in Verbindung mit anderen Audio-Instrumenten verwenden möchte.

Retro Machines
Neben den drei durch und durch digitalen Reaktor-Synths bietet Komplete 8  mit den Retro Machines MK2 auch etwas für die Liebhaber analoger  Sounds. Die Kontakt-Library enthält Samples von 16 Klassikern der  Synthesizergeschichte und kombiniert sie mit einer zeitgemäßen  Bedienoberfläche.

Neben Selbstgängern wie Minimoog, Memorymoog, Oberheim Matrix 12 und  KORG Polysix befinden sich  in der Bibliothek auch einige weniger  verbreitete Exemplare wie zum Beispiel der Rhodes Chroma.

Die Bedienoberfläche ist für alle Synths identisch. Mit ihr lassen sich  einige grundlegende Klangparameter einstellen. Dabei ist natürlich klar,  dass hier Kontakt-Filter und -Hüllkurven zum Einsatz kommen und nicht  etwa die analogen Bauteile der gesampelten Synths.

Interessant wird die Oberfläche durch die acht verschiedenen  Einstellungs-Presets für jeden Sound, die sich nicht nur umschalten,  sondern mit dem Morph-Slider auch stufenlos überblenden lassen, wie ihr  im Video sehen könnt.

Auf einer gesonderten Seite befindet sich ein Arpeggiator. Er kann klassische Arpeggiator-Patterns liefern, verfügt aber auch über Elemente eines Step-Sequenzers. So lässt sich für jeden Step eine eigene Velocity definieren. Außerdem ist es möglich, für jeden Step eines der acht angesprochenen Einstellungs-Presets auszuwählen, sodass sich sehr lebendige Pattern erzeugen lassen.


Mit der Chord-Sektion kann man die Retro-Machines zum Spielen eines ganzen Akkords beim Druck auf eine Taste bewegen. Für jede Note lässt sich die Transposition einstellen. In Verbindung mit dem Arpeggiator kann die Library damit zu einer Art Einfinger-Begleitautomatik werden.

Klanglich bleibt die Library leider etwas hinter den Erwartungen zurück. Die meisten Klänge klingen leicht steril und lassen eben jene erdige Kraft vermissen, die die große Stärke der analogen Klassiker ist. Obwohl der Grundsound der meisten Samples durchaus gut ist, fehlt etwas die Durchsetzungsfähigkeit. Dennoch lässt sich mit vielen Sounds gut arbeiten – vor allem dank des wirklich gut gelungenen Arpeggiators.

The Finger
Der Performance-Effekt „The Finger“ lässt einen so schnell nicht mehr los. Das erklärte Ziel bei der Entwicklung war, Audio „anfassbar“ zu machen, und das ist auch geglückt. Was auch immer man in das Ding hineinschickt – es macht einfach richtig Spaß, damit zu spielen.

Jede Taste ist mit einer eigenen Effekt-Einstellung belegt. Dabei stehen Filter, Reverse-Effekte, Hüllkurven, Verzerrer und verschiedene weitere Effekt-Typen zur Auswahl. Diese lassen sich durch Spielen auf der Tastatur nicht nur „on the fly“ aktivieren und umschalten, sondern auch schichten. Außerdem ist es möglich, mit dem Modulationsrad und der Anschlagstärke Einfluss auf die Effekte zu nehmen. Die zahlreichen voreingestellten Effekt-Bänke bieten dabei schon eine so große Auswahl an Möglichkeiten, dass man aus dem Jammen nicht mehr herauskommt.

Man kann The Finger mit Drumloops füttern, aber auch mit Synths, Vocals, und mit kompletten Mixes. Unter Garantie kommt am Ende etwas heraus, womit man nicht gerechnet hat. The Finger ist damit nicht nur ein Tool für Live-Einsätze und DJs, sondern auch ein vorzüglicher Ideenlieferant im Studio. Die folgenden Videos können die Möglichkeiten nur erahnen lassen – The Finger muss man ausprobieren.

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The Mouth
Der Realtime-Effekt „The Mouth“ analysiert ein Eingangssignal im Hinblick auf die Tonhöhe und steuert damit einen Synthesizer und einen Vocoder. Normalerweise wird man eine Sprach- oder Gesangsspur als Ausgangsmaterial nehmen, aber man kann The Mouth auch sehr gut mit Drums füttern. Die Ergebnisse reichen von klassischen Vocoder-Roboterstimmen bis hin zu synthetischen Chören und Sounds, die nur noch entfernt an eine Stimme erinnern.

Die Parameter des Synthesizers lassen sich mit wenigen Drehreglern einstellen. Dabei steht die intuitive Bedienbarkeit im Vordergrund – so heißen die Regler zum Beispiel „Brightness“, „Thickness“, oder – mein Favorit - „Nonsense“. Mit einem Mixer kann man die Synthesizer- und Vocoderkomponenten mit dem Ausgangsmaterial mischen.

Nachdem The Finger wirklich überzeugen konnte, blieb The Mouth klanglich etwas hinter den hohen Erwartungen zurück. Es braucht etwas Übung, um den Synth mit der Stimme zufriedenstellend steuern zu können – womöglich reichten meine Sangeskünste auch einfach nicht aus. Ein normaler Vocoder bietet jedoch ähnliche Klänge und lässt sich darüberhinaus meist detaillierter einstellen. Trotzdem ist der Effekt natürlich eine Bereicherung. Wer seine Stimmbänder unter Kontrolle hat, wird The Mouth wie The Finger auch live gut einsetzen können.

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