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Test
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10.11.2020

Modal Electronics Cobalt8 Test

Achtstimmiger, virtuell-analoger Synthesizer

Vielseitige Vintage-Vibes im digitalen Gewand

Die Digital Synth-Schmiede Modal Electronics hatte durch Instrumente wie den Argon8 oder den Craft Synth zuletzt einen nicht unerheblichen Anteil an der Renaissance der Wavetable-Synthesizer. Nun versuchen sich die Briten mit Cobalt8 an einem virtuell-analogen Synthesizer. Der achtstimmig polyphone Kompakt-Synth kommt mit Full-Size Tasten in moderner Optik daher und soll durch innovative Workflows und Features die Konzepte und Sounds alter Analog-Synthesizer neu denken und ins Jahr 2020 übersetzen. Die ursprünglich aufgrund von Flexibilität und erschwinglichen Preisen beliebte VA-Synthese wird seit Aufkommen des Analog-Hypes zunehmend durch preiswerte Analog-Synthesizer, wie etwa dem Korg Minilogue xd oder dem Behringer Deep-Mind 6 überschattet. Kann der Cobalt8 der virtuell-analogen Klangsynthese hier neuen Aufwind verschaffen? Wir haben eine Beta-Version des Synthesizers exklusiv für euch getestet.

Details

Optische Erscheinung und Verarbeitung

Future-Look statt Vintage-Nostalgie: Die metallic-blaue Aluminium-Bedienoberfläche vermittelt auf Anhieb einen sehr modernen, aufgeräumten Eindruck. Mit 555 x 100 x 300 mm (BxHxT) und ca. 8 kg Eigengewicht reiht der Cobalt8 sich in die Riege kompakter, mittelgroßer Synthesizer à la Korg Minilogue xd oder Behringer Odyssey ein. Trotz der kompakten Größe hat man dank vernünftiger Poti-Abstände und der anschlagdynamischen 37-Tasten Full-Size Tastatur von Fatar keine Workflow-Probleme, wie es bei manchen „Miniatur“-Synths wie etwa dem Roland JU-06 oder Behringer Model D der Fall ist. Die vielen LED‘s leuchten erstaunlich hell und grell, sodass ich fast versucht bin, mir eine Sonnenbrille beim Soundbasteln aufzusetzen. Die Regler und Knöpfe fühlen sich allesamt recht wertig an, haben allerdings tendenziell etwas leichte Widerstände und der Griff-Aufsatz vom XY-Joystick dreht sich unerklärlicherweise um sich selbst, was bei der Arbeit mit dem Joystick einen leicht instabilen Eindruck vermittelt.

Aufbau und Bedienoberfläche

Oszillatoren

Das Herzstück des virtuell analogen Cobalt8 bilden die zwei Oszillator-Gruppen, deren Lautstärkeverhältnis am „Mix-Regler“ festgelegt werden kann. Bei achtstimmiger Polyphonie erklingen bis zu acht Oszillatoren pro Stimme, was in der Summe 64 Oszillatoren ergibt. Der Drift-Regler simuliert das leicht verstimmt anmutende Drift-Verhalten analoger Oszillatoren und verleiht den eigentlich digitalen Klangquellen analoge Wärme. Die Stimmen können in den Modi Poly, Mono und zwei- bis achtstimmig Unisono gespielt werden. Außerdem werden Stack-Modi geboten, die beispielsweise bei vierstimmiger Polyphonie pro Anschlag zwei Stimmen unisono erklingen lassen. Die Oszillator-Gruppen beherbergen jeweils 34 verschiedene Wellenformen, die als Algorithms bezeichnet werden. Jedem Algorithmus sind zwei Regler zugeordnet, deren Funktion je nach Wellenform variiert. Zumeist können hier die Waveform-Shapes in kleinen Schritten bearbeitet werden, bei Algorithmen wie RM Saw lässt sich zudem auch der Charakter der Ring-Modulation ändern. 

Die vier variablen Encoder A1/2 und B1/2 haben beim Cobalt oft einen großen Einfluss auf die grundsätzliche Klangfarbe. Die Default-Wellenform „VA Sweep“ ist im Grunde eine einfache Sinus-Form, die sich jedoch in gängige Analog-Wellenformen wie Saw, Pulse oder Triangle morphen lässt. Somit liefert Cobalt8 auf dem Papier zwar 34 verschiedene Algorithmen, in der Praxis ist hier jedoch noch weitaus mehr möglich. Dieses großzügige Angebot entschuldigt dann auch die Tatsache, dass die Oszillatoren sich nicht wirklich gegeneinander ausspielen lassen (Stichwort Cross-Modulation, Ring-Modulation, FM). Derartige Sounds sind hingegen quasi schon als Presets in den Algorithmen untergebracht und lassen sich dank variierender Funktionen der A/B-Encoder noch weitreichend bearbeiten. Hier sind dann wirklich komplexe Kombinationen und Sounds möglich, die man mit herkömmlichen Wellenformen der Analog-Welt kaum, oder nur mit viel Aufwand und Know-How erreichen würde. Ein separater Noise Generator wurde Cobalt8 nicht spendiert. Hierfür muss einer der Oszillatoren geopfert werden, dessen Algorithmus „Filter Noise“ dann verschiedene Noise-Formen liefert. Die obligatorischen Buttons für OCTAVE ‚up + down‘ sowie ‚transpose‘ finden sich im unteren Bereich des Bedienpanels.

Filter

Die Signale der Oszillatoren wandern in ein 4-pol Ladder Filter, welches den morphigen Workflow-Gedanken der Oszillator-Sektion weiterführt. Cobalt8 bietet vier Filter-Typen, aus denen sich dank Morph-Poti jeweils unterschiedliche Nuancen herausholen lassen. Im Balanced Low Pass Mode morpht das Filter beispielsweise stufenlos von einem 4-pol Low Pass, durch ein Bandpass in einen 1-pol Low Pass. Weitere Modi sind Balanced High Pass, Balanced Phase und zu guter Letzt Resonant Low Pass mit einer erweiterten Resonanz-Sensibilität. Alles in allem ein unkonventionelles, aber dennoch sehr flexibles Multi-Mode Filter. 

Bedienkonzept

Damit Mensch bei der ganzen Morpherei nicht den Überblick verliert, informiert ein kleines und feines Display grafisch über den Stand des ausgewählten Parameters. Im Display lässt sich auch eines der 300 Werk-Presets anwählen, die in einer einzelnen Bank organisiert sind. Zusätzlich gibt es 200 Speicher-Slots für User-Presets. Das Display ist zwingend notwendig, weil sämtliche Regler als Endlos-Encoder verbaut wurden. Der Cobalt8 funktioniert demnach nicht nach dem Prinzip „What you see is what you get“, sondern vermittelt eher das Motto „There is more than you can see“. Denn nahezu allen Encodern und Buttons wohnen Mehrfach-Belegungen inne, die sich beispielsweise durch den Shift-Button anwählen lassen. So werden aus den Shape-Reglern der Oszillatoren Tuning-Potis, der Mix- wird zum Glide-Regler und so weiter. Daraus resultiert eine recht vielschichtige Bedienoberfläche mit vielen Sub-Menüs, was im Live-Workflow schon mal zum Verhängnis werden könnte. Zeitgleich ermöglicht dies dem Cobalt8, auf relativ kleinem Raum eine Vielzahl an Features anzubieten.

Hüllkurven und Modulation

Auch die drei Hüllkurven wurden zusammengefasst in fünf Encoder für Attack, Decay, Sustain, Release und Depth. Bis auf Release sind alle Parameter invertierbar, lassen sich also auch in den Minus-Bereich fahren. Mittels der nebenstehenden Buttons kann ausgewählt werden, welche Hüllkurve gerade bearbeitet wird. Wie beim Filter lassen sich je nach Anwendungsbereich verschiedene Hüllkurven-Charakter einstellen wie z. B. Snappy, Soft oder Linear. Neben Envelopes für AMP und FILTER gibt es auch eine dritte MOD-Hüllkurve, deren Modulations-Ziel sich frei routen lässt. Insgesamt stehen acht sogenannte Mod Slots zur Verfügung, bei denen jeweils aus acht Modulations-Quellen und 55 Zielen ausgewählt werden kann.

Ein Ziel kann von mehreren Quellen gleichzeitig moduliert werden. Wie bereits angedeutet, lassen sich die Oszillatoren leider nicht als Modulations-Quelle nutzen. Die Zuweisung funktioniert entweder über das Display-Menü, oder wesentlich intuitiver, indem man den LFO-Button drückt und an dem Encoder dreht, der das Ziel des LFOs sein soll. Schwupps, ist die Modulation zugewiesen. Insgesamt sind drei syncbare LFOs verbaut, von denen zwei sogar polyphon arbeiten können und deren Trigger-Verhalten sich zwischen Free und Retrigger wechseln lässt. Die möglichen Wellenformen sind Sinus, Dreieck, Rechteck, Sägezahn (Ramp up & down), Sample & Hold. Auch der vielseitige XY-Joystick lässt sich prima als Modulations-Quelle nutzen. 

Effekte

Der Modal Electronics Cobalt8 beherbergt drei unabhängige Effekt-Slots, die sich mittels Mehrfach-Belegungen aber einige Regler teilen. Vom gleichen FX-Typen kann immer nur eine Instanz gleichzeitig genutzt werden. So lässt sich z. B. ein Reverb nicht in zwei Effekt-Slots nutzen. Die Auswahl ist üppig: Chorus, Flanger, LoFi, Ping-Pong Delay, Phaser, Reverb, Rotary, Stereo Delay, Tremolo und X-Over Delay lassen sich jeweils mit bis zu sechs Parametern bearbeiten. Es gibt lediglich einen Reverb-Typen, der sich allerdings ausführlich editieren lässt. Eine explizite Distortion/Overdrive-Einheit, wie sie bei der Konkurrenz heutzutage fast schon obligatorisch ist, vermisse ich im Cobalt8. Der LoFi-Effekt schafft hier etwa durch Bitcrushing zumindest ein Stück weit Abhilfe. Außerdem gibt es in den Volume Settings einen Saturation-Boost, bei dem der Output-Limiter des Cobalt8 leicht überfahren wird. Eine Einladung an alle Sounddesign-Freaks: Die Effekte können in der Modulations-Matrix von den Modulations-Quellen in all ihren Parametern moduliert werden.

Sequencer und Arpeggiator

Der Arpeggiator des Cobalt8 bietet die gängigen Modi (Up&Down, Random, Forward, usw.) und lässt sich latchen beziehungsweise loopen. Der Synthesizer ist außerdem mit einem üppigen, polyphonen 64-step Sequencer ausgestattet, der uns so ähnlich bereits aus dem Modal Electronics Argon8 bekannt sein dürfte. Der Sequencer arbeitet entweder im klassischen Step- oder im Real-Time-Modus. In letzterem lässt sich zum Metronom-Klick eine Sequenz einspielen und auf Wunsch auch quantisieren. Außerdem gibt es vier sogenannte „Animation-Lanes“, wodurch Parameter-Bewegungen intuitiv in die laufende Sequenz aufgenommen und eingebaut werden können. 16 LEDs, die eigentlich für andere Aufgaben zuständig sind, dienen im Sequencer-Modus zur Anzeige der Steps. Dieses Prinzip kenne ich bereits aus dem DSI Prophet-08. Ich konnte mich in puncto Übersichtlichkeit aber noch nie so richtig damit anfreunden. Im Nachhinein lassen sich per Overdub Noten addieren oder ersetzen, einzelne Parts oder Steps können geloopt werden. Außerdem können Pausen eingefügt werden. Derartige Handgriffe lassen sich auch sehr intuitiv in der hauseigenen Modal App tätigen.

Modal App

Die Modal App ist für alle Modal Electronics-Synthesizer in Versionen für PC, MacOs, Android und iOs erhältlich. Im Falle des Cobalt8 erscheint bei USB-Verbindung mit dem Gerät (keine Bluetooth/WLAN-Verbindung möglich) eine ziemlich ausführliche, erweiterte Bedienoberfläche, die wie ein ausgewachsener Software-Synth wirkt. Wo in der Hardware Encoder platziert sind, findet man der App-Darstellung mit Werten bezeichnete Parameter. Der Sequenzer ist wie in einer DAW mit einer Art Noten-Rolle flexibel editierbar und viele Settings, für die man sich in der Hardware durch so einige Sub-Menüs klicken musste, sind in der App direkt verfügbar. In Sachen Übersicht und Workflow ist die App nicht wie so oft ein nettes Gimmick, sondern eine ungeheure Bereicherung, die sehr schnell viele Fragen klärt und einen Blick in die Bedienungsanleitung erspart.

Verbindung zur Außenwelt

Der Cobalt ist rückseitig amtlich und zeitgemäß bestückt: Zwei klassische 6.3 mm Klinke Line-Ausgänge liefern den Stereo Output, ein 6,3 mm Kopfhörer-Ausgang ist ebenfalls mit an Bord. Außerdem gibt es einen 3,5 mm Klinken-Audio-Eingang, mit dem sich externe Signale durch die On Board-Effekte des Cobalt8 jagen lassen. Ein Sustainpedal-Anschluss war zu erwarten, der zusätzliche Expression-Pedal-Eingang ist hingegen ein willkommener Luxus und hilfreich für den Live-Workflow. MIDI In/Out finden sich, wie alle Anschlüsse auf der Rückseite des Cobalt. Der VA-Synth ist auch MPE-fähig (MIDI Polyphonic Expression) und komplett per CC-Befehl programmierbar. Neben einem USB/MIDI-Anschluss gibt es noch 3,5 mm Klinken In/Outs zur Synchronisation mit Geräten wie z. B. der Korg Volca-Serie. Als Clock-Lieferant für den Cobalt8 dient dann wahlweise der USB-Eingang, der Sync-Eingang, MIDI In, oder eben die interne Clock des Synths. Via MIDI ist auch eine Polychain-Nutzung möglich, wodurch der Synthesizer in Kombination mit einem weiteren Cobalt mit stolzen 16 Stimmen gespielt werden kann. Die Stromversorgung läuft über ein mitgeliefertes 9V DC-Netzteil, Batterie-Betrieb ist nicht möglich.

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