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09.06.2017

Mischpult im Studio oder Proberaum – Braucht man das noch?

Moderne Audiointerfaces haben alle erdenklichen Features an Bord, die das Recording so simpel wie möglich machen. Vorbei sind Zeiten, in denen ein Audiointerface nur Line-Ins zur Verfügung stellt. Heutzutage hat man nicht nur eine riesige Auswahl an Kombinationen von Preamps, Kopfhörerverstärkern und Monitoring-Lösungen am Start, sondern teilweise auch so mächtige DSP-Effekte (UAD, Antelope, MOTU, RME) zur Hand, dass man auf eine DAW-Software verzichten könnte!

Daher lässt sich konsequenterweise auch sagen: Mischpult? Brauche ich nicht. Immerhin sind richtig gute Wandler mittlerweile so erschwinglich, dass man jedem Zuspieler, jedem Instrument, ja sogar jedem Prozessor einen eigenen I/O zuordnen kann. Unter Umständen kann man sich so sogar die Patchbay sparen! Viele Interfaces lassen sich nämlich für kleines Geld ohne weiteres mit weiteren Wandlern kaskadieren. Dann das Ganze mit I/O-PlugIns namens „External Hardware Effekt“ oder dergleichen garniert, und schon muss man nicht mal mehr wissen, an welchen Eingang welcher Kompressor hing.

Warum man sich trotzdem einen analogen Mixer gönnen sollte, dies erfahrt ihr hier!

Grund 1: bessere Übersicht

Tausende Effekte, tausende mögliche Routings. Digital-Mixer und Interfaces sind dank ihrer offenen Struktur äußerst flexibel und für jedes erdenkliche Szenario rüstbar. Richtig schnell bedienbar sind sie ohne zusätzliche Controller allerdings meist nicht – geschweige denn auf Anhieb zu überblicken.

Mit einem guten analogen Mixer, etwas Erfahrung und Übung sind jedoch im Nu überzeugende Rough-Mixe gebaut. Auch didaktisch hat ein analoger Mixer entscheidenden Vorteile: Auxe, Gruppen, Sends und Returns – was in der DAW etwas kryptisch wirkt, hier sieht man den Ursprung und das Gesamtverständnis wird besser. Außerdem muss man für simple Funktionen wie Mute und Solo nur eine Taste drücken und sich nicht durch unnötige Software-Pages hangeln.

Grund 2: Keine Ablenkung beim Jammen im Proberaum

Natürlich kann man mit einem Audiointerface und einer DAW wie Cubase auch im Proberaum eine Menge reißen. Klar, kann man die Gitarre auch mit fünf Mics aufnehmen. Vielleicht will man aber einfach nur spielen! Dann hilft es unter Umständen, ein Pult und die Mics fest zu verkabeln und nur im Bedarfsfall das Interface anzuklemmen.

Viele gute Mischer haben Direct-Outs, sodass ihr euch nicht grundsätzlich um Bearbeitungsmöglichkeiten bringt. Im Idealfall nehmt ihr aber nur die Stereosumme mit einem iPhone auf. Und das ohne vorher erst die Preamps am Interface konfigurieren zu müssen, die entsprechenden Plug-ins in die DAW zu laden oder das Monitoring eingerichtet zu haben.

Selbst wenn ihr euch Bearbeitungsmöglichkeiten offenhalten wollt, schließt das ein Pult nicht aus. Beispielweise hat das Mackie 1624 VLZ4 – was es mittlerweile für echt günstige 500 Euro (Straßenpreis) zu kaufen gibt – acht sogenannte Direct-Outs beziehungsweise Einzelausgänge für die Mic-Preamps, sodass ihr mehr als nur das summierte Signal aufnehmen könnt.

Interfaces mit einer Vielzahl günstiger Line-Ins gibt es viele. Sollten diese aber mehr als acht hochwertige Preamps haben, kosten diese meist gleich ordentlich. Das Mackie und ein Achtfach-Interface fordern vielleicht aber nur 1000 Euro.

Grund 3: Schlagzeuge können günstig fest-verkabelt werden

Alles unter Punkt 2 Gesagte gilt natürlich auch für kleinere Studios und Drum-Aufnahmen. Denn wenn man beispielsweise permanent ein Drumkit aufgebaut sowie abgemict halten möchte und nicht unbedingt das Premium-Outboard dafür opfern möchte, dann tut es ein günstiger Mixer eben auch. Klar, die Snare klingt durch das TLM 149 und den Neve-Amp geiler – trotzdem bleibt die Stimme das wichtigste Element. Und wenn man nur einen Kanal hochwertigste Aufnahmekette hat, dann benutzt man diesen dafür.

Ebenfalls von Vorteil: Man kann gewisse Kanäle vorab summieren und muss sich nicht unnötig viele Spuren in die DAW holen. Auch hier ist der VLZ4 wieder ein gutes Beispiel mit seinen vier extra Mono-Gruppen: Eine (A) für die Kick (Innen und außen), eine für die Snare (B) (Top und Bottom), einmal Stereo (C&D) für die Toms und einmal Stereo (Mix) fürs Blech beziehungsweise Overheads. Und sein wir ehrlich: Wenn der Drum-Sound einmal richtig gut sitzt, muss man sicherlich nicht für jeden Song alle Mics neu rücken und Eqen. Lieber gleich einmal richtigmachen und dann „set and forget“ genießen.

Grund 4: Unkompliziertes Submixing für Synthesizer und Drummachines

Auch wenn die Detailarbeit einer Mischung heutzutage überwiegend in der DAW stattfindet, ist ein Mischpult als Sub-Mixer für elektronische Hardware-Instrumente eine feine Sache. Abgesehen davon, dass bei einigen Synthesizern und Drumcomputern, eventuell mit Einzelausgängen, häufig mehr Instrumenten-Ausgänge als Audio-Eingänge im Audiointerface vorhanden sind, ist der direkte Zugriff zum Hören, Layern inklusive eventueller Klangformungsmaßnahmen (EQ; Bodentreter) von Sounds verschiedener Instrumente sehr praktisch. Auch die direkte Verfügbarkeit von Aux-Bussen ist beim kreativen Entstehungsprozess nicht zu unterschätzen. Banales Beispiel: Etwas Hall auf die Snare des per Einzelausgang angeschlossenen Drumcomputers – und schon klingt alles viel größer!

Es geht aber auch komplexer! Ich gebe es zu, die Idee für diesen Artikel ist nicht aus dem Nichts geboren. Auch ich habe eine Zeit lang versucht jeden Synth und jede Drummachine mit möglichst vielen Kanälen an möglichst je einen unabhängigen Wandler zu hängen, in der Hoffnung man kann jammen und trotzdem alles einzeln aufnehmen. So hält man sich alle Möglichkeiten offen – denkt man zumindest. Die meiste Zeit nimmt man aber einfach nur einen 2 sec Loop für ganze 20 Minuten auf – und das auf 24 Spuren. Den Mist muss man dann auch wieder sichten und deshalb leider auch speichern. Davon bin ich längst wieder abgekommen und lebe mit dem „Mut zur Lücke“!

Beispielsweise nehme ich viele meiner Drummachines beim Jam mittlerweile nur noch gelayert auf. Zwar splitte ich viele Maschinen noch in Kicks, Snare/Claps, Toms und Blech auf, am Mackie führe ich diese allerdings nur über die Gruppenausgänge den Wandlern zu. Gruppe A sind dann alle Kicks auf einer Monospur, B alle Snare/Claps, C alle Toms und anderes Gedöns, D schließlich ist für die Hats und Cymbals zuständig. Manchmal werden C und D auch zu Stereo. Die Zuweisung geht am Pult ja supereasy.

Natürlich kann ich mit diesem Setup auch meine Auswahl an Bodentretern besser verwalten und unkomplizierter einsetzen – den gut zugänglichen Inserts sei Dank! Alle Drumachines und Synths sind somit sauber und optisch unauffällig mit dem Mixer verbunden und nur im Bedarfsfall baumelt mal ein Kabel aus dem Insert raus. Lässig!

Über die Auxe kann ich außerdem Parallel-Effekte zufahren, was ich beispielsweise fast immer mit meinem Moog Drive Pedal mache. Auch das Trägersignal für den Vocoder wird so unkompliziert zugewiesen. Schade nur, dass die Sends an meinem Mackie Mischpult mono sind – sonst würde ich noch viel lieber Reverbs und Delays nutzen.

Grund 5: Einfaches Monitoring für die Künstler

Zugegeben: Für das Künstler-Monitoring braucht es nicht das riesengroße Mackie Pult. Da tut es auch ein günstiger, kleiner Behringer mit deutlich weniger Kanälen. An diese Kanäle lege ich dann Monitor-Submixe an (Drums, Gitarre, Bass und Vocals), sodass sich der Künstler den individuellen Monitor-Mix, was die Lautstärkeverhältnisse betrifft, selbst zusammendrehen kann; inklusive Kopfhörerlautstärke.

Ein solches, kleines Mischpult steht dann direkt neben dem Künstler. Und wenn es vier Mucker in der Band gibt, gibt es eben vier von diesen Billig-Mixern! Für den Fall, dass mehrere Musiker gleichzeitig mit einem Kopfhörermix versorgt werden wollen, kombiniere ich also die analoge und digitale Welt. In der DAW werden die gewünschten Submixe erstellt, die ich den Künstlern via Interface und Mischpult auf die Kopfhörer leite. Der Vorteil dabei ist, dass jeder der Musiker seinen eigenen Kopfhörermix erhält und ich dennoch die Kontrolle behalte.

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