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17.12.2017

Legendäre Drummer & Grooves #2: John „JR“ Robinson – der Groovemaster

Das Kult-Intro im Detail: JR spielt Steve Winwoods „Higher Love“, 1986

John „JR“ Robinson, 1954 im US-Staat Iowa geboren, startete seine unglaubliche Erfolgsgeschichte im Jahre 1978, als er in Chicago der Band „Rufus feat. Chaka Khan“ beitrat, einer Band und Sängerin, deren gesammelte Werke - auch vor Robinsons Beitritt - zum den wichtigsten und prägendsten in meiner persönlichen musikalischen Sozialisation gehören. Soll heißen: Fand ich immer schon absolut tierisch. Von da aus ging es für John unter anderem via Quincy Jones- / Michael Jackson-Sessions zu „Off The Wall“ quasi im Direktflug in den Olymp der amerikanischen Sessionmusiker-Szene. 

Mitte der 1980er Jahre war JR also ein absoluter „First Call“ und „A-Player“, der vor allem für sein bewegliches, kreatives und dennoch ultra-solides Drumming geschätzt wurde. Sein fließendes Hi-Hat-Spiel (mit der typischen Innenhand-oben-Technik in der Linken) hat unzähligen Pop-, Disco-, Soul- und Funk-Grooves den ganz speziellen Touch verliehen; aber auch seine Tom-Arbeit, oft mit einem Schuss „Tribal Soul“ versehen, ist unverkennbar. Der 1986er Nummer-Eins Hit „Higher Love“ vom Briten Steve Winwood ist ein klasse Beispiel für Robinsons einzigartige Fähigkeit, ein prägendes Groove-Umfeld um einen Song herum zu kreieren und damit einen erheblichen Anteil zum Gesamtbild eines Tracks beizusteuern. Übrigens, die weiblichen Backing Vocals  kommen unverkennbar von der einzigartigen Chaka Khan!

Video: Steve Winwood feat. John „JR“ Robinson, „Higher Love“, Album „Back in The High Life“, 1986, Single Version

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Ähnlich wie der legendäre Klassiker „Ain't Nobody“ von Rufus feat. Chaka Khan (1983) ist auch der Groove zu „Higher Love“ in seiner finalen Version zusammengeschnitten / editiert. Ich erinnere mich noch genau an die Verwirrung, die das „Higher Love“-Intro bei mir als15-jährigem hinterließ. Umso spannender fand ich es nun, die Entstehungsgeschichte dieses Grammy-Award-gekrönten Meisterwerks einmal aus dem Mund des Häuptlings selbst zu hören: In diesem YouTube Clip, in dem Curt Bisquera John im Interview um Einblick zum Thema „Higher Love“ bittet.

Video: JR erzählt im Gespräch mit Curt Bisquera die Studio-Story zu „Higher Love“

 

Also, JR hat bei der New Yorker Session offenbar zunächst den „Main Groove“ (Kick, Snare, Hats, Cymbals) lediglich über einen programmierten Percussion-Track und zusammen mit Winwood am Synth-Bass eingespielt - Steves Vocals und Nile Rodgers' Gitarre waren noch nicht da - , um dann noch einige Tom- und Timbale-Fills zu overdubben. Schließlich improvisierte er noch ein bisschen weiter über dem zuvor Aufgenommenen, nun auf der Snare, mit dem Teppich off. Und dann: Bäm! Magie! Das Pattern aus rechter Hand auf dem Snare Rim, die Linke als Rimshot weit außen, lässt Winwood und den Produzenten Russ Titelman aufhorchen - und JR bitten, „genau das nochmal zu spielen“. 

Hier kommt der Snare-Groove, wie JR ihn in der Session improvisiert hat. Im Interview-Video bei 2:34 trommelt JR das Ding kurz auf seinen Beinen, sodass man „seinen“ ursprünglichen Startpunkt erkennt – der auch total Sinn macht: Achtet man auf das Pattern der rechten Hand, entspricht dies zum Beispiel einer Agogo-Bell-Phrase, insofern könnte man sagen, der Groove ist ein tolles Beispiel für „Brazilian/Afro Cuban/Carribean-inspiriertes Pop-Drumming mit Counter-Ghostings plus Akzent-Strukur.“ Wow. Was für eine Wortkombination. Aber im Grunde beschreibt sie die Kunstform, die John Robinson neben dem „Pocket-Playing“ so unglaublich brillant beherrscht, doch vielleicht ganz gut. 

Der als erstes eingespielte „Haupt-Beat“, der den Song trägt, ist ein schlichter, aber mit dem typischen „JR-Touch“ versehener Pocket-Groove mit 16tel Hi-Hat-Feel, der sich zwischen Strophe, Bridge und Chorus im Wesentlichen durch seine Backbeat-Varianten unterscheidet.

Nachdem der Main Groove und auch ein „magischer Groove“ im Kasten und die Einspielung aller weiteren Instrumente abgeschlossen war, wurden die einzelnen Elemente von Johns Takes neu zusammengesetzt. Das brillante Intro-Pattern wurde schließlich zeitlich versetzt. Nun kann man natürlich rein rechnerisch viele Varianten finden, wann und wo im Zeitraum von vier bzw. acht Takten eines Intros eine eintaktige Phrase verschoben sein kann, um am Ende so zu sitzen, wie sie sitzt -  ich finde, das Ergebnis ist am einfachsten zu verstehen, wenn man das Pattern um fünf Sechzehntel zurück verschiebt. Was also ursprünglich JRs „1“-Backbeat war, ist nun ein Backbeat auf der vierten Sechzehntel der „3“ des vorherigen Taktes. 

Ich habe hier mal meine Aufnahmen „Intro Groove“ & „Main Groove“ kombiniert, um das Grundfeel des editierten Intros darzustellen:

In der Album-Version ist das Intro achttaktig: Spotify: „Higher Love“, Album Version

Übungs-Tipp: Stellt mal beim Spielen abwechselnd die Parts der beiden Hände in den Vordergrund. Das hilft, die einzelnen Parts des Grooves im eigenen Kopf transparent zu machen:

Alle Noten zum Workshop gibt es hier als Download:

Ich hoffe, dieser kleine Einblick in die Schaffenswelt von John „JR“ Robinson hat euch ein bisschen inspiriert und Lust drauf gemacht, mehr von ihm zu hören. Ein Mega-Drummer mit dem Magic Touch, einzigartigen Pickup-Fills und so endlos viel Geschmack. Eine absolute Legende eben.

 

John „JR“ Robinson Recordings / Anspieltipps:

  • Rufus & Chaka Khan, „Live Stompin' at the Savoy, (1983), Live Album
  • Rufus & Chaka Khan, „Ain't Nobody“, (1983), Single
  • Michael Jackson, „Off The Wall“, (1979), Album
  • Michael Jackson, „Thriller“, (1982), Album
  • Michael Jackson, „Bad“, (1987), Album
  • Steve Winwood, „Back In The High Life“, (1986), Album
  • Whitney Houston, „Whitney“, (1987), Album
  • Robbie Robertson, „Storyville“, (1991), Album

Soundtracks:

  • Bodyguard
  • Independence Day
  • Jerry McGuire
  • Pirates Of The Carribean
  • South Park
  • ...
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