Hersteller_Korg iOS Software
Test
10
01.12.2016

Praxis

Presets, Skins und In-App Purchases

Was macht man als erstes, wenn man einen neuen Synth bekommt? Man schaut sich erst einmal um und hört sich die Factory Sounds an, sofern vorhanden. Der ODYSSEi kommt mit 100 Presets, weitere zweimal 50 Patches kann man sich für je 5 Euro dazu kaufen. Mit jeder Erweiterung bekommt man auch noch ein anderes Farbschema: mit den ersten 50 Sounds das weiße Erscheinungsbild des Arp Odyssey der Revision 1, mit den zweiten 50 Sounds die schwarze Frontplatte der Revision 2. An der Klangerzeugung ändert sich dadurch nichts, es sieht nur anders aus.

Was bei den Factory Sounds gleich auffällt: Das klingt gut, hört sich überhaupt nicht wie ein typischer Odyssey an! Ständig hört man Delay, Reverb und andere Effekte und auch der Arpeggiator/Sequencer wird bei ziemlich vielen Sounds eingesetzt. Diese Sounds sind zwar nicht schlecht, aber eben auch nicht großartig anders als bei anderen Synthesizern, und von denen gibt es viele. Und man merkt es ja auch an den Bezeichnungen: Da gibt es Pads, Strings, Brass, Sequenzen – also lauter Sounds, die man entweder auf einem monophonen Synth überhaupt nicht spielen würde oder mangels Sequenzer auf dem Odyssey nicht spielen kann.

Nun kann man mit Recht fragen, was für Sounds denn für den Odyssey typisch wären, und da sind wir genau bei der Beschreibung von oben: Patches, die sich die Möglichkeiten der speziellen Odyssey-Struktur zunutze machen, statt die neue Effektsektion zu präsentieren. Und da sieht es im Presetbereich eher mau aus. Nur zwei der Preset Patches nutzen überhaupt die Möglichkeit, zwei Modulationsquellen im S&H Mixer zu kombinieren, und von denen ist einer ein Effekt und bei dem anderen verschwindet das alles in einer Sequenz. Bei genauerer Betrachtung der Sounds fällt außerdem auf, dass die meisten Presets recht dünn klingen, bevor sie in die Effektsektion gehen – obwohl der Odyssey zwar vielleicht als scharf und eckig bekannt ist, aber eigentlich kaum als dünn. Ein Beispiel dafür liefert eines der Bass Presets, das auch gleichzeitig als erster Test für die Effekte gelten kann. Wir hören zunächst den Factory Patch und dann den gleichen Sound ohne Effekte. Danach werden erst Distortion und dann EQ wieder dazu geschaltet und am Schluss kommt auch noch ein bisschen Hall oben drauf. Der Bass hört sich mit Effekten gut an, aber echte Programmierkunst an einem Odyssey ist das nicht, wenn man sich das dünne Stimmchen des Basses ohne Effekte anhört:

Ein weiteres Beispiel zur Qualität der Effekte gibt es mit dem Reverb, bei dem man aus vier verschiedenen Algorithmen auswählen kann (Hall, Room, Plate und Apollo) und Nachhallzeit, Mix und Tone einstellen kann. Dabei steht Tone offensichtlich für die Dämpfung der hohen Frequenzen und damit kann man sehr schöne Sachen anstellen. Im nächsten Beispiel also zweimal der Reverb in der Einstellung "Hall" mit mittlerer Nachhallzeit und zwei verschiedenen "Tone" Einstellungen:

Bedienung

Was die GUI der App angeht, also die Benutzeroberfläche, so zeigt sich der ODYSSEi sehr aufgeräumt und weitestgehend analog zu seinem Vorbild. Eine schöne Sache an vielen Vintage Synths sind ja die "one button one function" Oberflächen, auf denen man alles vor sich sieht, ohne durch Untermenüs steppen zu müssen. Das ist auch beim ODYSSEi sehr gut gelungen, denn Korg benötigt nur zwei Bildschirmseiten: Auf dem ersten Bildschirm ist der Odyssey bis auf wenige behutsame Ausnahmen quasi im Original nachgebildet und auf der zweiten Seite gibt es dann die Erweiterungen mit dem Sequenzer/Arpeggiator und den Effekten. Dass die programmierten Parameteränderungen des Sequenzers dann auf der ersten Seite durch Bewegungen der Fader "wie von Geisterhand" gezeigt werden, sorgt dabei für eine sehr schöne Verbindung der beiden Bereiche.

So schön und übersichtlich das ist, so hat das Ganze auch einen ziemlich großen Haken. Die 71 Bedienelemente des ODYSSEi müssen auf der relativ kleinen Oberfläche des iPad ihren Platz finden, was dazu führt, dass auf dem iPad mini ein Fader gerade einmal 1,3 cm lang ist. Das ist weniger als die Hälfte als die Fader bei einem Korg nanoKontrol, und der hat das nano ja auch nicht von ungefähr in seinem Namen. Nun könnte man einwenden, dass es iPads ja inzwischen in drei verschiedenen Größen gibt, aber auch bei den 9,7'' großen iPads wie dem iPad Air 2 ist der Fader nur 1,6 mm lang. Und das führt leider zu Bedienfehlern, indem Fader gerne mal an eine andere Position springen, als man es sich gedacht hat. Das passiert besonders gerne, wenn man den Finger von der Bildschirmoberfläche löst. Und der Schreiber dieser Zeilen behauptet übrigens von sich, dass er kein absoluter Grobmotoriker ist. Für Leute, die sich mit den Minitasten der Neuauflage des Arp Odyssey nicht anfreunden konnten, ist die nochmalige erhebliche Verkleinerung der Bedienelemente also erst Recht nichts. Da die Fader ohnehin nicht auf Positionen springen können sondern wie echte Fader nur "geschoben" werden, könnte man sich da auch leicht eine Lösung überlegen – zum Beispiel, dass sich ein Fader beim doppelten Anklicken auf die ganze Bildschirmoberfläche vergrößert oder ähnliches.

Zusammenfassend gibt es also Licht und Schatten zu vermelden: Es ist schön, dass man alles auf zwei Bildschirmseiten sehen kann, gleichzeitig ist es dann halt doch sehr klein und fummelig. Eine weitere Kritik muss die GUI auch noch aushalten, nämlich die nicht groß genug ausgelegte Auflösung der Fader. Das führt dazu, dass man zum Teil deutliche Schritte zwischen den einzelnen Stufen hört. Das ist bei den Envelopes oder im Mixer nicht so störend, aber bei Oszillator FM oder höheren Filterresonanzeinstellungen gibt es echte Probleme. Das werden wir im folgenden zu hören bekommen, denn jetzt geht es endlich zum Shoot-out: Korg ARP ODYSSEi vs Korg ARP Odyssey!

Vergleich: Korg ARP ODYSSEi App vs. Korg ARP Odyssey

So ein Vergleich ist immer eine heikle Angelegenheit, denn unser Gehör reagiert auf die kleinsten Dinge mit positiver oder negativer Rückmeldung: So erscheint “lauter” bekannterweise gerne als “besser”, was zum sogenannten Loudness War geführt hat. Aber nicht nur lauter, auch höher wird als beeindruckender und vor allem brillanter wahrgenommen. Der Teufel liegt also ziemlich im Detail, weshalb wir genau darauf geachtet haben, dass die Tonhöhen stimmen, und die Aufnahmen auf die gleiche Lautstärke gebracht haben. Wir fangen an mit einem ziemlich einfachen Patch: zwei leicht gegeneinander verstimmte Sägezahnoszillatoren mit einer mittelschnellen Schwebung.

Hört hier jemand einen Unterschied? Ich nicht. Wir gehen weiter und hören auf die Schwebung der Oszillatoren. Bei höheren Tönen ist die Schwebung schneller, bei tieferen Tönen ist sie langsamer:

Der erste Synthesizer erscheint in diesem Beispiel vielleicht einen Hauch flacher, was allerdings viele Gründe haben könnte. Zum einen ist gerade bei diesem Beispiel ein Unterschied von schon einem Hertz deutlich hörbar, weil sich dadurch die Frequenz der Schwebung ändert. Zum anderen sind beide Synthesizer nicht ganz tonstabil und zeigen überraschend oft leichte Veränderungen in der Frequenz. Das kann dann leicht dazu führen, dass sich die gleiche Tonfolge einmal mehr und einmal weniger spannend anhört, weshalb diese leichte Variation nicht als "Beweis" für irgendetwas herhalten kann.

Wir nehmen den gleichen Patch wie oben, diesmal mit der Frequenz des Tiefpassfilters der Rev. 1 auf 80 % und ziehen die Resonanz des Filters ganz auf:

Auch hier hören wir unterschiedliche Schwebungen zwischen den beiden Beispielen und auch hier muss man sagen: Das kann viele Ursachen haben. Ob einem die etwas langsamere Schwebung beim tiefsten Ton im ersten Beispiel besser gefällt oder die etwas brüchigere, schnellere Schwebung im zweiten Beispiel, ist nicht nur Geschmackssache sondern auch im Toleranzrahmen: Das ist auf jeden Fall der gleiche Synthesizer, bei dem leichte Varianzen in der Oszillatorfrequenz zu unterschiedlichen, aber im Grunde gleichen Ergebnissen führen.

Wir bleiben immer noch beim gleichen Patch und lassen die Frequenz des Filters jetzt auch vom Keyboard regeln. Beim Odyssey/ODYSSEi heisst das Keyboard Follow, bei Dave Smith Keyboard Amount und bei Moog Keyboard Track. Die Filterfrequenz ist immer noch bei 80 %, was eine Oktave und eine Quinte über der Frequenz der Oszillatoren liegt, und die Resonanz ist bei 90 % und bekommt dadurch ein bisschen eine vokale Qualität.

Auch hier unterschiedliche Schwebungen, die alles andere ein bisschen überdecken. Bemerkenswert vielleicht, dass sich beim zweiten Beispiel die Geschwindigkeit der Schwebungen bei den unterschiedlichen Tönen viel stärker ändert als beim ersten Beispiel. Aber man sieht auch, wie schwierig so ein Vergleich ist: Es gibt so viele Variablen, dass man eigentlich immer nur ganz wenige Elemente gleichzeitig untersuchen kann, was dann aber nicht besonders musikalisch ist.

Im nächsten Beispiel das Ganze mit ein paar anderen Filtereinstellungen:

Hier hört sich für meine Ohren das zweite Beispiel ein bisschen dünner an. Gleichzeitig sind die Unterschiede so klein, dass es auch wieder müßig ist, einen Sieger zu küren, und jemand anderes vielleicht auch zu einem anderen Schluss käme. Von Eindeutigkeit kann keine Rede sein.

Im nächsten Beispiel mit diesem Patch steuern wir das Filter mit der AD-Hüllkurve und hören, wie es auf und zu geht.

Auch hier gefällt mir persönlich das erste Beispiel einen Tick besser, aber auch hier sind die Unterschiede zu gering, als dass man sagen könnte, eines ist besser als das andere.

Machen wir einen letzten Vergleich und hier wird es ernst, denn es geht um Oszillator FM und Ringmodulation. Beides verlangt einiges an Rechenleistung und bei beiden muss man die Regler sehr genau einstellen können, damit die Frequenzen genau so "einrasten", dass ein toller Klang entsteht. Wir hören zunächst einen einzelnen Sägezahnoszillator, der dann nach und nach vom anderen Oszillator frequenzmoduliert wird. Dabei wird nach einem überzeugenden Klang gesucht, wie man im ersten Durchlauf auch ganz gut hören kann. Nach ein bisschen Suche werden ein paar Töne gespielt und dann der Ringmodulator hinzu genommen. Und jetzt wird ein bisschen mehr gespielt, und zwar ein- und zweistimmig, so dass die Elektronik richtig ins Schwitzen kommt. Denn das ist ja eine weitere Besonderheit des Odyssey, nämlich die oft unvorhersehbaren Konsequenzen, wenn man zwischen mono- und duophonen Spiel wechselt, was ziemlich brachiale Folgen haben kann.

Bei diesem Beispiel hört man zum ersten Mal richtige Unterschiede, was einfach daran liegt, dass beim ersten Beispiel die FM ein kleines bisschen weniger weit auf ist als beim zweiten Beispiel. Wie bei jeder Form von Frequenzmodulation hört man bei beiden Beispielen sehr gut, wie am Anfang die Frequenz des modulierten Oszillators ein wenig nach oben geht. Dann werden die ersten zusätzlichen Frequenzen hörbar und der Sound wird immer komplexer. Immer wieder hört man, wie der Klang "einrastet" und aus dem Chaos ein Ton heraus sticht, der ein bisschen einem gesyncten Oszillator ähnelt. Dabei werden die Abstände bei der Rasterung immer enger. Und während es beim Odyssey und seinen 4,5 cm langen Fadern kein Problem war, den Ton bei der Terz einrasten zu lassen, war es beim ODYSSEi und seinen auf meinem iPad mini nur 1,3 cm langen Fadern nicht möglich, die Terz genau zu treffen und es blieb bei der leichter zu findenden, aber viel langweiligeren Oktave darunter.

Was jetzt das letzte Klangbeispiel angeht: Das zweite Beispiel röhrt hier doch deutlich stärker durch die Gegend als das erste. Ob das aber daran liegt, dass der zweite Synthesizer – wie übrigens in allen Beispielen vorher – der analoge Korg Arp Odyssey ist, wage ich zu bezweifeln. Schon als 2004 die Korg Legacy Collection mit dem MS-20, dem Polysix und der Wavestation heraus kam, konnte nur ein direkter A/B-Vergleich überhaupt irgendwelche Unterschiede herausstellen, und auch schon damals musste man sich fragen, ob diese Unterschiede überhaupt als besser oder schlechter zu beurteilen waren – zumal man ja auf einmal einen polyphonen MS-20 mit Effekten vor sich hatte. Das gleiche wiederholt sich 2016 auf dem iPad mit dem Korg Arp ODYSSEi mit der gleichen CMT (Component Modelling Technology) genannten Technologie, die eher an Physical Modelling von Schaltkreisen erinnert anstelle der sonst üblichen mathematischen Berechnung von Oszillatoren und Filtern.

Wie gut das funktioniert, merkt man gerade an den Dingen, die bei den analogen Geräten eigentlich erstmal ein bisschen wie Fehler aussehen. Beim Odyssey kann man das an zwei Details sehr gut sehen. Zum einen hört man auch bei völlig geschlossener Hüllkurve, also mit allen ADSR-Reglern auf 0, immer noch einen Sound, wenn man die Taste drückt. Das ist so deutlich, dass ich bei meinem eigenen Odyssey zunächst dachte, dass ich ein defektes Gerät habe. Beim ODYSSEi ist nun genau der gleiche Effekt zu hören:

Zum zweiten "leaken" die Oszillatoren, was heisst, dass sie sich gegenseitig beeinflussen – selbst wenn sie im Mischer auf stumm gestellt wurden. Auch hier dachte ich bei meinem eigenen Odyssey erst an einen Defekt meiner Soundkarte beziehungsweise an Aliasing, bevor ich bemerkt habe, dass der zweite Oszillator immer ein wenig zu hören ist und so Differenztöne erzeugt. Wer unsere Serie Musik und Strom – Die Geschichte der elektronischen Musik verfolgt, weiß Bescheid, denn genau so funktioniert auch ein Theremin. Zu meiner großen Überraschung ist der gleiche Effekt auch beim Korg Arp ODYSSEi zu hören, hier allerdings mit einer ziemlich großen Änderung im Klang: Während sich der Effekt beim Odyssey wie das bekannte Säuseln wie beim Aliasing anhört, klingt es durch die oben besprochene stufige Auflösung beim ODYSSEi wie bei einem 8- oder 12-bit Synthesizer. Achtung: Das folgende Beispiel muss bei sehr hoher Lautstärker gehört werden. Dass die Aufnahme der Odyssey dabei rauscht und die des ODYSSEi dabei nicht, liegt in der Natur der Sache, ist aber natürlich ein Vorteil des digitalen Geräts. Wenn bloß die Auflösung ein bisschen besser wäre...

Ein drittes Beispiel der zu geringen Auflösung der Fader des ODYSSEi kann man sehr gut bei den Oszillatoren hören. Beim letzten Beispiel ist zunächst Oszillator FM zu hören. Beim Odyssey würde man hier eine lineare Veränderung hören, beim ODYSSEi hört man deutlich die Stufung in Halbtönen. Die Oszillatorfrequenz wurde hier übrigens mit einem MIDI Controller gesteuert, weshalb die Stufung noch einmal größer ist, als wenn man mit dem Finger auf dem iPad spielen würde. Im zweiten Beispiel dann das Ganze mit der Filterfrequenz, und hier hört man am Ende des Beispiels, wie versucht wird, eine reine Oktave ohne Schwebung zu erreichen. Leider springt der von einem MIDI Controller gesteuerte ODYSSEi teilweise sogar in Ganztonschritten und macht so eine saubere Stimmung unmöglich.

Und damit sind wir am Ende des Vergleichs Odyssey vs. ODYSSEi. Es ist eine durchwachsene Sache, denn einerseits hat Korg mit CMT eine Technologie an der Hand, die Schaltkreise und ihren Klang sehr überzeugend nachstellen kann. Gleichzeitig wird die Freude aber doch ziemlich geschmälert, wenn man das wegen unzureichender Auflösung der Fader gar nicht so richtig nutzen kann. Der fehlende Audioeingang wäre dabei durchaus zu verschmerzen.

Gleichzeitig muss man sagen: Im Prinzip ist alles da und der virtuelle ODYSSEi ist genau wie der Odyssey ein fantastischer Synthesizer. Dass er jetzt polyphon zu spielen ist, kann man eigentlich gar nicht oft genug wiederholen und durch die gute und umfangreiche Effektsektion spielt er funktional in einer ganz anderen Liga als das Original. Das Manko liegt also vielleicht darin, dass es den ODYSSEi bislang nur als App auf dem iPad gibt. Und darin liegen drei Hoffnungen: Zum einen, dass der ODYSSEi auch für PC und Mac veröffentlicht wird und man dann die Regler mit der Maus filigraner bedienen kann, zum anderen, dass vielleicht auch noch eine andere Lösung für die Bedienung mit dem iPad gefunden wird und zum dritten, dass Korg noch ein Paket mit weiteren Patches nachliefert, die sich wirklich mit der Seele des ARP Odyssey beschäftigen. 

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