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18.11.2019

Kaufberater Röhrenmikrofone

Entscheidungshilfe beim Kauf von Tube Mics

Von Hintergrundinformationen bis zu konkreten Empfehlungen

Wer ein Röhrenmikrofon kaufen will, sieht sich zwar nicht dem Marktangebot gegenüber wie bei Transistor-Kondensatormikrofonen, doch auch hier gibt es eine Vielzahl verschiedener Produkte. Dieser Artikel soll helfen, die wichtigsten Aspekte eines Röhrenmikrofons kennenzulernen, vor dem Kauf abzuwägen – und er gibt konkrete Kauftipps, die auf unseren Tests und Erfahrungen mit Röhrenmikros beruhen.

Was ist ein „Röhrenmikrofon“?

  • Ein Röhrenmikrofon ist ein Mikrofon (meist Kondensatormikrofon), welches eine Vakuumröhre im Signalweg besitzt. Üblicherweise wird eine Röhre in Röhrenmikrofonen verwendet, um die Impedanzwandlung durchzuführen. Die Impedanzwandlung ist vereinfacht gesprochen notwendig, damit das geringe Signal der Kapsel den Transport über das Kabel bis zum Mikrofonvorverstärker ohne starke klangliche Einbußen überstehen kann. Vor der Verfügbarkeit von Transistoren mussten Röhren diese Aufgabe übernehmen, da es keine anderen Bauteile gab.  

Röhrenmikrofon oder Kondensatormikrofon? 

  • Die Fragen "Röhrenmikrofon oder Kondensatormikrofon?" und "Was ist der Unterschied zwischen "Röhrenmikrofon oder Kondensatormikrofon?" ist im Grunde verkehrt gestellt. Fast alle Röhrenmikrofone sind nämlich gleichzeitig Kondensatormikrofone. Als "Gegenteil" nennt man meist "Transistormikrofone" oder "FET-Mikrofone". 

Was ist der Vorteil von Röhrenmikrofonen? Warum klingen Röhrenmikrofone anders? Und klingen sie „besser“?

  • Die Tontechniker, Musiker und Produzenten lieben etwas an Röhrenmikrofonen, was einst als Nachteil galt – und dazu geführt hat, dass alle das Aufkommen der Transistormikrofone bejubelt haben: Röhrenmikrofone produzieren früher als Transistormikros harmonische Obertöne, also Verzerrungen. Allerdings sind dies Verzerrungen, die durchaus angenehm für das Ohr klingen und gemeinhin mit „Wärme“ umschrieben werden. Röhrenmikrofone produzieren je nach Röhrentyp, seiner Kennlinie und der Art des Mikrofon-Ausgangsübertragers, schon bei recht geringen Pegeln Obertöne, die dann mit höheren Pegeln sanft ansteigen. Manchmal gesellt sich eine leichte Kompression bei höheren Pegeln dazu. Transistormikrofone hingegen bleiben lange sehr klar, reagieren aber auf einen zu hohen Pegel gerne mit einem auffälligen, aggressiven Kratzen – ähnlich einem digitalen Clip.
  • Viele Röhrenmikrofone schleifen Transienten ein wenig ab, dadurch wird dem Signal etwas seiner „Eckigkeit“ genommen.
  • Allerdings sind nicht alle Röhrenmikrofone zwangsweise „dick“, „verrundend“ und „färbend“ im Klangcharakter. Besonders sehr hochwertige Mikrofone sind durchaus transparent, reagieren auf kurze Pegelspitzen (wie beim gesungenen oder gesprochenen „S“ oder „T“) mit einer kurzen, stärkeren Anreicherung. Das schmeichelt dem Ohr und klingt „edel“.
  • Eine weitere Eigenschaft, die Röhrenmikros zugesprochen wird, ist die Fähigkeit, Signale „griffig“ und „dreidimensional“ darzustellen. 

Gibt es auch andere Röhrenmikrofontypen als Großmembran-Kondensatormikrofone?

  • Ja, allerdings sehr selten. Kondensatormikrofone benötigen eine Impedanzwandlung, wohingegen dynamische Mikrofone wie Tauchspulen und Bändchen auch passiv, also ohne Versorgungsspannung für aktive Bauteile, betrieben werden. Aktive dynamische Mikrofone können mit Röhrentechnik aufgebaut werden. Besonders der US-amerikanische Hersteller Royer ist für seine aktiven Bändchen Royer R-122V und Royer SF-24V bekannt. Auch das Rode NTR ist als Röhrenmikrofon erhältlich.
  • Ebenfalls recht selten sind Kleimembran-Kondensatormikrofone in Röhrentechnik. Üblicherweise verbindet man mir Kleinmembranern Akkuratesse und Neutralität – also Eigenschaften, die durch Röhrentechnik eher nicht unterstützt wird. Zudem rauschen aufgrund der geringeren Membranfläche Kleinmembraner per se etwas stärker als Großmembraner.

Welches sind bekannte/berühmte Röhrenmikrofone?

  • Vor allem Mikrofone aus dem deutschen Sprachraum sind Berühmtheiten geworden. Das liegt daran, dass hier die wichtigsten Entwicklungen stattgefunden haben, während in den USA vor allem auf Bändchen gesetzt wurde. Neumann ist mit dem U 47 und später dem U 67 der sicher wichtigste Hersteller, das Neumann U 67 wird heute wieder angeboten, das U 47 gilt mittlerweile als unbezahlbar. In Österreich hat AKG das C12 gefertigt, welches ebenfalls als geradezu heilig verehrt wird. AKG hat im Auftrag von Telefunken zudem die vor allem in Nordamerika beliebten Röhrenmikros ELA M 250/251 gebaut. Weitere wichtige Klassiker sind von Sony, Microtech Gefell (nach der Wiedervereinigung hervorgegangen aus dem „östlichen“ Teil der Neumann Company nach der Teilung Deutschlands) und vor allem Brauner, der mit Mikros wie dem VMA moderne Röhrenmikrofone entwickelt und etabliert hatte. 
  • Mehr zum Thema Klassiker: Studiostandards: Vocal-Mikrofone

Was sind Nachteile von Röhrenmikrofonen?

  • Röhrenmikrofone benötigen ein Netzteil und ein spezielles Kabel. Dadurch sind Aufbau und Aufbewahrung komplizierter, und natürlich ist ein solches Mikrofon teurer als ein Transistor-Mikrofon.
  • Röhrenmikrofone rauschen ein wenig stärker als Transistor-Pendants.
  • Die Lebensdauer der verbauten Röhren ist meist sehr hoch, das ist also kein Problem. Der Service schon eher, denn anders als beispielsweise bei Gitarrenverstärkern sind die Röhren nicht einfach zugänglich und manchmal nicht einmal gesockelt, sodass sie herausgelötet werden müssen. 
  • Röhrenmikrofone sind nicht sofort einsatzbereit, sondern benötigen meist mehrere Minuten, um ihre vollen klanglichen Fähigkeiten bereitzustellen.
  • Die Allrounderfähigkeiten sind oft etwas eingeschränkt, da sie meist bewusst nicht sehr neutral klingen.

Was sollte man beim Kauf von Röhrenmikrofonen beachten?

  • Statt eines preiswerten Röhrenmikrofons sollte lieber ein Transistormikrofon für den gleichen Preis gekauft werden. Röhrentechnik ist aufwändig und teuer, nur um des Images Willen sollte man kein Röhrenmikro anschaffen.
  • Es sollte abgewägt wrden, ob verschiedene Richtcharakteristiken notwendig sind. Reine Nierenmikrofone sind preisgünstiger und für eine Vielzahl der Anwendungen meist ausreichend. Allerdings sollte man abwägen, denn beispielsweise mit der Acht assen sich viele spannende Dinge anstellen – und andere Patterns klingen meist auch anders!
  • Viele Röhrenmikros suggerieren Nähe zu den genannten Klassikern mit den entsprechenden Zahlenkürzeln (vor allem 12, 47, 67), sind aber nicht selten technisch deutlich anders aufgebaut und auch klanglich nicht unbedingt wie die Vintage-Mikrofone aufgestellt. 
  • Es sollte möglichst gut überprüft werden, ob das Mikrofon zur ihm hauptsächlich angedachten Aufgabe passt, beispielsweise zur Stimme.

Kann man Röhrenmikrofone auch gebraucht kaufen?

Gibt es einen Unterschied zwischen "Röhrenmikrofon" und "Tube-Mikrofon"?

  • Nein: „Tube“ ist einfach nur Englisch für Röhre. Ein anderer, seltener verwendeter Begriff ist „Valve“. 

Was das "beste Röhrenmikrofon" ist, kann man natürlich kaum beantworten, schließlich gibt es unterschiedliche Geschmäcker und Anwendungen. Aber hier haben wir ein paar wichtige Vertreter, die wir uneingeschränkt empfehlen können:

Vergleich: Tests von Röhrenmikrofonen 

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