Hersteller_iZotope Software
Test
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27.02.2013

Praxis

Nein, es ist kein Spielzeug und noch weniger eine typische Amp-Simulation, was die Programmierer aus Boston da abgeliefert haben. Wer also auf der Suche nach einem Krawall-Plugin ist, das auch noch einen gewissen Spaßfaktor beim Verschalten der virtuellen Gerätschaften liefert, ist mit Programmen wie Guitar Rig, Vandal oder Amplitube sicherlich besser beraten, zumal hier der Fokus auf dem detailgetreuen Modeling der entsprechenden Gerätschaften liegt. Trash 2 dagegen kommt visuell weitaus „akademischer“ oder genauer gesagt, „tontechnischer“ daher. Wer hier nicht über Basiswissen im Umgang mit Geräten aus den Bereichen Dynamik und Equalisierung (und auch einem Grundverständnis des Prinzips nichtlinearer Verzerrungskurven) verfügt, muss entweder dazu lernen oder sich nur mit den Presets zufriedengeben. Das ist vor dem Hintergrund der dreihundert durchweg gelungen Werkseinstellungen und in Anbetracht des Preises der Software schon eine lohnenswerte Sache. Spannend, um nicht gar zu sagen atemberaubend, wird es aber erst, wenn man die ganze Power der Software wirklich zu nutzen weiß.

Das zeigt sich exemplarisch bei den beiden Equalizer-Modulen, die für mich persönlich das eigentliche Sahnestück der Software sind und für sich genommen bereits den Kaufpreis voll rechtfertigen. Bestückt man die sechs möglichen Bänder mit einem der klassischen Filtermodelle (u.a. Peak, Shelf, HP, BP, LP) hat man hier einen flexiblen, sehr komfortabel und präzise justierbaren Equalizer an der Hand, der sich klanglich problemlos für höhere Aufgaben als die „Insertierung“ in einen Einzelkanal empfiehlt. 

Aber schon beim Griff zu einem der Resonanz-, Vowel- oder Retro-Filter wird aus dem feinjustierbaren Arbeitsgerät ein mächtiges Filtermonster, das problemlos in der Lage ist, aus einer drögen Synthesizer-Sequenz eine mitreißende Acid-Line zu formen. Bringt man dann noch die Lautstärken- und Tempo-abhängigen Modulationsmöglichkeiten ins Spiel, realisiert man plötzlich, dass man hier eine komplette Filterbank (in sechsfacher Ausführung) vor sich hat.

Vorbildlich gelöst ist das Einstellen der einzelnen Frequenznoden: Neben der Parameteransicht in Textform im unteren Teil des Bildschirms lässt sich jeder Node mit der Maus verschieben und dabei gleichzeitig über das Scroll-Rad die Flankensteilheit regeln. Wer kein Rädchen für den Bildlauf besitzt, kann jene auch über die umgebende Klammer adjustieren (Abstand weit=geringe Flankensteilheit, Abstand gering=hohe Flankensteilheit). Gleichzeitiges Drücken der Steuerungstaste verfeinert dabei den Einstellbereich – wirklich sehr praktisch. Als überaus hilfreich erweist sich übrigens auch die komplette Undo-Historie, mit der sich über alle Module hinweg sämtliche Arbeitsschritte rückgängig machen lassen.

Der Eindruck einer Eierlegendenwollmilchsau bestätigt sich dann so ziemlich in jeder Ecke des Plugins. Gerade der konsequent mehrbandige Workflow in fast allen Instanzen erweist sich als mächtige Waffe bei der effektiven Klanggestaltung. Und das besonders dann, wenn es nicht um dramatische Sound-Dekonstruktion, sondern um subtile Klangoptimierung geht. Das zeigt sich besonders beim Verzerrer, wenn man beispielsweise einen Sound nur leicht „anzerren“ möchte und dabei seine Grundfrequenzen im Bass- und Höhenbereich unangetastet lassen will, um die klangliche Integrität zu erhalten.

Aber hat denn der gestrenge Herr Tester überhaupt keine Kritik anzubringen? Doch hat er. Gerade wenn man wirklich tief in die Klangbearbeitung abtaucht, vermisst man stellenweise doch die Möglichkeit einer voll modularen Verschaltung. Das umso mehr, wenn man feststellt, dass die Ähnlichkeit zwischen dem Channelstrip Alloy und dem Verzerrer Trash in Bezug auf Klang und Bedienung so groß ist, das sich beide Plugins „eigentlich“ sehr gut zu einem einzigen großen universellen Audiowerkzeug hätten zusammenfassen lassen. Damit wäre die steile Lernkurve zwar auch nicht wesentlich einfacher zu nehmen gewesen, zumindest aber müsste man sich nur mit einem einzigen GUI vertraut machen und auch nur einen Plugin-Slot in der DAW bestücken. (Stichwort Weisheitszahn-Extraktion: „Wenn wir schon einmal dabei sind, holen wir direkt alle raus, anstatt dass sie vier Mal hintereinander leiden müssen.“). 

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