Eurorack-Module
Test
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20.09.2019

Erica Synths Pico System III Test

Preiswertes Modular-Komplettsystem als Desktop-Gerät oder Eurorack-Modul

Pico System mutiert zum analogen Modularsystem mit Presets

Das Pico System von Erica Synths geht jetzt in die dritte Runde, und das tut es mit großem Aufsehen. Wurde das Pico System II noch als einzelne Pico-Module mit eigenem Eurorack Mini-Gehäuse ausgeliefert, so kommt die dritte Inkarnation als komplettes Desktop-Gerät daher. Im Gegenteil zur Version 2, ist die dritte Version voll analog und bietet sogar einen Preset-Speicher in Form von Platinen à la Buchla Music Easel, an.

Das Pico System III ist als Desktop-Gerät, sowie als einzelnes Eurorack-Modul, erhältlich. Im Grunde haben wir es hier mit einem digitalen und zwölf analogen Modulen aus der Pico Serie von Erica Synths zu tun. Diese stecken lediglich in einem eigenen Gehäuse bzw. unter einer gemeinsamen Frontplatte. Alle Schaltungen der einzelnen Module teilen sich beim Pico System III auch eine gemeinsame Platine, wodurch der geringe Preis erzielt wird. Wir haben den kleinen modularen Synth auf Herz und Nieren getestet, und schauen, ob auch dieser sympathische Winzling den hohen Standard von Erica Synths aufrecht halten kann.

Details

Konzept

Die Idee zum Music Easel von Buchla wurde von Morton Subotnick im Tape Music Center in San Francisco in den7190er Jahren ins Leben gerufen. Subotnick wünschte sich ein elektronisches Instrument, das preiswert und portabel ist und dadurch auch für jeden zugänglich und verfügbar bleibt, ohne jegliche Abstriche in der Kreativität beim Musizieren einbüßen zu müssen. Don Buchla kreierte daraufhin den legendären Music Easel, den man bis heute bei Buchla erwerben kann. Ich selbst habe schon das Shuttle System von Endorphin.es mit dem Music Easel verglichen, da die Module im Endorphin.es System stark von Buchla Modulen inspiriert wurden. Mit dem kleinen Pico System III vor mir, merke ich aber, dass das Pico System um einiges mehr einem modernen Easel-Konzept entspricht. Das Pico System III ist klein und vor allem preiswert, was es so zu einem modularen Synthesizer für jeden werden lässt. 

Die Pico Serie wurde von Erica Synths ins Leben gerufen, um Anfängern eine preiswerte Möglichkeit zu geben in die Welt der modularen Synthesizer einzusteigen. Trotz der geringen Preise der einzelnen Pico Module, wird ein komplettes Pico System mit Eurorack-Gehäuse inklusive Strom dann doch schnell kostspielig, und so haben sich Erica Synth überlegt, alle Schaltungen der einzelnen Module auf eine einzelne Platine zu packen. Außer, dass durch diese Konstruktion die Kosten erheblich gesenkt werden konnten, erlaubt diese Bauweise noch die Möglichkeit alle Verbindungen auf Wunsch auf einer Preset-Platine miteinander zu verknüpfen.

Solche Preset-Platinen gibt es auch beim Buchla Easel, und außer einer Hommage an den Easel, ist diese Methode die einzige Art, wie man einen voll analogen Schaltkreis sozusagen ‚abspeichern‘ kann. Als ob das nicht ‚Buchla-Anspielung‘ genug wäre, gibt es doch jetzt auch die berühmten Low Pass Gates, die ebenfalls von Buchla erfunden wurden und für den markanten Buchla-Sound bekannt sind, als Pico Modul zu kaufen und davon sind auch gleich zwei im Pico System III zu finden.

Lieferumfang und Aufbau

Zum Test erhielten wir von Erica Synths die Desktop Version des Pico System III. Diese wird in einem schicken Karton mit viel Zubehör ausgeliefert. Außer einer gedruckten Anleitung, die auch als Patch-Notizbuch Verwendung findet, erhält man noch ein kleines Netzteil, 20 Patchkabel und ein Hosa-Stackcable sowie fünf Voicecards mit Patches und fünf leere Voicecards für eigene Patches.

Das Aluminium Gehäuse fühlt sich, mit seiner robusten Lackierung und abgerundeten Ecken, sehr hochwertig an. Das Ganze wird mit 31 Mini-Potis und 52 Miniklinken-Buchsen, sowie sechs Kippschaltern bedient und eingestellt. Wie von Erica gewohnt, sitzt auch hier alles bombenfest und lässt sich geschmeidig bedienen. Bei dieser Anzahl an Bedienelementen ist der Preis von deutlich unter 500 Euro doch wirklich beeindruckend. Hier kommen wir preislich schon fast in Behringer- Regionen, wobei die Qualität doch eher mit Moog verglichen werden kann. Wie gewohnt sind alle Buchsen unten und Potis oben angeordnet, womit alles auch im gepatchten Zustand relativ gut erreichbar bleibt. Der Einschub für die Voicecard Platinen befindet sich ganz links und kommt beim Musizieren mit dem Pico System genauso wenig in den Weg. Auf der Rückseite hat es einen Ein-/Ausschalter, den Eingang für das Netzteil sowie noch einen Audioausgang, dessen Pendant es auch auf der Frontplatte gibt.

Insgesamt haben wir es hier mit 13 Pico Modulen zu tun. Eines davon ist digital. Im Pico System III wird dieses als ‚MOD‘ bezeichnet, gibt es aber auch als einzelnes Pico Modul unter dem Namen ‚RND‘ zu kaufen. Da es sich hier, außer dem integrierten Rauschen, um ein Modul handelt, das zufällige Steuerspannungen und Gates ausgibt, greift das digitale Modul nicht in den analogen Klang ein, bietet aber dafür einen Clock-Divider/Multiplier für eine eingehende Clock an. Der Rest ist komplett analog und, außer dem ‚VCO CTRL‘, auch als einzelne Pico Module erhältlich.

Oszillatoren

Die Oszillator-Sektion bietet zwei unterschiedliche analoge VCOs und einen VCA, der so normalisiert ist, dass man damit automatisch exponentielle FM des ersten Oszillators und lineare FM des zweiten steuern kann. Dieser VCA nennt sich hier ‚VCO CTRL‘ und ist ein cleveres kleines Tool, das die beiden VCOs zu einer Art Complex VCO kombiniert, was aber auch als separater VCA genutzt werden kann. VCO1, der als Pico Modul VCO2 heißt, ist ein voll analoger Oszillator, der Dreieck und Rechteck als gleichzeitige Ausgänge anbietet. Die Pulsweite des Rechtecks lässt sich sowohl per Poti, als auch per CV, steuern. Ein Fine-Tune Poti gibt es hier nicht, dafür aber einen Kippschalter, um zwischen drei Oktaven wählen zu können.

Wo VCO1 genauso auch als einzelnes Pico Modul erhältlich ist, gibt es den ebenfalls komplett analogen VCO2 nur in diesem System. Dieser ist VCO1 sehr ähnlich und unterscheidet sich durch seinen ‚SHAPE‘ Ausgang, der hier den Rechteck-Ausgang des VCO1 ersetzt. Hierbei handelt es sich um analoges Waveshaping, wobei man von einer Dreieck-Wellenform über Sägezahn bis hin zu Rechteck mit PWM überblenden kann. So wurden hier, im Gegensatz zum VCO1, PWM Poti und PWM CV-Eingangsbuchse durch Shape ersetzt. Diese Kombination ist dem Complex Oszillator von Buchla funktional sehr ähnlich, wobei man hier aber keinen Buchla Klang erwarten darf.

Low Pass Gates und Hüllkurven

Neben der Oszillatoren-Sektion ist die Sektion mit den zwei ASR-Hüllkurven und beiden Low Pass Gates mit der wichtigste Bereich dieses Systems, wenn es darum geht Klänge zu erstellen. Hüllkurven, sowie Low Pass Gates gibt es beides jetzt auch als ganz neue Eurorack-Module in der Pico Serie. Die Hüllkurven sind identisch mit den Pico Modulen und bieten CV-Steuerung über Attack- sowie Decay-Zeiten. Mit einem kleinen Knopf kann man die Hüllkurve manuell auslösen und der Trigger-Eingang erkennt automatisch, ob Gates anliegen und schaltet die Hüllkurve dabei in einen ASR-Modus. Mit einem Kippschalter lassen die Hüllkurven sich in einen Loop-Modus versetzten, wobei diese dadurch als LFO missbraucht werden können. An sich alles OK, außer, dass die Hüllkurven ziemlich träge sind und sich somit leider keine knackigen Sounds erstellen lassen. Schön zu sehen, dass die Hüllkurve automatisch erkennt, ob Gates oder Trigger am Eingang anliegen, nur gibt es im gesamtem Pico System III keine Trigger, schade.

Low Pass Gates sind eine Kombination aus VCA und Filter mit fester Resonanz. Hier unterscheiden sich auch die LPGs von den Pico Modulen. So wurde die manuelle und CV-Steuerung von Decay im Pico Modul, gegen Steuerung der Resonanz im Pico System getauscht. Da diese auch die einzigsten Filter in diesem System sind, macht das sicherlich Sinn. Dennoch sind Low Pass Gates für Ihr natürliches Ausklingverhalten bekannt und außerdem spart man sich mit Decay so auch gleich eine Hüllkurve, davon mal abgesehen, dass die hier verbauten Hüllkurven viel zu träge sind. Immerhin kann man so die beiden LPGs mit Resonanz auch als zwei zusätzliche Oszillatoren missbrauchen, wobei hier ein 1V/Okt. sicherlich nützlich gewesen wäre. Mit einem Kippschalter wählt man zwischen VCA und Filter aus. Auch das ist ein bisschen ungewöhnlich, denn normalerweise gibt es noch einen Modus wo VCA und Filter gleichzeitig aktiv sind. Das in Kombination mit dem natürlichen Abklingverhalten macht hauptsächlich den Klang eines klassischen Low Pass Gates aus, das ist hier leider nicht der Fall.

Delay, Sequenzer, Mischer und Random

Analoges Delay und Sequenzer, sowie drei Mischer vervollständigen das System. Alle diese Einheiten sind auch als Pico Module erhältlich. Das Bucket Brigade Delay klingt roh, da hier kein Filter verbaut ist, um die gewöhnlichen Störgeräusche eines analogen Delays zu unterdrücken, aber lässt sich gut steuern und hat einen durchaus interessanten Klang. Der neue Sequenzer der Pico Serie ist nun auch voll analog aufgebaut, was es möglich macht diesen als rudimentären Waveshaper zu missbrauchen. Was hier als MOD Sektion bezeichnet ist, gibt es unter dem Namen ‚RND‘ auch in der Pico Serie und stellt ein wirklich nützliches CV- und Zufalls-Tool dar. Diese Module runden das System ab und sind, wie der Rest, von sehr guter Qualität. 

Voicecards

Da alle Module auf einer Platine vereint wurden, gibt es die Möglichkeit die Platine quasi zu erweitern und nach außen zu führen, indem man ein zusätzliches Stück Platine in einen großen Einschub dafür steckt. Diese zusätzlichen Erweiterungsplatinen werden hier Voicecards genannt und sind gut durchdacht. Die Platinen spiegeln die Ein- und Ausgänge des kompletten Systems wieder, wodurch man kleine Brücken löten kann, um die einzelnen Module fest miteinander zu verdrahten.

Diese Lötarbeiten können auch von kompletten Anfängern ausgeführt werden. Wer hier noch nie einen Lötkolben in der Hand hatte, dem sei unsere Workshop-Reihe empfohlen, die sich mit dem Thema Eurorack DIY für Einsteiger befasst. Auf diese Weise erhält man einen vorverdrahteten Synthesizer, bei dem man nur noch die Potis einstellen muss. Man kann jedoch auch einen Schritt weitergehen und Widerstände auf der Voicecard verlöten. Dreht man nun alle Regler auf Rechtsanschlag, kann man sich somit komplette Presets mit Regeleinstellungen abspeichern.

Durch die Erweiterung der Platine und der Erstellung von Presets durch Löten von Brücken und Widerständen, kann man ein komplett analoges System abspeichern. Anders geht es nicht, denn sobald Strom nicht mehr direkt durch die Schaltungen fließt, sondern erst durch einen Mikrocontroller wandert, der dann die Schaltungen steuert, ist die Schaltung nicht mehr komplett analog. Zum Beispiel werden in diesem Fall aus VCOs automatisch DCOs. Ein Synthesizer kann derzeitig nicht wirklich voll analog sein, aber digital abspeicherbar.

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