Keyboards
Feature
3
16.11.2018

Eine Liebeserklärung an den Roland SH-101

Kult-Synth und begehrter Klassiker

(M)eine Liebe auf den zweiten Blick

Wie alles begann

Frühjahr 1983: Ich war Bassist in einer jungen Funkband aus der niedersächsischen Provinz und der dicke Slap-Daumen war mir nicht mehr genug. Ich wollte diese fetten, schmatzenden Basslines á la ‚Zapp‘, ‚Gap Band‘ und ‚Imagination‘ spielen und suchte einen kleinen monophonen Synthesizer. Wochenlang hatte ich mir Testbericht im „Fachblatt“ (frühes deutsches Musikermagazin) reingezogen und die Entscheidung stand fest: Ein Moog Prodigy sollte es sein. Als ich mit tausend Mark in bar den Hamburger Musikladen in einer Nebenstrasse der Reeperbahn betrat, brachte mich der Verkäufer noch kurz ins Wanken, als er mir diesen neuen japanischen Roland-Synthesizer zeigte: Leicht, knackiger Sound, mit Arpeggiator und Sequenzer, mobil, weil optional batteriebetrieben und sogar mit einem Gitarrengurt zum Umhängen. Aber aus Plastik, ohne schicke Holzteile und - es war eben kein Moog. So ließ ich den SH-101 bei unserem ersten Blind Date ungeliebt zurück.

Einzug der Techno-Zeit

Fast 10 Jahre später: Mittlerweile lebte ich in Berlin und machte Techno mit einem Atari ST und kleinen analogen Synths, die ich zumeist über das Kleinanzeigenblatt „Zweite Hand“ fand. Die Renaissance der Regler war noch nicht angebrochen und die Klangpotenziale der damals aktuellen Synthesizer versteckten sich hinter LCD-Displays und Folientasten. Alle Welt wollte digitale Technik und Keyboarder verkauften ihre analogen Schätzchen zu Spottpreisen, vor allem jene, die noch nicht einmal MIDI hatten. Und so kam ich dann doch noch zu meinem SH-101, via Kleinanzeige für 150 D-Mark. Und während der Prodigy zumeist verstimmt in der Ecke stand, eroberte der ‚101‘ zusammen mit dessen Roland-Kumpanen 303 und 808 und 909 mein Studio. Der SH-101 passt einfach verdammt gut zu Techno: Mit schnörkellosem, geradlinigen Sound setzt sich der Synthesizer in jedem Mix durch, mit der schnellen Hüllkurve gelingen superkernige Sequenzen, der Filter hat genug ‚Balls‘ für ein solides Bass-Fundament und der Sägezahn knarzt krasser als jedes Plug-in.

Audiobeispiele zu Roland SH-101 (Audios: Mijk van Dijk)

Simpler Aufbau

Die Oberfläche ist sehr logisch strukturiert und der Aufbau der Klangerzeugung gleicht dem Lehrgang „Subtraktive Synthese für Dummies“: VCF, VCO, VCA, alles klar!Der Oszillator bietet modulierbaren Puls, Sägezahn, Sub-Oszillator und einen White Noise-Generator. Diese werden im Source Mixer stufenlos gemischt und dann durch ein resonanzfähiges 24 dB Tiefpassfilter in eine einsame Hüllkurve gejagt, die allerdings so flott ist, dass der SH-101 auch wunderbare knackige perkussive Klänge erzeugen kann. Ein schlichter LFO mit vier Wellenformen (Sägezahn, Rechteck, Zufall und Noise) und ein sehr effektives Portamento bringen Bewegung in den Klang.

Nicht besonders viele Tools für experimentelle Klangexperimente und wer mehrere Oszillatoren gegeneinander verstimmen möchte, muss sich woanders umschauen. Dafür ist der ‚101‘ gerade live eine echte Waffe. Er klingt immer irgendwie gut und lässt sich dramatisch modulieren, ohne den Flavour einer Einstellung mit einer falschen Faderbewegung gleich unwiederbringlich zu verlieren. Ach ja, die Fader: Mit dem SH-101 schraubt man nicht, man schiebt.  

Die Entstehungsgeschichte

Der SH-101 war tatsächlich der letzte monophone Synthesizer, den Roland bislang selbst hergestellt hat. Dessen Boutique-Nachfolger ‚SH-01‘ ist vierstimmig, der Boutique-Synth SE-02 wurde von Studio Electronics gebaut und die limitierte Driftbox-R vom japanischen Kleinst-Hersteller REON übernommen. Vom grundsätzlichen Aufbau her ähnelt der SH-101 dessen monophonen Vorgänger SH-09.Zusätzlich zur Standardvariante in Grau bot Roland auch eine rote und eine blaue Version an. Als weiteres Zubehör gab es einen Modulationsgriff mit Gitarrengurthalterung. Mit diesem kleinen 'Gitarrenhalsknubbel' konnte der Keyboarder wie ein Gitarrist über die Bühne jagen, auch weil der SH-101 mit sechs Batterien stromversorgt werden konnte. Schon deshalb wurde der Synthesizer gerne von Keyboardern in TV-Shows getragen.

Video: Nena - 99 Luftballons (Live on Hitparade 1983)

Der SH-101 wurde von Keyboardern gerne mit dem optionalen Gitarrengriff-Kit bei TV-Shows eingesetzt: Hier von Nena-Keyboarder Lutz Fahrenkrog-Petersen während der ZDF-Hitparade aus dem Jahr 1983.

 

Vorgestellt Ende 1982 und bis 1986 gebaut, ging der kleine zweieinhalb-oktavige Plastiksynth zum Preis von ca. 800 D-Mark in großen Stückzahlen über die Ladentheke. Erstaunlich, da er genau zu einer Zeitenwende der Synthesizergeschichte auf den Markt kam: Polyphone Keyboards waren mit dem Roland Juno-6 und dem Korg Polysix erschwinglich geworden und seit Einführung der MIDI-Schnittstelle auf der NAMM-Show 1983 hatten Synths ohne diesen neuen Standard einen schweren Stand. Der ‚101‘ punktete vor allem mit dessen eingebauten Sequenzer und der einfachen Bedienung als erschwinglicher Einsteigersynth, vielleicht vergleichbar heute mit dem Arturia MicroBrute oder dem Korg Monologue.

Heutzutage ist CV/Gate wieder schwer en vogue, aber 1992 brauchte es eine der wenigen Spezialisten-Kisten von Doepfer oder Kenton Electronics, um non-MIDI-Synths von der MPC oder vom Atari aus anzusteuern. Mittlerweile aber kein Problem mehr, denn ein neuer Hardware-Sequenzer, der etwas auf sich hält, hat selbstverständlich CV/Gate-Ausgänge im Angebot, um trendige Boutique-Kisten oder nerdige Eurorack-Module ansteuern zu können. Meinen ‚101‘ freut das.

Einfacher Arpeggiator und Sequenzer

Der Arpeggiator ist simpel: Up, Down, Up/Down, that’s it. Aber man kann damit wunderbar arbeiten. Melodie spielen, die passenden Noten suchen, dann den Akkord legen und „Hold“ drücken: Schon perlt das klassische Synth-Arpeggio, wie man es von unzähligen Produktionen her kennt. „Transpose“ und einen anderen Grundton drücken und die 101 spielt das Arpgggio entsprechend höher oder tiefer ab. Allein das macht bereits einen Heidenspaß.Der Sequenzer ist ebenfalls straight forward: Flugs ein paar Noten reinspielen, Play drücken und fertig ist die knatternde Bassline. Mit den Buttons „Rest“ und „Legato“ lassen sich Pausen und längere Noten programmieren. „Legato“ sorgt im Play-Mode für Variationen. Und auch den Sequenzer kann man spontan transponieren. 

Leider gibt es nur einen einzigen Sequenzbuffer, und das ist Fluch und Segen zugleich. Hier lässt sich nicht viel vorbereiten, der SH-101 will spontan gespielt, programmiert und editiert werden. Vorbereitete Sequenzen sind nicht für die Ewigkeit gedacht, sondern für den einen wilden Moment. Per externem Trigger werden Sequenzer und Arpeggiator synchronisiert. Dieser Impuls kann von einem Taktgeber, wie dem leider mittlerweile eingestellten Roland SBX-1 oder einer Drum-Spur des Arturia Beat Step Pro kommen, die sich beide als kongeniale Compagnons für meinen SH-101 etabliert haben.Nicht zuletzt kann Roland’s monophoner SH-101 dank CV/Gate In/Out und Trigger-Eingang auch problemlos an ein Modularsystem angedockt werden.

Video: Roland SH-101 Sound Demo (no talking)

Mijk van Dijk zeigt in diesem Video, dass es richtig Spaß macht mit dem SH-101 zu jammen.

Modifikation des Synthesizers leicht gemacht

Natürlich kann man seinem ‚101‘ auch noch tiefer gehende Faceliftings verpassen. Gern genommen wird die SH-10H1-Mod der Berliner Firma Tubbutec, die mit Midi I/O, einem weiteren LFO für den Filter, Accent, einem verbesserten Sequenzer und einer zweiten unabhängigen Hüllkurve lockt. 

Video: Die SH-10H1 Mod der Berliner Firma Tubbutec erweitert die Original-101 mit beeindruckenden Möglichkeiten.

Tipp für ‚101‘-Freunde

Eine kleine feine Modifikation habe ich meinem ‚101‘ dann aber doch gegönnt, um ein typisches CV/Gate-Problem zu umgehen: Sind die Steuerspannungseingangsbuchsen verkabelt, ist die Tastatur abgeschaltet. Klar, jetzt wird die 101 extern kontrolliert. Weil es mich immer nervte, dass ich die CV/Gate-Kabel abziehen muss, wenn ich schnell mal etwas direkt anspielen will und dann erneut reinstecken, wenn wieder Kollege Computer übernehmen soll, habe ich mir vom Berliner Workshop Philsynth einen Schalter einbauen lassen, der die Zuweisung zu den gesteckten Kabeln aufhebt und auf die Tastatur umschaltet. Eine Supersache, auch um zwischen externem und internem Sequenzer hin und her zu switchen.

Prominente Verwender des SH-101

Man könnte eher fragen: Wer hat den nicht benutzt? Gerade in den frühen Neunzigern galt der ‚101‘ als veritabler ‚303‘-Ersatz und viele ‚Knarzmaschinentracks‘ wurden von ihm befeuert. Auch in Detroit war er ein gern genutzter Studiogast. Hier darf als prominentes Beispiel z. B.  Carl Craig’s Remix von „Like A Child“ dienen, in dessen Intro er ein kristallenes 101-Arpeggio minutenlang auswalzt. In den ‚Nuller‘ Jahren wurde der SH-101 gerne auch für noisige Melodien eingesetzt. Mathew Jonzon hat die Serie über seine Lieblingssynthesizer für Electronic Beats ebenfalls mit dem SH-101 begonnen und gewährt schöne Einblicke.

Video: Junior Boys - Like A Child (Carl Craig Remix)

 

Video: Mathew Jonzon erklärt den Roland SH-101

 

Der SH-101 hat natürlich auch in vielen meiner Produktionen seinen Platz, oft in den hohen Lagen, gern als Bass oder auch nur als drückender Sub-Bass zwischen den Bassdrum-Schlägen. Besonders eindrücklich fand ich stets, wie mein Freund und damaliger Labelkollege Cosmic Baby den ‚101‘ nutzte, im Studio wie auch Live. Ob energetische Basslines, die typischen „Lucky Pulse Tones“ oder einfach nur perkussiver Noise: Viele seiner Trademark-Sounds entstammen der kleinen grauen Wunderwaffe.

Video: Cosmic Baby Live @ Omen 1993

Original SH-101 oder Alternative?

Muss es das Original sein? Auf ebay werden SH-101 je nach Zustand derzeit zwischen 800 € bis 1.300 € gehandelt. Das sind nicht gerade Schnäppchenpreise, aber auch nur die Hälfte bis ein Drittel der Wahnsinnspreise, die für TB-303s aufgerufen werden. Wer nicht auf totale Authentizität Wert legt, kann auch mit dem Boutique-Nachbau Roland SH-01a glücklich werden: Anders als z. B. bei dem völlig überladenen Jupiter-8-Nachbau eignet sich die winzige Boutique-Bauform ganz gut für die ‚101‘-Schieberegler.Für DAW und System-01 bringt das Roland Plug-in relativ authentisches SH-101 Klangfeeling für kleines Geld.

Schlusswort

Das Schöne am originalen SH-101 ist dessen Haptik. Das Instrument ist kompakt genug zum Mitnehmen, hat eine wirklich vernünftige Tastatur (natürlich ohne Anschlagsdynamik) und ein großzügiges Layout.

Es ist tatsächlich ein richtiges Instrument mit Ecken und Kanten, das virtuos gespielt werden kann und den Besitzer mit vielen Performance-Möglichkeiten und durchsetzungsfähigem Sound belohnt. Wer genau das sucht, darf sich ebenfalls in einen Roland SH-101 verlieben.

Verwandte Artikel

User Kommentare