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20.11.2018

Gründe, ernsthaft über Recording ohne Computer nachzudenken

Eine DAW ist nicht immer das beste Aufnahmesystem

Die gute, alte Bandmaschine oder der externe Harddiskrecorder sind manchmal die bessere Wahl

Audio-Recording mit dem Computer – das war Ende letzten Jahrhunderts eine kleine Revolution: Auch ohne viel Geld für analoges oder digitales Mehrspur-Aufnahmegerät, Mischpult und dergleichen in die Hand nehmen zu müssen, genügten ein ordentlicher Computer mit einem Audio-Interface. 

Zu Beginn in Sachen Spurzahl, Latenzen, Editiermöglichkeiten und vor allem Klangqualität noch sehr begrenzt, kann heute jeder mit nur kleinem finanziellem Aufwand Audioaufnahemen selbst erstellen. Das ist heute absoluter Standard. Und bis auf wenige Tontechniker, die beispielsweise noch ihre 24-Spur-Zweizollmaschine zum Recording verwenden oder denjenigen, denen das Umlernen zu schwierig erscheint und die deshalb weiterhin mit Kompaktstudios arbeiten, sind der Computer oder das Tablet das Aufnahmemedium schlechthin.

Zweifelsohne: Die Vorteile von Recording mit einer DAW liegen auf der Hand. So gut wie unbegrenzte Spurzahl, schier endloser Speicherplatz, gewohntes, großes User-Interface mit Schwingungsformdarstellung… aber wem erzähle ich das. Wie sieht`s also aus mit dem Anachronismus, ohne diesen ganzen Luxus aufzunehmen? Sind Musiker und Techniker, die so etwas machen, wahnsinnige Retro-Nerds? Zu dumm oder zu faul, sich mit den komplexen Audioprogrammen auseinanderzusetzen? Zwangsindividualisten? Gut, das kann alles durchaus sein, aber es gibt schlicht und einfach auch Vorteile, die sich nicht von der Hand weisen lassen. Hier sind sie!

Sound

Ohne Computer aufnehmen, das geht beispielsweise mit einer Bandmaschine. Und tatsächlich, wer einmal mit einer Zweizoll von Studer, Otari und Co. Gearbeitet hat, der wird unterschreiben, dass diese anders klingen als ein Audio-Interface. Anreicherung von Harmonischen, leichte Verschleifung der Transienten, eine gewisse Kompression, feines, durchaus angenehmes Bandrauschen, ja sogar ein wenig Gleichlaufschwankungen, sanfte Höhendämpfung –  all das hat durchaus seinen klanglichen Reiz. Eine gut eingestellte Maschine klingt bombastisch, wenn man diese Eigenschaften im Sound benötigt. Da können die Tape-Plug-Ins nicht ganz mithalten.  

Teurer? Nicht unbedingt.

Anders als alte Neumann-Röhrenmikrofone, Fairchild 660/670 oder Siemens-Preamps sind Bandmaschinen zwar nicht so dermaßen brutal teuer, aber immer noch kein Schnäppchen, wenn man ein gut gepfelgtes, hochwertiges Modell erstehen will. Und die Bänder, gerade für 2“-Maschinen, kosten so viel wie so mancher Laptop vom Discounter oder ein komplettes Recording-Bundle. Billig ist anders. Dabei kann man auch für einen Bruchteil computerlos arbeiten. In den Genuss feinster Analogmaschinen kommt man dann zwar nicht, aber gerade digitale Homestudios, ältere HD-Recorder oder sogar ADATs, DA88 und dergleichen findet man auf dem Gebrauchtmarkt Unmengen an Geräten, teilweise als kaskadierte 24TK-Systeme mit Remote und allem Pi-Pa-Po für wirklich kleines Geld. Das kann dann beispielsweise einfach fest verkabelt im Proberaum verbleiben.

Minimalismus rockt!

Hier ist nun einer der wesentlichen Punkte: Mit einem Computer und Audioprogramm kann man mehr machen. Das ist nicht immer gut. Manchmal ist das schlecht. Wieso? Nun, durch Limitierungen ist man quasi gezwungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren! Hier die wichtigsten Punkte dazu:

Limitation der zur Verfügung stehenden Tracks

Mehr Tracks bedeutet, dass man mehr Möglichkeiten hat. Man kann mehr Signale aufnehmen. Allerdings ist fraglich, ob die elfte Gitarrenspur wirklich nötig ist, eine alternative Melodielinie in der dritten Strophe wirklich bis in den Mix mitgeschleppt werden muss und für die gelayerten Stereo-Synthieflächen so ganz unbedingt sechs Spuren verbraten müssen. Eine gut klingende Produktion kommt oft auch mit wenigen Signalen aus. Das beweisen viele sehr erfolgreiche Alben aus den letzten Jahrzehnten.

Limitierung zwingt zu Entscheidungen! Und das schon bei der Planung, spätestens beim Aufnehmen. Was ist wichtig, was ist der Kern des Songs, was braucht man nachher im Mix? Dieses Konzentrieren spart obendrein noch eine Menge Zeit: Mikros müssen nicht aufgebaut werden, das Einspielen verschiedener Add-Ons benötigt Zeit, dann muss das alles auch noch editiert werden und vielleicht sogar noch gemischt. Oder es entstehen pro Spur zehn Minuten Diskussionen darüber, ob man sie nicht lieber mutet. Wenn man nicht pro aufzunehmendem E-Gitarrensignal vier Mikros aufbaut (zwei Tauchspulen an der Membran, ein Kondenser mit etwas Abstand und ein Ribbon als Distant-Mic), dann müssen früh die klanglichen Weichen gestellt werden. Und dann ist es so, wie es entschieden wurde, was wiederum Zeit spart.

Alternative Takes? Alternative wozu?

Es ist ohne Computer schwer, meist aber unmöglich, alternative Takes auf einer Spur aufzunehmen. Manche Kompaktstudios ermöglichen dies, doch selten ist das einfach bedienbar. Die Frage ist: Gibt es eine Alternative zum „richtigen“Take? Sicher ist es praktisch, im Nachhinein mit ein paar Schnitten einen Take zusammenzuschnippeln. Das kostet aber erneut Zeit. Auch schon das Aufzeichnen nagt an der Uhr. Nicht selten wird auch „zur Sicherheit“ noch ein weiterer und noch ein weiterer aufgenommen – das kostet bisweilen auch Nerven. Die Gewissheit, dass es einfach nicht geht, zwingt zu besserer Vorbereitung eines Recordings und kann eine Performance mit mehr Feeling generieren. Bei nachträglich zusammengeschnippelten Takes, teilweise sogar von verschiedenen Tagen, leiden nicht selten Ausdruck und Authentizität. Oft ist ein „Live-Feeling“ besser.

Bei fast allen Aufnahmesystemen sind Punch-Ins („Drop-Ins“) möglich, bei denen an einem festgelegten („Auto-Punch“) Punkt oder spontan von der Wiedergabe in die Aufnahme gewechselt wird. Bei analogen Bandmaschinen wird dabei das vorhandene Material überspielt, auch hier zeigt sich, dass ein Spiel ohne Sicherheitsnetz Musiker zu besseren Leistungen bringen kann. Das gilt auch insgesamt, wie der folgende Punkt zeigt:

Vorbereitung macht viel aus

Musiker, die wissen, dass sie nicht allen Komfort einer DAW-Aufnahme genießen können, stehen besser vorbereitet im Aufnahmeraum. Auch das hilft, dass es schneller geht, sicherer abläuft, dass konzentrierter gearbeitet wird und ein natürlicheres Ergebnis entsteht.  

Hören statt sehen

Mal ganz unter uns: Diese ganzen Bildschirme begleiten uns doch mittlerweile eh schon ständig in unserem Leben und wir drücken auch dauernd auf ihnen herum oder bewegen Mäuse und Trackballs. Wenn man zumindest beim Musikaufnehmen etwas Abstand davon bekommt, ist das so erfrischend wie ein kleiner Waldspaziergang. Ok, das war jetz übertrieben – aber der Verzicht auf den Computerbildschirm hat nicht nur Nachteile wie eine schlechtere Übersicht über das aufgenommene Material. So konzentriert man sich beim Durchhören der Takes auf das, was man hört als auf das, was man sieht. So, wie es beim späteren Produkt ja auch sein wird. Und außerdem gilt auch hier: Wenn man nichts oder weniger sieht, gibt es auch weniger Ablenkung.  

Andere Form der Mobilität

Ok, das gilt nicht immer, weil Bandmaschinen, ADAT-, DA88- und HD-Recorder größer sind als Computer: Aber Kompaktstudios wie das Zoom Livetrak L-12 können einfach unter den Arm geklemmt werden, kleinere sogar im Rucksack verschwinden. Da sind dann Preamps, Mischpult, Aufnahmesystem in einer Kiste schnell und einfach transportiert.

Solides Argument: Betriebssicherheit

Abstürze? Passieren mit stand-alone Aufnahmegeräten äußerst selten. Mit Bandmaschinen können sie nicht geschehen. Zu Ehrenrettung des Computers muss aber auch gesagt werden, dass die Situation von computerbasierten DAWs mittlerweile deutlich besser ist als noch vor 10, 15 Jahren, wenn man ein paar Dinge bezüglich der Optimierung beachtet.

Keine Ablenkung durch anderen Kram

Klassischer Fehler beim Aufnehmen: Browser, und E-Mail-Programm sind geöffnet. Egal, wer mal eben was schreibt und was wissen will: Aufnehmen ist Aufnehmen. Wenn kein Computer benutzt wird, kann auch nichts passieren (vorausgesetzt, das Smartphone bleibt aus oder andere Dinge sorgen für eine kreative Pause).

Kein Computer in der Musikproduktion? Moment, das habe ich gar nicht behauptet!

Nicht mit dem Computer aufnehmen bedeutet nicht, ihn nicht zu benutzen – und sei es nur für die generierung des Metronom-Clicks. In den meisten Musikproduktionen muss an irgendeiner Stelle editiert werden, um zumindest grobe Schnitzer auszubügeln. Und auf die Plug-Ins verzichten? Das scheitert meist am zur Verfügung stehenden Outboard-Equipment. In so manchen Studios wird beispielsweise zunächst auf Bandmaschine aufgenommen, dann für die Weiterverarbeitung auf dem Computer transferiert. Bei manchen Kompaktstudios gestaltet sich das nicht so einfach, doch gibt es solche, die beispielsweise mit ADAT- oder AES-Schnittstelle ausgestattet sind. Auch eine DA-AD-Wandlung bedeutet noch lange nicht den qualitativen Todesstoß einer Produktion, wie manchmal suggeriert wird. Beim Transfer könnten dann schon einmal klangliche Weichen gestellt werden, wie leichte Kompression, Filterung und dergleichen.

Eine Alternative kann sein, die DAW zu behandeln wie eine Bandmaschine. Den Monitor konfiguriert man dazu auf ein Minimum. So lassen sich manchmal Schwingungsformdarstellungen ausschalten, Editing- und Mixing-Funktionen verbergen und dergleichen. Zum Recording reicht schließlich ein Screenset mit Record-Button, falls möglich einem globalen Rec-Ready-Makro für alle Spuren und eine Zeitanzeige der Timeline. Probiert es einfach mal aus!

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