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19.09.2016

Drum Play-Alike – Red Hot Chili Peppers „The Getaway“ Workshop

Chad Smiths Grooves vom 2016er Album zum Nachspielen

Drum Workshop mit Audio- und Notenbeispielen

Die Red Hot Chili Peppers sorgten mit ihrem 2016er Album „The Getaway“ für mächtig Furore in der Presse und bei den Fans. Zwar beruht die erste Single-Auskopplung „Dark Necessities“ wieder einmal auf der bewährten Chili Peppers-Rezeptur aus spielfreudigem Funk Rock und angenehmem Radioformat, doch fällt die Art der Produktion durch eine ganz neue Sound-Ästhetik auf, die im Vergleich zu vergangenen Platten der Band komplexer und introvertierter wirkt. 

Vor allem anhand des Drum Grooves von „Dark Necessities“ lässt sich ein neuer Sound-Ansatz vermuten, der weniger an den beinharten Stil eines Chad Smith, als vielmehr an locker flockige Hip-Hop-Beats à la Ahmir Questlove Thompson erinnert. Welche interessanten Schlagzeugmomente das neue Chili Peppers Album darüber hinaus zu bieten hat, zeigen wir euch in diesem Workshop! Viel Spaß!

Sound & Stil von "The Getaway"

Über die gesamte Spieldauer des Albums betrachtet, scheint „The Getaway“ („die Flucht“) nicht nur Plattentitel, sondern auch so etwas wie ein Leitmotiv bei der Produktion der 13 neuen Songs gewesen zu sein. Klangbegeisterten Trommlern wird hier ein bunter Blumenstrauß an verschiedensten, zumeist relativ dirty klingenden Drum Grooves geboten, die dem puristischen Ansatz eines Rick Rubin so gar nicht ähneln wollen. Kein Wunder, denn nach einem satten Vierteljahrhundert Rubin-Treue setzten die Chilis für „The Getaway“ ein ganz neues Gesicht auf den Produzentenschemel. Die Rede ist von Brian „Danger Mouse“ Burton, der bereits Produktionen von The Black Keys, Gorillaz, Norah Jones oder U2 seinen unverwechselbaren Klangstempel verpasste. Warum dieser Personalwechsel eine ganz neue Herangehensweise an Chads Drum Grooves und das Songwriting der Chili Peppers im Allgemeinen nach sich zog, erklärt Chad Smith folgendermaßen: „He [Danger Mouse] comes from a hip-hop [...] process where you start with a beat. We would just listen to different kinds of music and come up with stuff we both sort of liked, a vibe or whatever, and then I would go in and just play the drums. We'd go back and forth on suggestions, and then it would get laid down. […] That's way different than anything we've ever done before.“ (Rolling Stone Magazine, Interview mit Andy Greene am 20. Juni 2016). Obendrein zeigt sich Radiohead-Produzent Nigel Godrich für das Mixing des neuen Langspielers verantwortlich – wenn das mal kein Garant für einen völlig neuen Sound ist!

Schauen wir uns nun einige interessante Grooves aus dem neuen Album an. Die Noten könnt ihr euch hier zusammengefasst als PDF herunterladen:

Die Grooves

Dark Necessities

„Dark Necessities“, die erste Single-Auskopplung aus „The Getaway“, basiert auf einem relativ flotten 16tel-Groove, der ein gutes Workout für die rechte Hand darstellt, da die 16tel-Noten auf der Hi-Hat einhändig gespielt werden – bei einem Tempo von rund 90 bpm ist das schon ziemlich sportlich! Darunter mischt sich ein dichtes Bassdrum-Pattern, das von Chad im Song-Verlauf zwar hier und da leicht variiert wird, jedoch grundlegend auf dem hier notierten Beispiel beruht. Zum absoluten „Hingucker“ wird dieser Groove allerdings durch den spärlichen Einsatz der Snare, der im Kontrast zu den vielen Bassdrum-Schlägen steht – lediglich ein einziger Snare-Schlag ist hier auf der Zählzeit „2“ zu hören. Das mag vor allem im Refrain zunächst ungewohnt und bremsend wirken, jedoch wird dadurch der schwebende Charakter des Songs unterstützt, und es entsteht ein interessanter Kontrast zum ziemlich ambitioniert gespielten Slap Bass Riff, das übrigens an den Song „Can't Stop“ erinnert.

We Turn Red

Der Song „We Turn Red“ startet mit einem zweitaktigen Drum Pattern, dessen sehr räumlicher und mächtiger Sound sofort an frühere Chili Peppers Platten, zeitgleich aber auch an John Bonham denken lässt. Interessant sind in diesem Beispiel die Hi-Hat-Schläge, die „disco-like“ auf den Achtel-Offbeats liegen, wobei allerdings ein echtes Disco-Feeling beim Tempo von 81 bpm nicht so recht aufkommen will. Dazu spielt Chad eine ziemlich dichte Figur aus Bassdrum- und Snare-Schlägen, die wie ein Frage-und-Antwort-Spiel der beiden Trommeln klingt: dominiert hinsichtlich der Anzahl der Schläge im ersten Takt noch die Bassdrum gegenüber der Snare, so ist es daraufhin im zweiten Takt genau umgekehrt. Dadurch bekommt dieser Groove im Loop gespielt einen extrem flüssigen Charakter. 

The Longest Wave

Nach dem das spacige „Dark Necessities“ und der Funk Rock-Koloss „We Turn Red“ die Gehörgänge ordentlich freigepustet haben, bietet der vierte Song der Platte, „The Longest Wave“, das willkommene Entspannungsprogramm. Dazu dient ein extrem gemütlich gespielter Achtel-Groove, dessen nüchtern-trockener Drum Sound sofort an Radiohead erinnert. Essentiell ist hierbei der kurze und weiche Charakter der Snare, die man dafür am Besten mit gezielten Schlägen in die Fellmitte statt mit harten Rimshots bearbeitet. Zudem empfiehlt es sich, das Schlagfell dabei etwas mit Gaffa zu bedämpfen. Für das Klangbeispiel kam sogar der gute alte Portemonnaie-Trick zum Einsatz. Hört mal:

Go Robot

Auch das fetzige „Go Robot“ ist eher in trockenen Sound-Gefilden zuhause, kommt dabei jedoch mit wesentlich mehr Party-Stimmung daher. Dazu trägt einerseits das zum Tanzen einladende Tempo, sowie der Drum Groove selbst bei. Die viertaktige Rhythmusphrase, die den Song bestimmt, sticht vor allem durch ihre lineare Struktur heraus. Das bedeutet, dass bis auf wenige Ausnahmen die Bassdrum-, Snare- und Hi-Hat-Schläge immer alleinstehend gespielt werden. Das verstärkt sofort die Assoziation zu programmierten Beats aus dem Computer, die durch die staubtrockene Snare noch verstärkt wird. Der Songtitel „Go Robot“ hätte also nicht besser interpretiert werden können!

Feasting On The Flowers

„What?!?! Was haben The Roots denn jetzt hier zu suchen??“ Die ersten Takte von „Feasting On The Flowers“ erinnern tatsächlich an den typischen handgemachten Hip Hop Sound von Questlove und Co., bis nach einigen Takten Sänger Anthony Kieldis klarmacht, dass es sich weiterhin um eine Chili Peppers Platte handelt. Der Großteil des Songs basiert auf einem viertaktigen Drum Loop, der nicht nur klanglich, sondern auch strukturell so ziemlich alles beinhaltet, was einen saftigen Hip Hop Beat ausmacht: eine fette Achtel-Hi-Hat, einen prägnanten Backbeat, ein wildes Bassdrum-Pattern, und das alles mit einigen Ghostnotes und Hi-Hat-Lifts verfeinert. Im zweiten und vierten Takt kommt zudem das Floor Tom als Snare-Ersatz zum Einsatz, was einen spannenden Effekt erzeugt. 

Detroit

„Detroit“ ist einer der wenigen Songs auf dem neuen Album, bei denen man – so wie auf früheren RHCP-Platten – Chad Smiths Stil in Sekundenbruchteilen heraushört. Während „The Getaway“ viele ungewohnte Sound- und Stil-Ausflüge bereit hält, orientiert sich der Song „Detroit“, was Sound, Arrangement und Produktion betrifft, stark an alten Chili Peppers Hits wie zum Beispiel „Give It Away“, einem Song, der die Band noch in ihrer absoluten Urform zeigt: vier Jungs aus Kalifornien, irgendwo zwischen Funk, Rock und Wahnsinn. Der hier notierte Vers-Groove von „Detroit“ erinnert auch stark an das Intro von „Jungle Man“, einen Chili Peppers Klassiker aus dem Jahr 1985. Das liegt vor allem an der vorgezogenen Snare auf der Zählzeit „1 a“ und dem schweren, rockigen Tempo. 

Ich wünsche euch viel Spaß mit diesem Workshop! Zum Abschluss gibt’s hier noch ein Live-Video von „Dark Necessities“, das Chad Smith voll in seinem Element zeigt: keine Gedanken an die Produktion verschwenden, sondern einfach fließen lassen. Grandios!

Bis zum nächsten Mal! - Jonas

 

Tipp: Hier geht es zurück zur Übersicht mit allen Play-Alike Folgen.

 

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