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12.07.2016

Solos spielen mit Arpeggios #2 - Übermäßige und verminderte Arpeggios

Gitarrenworkshop - Arpeggios im Solo-Spiel

Improvisation mit Dreiklängen

Hallo geschätzte Kollegen der schweren Muse und herzlich willkommen zum zweiten Teil meiner Workshopreihe über die Improvisation mit Dreiklang-Arpeggios. Im ersten Teil ging es uns primär um Dur- und Mollarpeggios, und wie wir sie möglichst überall auf dem Griffbrett finden und einsetzen können. Und zu genau diesem Thema würde ich euch heute gerne noch einige weitere Übungen an die Hand geben!

Aber vorher wollen wir unsere Dreiklangwelt erst einmal vervollständigen, nämlich mit dem übermäßigen und dem verminderten Dreiklang.

Betrachten wir zunächst den übermäßigen Dreiklang simultan und sukzessiv am Beispiel C augmented:

Im Prinzip unterscheidet sich dieser Akkord - und demzufolge auch sein Arpeggio - nur durch eine Note vom Durdreiklang, nämlich durch die Quinte, die beim übermäßigen Akkord (übrigens auch "augmented" oder einfach nur "+" genannt) um einen Halbton erhöht ist, daher auch der Name.

Dadurch ergibt sich für uns eine sehr interessante Akkordstruktur, die der des verminderten Vierklangs (ihr erinnert euch an meine Harmonielehrefolge) in einer Hinsicht sehr ähnelt: Die Abstände zwischen den einzelnen Akkordtönen sind immer dieselben und die Umkehrungen des jeweiligen Akkordes haben immer die gleiche Intervallstruktur. Beim übermäßigen Dreiklang ist das jeweils eine große Terz.

Das heißt, auch für einen +Akkord kann jeder Akkordton die Grundlage bilden und jede Umkehrung des Akkordes ist für uns auf der Gitarre der gleiche Griff. Oder anders gesagt: C+ = E+ = G#+

Was bedeutet das für unsere Dreiklang-Arpeggios?

Nun, zuallererst einmal, dass es nur vier verschiedene übermäßige Akkorde gibt (C+ mit C E G#; C#+ mit C# E# G## bzw. A; D+ mit D F# A# und Eb+ mit Eb G B - danach käme E+ und der entspricht wieder einer Umkehrung des C+), aber auch, dass die Anzahl der Fingersätze, die es zu lernen gilt, drastisch reduziert werden kann.

Ich möchte euch ein paar ganz brauchbare Varianten dafür aufzeigen - auf die Markierung des Grundtones habe ich verzichtet, da ja jeder Ton als Grundton fungieren kann.

Die Arps klingen in G übermäßig folgendermaßen:

Ihr könnt euch sicher schon denken, was als Nächstes kommt: Wir müssen diese Fingersätze in allen Tonarten im wahrsten Sinne des Wortes in den Griff bekommen. Aber auch das ist bei diesem Akkordtyp aufgrund seiner symmetrischen Struktur und der damit verbundenen Fingersatzanzahl relativ einfach.

Mein Vorschlag wäre, erneut auf die Zwölftonreihe der vergangenen Folge zurückzugreifen:

Eb G E G# C A F C# Bb Gb B D

Nun legt ihr wieder eine Lage fest und spielt die oben abgebildete Reihe mit Augmented Triads innerhalb dieser durch. Auch hier könnt ihr den Schwierigkeitsgrad nach Belieben erhöhen, indem ihr eine Tonart aufsteigend und die nächste absteigend spielt (wenn übrigens der Abstand zweier Töne in der Zufallsreihe rein zufällig eine große Terz ist, müsst ihr eben zweimal dasselbe Arpeggio spielen - ach, das Leben ist doch manchmal schön, oder?)

Auch die zweite Übung, die ich in Folge 1 vorgestellt habe, nämlich das zusätzliche Beschränken auf drei benachbarte Saiten, ergibt hier durchaus Sinn, auch wenn ihr es sehr häufig mit demselben Fingersatz zu tun bekommen werdet.

Die Anwendung des übermäßigen Dreiklangs

Der übermäßige Dreiklang wird bestimmt nicht in einem so starken Maße seinen Weg in euer Spiel finden, wie die Dur- und Moll-Kollegen. Der Grund dafür liegt ganz einfach darin, dass die westliche Rock- und Popmusik doch eher auf Dur- und Mollharmonik basiert. Dennoch gibt es einige Anwendungsgebiete, in denen dieser Arptyp eine sehr elegante Figur macht und das Spiel über manche Akkordverbindungen extrem vereinfacht.

Betrachten wir einmal folgende Akkordfolge:

II: Em7 I Em7 I Em7 I B7#5 :II

Ihr seht eine viertaktige Folge aus Em7 und der dazugehörigen Dominante, einem B7 mit übermäßiger Quinte (es könnte auch irgendein anderer alterierter B7 sein). Der Takt B7#5 ist ein wunderbares Testobjekt, um unser neues augmented Arpeggio auszutesten. Generell hört ihr vielleicht den hohen Spannungsgrad, der dem + Dreiklang zuzuschreiben ist. Dadurch eignet er sich auch wunderbar in der Funktion einer Dominante, die sich natürlich auflösen will.

Um den Jamtrack erst einmal etwas entspannt zu halten, mein Vorschlag: Über Em7 spielt ihr, was ihr wollt - z.B. Em Pentatonik, E-Blues oder E-dorisch, über den B7#5 zwingt ihr euch jedoch, das B+ (bzw. D#+ oder F##+, was G+ entspräche) Arpeggio am Start zu haben. Das kann dann so klingen:

Der verminderte Dreiklang

Betrachten wir nun noch den letzten ausstehenden Basisakkord, den verminderten Dreiklang (auch dim oder 0 genannt - nicht zu verwechseln mit dem verminderten Vierklang, der oft genauso bezeichnet wird).

So stellt sich der dim-Akkord in Akkord- und Arpeggioform dar, hier ebenfalls am Beispiel C:

Dieser Dreiklang hat mit unserem Mollarpeggio zwei Töne gemein, nämlich den Grundton und die kleine Terz. Lediglich die Quinte wird vermindert, also um einen Halbton nach unten gesetzt. Leider haben wir hier im Gegensatz zum +Arp keine symmetrische Struktur, sondern müssen alle Fingersätze separat erlernen. Aber wie bereits erwähnt, denkt euch das Mollarpeggio und versucht, die Quinte auszuspähen, die ihr dann nur um einen Bund erniedrigen müsst. So solltet ihr auf folgende Fingersätze kommen:

Auch für diesen Dreiklangtypus haben unsere Übungen nach wie vor Gültigkeit, nämlich die Zwölftonreihe einmal steigend, einmal abwechselnd steigend/fallend und mit Eingrenzung auf zwei benachbarten Saiten auszuspielen.

Versuchen wir nun, unser Diminished Arpeggio in der Praxis anzuwenden.

Wie wir in der neunten Harmonielehrefolge gelernt haben, begegnet uns der verminderte Dreiklang meistens als Oberstruktur eines anderen Akkordes. Sehr häufig verbirgt sich dahinter ein Dominantseptakkord, den man seines Grundtons beraubt hat. So wären beispielsweise die Töne G Bb Db ein G dim Dreiklang. Setzen wir jetzt ein Eb als Basston darunter, entsteht ein astreiner Eb7 Akkord.

Betrachten wir folgende Akkordfolge:

II: Bbm7 I Bbm7 I Eb7 I Eb7 :II

Zu Übungszwecken legen wir einfach fest, dass wir über den Bbm7 die Bbm Pentatonik bzw. Bb Bluesscale oder Bb dorisch spielen, über den Eb7 versuchen wir uns nur mit den Tönen des G dim Arpeggios durchzuschlagen.

Ich weiß, es ist gar nicht so leicht, nur diese drei Töne zu verwenden, und in der Spielpraxis würde man das vermutlich auch nie tun. Aber euer Übe-Erfolg kann manchmal genau durch die Reduktion und starke Eingrenzung auf das Wesentliche immens gesteigert werden.

Das kann dann so klingen:

An dieser Stelle würde ich euch gerne wieder eine kleine Arpeggio-Etüde zum Vertiefen unserer neuen Fingersätze an die Hand geben. Auch hier wäre meine Empfehlung, sie komplett mit konsequentem Alternate-Picking zu spielen (ein Gitarrist, der solche Arpeggioläufe ebenfalls mit Wechselschlag spielt, ist z.B. Steve Morse. Hört euch in diesem Zusammenhang einmal "Tumeni Notes" auf der 1989 veröffentlichten "High Tension Wires" von ihm an!).

Bei dieser Übung habe ich versucht, jeden Akkordtyp zum Einsatz zu bringen, und bin bei folgender Akkordprogression gelandet, die der Arp-Etüde zugrunde liegt:

I G I G+ I C B0 I Am I

I Cm I G I D+ C0 I G II

 

Da die Übung etwas länger ist, haben wir die Noten (der besseren Lesbarkeit halber) als PDF gespeichert. Einfach downloaden und ausdrucken.

Hiermit habt ihr nun alle vier Basisdreiklänge zur Hand und prinzipiell auch genügend Möglichkeiten, sie zu üben. Eine Übung möchte ich euch jedoch nicht vorenthalten, die euch noch mehr Kontrolle über die Arps gibt und eure Griffbrettkenntnis unglaublich steigern kann:

Hat man drei Töne zur Verfügung, gibt es sechs verschiedene Möglichkeiten, diese anzuordnen (nämlich 3 x 2 x 1). Man spricht hierbei von sechs Permutationen (vielleicht erinnert sich der eine oder andere von euch noch an diesen Ausdruck aus dem Matheunterricht, aber keine Angst, wir bleiben bei der Musik!).

Im Falle eines Dreiklangs wären das:

1-3-5 3-1-5 5-1-3
1-5-3 3-5-1 5-3-1

Diese sechs Möglichkeiten stehen nun pro Position (Umkehrung) zur Verfügung, also jeweils sechs Permutationen für die Grundstellung, die 1. und die 2. Umkehrung. Das sind insgesamt (6 mal 3 Positionen)18 Möglichkeiten zum Üben unserer Triads.

Um nicht gleich zu Beginn von der Fülle überwältigt zu werden, beschränken wir uns auf die Grundstellung und heben uns die anderen Positionen für die nächste Folge auf. Grundstellung bedeutet für uns, dass der Grundton die tiefste Note ist, dann folgt die Terz und danach erscheint die Quinte.

Auch für diese Übung bedienen wir uns einer chromatischen Zufallsreihe:

Bb F E G# B A G C# Eb Gb C D

Nun wählen wir eine Lage, beispielsweise die V, einen Akkordtyp, z.B. Dur, und eine Permutation wie die 3 1 5.

Im nächsten Schritt spielen wir nun die oben gezeigte Reihe in der entsprechenden Lage mit der gewählten Permutation durch. Super wäre es natürlich, wenn ihr das Ganze mit einem Metronom bewerkstelligen könntet, auch gerne in einem sehr langsamen Tempo. Das Metronom hätte hierbei nicht ausschließlich die Funktion des Timekeepers. Vielmehr würde sein durchgehender Puls unser Gehirn unter Druck setzen, schnell zu arbeiten, und dadurch den Lerneffekt noch einmal enormsteigern.

Mit welcher Rhythmisierung wir das Ganze spielen, ist dabei zuerst einmal zweitrangig, mein Vorschlag wären zwei Viertel- und anschließend eine halbe Note. Damit hätten wir einen Schlag Zeit, uns das nächste Arp zu überlegen.

Das sieht dann folgendermaßen aus:

Ich gebe zu, dass es diese Übung ganz schön in sich hat, denn wir müssen nicht nur die Dreiklang-Arpeggios, sondern auch die Funktionen der jeweiligen Töne im Arp erlernen. Doch ihr werdet merken, dass euch das nach ein paar Durchgängen immer leichter fallen wird und eure Instrumentenkenntnis wird enorm profitieren. Und das nicht nur in Bezug auf Arpeggios, sondern auch auf euer Akkordspiel. In der nächsten Folge wollen wir die Übung noch etwas vertiefen und uns ein paar ganz besondere Arpeggio-Fingerings zu Gemüte führen, wie wir sie auch gerne in Form von Repeatingpattern oder Ähnlichem in Rocksongs finden.

Bis dahin alles Gute und viel Erfolg!

Haiko

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