Workshop_Folge Workshop_Thema
Workshop
5
01.02.2019

DJ-Podcasts mit Ableton Live erstellen

Mixing-Podcasts und Compilations mit der DAW produzieren

Die DAW als einziges Podcast-Equipment - geht das?

Im Rahmen dieses Workshops wird das Erstellen von DJ-Mixes für Podcasts und Compilations mit Ableton Live behandelt. Die beliebte DAW (Digital Audio Workstation) aus Berlin eignet sich nämlich nicht nur zur Musikproduktion, sondern auch für die Live-Performance und sie richtet sich auch an DJs: Live bietet eine hohe Flexibilität beim nahtlosen Aneinanderreihen von Musikstücken, die Möglichkeit, einen Mix nachträglich bearbeiten zu können und vor allem nicht zwingend in „Realtime“ oder als kompletten „one-take“ aufnehmen zu müssen. Wie dies aussehen kann, verrät euch der nachfolgende Artikel.

Viele professionelle DJs haben überhaupt nicht die Zeit, einen kompromisslosen „one-take“ an den Plattentellern aufzunehmen. Aus diesem Grund entstehen DJ-Mixes für den nächsten Soundcloud-Podcast, die zukünftige Radioshow oder die neue CD-Compilation oftmals auf Reisen, zwischen den Gigs im Hotelzimmer oder im Flugzeug. Wartezeiten gibt es im DJ-Alltag genug und Ableton Live ist ein passendes Tool, seinen DJ-Mix auch auf Tour nach und nach entstehen zu lassen.

Ein weiterer Grund, Ableton Live zu nutzen, ist die Rechts- und Lizenzierungsthematik bei kommerziellen Veröffentlichungen von gemixten CD-Compilations. Dieser Arbeitsprozess beinhaltet einen langwierigen bürokratischen Lizenzierungsprozess und somit die Gefahr, kein Go für einen Track zu erhalten, der aber schon einen Platz im Mix gefunden hat.

Durch die vollständige Speicherbarkeit und eine umfangreiche Editierbarkeit innerhalb der Software besteht die Möglichkeit, diesen Titel einfach gegen einen anderen auszutauschen, ohne noch mal von vorne beginnen zu müssen.

Anlegen von Decks, Mixer und Effekten (Grundmaske)

Bevor ihr „auflegen“ könnt, müsst ihr allerdings ein paar wichtige Einstellungen vornehmen. Als erstes sollten mindestens zwei Audiospuren in der Clip-Ansicht erzeugt und in Deck 1 und 2 umbenannt werden. Dies entspricht einer konventionellen Arbeitsweise, mit zwei Schallplattenspielern oder CD-Playern aufzulegen. Um das Vorgehen wie an einem modernen Mischpult nachzuempfinden, bietet es sich an, je Spur einen Dreiband-Equalizer (Low-Mid-High) und Low-Cut und ggf. ein High-Cut-Filter zu verwenden. Im Ableton Browser findest du unter „Audio Effects“ den mitgelieferten „EQ Three“ und „Auto Filter“.

Ferner können über die Return-Kanäle weitere Send-Effekte wie Delay, Reverb oder Flanger eingespeist werden und als kreative Klangverdreher dienen. Übrigens müsst ihr dafür nicht zwingend die mitgelieferten Ableton Effekte nutzen, sondern könnt auch auf Plug-ins von Drittanbietern zurückgreifen.

Ganz simpel via Drag’n’Drop könnt ihr nicht nur die Effekte auf die jeweiligen Spuren verteilen, sondern nun auch anfangen, ein paar Tracks auf den jeweiligen Decks zu platzieren.

Synchronisation durch „Audio Warping“

Bevor ihr nun aber jetzt richtig loslegt, müsst ihr noch jeden Audio-Track zum Master-Tempo synchronisieren. Hier zeigt sich neben den Vorteilen, einen DJ-Mix mit Ableton zu erstellen, der erste Wermutstropfen dieser Arbeitsweise. Das Angleichen zweier Tracks in Geschwindigkeit und Timing wird hier nicht in Echtzeit vollzogen, sondern muss vorab etwas mühselig und mit mehreren Mausklicks durch das sogenannten „Audio Warping“ erarbeiten werden.

Wie synchronisierte ich also meine Audio-Tracks zum Master Tempo in Ableton Live? Um den Startpunkt eines Tracks festzulegen, benötigt ihr die erste Viertelnote eines 4/4-Taktes. Diese beinhaltet in der Regel eine Kick Drum. Durch einen Doppelklick auf einen Audio-Track öffnet sich der „Clip-Editor“. Nun vergewissert ihr euch, ob „Warp“ aktiviert ist. Um nun den Startpunkt des Tracks festzulegen, zoomt ihr zum allerersten Schlag des 4/4-Taktes und platzierst durch einen weiteren Doppelklick ganz am Anfang der Wave-Amplitude deinen ersten „Warp-Marker“.

Mit der rechten Maustaste müsst ihr jetzt noch im Dropdown-Menü an diesem gerade erstellenden Marker den Befehl „Hier 1.1.1 setzen“ und „Warpen ab hier (gleichmäßiges Tempo)“ festlegen. Nun habt ihr den Start-Marker festgelegt, Ableton hat das Original-Tempo analysiert und durch „Time Stretching" an das Master-Tempo angepasst. Wenn ihr jetzt langsam wieder rauszoomt, werdet ihr auch visuell feststellen, dass sich der Track und das Raster synchronisiert haben. Beim Hineinzoomen zum Track-Ende wird jedoch deutlich, dass das Grid noch nicht hundertprozentig auf den vollen Zählzeiten sitzt. Hierfür wählt ihr bei einem erneuten detaillierten Zoom am Ende des Titels eine weitere Zählzeit aus. Durch einen erneuten Doppelklick am Anfang der Wellenform entsteht der zweite wichtige Warp-Marker, den ihr nun noch beherzt auf das Raster ziehen müsst, um diese letzte Schwankung im Timing auszugleichen. Et voilà. Kontrolliere dein Audio-Warping nun mit Abletons Metronom, nun sollte alles „tight“ zum Projekt-Tempo laufen.

Warp-Modus

Unter Umständen hört ihr noch leichte, aber dennoch unschöne Artefakte. Das kann daran liegen, dass der Track, der im Original auf 124 BPM läuft, durch das Master-Tempo von 120 BPM verlangsamt wurde. Durch diesen Prozess können je nach Ausgangsmaterial unterschiedliche Artefakte entstehen. Abhilfe verschaffen dabei die unterschiedlichen Modi.

Im „Clip-Editor“ kannst du beim „Warp-Modus“ unterschiedliche „Algorithmen“ ausprobieren. Besonders gut geeignet sind „Complex-Pro“ und „Re-Pitch“, welcher den Charakter eines Schallplattenspielers emuliert. Man muss aber schon zugeben: Je stärker das Originaltempo eines Musikstücks vom Projekttempo abweicht, umso größer sind die Artefakte, mit denen man leben muss. Hier wäre es in Zukunft wünschenswert, durch bessere Algorithmen noch exaktere Ergebnisse zu erzielen.

Looping

Eine weitere wichtige Funktion bzw. Technik im DJ-Alltag ist das „Loopen“. Um Übergänge insbesondere im Intro oder Outro eines Tracks in die Länge zu ziehen, könnt ihr Wiederholschleifen setzen. Ihr findet diese Modifikationsmöglichkeit innerhalb des Clip-Editors. Aktiviere „Loop“ und zieht die Loop-Klammer in den Bereich, den ihr wiederholen wollt. Wählt eine sinnvolle Taktlänge aus, z.B. vier Takte (16 bar). Durch simples Ziehen am rechten oder linken Ende legt ihr die Länge des Loops fest.

Spielgefühl durch Controller

Um einen smarten und vor allem intuitiven Workflow zu erzielen, könnt ihr die wichtigsten Parameter von Lautstärke, Filter oder Effekten mit einem geeigneten MIDI-Controller (z.B. dem Korg Nano Kontrol 2, Novation Launch Control XL MK2, Akai Midimix etc.) „mappen“.

Alternativ zur Maus und dem Stiftwerkzeug besteht nun die Möglichkeit, intuitive Filterfahrten, Lautstärkekurven oder Effektspielchen in Echtzeit einzufangen. Auch das Starten und Stoppen der Audio-Tracks kann durchaus mit einem MIDI-Controller wie z.B. dem Novation Launchpad erfolgen. Das Ansteuern von Tracks und Parametern funktioniert aber auch gerade in Umgebungen mit Platzmangel gut und übersichtlich mit dem Trackpad eines jeden Laptops.

Analyse des Ausgangsmaterials

Nachdem ihr nun fleißig ein paar Tracks aus eurem Pool synchronisierst habt, euch mit den Parametern des virtuellen Mischpults vertraut gemacht habt und ggf. einen MIDI-Controller eingebunden habt, macht euch mit den einzelnen Musikstücken vertraut. Probiert einfach mal aus, welche Tracks gut zusammenpassen und testet verschiedene Fader- oder der Filterfahrten während eines Übergangs aus. Vieles ist Erfahrung, Trial-and-Error und Bauchgefühl. Ein gutes Gefühl für Rhythmus und Harmonien ist ebenso von Vorteil.

Auch wenn das Auflegen mit Schallplatten zu Recht als physisches Handwerk bezeichnet wird und bei dieser hier beschriebenen Arbeitsweise das Synchronisieren durch das Audio-Warping stark vereinfacht wird, eine wichtige Gemeinsamkeit bleibt: nämlich in der Lage zu sein, Geschichten zu erzählen und Spannungsbögen zu gestalten. Daher ist es wichtig, seine Musik gut zu kennen und die Technik zu beherrschen, bevor ihr eure Aufnahme startet.

Die Aufnahme

Nachdem ihr nun mit ein paar Tracks rumgejammt habt, euch mit dem Ausgangsmaterial vertraut gemacht und vielleicht sogar schon ein paar Übergänge einstudiert habt, könnt ihr mit der eigentlichen Erstellung des eigenen Podcasts beginnen. Für das Anlegen des Mixes gibt es zwei Möglichkeiten. Ihr könnt euren Mix in Echtzeit aufnehmen und dann im Nachgang bearbeiten oder ihr zieht die einzelnen Tracks direkt via „Drag-and-Drop“ auf die Arrangement-Ansicht und arrangiert die unterschiedlichen Tracks inklusive Übergang nach und nach von Hand.

Möglichkeit 1

Durch den Record-Button, in Ableton auch als „Arrangement-Aufnahme-Taste“ bezeichnet, leitet ihr die Aufnahme ein. Durch den Button „Aufnahmebereitschaft für Automationen“ aktiviert ihr parallel die Aufnahme von „Automationen“. Alles was jetzt auf der Clip-Ansicht passiert, wird in der Arrangement-Ansicht aufgenommen. Im „Fades/Gerätemenü“ auf der Arrangement-Seite könnt ihr eure gerade aufgezeichneten Automationen sehen und ggf. nachträglich editieren. So habt ihr die Möglichkeit, nach Beendigung der Session weitere Tracks zu ergänzen und Automationen zu editieren.

Möglichkeit 2

Beim direkten Ziehen eurer Tracks auf die Arrangement-Ansicht könnt ihr auch jeden Song auf eine eigene Audiospur packen, was den Workflow mit vielen Automationen auch übersichtlicher gestalten kann. Die Parameter können programmiert oder mit dem Stiftwerkzeug eingezeichnet werden. Mir persönlich wäre diese Arbeitsweise allerdings zu langweilig und das Endergebnis ggf. zu statisch.   Bis zu finalen Fertigstellung eines Podcasts nutzt ihr ggf. eine Hybrid-Lösung und bedient euch somit der Vorteile beider Möglichkeiten, um nicht den „flow“ aus den Augen zu verlieren.

Nachträgliches Editieren Der größte Vorteil dieser Arbeitsweise und ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Softwarelösungen ist neben der kompletten Speicherbarkeit, das immer wieder angesprochene nachträgliche Editieren des Mixes. Egal für welche Aufnahmemöglichkeit ihr euch letztendlich entscheidet, euch bleiben alle Optionen offen. Ihr könnt Tracks austauschen, den Ablauf verändern oder Songs beschneiden sowie auf weiteren Spuren bzw. „Decks“ Audio-Loops, Samples oder Klangerzeuger via MIDI mit einfließen lassen. Es besteht sogar die Möglichkeit, das Master-Tempo zu automatisieren.

Praxisbeispiel

Genug Theorie, schauen wir uns das Ganze mal anhand eines fertig erstellten Podcasts an. Ich habe mich für ein sehr reduziertes Setup entschieden, um die einzelnen Musikstücke mehr für sich wirken zu lassen. Den Mix habe ich ausschließlich mit Lautstärke-Fades, Low- und High-Cut Effekten bearbeitet und aufgenommen. Des Weiteren habe ich am Ende jedes Tracks einen Loop gesetzt, um die Übergänge in die Länge zu ziehen und somit fließender sowie repetitiver zu gestalten.

Zur besseren Veranschaulichung habe ich die Session in drei farbliche Abschnitte gegliedert. Begonnen habe ich meine Arbeit mit dem gelben Abschnitt, der in einer ersten Jam-Session entstanden ist. In einer zweiten Session ist das Intro, hier lila gefärbt, entstanden. Beide Parts hatte ich unabhängig voneinander von der Clip-Ansicht auf die Arrangement-Ansicht aufgenommen und diese dann später zusammengeführt.

Wie ihr vielleicht erkennt, habe ich fälschlicherweise die zweite Session (lila) auf dem falschen Deck begonnen, was dazu führte, dass der erste Track meiner ersten Session (gelb) auf der selben Spur beginnt wie der letzte Track der Lila-Session. Da man so keinen vernünftigen Übergang erzeugen kann, habe ich den Track sauber geschnitten und in zwei Parts geteilt. Jetzt habe ich die Möglichkeit, einen vernünftigen Übergang zu gestalten.

In einer dritten und letzten Session (Orange gekennzeichnet) habe ich von Hand auf der Arrangement-Seite die zwei letzten Tracks ergänzt. Insgesamt war dann schon alles sehr rund, nur wenige missglückte Automationen mit meinem MIDI-Controller musste ich nachträglich mit dem Stiftwerkzeug editieren. Zum Schluss habe ich noch das Master-Tempo automatisiert, um über den gesamten Podcast eine Tempo-Kurve zu gestalten.

Zusammenfassung

Der Schwerpunkt dieser Lösung liegt nicht auf dem Synchronisieren, sondern auf der Möglichkeit der nachträglichen Editierbarkeit in der Arrangement-Ebene. Wer also eine sehr flexible Herangehensweise sucht, seine DJ-Mixes für z.B. einen Podcast zu erstellen, ist hier genau richtig. Bewaffnet mit Laptop und Kopfhörer könnt ihr jede Wartezeit überbrücken und effizient nutzen. Aber Vorsicht, die unzähligen Möglichkeiten können auch vom Wesentlichen ablenken. Wenn ihr euch über die Vor- und Nachteile dieser Lösung bewusst seid, könnt ihr diese Arbeitsweise auch ausschließlich als Skizzenbuch, Sammelmappe oder Ideenpool betrachten und die vorproduzierte Session später mit physischen DJ-Setup nachspielen.

Verwandte Artikel

User Kommentare