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09.01.2010

DJ-Kultur #2 - Der Remix und die Maxisingle

Größer, lauter und brillanter

Als sich Mitte der 70er aus Disco eine Popkultur zu entwickeln begann, tanzten die Jugendlichen im New Yorker Adams Apple Club den „Hustle“, eine schnelle Abwandlung des Swing der 40er Jahre. Der damalige DJ im Apple, David Todd, hatte gute Kontakte zur Musikindustrie und berichtete dem Produzenten Van McCoy und seinem Partner Charlie Kipps vom Hustle-Hype in seinem Club. Da Van gerade in New York war, um ein neues Album aufzunehmen, witterte er eine Chance und schickte Kipps in den Apple, um den Tanz zu studieren.

Inspiriert von den Bewegungen des neuen Tanzstils, schrieb McCoy den Titel „The Hustle“. Sein Album (Interpret: Van McCoy & The Soul City Symphony) benannte der clevere Producer kurzerhand in „Disco Baby“ um. „The Hustle“ wurde 1975 als Single ausgekoppelt, verkaufte sich millionenfach und wurde einer der größten Dance-Hits der 70er Jahre.

Im gleichen Jahr produzierte Donna Summer mit Giorgio Moroder und Pete Bellote in München „Love to love you Baby“. Die studierte Sängerin musste sich während dieser Produktion extrem auf das musikalisch Notwendigste reduzieren und „stöhnte“ zu dem Synthie-Beat mehr als das sie sang. Das Stück wurde von Neil Bogart, einem befreundeten Labelbesitzer, auf einer Party ausprobiert. Die Tanzwütigen fuhren voll auf den Sound ab und wollten das Stück immer und immer wieder hören. Also trat Neil Bogart mit dem Wunsch an Moroder und Bellote heran, das Stück auf 20 Minuten zu verlängern. Im Endeffekt sind es dann 17 Minuten geworden - immerhin!

Das Hauptproblem…
Viele DJs behalfen sich Mitte der Siebziger damit, die reinen Rhythmus-Passagen der Songs zur Gestaltung der Übergänge zu nutzen. Da die Single-Versionen der damaligen Produktionen jedoch für das Radio und nicht für den Dancefloor konzipiert waren, führte dies zu wenig befriedigenden Ergebnissen. Das Problem: Hatte der Song das tanzwütige Publikum erst einmal gepackt, war er auch schon zu Ende. Und selbst ein perfekter Mix in das nachfolgende Stück turnte die Menge eher ab, als dass er sie antrieb.

Dies veranlasste Tom Moulton und Walter Gibbons, Stücke zu remixen. Zwar remixte Moulton schon 1972 einige Songs, blieb dabei aber sehr nahe an den jeweiligen Originalen. Nur selten spielte er neue Spuren ein. Bei ihm reduzierte sich der Remix tatsächlich noch auf einen neuen Mixdown, in dem die Elemente der Grooves eine Dancefloor-tauglichere Gewichtung erhielten. Oft erschienen solche Remixe auf den B-Seiten der Veröffentlichungen.

Walter Gibbons hingegen war ein wenig mutiger als Moulton. Er zerlegte die Stücke, die er zum Remix angeboten bekam in seine einzelnen Elemente und arrangierte sie komplett neu. Doch was beiden Remixern fehlte, war die Möglichkeit eine längere Clubversion zu pressen, denn die maximale Trackdauer einer Single lag bei knappen dreieinhalb Minuten, eine Songlänge, die bei weitem nicht mehr den Ansprüchen des Club-Publikums entsprach.

Den Stein ins Rollen brachte Gibbons 1976 mit einer neunminütigen Version des Songs „Ten Percent“ der Band Double Exposure. Die Platte baute sich sehr langsam mit wenigen Rhythmus-Instrumenten auf, steigerte sich mit einigen eingeschobenen Parts über Breaks, um im Ur-Thema des Stücks, einer Streichermelodie zu gipfeln. Mit dem langen Mix, der sich nun nicht mehr auf eine normale 7“-Single pressen ließ, kam endlich die lang ersehnte Maxi-Single im 12“-Format auf den Plan. Namentlich das Disco-Label Salsoul Records war es, das Gibbons-Version des Titels auf einer Maxi-Single veröffentlichte und damit einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung tat.

Größer, lauter und brillanter

Durch das 12“-Format gab es mehr „Platz“ für die musikalischen Informationen, sodass pro Seite nahezu 15 Minuten gepresst werden konnten. Da die Maxisingle mit 45rpm lief und nun die gleiche Information auf viel mehr Platz geschrieben werden konnte, war die Platte weniger anfällig für Kratzer und somit deutlich robuster als die 7“-Version. Doch das war nicht der einzige Vorteil, denn aufgrund des größeren Platzes konnte man den Rillenabstand erweitern und „lauter“ schneiden, was zu einem größeren Rauschabstand führte und eine höhere Dynamik erlaubte.

Außerdem konnte man mit mehr Bassenergie schneiden, sodass die Bässe fetter klangen. Und auch der Hochtonbereich profitierte: HiHats und Percussion-Elemente klangen klarer und höher aufgelöst. Die Vorteile des 12“-Formates waren also zu jener Zeit sehr vielfältig!

Aber das neue Format brachte noch mehr. Fortan kamen, parallel zur „normalen“ Auskopplung, weitere Versionen auf den Plan: in der Regel gab es, neben dem „Original“, eine Dub-Version und einen Instrumental-Mix - also das DJ-Paradies schlechthin! Endlich bekamen die DJs verschiedene extra für sie angefertigte Varianten an die Hand - DJ-Tools only!Fassen wir also zusammen: Disco, als Erscheinung des Club-Undergrounds brachte der DJ-Kultur die so lange gewünschte Maxi-Single. Der Preis hierfür war, dass sich Disco mehr und mehr zum Mainstream entwickelte. Die Metamorphose zur Popkultur war nicht mehr aufzuhalten und der kommerzielle Ausverkauf stand vor der Tür. Für die DJs brachte die Etablierung der Maxi-Single in der Plattenindustrie allerdings erhebliche Vorteile mit sich – und zwar nicht nur für ihre DJ-Sets.

Mehr und mehr trat die Industrie mit dem Wunsch an erfolgreiche DJs heran, spezielle Mixe für sie anzufertigen. DJs mutierten zu Remixern und Produzenten. Ihr möglicher Horizont erweiterte sich, aber auch die an sie gestellten Anforderungen stiegen deutlich…

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