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13.02.2020

Die besten Music Mockumentaries aus Rock, Hip Hop und Techno

The Rutles, Fraktus, Spinal Tap: 10 fiktive Musikdokumentationen, die bis 11 gehen.

Jahresanfang und mehrere kalte Monate liegen noch vor uns. Hurra, die perfekte Zeit fürs Binge-Watching ist da: Also ab aufs Sofa und eine Serie nach der anderen inhalieren. Aber warum immer nur Netflix, Amazon Prime und Co. konsultieren? Wir geben einen Überblick über die besten Music Mockumentaries. Das sind fiktive Dokumentationen über Bands und Genres, die es in sich haben. Da lacht der Drummer – und der DJ wundert sich.

Die erste jemals gesendete Mockumentary war wahrscheinlich Orson Welles’ legendäre Radiosendung „Krieg der Welten“ aus dem Jahre 1938, mit welcher der spätere Kult-Regisseur („Citizen Kane“) Radiohörer in den ganzen USA in Angst und Schrecken versetzte, als er die fiktive Landung aggressiver Invasoren vom Mars höchst glaubhaft in eine Radioreportage verpackte. 

Musikalischen Bezug bekam „War Of The Worlds“ dann 1978 durch Jeff Waynes Classic Rock Interpretation. Aber wir wollen ja fernsehen. Deshalb haben wir hier für euch zehn der besten Music Mockumentaries aufgelistet. Und drehen dann noch mal bis elf auf!

1. The Rutles: All You Need Is Cash (1978)

Und am Anfang waren wieder mal – die Beatles. Nachdem die vier Pilzköpfe aus Liverpool mit „A Hard Day’s Night“ bereits 1964 einen pseudo-dokumentarischen Kinofilm über ihr Leben zum Höhepunkt der „Beatlesmania“ abgeliefert hatten, drehte Monty Pythons Eric Idle den Spieß um: Für den US-amerikanischen Sender NBC zeichnet er in „The Rutles – All You Need Is Cash“ die Karriere der fiktiven Band „The Rutles“ nach, die nicht nur so aussehen, sondern deren Songs auch so klingen, wie die der Fab Four.

Dieser Film (wie z. B. auch die Blues Brothers und viele, viele andere Klassiker der Popkultur) entwickelte sich aus einem Sketch in der US-Comedyshow „Saturday Night Live“ (kurz SNL). Die Lieder klingen so herrlich authentisch, dass man selbst beinharte Beatles-Fans damit hinters Licht führen kann, wenn sie nicht schon „The Rutles“ kennen.

In dieser ersten richtigen Musik Mockumentary tauchen zum ersten Mal all die Elemente auf, die uns noch in vielen weiteren Pseudo-Dokus begegnen würden: Echte Stars wie Mick Jagger und Paul Simon geben Testimonials, wie wichtig die Rutles für ihre eigene Musik waren, andere Stars wie die Blues Brothers Dan Akroyd und John Belushi tauchen in Nebenrollen auf, typische Musiker-Klischees werden genüsslich persifliert und dennoch schwingt da immer die große Liebe für die Musik und das Genre mit.

Und selbst die Beatles lieb(t)en den Film, wie Regisseur Eric Idle in einem Fernsehinterview zum Besten gibt.

Mit „Can’t Buy Me Lunch“ legte Eric Idle 2002 noch ein Update seines Meisterwerks nach. Hier treten u. a. David Bowie, Tom Hanks, Carrie Fisher, Steve Martin und sogar Salman Rushdie als Interviewpartner auf. 

2. Bucky and the Squirrels (2016)

Erinnert ihr euch nach an die Squirrels, die One-Hit-Wonder-Pop-Band, die 1968 bei einem Flugzeugabsturz in den Alpen spurlos verschwand? Nun, sie sind wieder aufgetaucht oder vielmehr aufgetaut, denn sie lagen für 50 lange Jahre tiefgefroren im Eis. Da wären sie auch besser geblieben, denn sie haben mittlerweile über 2,5 Millionen Dollar Schulden beim Finanzamt angesammelt. Um nicht in den Knast zu gehen, sind sie gezwungen, wieder ihre Karriere aufzunehmen.

Die Squirrels ähneln in Musik und Outfit sehr den Monkees, die übrigens ursprünglich für eine NBC-Fernsehserie gecastet wurden, bevor sie dann auch als echte Band Karriere machten.

3. Fraktus (2012)

Wer hat eigentlich Techno erfunden? Natürlich Fraktus. Mit ihren revolutionären Frühwerken zwischen 1980 und 1983 haben sie Westbam inspiriert, Scooter hätten sich ohne Fraktus nie gegründet und auch andere Stars wie Marusha, Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), Dieter Meier (Yello) und Hans Nieswandt (Whirlpool Productions) geben ihre Statements zu dem anscheinend in Vergessenheit geratenen Trio. 25 Jahre nach ihrer plötzlichen Trennung macht sich ein Filmteam auf den Weg, um die ehemaligen Mitglieder Torsten Bage, Dirk „Dickie“ Schubert und Bernd Wand zu finden und die Band wieder zusammenzubringen.

Hinter Fraktus stecken natürlich die Studio Braun Akteure Heinz Strunk, Jacques Palminger und King Rocko Schamoni. Aber Fraktus haben das Ding dann auch kurz in echt durchgezogen: Die Single „Affe sucht Liebe“ und das Album „Millenium Edition“ erschienen 2012, der Nachfolger „Welcome To The Internet“ 2015.

Für eine kurze Zeit war Fraktus wieder da, als wären sie nie weg gewesen. Oder waren sie überhaupt schon jemals vorher da? Schaut euch diese wunderbare Mockumentary von Regisseur Lars Jessen an und beantwortet euch diese Frage selbst.

4. Flight Of The Conchords (2007)

Großartige Fernsehserie über „Neuseelands viertbeliebtestes Gitarren-basiertes Digibongo-Acapella-Rap-Funk-Comedy-Folk-Duo“ auf der Suche nach Liebe und Erfolg in Amerika. Bret McKenzie and Jemaine Clement spielen in dieser preiswert produzierten Serie ein odd couple, das immer wieder gegen die Grenzen ihres Daseins als verarmte und erfolglose Musiker stößt. Dabei flechten sie ihre Song-Performances kongenial in die Handlung ein.

Überflüssig zu sagen, dass man sich diesen Spaß im englischsprachigen Original gönnen sollte, schon allein wegen der vielen aus dem Akzent der neuseeländischen Musiker und ihres australischen Managers geborenen Wortspiele, die einfach unmöglich adäquat zu übersetzen sind. Staubtrockener Humor, bei dem kein Auge trocken bleibt.

5. CB4 (1993)

Natürlich braucht auch Hip Hop (9 Top Hip-Hop Bücher, die in keiner Sammlung fehlen sollten) seine Mockumentaries. In CB4 erleben wir die Gangstarapper MC Gusto, Dead Mike und Stab Master Arson alias CB4. Der Bandname verweist auf den Zellenblock des Gefängnisses, wo sich die Gangstarapper kennenlernten.

US-Star Comedian Chris Rock brilliert nicht nur als MC Gusto, sondern auch als Co-Autor dieser durchgeknallten Hip-Hop-Comedy voller ironischer Seitenhiebe auf die Musikindustrie und das Rap-Genre, inklusive Medienhype, Drive-By-Shootings und urkomischen Parodien auf reale Rap-Stars.

Cameo-Auftritte kommen von Halle Berry, Ice-T, Ice Cube, Flavor Flav, Shaquille O'Neal, Eazy-E und den Butthole Surfers. Der deutsche Filmverleihtitel lautet übrigens „Schieß auf die Weißen“. 

Weiterschauen: Gangsta Rap: The Glockumentary (2007), eine Mockumentary über das Hip Hop Trio „Gangsta Rap“, die das Genre wieder neu beleben wollen. 

6. Fear Of A Black Hat (1994)

Fear Of A Black Hat ist eine weitere gelungene Persiflage auf das Old School Biz mit Anklängen an Public Enemy und N.W.A. Ice Cold, Tasty Taste und Tone Def sind die „Niggaz With Hats“, kurz N.W.H., und dienen der Soziologin Nina Blackburn als Untersuchungsobjekt für ihre Analyse von Hip Hop als Kommunikationsform.

Sehr inspiriert von Spinal Tap in den kruden Dialogen der Protagonisten und einem ähnlich makaberen Running Gag – hier stirbt stets der weiße Manager der Band unter mysteriösen Umständen – macht dieser Film nicht nur Fans von Dave Chapelle Spaß, dessen Show der Regisseur von Fear Of A Black Hat Rusty Cundieff später produzierte.

7. I’m Still Here (2010)

Und noch eine Hip Hop Mockumentary, aber diesmal ganz anders: 2008 erklärte der US-amerikanische Schauspieler Joaquin Phoenix seinen Rückzug von der Leinwand und dass er von nun an eine Karriere als Hip Hop Artist anstreben würde. Und tatsächlich zog Phoenix das Ding konsequent durch, schrieb ein Jahr lang Rap-Texte, probte und performte vor Publikum und ließ Hollywood links liegen. Sein Freund Casey Afflek begleitete ihn dabei mit der Kamera, auch als sich Phoenix darum bemühte, dass Sean Combs aka P. Diddy sein Album produziert.

Die übrigen Protagonisten in „I’m Still Here“ lesen sich ebenfalls wie ein Who Is Who von Hollywood: Ben Stiller, Jamie Foxx, Natalie Portman, Billy Crystal, Jack Nicholson, Bruce Willis, Danny de Vito, Sean Penn und Hugh Grant, um nur einige zu nennen.

Erst als sie den fertigen Film präsentierten, klärten Phoenix und Afflek die Öffentlichkeit auf, dass es sich bei der vermeintlichen Hip Hop Karriere von Joaquin Phoenix lediglich um einen Stunt handelte, um „I’m Still Here“ zu drehen.

In seiner „neuen Karriere“ war Joaquin Phoenix auch zu Gast bei Late-Night-Talker David Letterman und Szenen aus der Show kommen auch in „I’m Still Here“ vor. Ebenfalls in der David Letterman Show erzählt Joaquin Phoenix später, wie „I’m Still Here“ zustande kam.

8. It’s All Gone Pete Tong (2004)

Eine bitterböse kanadische Parodie auf das DJ-Highlife. Frankie Wilde ist ein völlig durchgeknallter Superstar-DJ auf Ibiza, legt in all den großen Clubs auf und wird von Millionen geliebt und verehrt. Drugs und Drinks und Frauen, alles läuft super, bis er sein Gehör verliert. Ein tauber DJ, wie soll denn das gehen?

In Trainspotting-mäßigen Sequenzen taumelt Frankie durch den Alptraum eines jeden DJs und Musikers. Und ich verspreche euch: Danach denkt ihr auch sofort über einen geeigneten Hörschutz nach.

Der Filmtitel bezieht sich übrigens auf die britische Redensart für „Alles ist schief gegangen“, mit Referenz zum legendären BBC-Radio 1 DJ Pete Tong.

Cameo-Auftritte kommen von Carl Cox, Tiësto, Sarah Main, Barry Ashworth, Paul van Dyk, Lol Hammond und natürlich dem namensgebenden Pete Tong selbst, die unter anderem darüber spekulieren, wo Frankie Wilde wohl jetzt gerade steckt. Findet es doch einfach selbst heraus!

9. Berlin Calling (2008)

Mehr Spielfilm als Mockumentary ist diese Fiktion von Regisseur Hannes Stöhr über den Berliner Techno-Producer Ickarus doch sehr mit der realen Person Paul Kalkbrenners verbunden. Ursprünglich sollte Paul für diese explosive Mischung aus Musikfilm und Psychatriedrama nur die Musik schreiben und Inside-Infos liefern. Am Ende wurde er zum Hauptdarsteller und im Anschluss daran zum Techno-Superstar, nicht nur wegen des Hits „Sky & Sand“, gesungen von seinem mittlerweile nicht weniger erfolgreichen Bruder Fritz Kalkbrenner.

Die Live-Auftritte von Paul und weiteren realen Berliner DJs wie Sascha Funke und Housemeister wurden in der legendären Bar 25 und der Maria am Ostbahnhof gedreht und geben trotz der Fülle von Techno-Klischees ein recht authentisches Zeugnis davon ab, „wie das damals war“.

Auch deshalb ist „Berlin Calling“ für viele Fans zum Kultfilm und Generation-Movie geworden. 

10. Klaus Blatter (2019)

Nochmal Techno: Nur ist dies kein Film, dies geschieht gerade wirklich, sozusagen „history in the making“: Klaus Blatter ist der wahre Erfinder des Techno. Vor vielen Jahren arbeitete er in einer Kugellagerfabrik in Dortmund. Seine Kollegen wurden durch den industriellen Lärm der Maschinen verrückt, aber Klausi entwickelte den Traum, aus den rhythmischen Geräuschen Musik zu machen. Und so erfand er Techno. Und Acid House.

Lange Jahre in Vergessenheit geraten, ist der Acid-Pionier nun wieder da und performt seine Songs auf der Bühne, so zum Beispiel erst neulich in der Berliner Berghain Kantine. In seinen Videos fühlt er sich von den „Lunatics of Acid House“ umzingelt oder besingt sein geliebtes „Space Girl“, immer mit starkem deutschem Akzent und irre amüsanten englischen Texten.

Ein Weihnachtslied hat Klausi übrigens auch mit seinem Produzenten Paul Mac produziert: In „Christmas Techno Dance“ erleben wir eine sehr unheilige Weihnachtsfeier. House Music Legende Marshall Jefferson spielt darin Gott (der er für viele House-Music-Fans auch tatsächlich ist), was wiederum seinen sehr religiösen Kollegen Farley Jackmaster Funk so erzürnt haben soll, dass er sich beim Marshall beschwerte. Bleibt dabei, die Story von Klaus Blatter ist noch nicht zu Ende erzählt, sie findet gerade statt.

11. This Is Spinal Tap (1984)

Freunde des Genres werden sich schon gefragt haben, warum die wahre Mutter aller Music Mockumentaries nicht unter den Top Ten zu finden ist. Gemach, für Spinal Tap gehen wir natürlich „up to eleven“. „This Is Spinal Tap“ von Rob Reiner aus dem Jahre 1984 ist die fiktive Geschichte der englischen Heavy Metal Band „Spinal Tap“, in der kein Rock ’n’ Roll Klischee ausgelassen wird und kein Auge trocken bleibt.

Es geht um eine Heavy Metal Band auf dem absteigenden Ast, die von einem Kamerateam für eine Dokumentation begleitet wird.

Nigel Tufnel, David St. Hubbins und Derek Smalls sind nicht nur ständig auf der Suche nach Gigs, sondern auch nach neuen Schlagzeugern, weil ihre Drummer stets unter dramatischen Umständen ums Leben kommen.

Fast alle Dialoge sind improvisiert und seit der legendären Szene, in der Nigel erklärt, warum sich sein Gitarrenverstärker bis 11 aufdrehen lässt, ist „up to eleven“ zu einem geflügelten Wort geworden. Ebenfalls ein Klassiker: die Stonehenge-Szene.

1992 traten Spinal Tap dann in echt beim Freddie Mercury Tribute Concert im Londoner Wembley Stadion auf, nachdem schon vorher Gerüchte aufkamen, dass die legendäre Band tatsächlich real auf die Bühne gehen könnte. Diese wurden noch befeuert mit Musikergesuch-Anzeigen im Melody Maker, von einer Band, die einen neuen Drummer sucht, weil ihr alter auf tragische Art und Weise ums Leben gekommen sei. Nicht wenige Schlagzeuger erkannten sofort, worum es ging und selbst Drummer prominenter Bands bewarben sich um den Posten.

1992 veröffentlichten Spinal Tap dann tatsächlich ein reales Album: „Break Like The Wind“, 2009 gefolgt von „Back From The Dead“ und spielten Konzerte, u. a. 2009 auf dem Glastonbury Festival.

Weiterschauen: „Anvil! The Story Of Anvil“ (2008), die wirklich wahre Geschichte über die vermutlich erfolgloseste real existierende Metal Band der Welt, die dennoch immer weitermacht.

Eure Lieblings-Mockumentaries bitte hier

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