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02.09.2017

Gitarre aufnehmen: 5 Tricks & Tipps von Studiogitarristen

Professionelles Gitarren-Recording mit den Geheimnissen der Studio-Gitarristen

Nashville-Tuning, Saiten abkleben & weitere Gitarren-Hacks

Studiogitarristen kennen die Tricks, die das Leben beim Recording leichter machen, denn hinter der Glasscheibe sind sie unter Umständen mit Problemen konfrontiert, die auf der Bühne keine Rolle spielen oder ihre Kreativität ist gefordert, wenn es um spezielle Sounds geht.

Deshalb wollen wir uns in diesem Workshop einigen kleinen und einfachen Tricks widmen, die man zwar live nur bedingt anwenden kann, die euch jedoch bei eurer eigenen CD-Produktion oder beim Studiojob möglicherweise sehr hilfreich sein können, wenn es darum geht, interessante Sounds zu kreieren.

1. Nashville-Tuning

Beim Nashville-Tuning handelt es sich um einen alten Trick, der häufig in der Studioszene von Nashville eingesetzt wurde, aber auch auf Songs wie Hey You von Pink Floyd oder Dust in the Wind von Kansas zu hören ist. Im Prinzip stimmt man dabei seine Gitarre so, dass die höchsten zwei Saiten im Standardtuning sind und die tiefsten vier Saiten eine Oktave höher als üblich. Dazu müssen natürlich andere Saitenstärken aufgezogen werden, und tatsächlich hat ein typischer Nashville-Saitensatz folgende Stärken, ausgehend von der hohen E-Saite: .010 .014 .009 .012 .018 und .027. Solche Sätze gibt es auch fertig abgepackt u.a. von Martin und D'Addario.

Technisch gesprochen habt ihr dann quasi eine 12-saitige Gitarre minus Doppelbesaitung, oder anders ausgedrückt: Spielt eine Gitarre im Standardtuning und eine andere im Nashville-Tuning, klingt es wie eine Zwölfsaitige, aber eben doch minimal anders, da der Part geteilt ist. Übrigens kann es auch sehr originell klingen, wenn man nur im Nashville Tuning spielt ohne zu doppeln!

Hier das Beispiel eines einfachen Pickings. Zuerst hört ihr nur das Standardtuning und dann gedoppelt mit Nashville-Tuning:

2. Tricks beim Doppeln von Gitarrenspuren

Doppeln der Gitarrenspur macht den Sound breiter, aber auch etwas weicher und indirekter, da der Anschlag abgemildert wird. Dennoch wird in einer Heavy-Produktion die Gitarrenspur mindestens gedoppelt, wenn nicht noch mehr! Viele Produzenten wünschen sich diese gedoppelten Gitarren, da man diese im Panning nach außen legen kann und damit die Mitte des Spektrums für Melodie-Instrumente oder Gesang freimacht.

Beim Doppeln gibt es verschiedene Ansätze und letztendlich entscheiden Geschmack und Zweck, worauf die Wahl fällt.

Als Beispiel nehmen wir das folgende Riff:

a) identische Sounds im links/rechts Panning

Hier hört ihr einen gedoppelten Gitarrentrack, bei dem für links und rechts das identische Setup verwendet wurde:

b) diverse Sounds im links/rechts Panning

Alternativ kann man für links und rechts unterschiedliche Sounds verwenden, d.h. andere Amps, eine andere Gitarre, anderes Miking oder andere Speaker. Hier hört ihr links einen Marshall 800 und rechts einen Peavey 5150:

c) Heavydopplung mit "Definitionstrack"

Dieser Trick wird gerne angewendet, wenn man etwas mehr Definition im Attack oder Gesamtsound wünscht. Ihr hört hier eine gedoppelte Heavygitarre und anschließend hinzukommend eine weitere gedoppelte Gitarrenspur, die mit einem fast cleanen Vox eingespielt wurde, als "Definitionstrack".

Nehmt für diese Spur wenig Gain und vorzugsweise eine Gitarre mit Singlecoils, Lipsticks o.ä. und mischt sie dezent unter den Haupttrack. Am Besten gerade so, dass man sie als eigenständige Spur nicht wahrnimmt, aber Transienten und "Knack" gut durchkommen:

Natürlich kann man unendlich viele Spuren und unterschiedliche Grade des Pannings vornehmen, z.B. Gitarre 1 und zwei hart außen und Gitarre 3 und 4 zu 70% links und rechts, o.ä. Probiert hier ruhig mal etwas rum!

Übrigens: Warum nur die Rhythmtracks doppeln? Auch das Doppeln von Soli (siehe Randy Rhoads oder George Harrison) kann manchmal sehr effektiv klingen!

3. Kapodastertricks

Der Kapodaster kann im Studio ein wahres Wundermittel sein.

Von musikalischen Applikationen mal abgesehen kann er z.B. helfen, wenn die Gitarre nicht ganz oktavrein ist oder man generell Intonationsprobleme in hohen Lagen hat. Ist das der Fall, dann setzt ihn an einen höheren Bund, stimmt die Gitarre mit angeklemmtem Kapodaster und spielt dann den hohen Gitarrenpart. Ihr werdet merken, dass weder Oktavreinheit noch Intonation ein Thema sind.

Auch um Gitarrenparts zu doppeln, bietet der Kapodaster eine wertvolles Hilfsmittel und kann, wenn auch nicht den gleichen, so doch einen ähnlichen Effekt erzielen wie das Nashville Tuning. Habt ihr z.B. zuerst einen Strummingpart über A - G - D - A, dann setzt anschließend bei einer zweiten Gitarre den Kapodaster in den 7. Bund und doppelt mit den Griffen D - Cadd9 - G - D die Spur. Achtet darauf, dass der Abstand zwischen dem normalen Strumming und der Kapodastergitarre einigermaßen groß ist.

Übrigens: Auch bei Nashville-getunten Gitarren kann man den Kapodaster verwenden!

4. DI Spur abzweigen

Dieser Trick wird manchmal von Engineers oder Gitarristen angewendet, wenn man sich die Option freihalten will, die Gitarre später noch zu Reampen oder durch Ampsimulation-Plugins zu verändern. Dabei kostet euch diese Technik kaum Mehraufwand, denn ihr benötigt lediglich eine DI-Box und ein Kabel.

Nun geht ihr mit eurem Gitarrenkabel in die DI-Box und leitet das Direct-Out Signal in den Input eures Amps bzw. Floorboards. Der Parallel- oder Link-Out (meist ein XLR-Out) geht nun direkt in einen anderen Kanal eurer Soundkarte. In der DAW macht ihr nun eine extra Spur dafür auf, die ihr dann am Besten "Guitar_DI" oder ähnlich benennt und mutet das Monitoring in eurer Soundkarte auf diesem Kanal, da ihr sonst die cleane Spur mithört. Nun nehmt ihr beide Spuren auf und könnt nach Belieben die DI-Spur nachträglich im Sound bearbeiten oder aber mittels Reamping-Box durch einen anderen Amp schicken.

Übrigens wird die Qualität eurer DI-Spur maßgeblich von dem Übertrager in der DI-Box und dem Preamp eurer Soundkarte definiert - also hier nicht sparen!

In unserem Fall sieht das in der DAW dann folgendermaßen aus: Die Direktspur kommt über das AxeFx und die DI-Spur wird über einen API 512 Preamp in Studio One aufgenommen:

Und das wäre die Verkabelung:

5. Saiten abkleben

Der letzte Trick ist ganz banal und wird dennoch im Studio angewendet, und das häufiger als man vermuten möchte. Die Rede ist vom Abkleben bestimmter Saiten. Meshuggah oder Metallica z.B. bedienen sich bei Heavyriffs gerne dieses Hilfsmittels, wenn es darum geht, das Mitschwingen oder Berühren der höheren Saiten zu eliminieren. Dieser Trick soll zwar keine solide Spieltechnik ersetzen und es lohnt sich immer, ein gutes Muting zu üben, aber im Studio sollte man, wenn es darauf ankommt, lösungsorientiert denken und da gilt häufig: "Fake it till you make it!"

Übrigens wäre Gaffatape nicht die erste Wahl, sondern eher Markier- oder Kreppband oder andere Klebebänder, die keine Rückstände hinterlassen:

Ich hoffe diese Tipps konnten euch ein paar neuen Möglichkeiten eröffnen und wünsche euch gutes Gelingen!

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