Stagekeyboard Hersteller_Clavia
Test
3
22.07.2009

Praxis

Die Sounds des Nord Electro 3 begeistern auf ganzer Linie, sie klingen allesamt hochwertig und kräftig, haben "Tiefe" und sind klanglich sehr nah an den Originalen dran. Wem diese Beschreibung zu theoretisch ist, sollte sich die Audiobeispiele unten anhören! Bei Clavia wird eben gar nicht erst versucht, Sounds mitzuliefern, deren Nutzen und gesampelter Klang fragwürdig sind (wie man dies von Herstellern aus dem ostasiatischen Raum gewohnt ist). Statt Quantität steht hier ganz klar die Qualität im Vordergrund. Das Instrument ist deshalb auch erfreulicherweise nicht mit unnötigen Features aus der Alleinunterhalter-Szene, wie Sequencer oder Drumpattern etc. überfrachtet.

Mit dem neuen Feature, externe Sounds im Software-Editor zu bearbeiten und in den Flash-Speicher des Instruments zu laden, gibt Clavia jedoch jedem die Möglichkeit,  klanglich„fremdzugehen“. Dennoch liegt die Stärke des Electro 3 ganz klar im Bereich der Orgel- und Piano-Simulation. Und auch hier verliert sich die Simulation nicht in virtuellen Sphären, wo plötzlich Parameter auftauchen, mit denen man das virtuelle Quietschen eines 135 Jahre alten Sustain-Pedals oder die Luftfeuchtigkeit von 128 verschiedenen Studios weltweit simulieren kann. Vielmehr bekommt der Kunde ein schönes Grundkontingent von Klängen, die sich mit Hilfe einer gut ausgerüsteten Effekt-Sektion auf den jeweiligen Musikstil anpassen lassen.

Im Falle der Orgel-Sounds stehen, wie bereits erwähnt, drei verschiedene Orgel-Modelle zur Verfügung:

In Verbindung mit den Zugriegeln und den Effekten sind alle gängigen und bekannten Orgel-Sounds nachstellbar. Dabei helfen ebenfalls die gut klingende Percussion und die authentischen Vibrato-Einstellungen.
Im Sound-Menü (über die Shift-Taste anzuwählen) sind weitere Parameter zu editieren, die sich allesamt dem Thema Orgel widmen. Hier lassen sich neben Keyclick-Level, Percussion-Level und einigen Parametern für die Einstellung der Rotary-Effekts verschiedene Tonewheels auswählen, die das Alter der Orgel simulieren. Diese klingen jedoch sehr brav und unterscheiden sich nur geringfügig durch das Level des inzwischen allgemein beliebten „Leakage Noise“. Unter Leakage Noise versteht man ein elektronisches Übersprechungsproblem der Kondensatoren alter Hammond-Modelle (besonders vor Bj. 1964), welches sich durch das meist dissonante Mitklingen benachbarter Tonräder äußert.

Mit den mitgelieferten Piano- und E-Piano-, Clavinet- und Sample Library-Sounds erhält man bereits werkseitig ein breites Spektrum an hochwertigen Sounds. Waren die Klavier- und Flügelklänge in den Vorgängerversionen 1 und 2 noch ein klares Manko, sind in der Verison 3 nun erstklassige Sounds an Bord, die sich problemlos mit den Marktführern messen können. Ein etwas spezieller Sound vielleicht, aber besonders das hölzern-warme "Upright Piano" gefällt mir sehr gut! Darüber hinaus hat der User aber noch die Möglichkeit, auf Clavias Webseite in der Library zu stöbern, um sich andere Instrumente herunter zu laden. Alle Sounds sind mittels der mitgelieferten Software des Soundmanagers austauschbar. So kann man beispielsweise die Piano-Bank (185 MB) mit seinen Lieblings-Modellen bestücken und seine Sample-Library (68MB) für einen bevorstehenden Auftritt individualisieren. Wenn man es vorher in Clavias Sample-Editor bearbeitet und in das Clavia eigene Soundformat gewandelt hat, kann aber auch jedes beliebige WAV-File geladen werden. Auch diese Software wird im Paket mitgeliefert und lässt sich einfach und intuitiv bedienen.

Nord Library

Und hier noch zwei Sounds aus der Nord Library, Mellotron Flutes und Church Organ. Alle dort erhältlichen Klänge sind kostenlos herunterladbar.

Effekte
Die Anzahl der Effekte ist umfangreich, ihre Qualität hochwertig. Die Auswahl der Effekte ist auf die wichtigsten Sounds des Electro 3, also auf Orgel und Piano abgestimmt. Anders kann ich mir das Fehlen eines Delays auch nicht erklären. Dieses könnte die Vielfältigkeit des Instruments gerade bei der Nutzung der E-Piano Sounds und der Sample-Library erheblich steigern.

Vier Effekt-Einheiten können gleichzeitig genutzt werden:

Mit dieser Palette lassen sich die meisten und wichtigsten musikalischen Stilrichtungen abdecken. Jede Effekt-Einheit besitzt überdies eine eigene Intensitäts- oder Verhältnis-Regelung. Bei den Speaker-Simulationen fehlt mir jedoch die entscheidende Wärme bei den verzerrten Einstellungen.

Darum bevorzuge ich, wenn es um virtuelle Verzerrung geht, im Allgemein nur leicht angezerrte Sounds. Bei voller „Rate“ möchte ich mir überdies nicht ausmalen, wie das über eine PA klingen könnte. Gewöhnungsbedürftig ist die Erkenntnis, dass man die Rotary-Speed nur in Verbindung mit der aktivierten Rotaryspeaker-Simulation in der Effekt-Einheit anwählen kann. Wähle ich beispielsweise den Twin Amp aus, versuche ich vergeblich die Leslie-Rotation in Gang zu setzen. Ganz wie in der Realität also.

Sehr schön sind die verschiedenen Hallräume. Mehr als die fünf bereitgestellten Reverb-Längen braucht der User im allgemeinen nicht, und mit der Dry/Wet-Regelung lassen sich die Räume von dezent bis omnipräsent einsetzen, ohne wimmernde Hallfahnen.

Auch die Tremolo-, Chorus- und Wah-Effekte, etc. sind, besonders in Verbindung mit den E-Piano- und Clavinet-Sounds, eine echte Waffe. In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder die direkte und leichte Eingriffsweise auf, die zum gewünschten klanglichen Ergebnis führt.

Was bei der Konkurrenz oft ein leidiges Suchen und Editieren in den Menus und Untermenus erfordert, ist beim Clavia nur ein paar Klicks und Drehs in der Effekt-Sektion entfernt. Der eingebaute 3-Band EQ am Ende des Signalflusses hat einen großen Wirkungsgrad und ist nicht nur im Studio, sondern auch im Live-Einsatz ein dankbares und gelungenes Klangtool für den letzten Schliff.

Die Strategie hinter dem Nord Electro 3 ist nicht nur die perfekte klangliche Simulation der Instrumente, sondern auch der praktische Umgang mit der Vielzahl unterschiedlich zu simulierender Klangerzeuger. Clavia verzichtet deshalb gänzlich auf die optische Anlehnung an die Originale, sondern setzt vielmehr auf eine neue, universelle Bedienung.
Diese ist für den Neueinsteiger in die Welt der Clavia-Produkte erst einmal ungewohnt. Ich bin jedoch immer wieder überrascht, wie durchdacht das Clavia-System ist. Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase wuselt der Besitzer wie selbstverständlich durch die Menus und Shift-Funktionen und wundert sich, wie leicht das Editieren doch letztendlich ist!

In einem Keyboard-Setup mit einem Masterkeyboard (88er Piano-Tastatur) ist der Electro 3 ein idealer Begleiter. Durch das geringe Gewicht und die kompakten Ausmaße des Gerätes lässt sich der Electro 3 gut und einfach „On Top“ nutzen. Gerade in der Kombination mit Masterkeyboard und einem Computer lassen sich die Möglichkeiten des Electro 3 noch besser ausreizen.

Zwar sind Pitch- und Modulations-Rad von Natur aus für den Gebrauch von Orgel- und Piano-Sounds nicht vorgesehen, dennoch vermisst der User diese Spielhilfen spätestens beim Gebrauch der Sounds aus der Sample-Library. Diesen Umstand kann in diesem Fall auch kein MIDI-Masterkeyboard kompensieren, selbst wenn dies besagte Räder besitzt. Der Nord Electro 3 verfügt schlichtweg nicht über diese Funktionen! Sollte Clavia die Entwicklung der Sample-Library-Funktionen und dessen Software-Editors noch weiter ausdehnen, wird die Abwesenheit der Spielhilfen, eines Delays und eines Displays immer gravierender für die Beurteilung der Geräte werden.

 

Ich bin im Übrigen darauf gespannt, wann Clavia eine große Workstation auf den Markt bringt, die alle Funktionen der Nord-Familie vereint!

Editor

In der heutigen Zeit gehört ein Laptop bereits zur normalen Ausstattung eines professionellen Keyboarders. Deshalb verzichtet der Electro 3 auch auf ein Wechselspeichermedium, da der Austausch von Daten mit einem Computer dank USB viel reibungsloser funktioniert. Habe ich mein Electro 3 mit einem Computer verbunden und vorher die spezielle, mitgelieferte Software installiert, konnte ich alle Sounds und Setups austauschen, für spezielle Events zusammenstellen, archivieren und jederzeit wieder abrufen. Das läuft alles unkompliziert und einwandfrei ab.
Der Nord Sample-Editor erlaubt es überdies, Samples im WAV-Format zu importieren und editieren und in den internen 256 MB großen Speicher zu laden. Hier ergibt sich für Keyboarder die Möglichkeit, die hervorragenden Orgel- und Piano-Sounds von Clavia zu nutzen und darüber hinaus das Instrument mit externen Klängen zu bestücken.
Schade, dass es beim Electro nicht möglich ist, die Sounds der verschiedenen Kategorien zu layern. Das ermöglichen wiederum die Geräte der Stage-Reihe von Clavia. Diese spielen jedoch auch in einer anderen Preisliga.

 

Der folgende Sticker auf dem Panel fasst die Features des Nord Electro 3 noch einmal zusammen:

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