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Test
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05.12.2014

Dave Smith Instruments Pro 2 Test

Synthesizer

Retro war gestern

Der Dave Smith Instruments Pro 2 ist das neueste Instrument aus der kalifornischen Schmiede des Synthesizer-Visionärs. Der Vater des legendären Prophet-5 Ende der 70er Jahre mischte mit Instrumenten wie Evolver, Mopho und Prophet '08 kräftig bei der großen Analog-Renaissance der letzten Jahre mit, bis er dann mit dem digital-analogen Prophet 12 die Post-Retro-Analog-Phase einläutete. Nun gibt es in Form des Pro 2 einen monophonen bzw. vierstimmig paraphonen Synthesizer mit dem gleichen Hybridkonzept.

Wie der Prophet 12 ist der Pro 2 also kein reiner Analogsynthesizer. Er klingt wie einer, er sieht aus wie einer und einige Teile sind auch analog. Aber einige eben auch nicht. Doch wie schon beim Prophet spielt das alles beim Pro 2 überhaupt keine Rolle, und um ein bisschen vorzugreifen: Vorurteile gegenüber digitalen Komponenten in der Klangerzeugung sind hier völlig fehl am Platz. Denn der Pro 2 ist schlicht ein extrem variabler, (nicht nur) monophoner Synthesizer. 

Details

Konzept

Grundsätzlich entspricht der Aufbau des Pro 2 dem eines klassischen monophonen Synthesizers mit subtraktiver Synthese. Hauptsächlich wurde er als monophoner Synth entworfen. Im sogenannten „Paraphonic-Mode“ können die Oszillatoren jedoch unabhängig voneinander und damit vierstimmig gespielt werden, ähnlich wie es auch bei den beiden Oszillatoren des Moog Sub 37 möglich ist. Die Oszillatoren des Pro 2 sind digital, während die Filter und einige andere Komponenten analog ausgeführt sind. Dadurch kann hier und da in das Klangverhalten eingegriffen werden, wie es bei einem reinen Analogen nicht möglich wäre.

Obwohl der Synthesizer nicht mit Bedienelementen geizt, sind einige Features wegen der Komplexität nicht per Direktzugriff steuerbar. Diese „versteckten“ Parameter können über das Display und die dazugehörigen Drehregler und Taster erreicht werden, wie man es von digitalen Workstations etc. kennt. Der Pro 2 vereint das Beste beider Welten auf formidable Weise, soviel will ich schon mal verraten. 

Gehäuse

Der Pro 2 orientiert sich beim Design am Prophet 12 und ist wunderschön. Das schwarze Metallgehäuse wird umrahmt von Walnussholz-Leisten, die eine Augenweide sind. Der Synthesizer ist mit einer 3½-Oktaven-Tastatur mit Aftertouch ausgestattet. Trotz der kompakten Bauweise wiegt der kleine Monophone immerhin 8,5 kg und macht dementsprechend einen wertigen und robusten Eindruck. Das Design der Drehpotis hat sich seit dem Prophet-5 nicht geändert und lässt somit die gute alte Zeit anklingen.  

Bedienfeld

Das Bedienfeld ist reichlich mit Drehpotis und Tastern ausgestattet. Durch die klare Einteilung in Sektionen mit entsprechender roter Beschriftung ist die Übersicht gewährleistet. Links von der Tastatur befinden sich vier Spielhilfen: ein Pitchbend-Rad, ein Mod-Wheel und zwei Ribbon-Controller, die sich natürlich alle frei belegen lassen. Außerdem findet man hier das Volume- und ein extra ausgewiesenes Distortion-Poti. Oberhalb der Tastatur beginnen die rot gekennzeichneten Sektionen auf der linken Seite passenderweise mit den Drehpotis und Tastern für die Oszillatoren. Rechts davon geht’s weiter mit dem Filter-Bereich und den dazugehörigen Envelopes. Ganz rechts findet man die Potis für die Amp-Hüllkurve sowie zwei Regler für die sogenannte Feedback-Funktion. Oberhalb dieser Sektionen liegt der Bereich des Sequencers mit seinen prominenten 16 Step-Tastern und Leuchtdioden.

In der Mitte des Bedienpanels findet man das sehr schicke, schwarz-weiße OLED-Display (O steht für „organisch“). Dieses ist nicht besonders groß, aber sehr kontrastreich und damit selbst bei kleiner Schrift gut lesbar. Umrahmt wird es von einigen Tastern mit verschiedenen Funktionen und vier Drehreglern für die Bedienung der Menüs. Links vom Display befinden sich abschließend noch die Sektion für die LFOs und eine weitere für die Effekte sprich Delays. Wie gesagt: Das Bedienpanel ist insgesamt recht gut gefüllt, man hat es immerhin mit 50 Drehpotis und 64 Tastern zu tun.

Anschlüsse

Anschlüsse sind auf der Rückseite reichlich vorhanden. Neben einem Stereoausgang und einem für einen Kopfhörer gibt es auch einen Audioeingang. Zur Kommunikation mit analogen Gerätschaften hat der Pro 2 weiterhin als besonderen Leckerbissen jeweils vier CV-Ein- und Ausgänge sowie einen Gate-Ausgang (alles in Mini-Klinke) mit an Bord. Ansonsten sind noch zwei Pedal-Anschlüsse, das MIDI-Trio und ein USB-Port (nur MIDI-Daten, kein Audio) zu vermelden.

Klangerzeugung

Der Pro 2 besitzt vier digitale Oszillatoren und einen Sub-Oszillator (Sinus). Neben den Standards Sinus, Dreieck, Sägezahn und Puls generieren die Oszillatoren auch 12 verschiedene Wavetables (mit Namen wie „Church“, „Nasal“ oder „Boing“), drei mal unterschiedliches Rauschen und komplexere „Super Waves“, eine Kombination aus mehreren Wavetables. Über die Funktion „Shape Mod“ kann die eingestellte Schwingungsform modifiziert werden, das klassische Beispiel wäre hier die Breite der Pulsschwingung. Es lassen sich darüber aber zum Beispiel auch zwei Wavetables stufenlos miteinander mischen. Auch FM und AM sind für den Pro 2 keine Fremdworte. Außerdem gibt es eine Art Bitcrusher und eine „Charakter“-Funktion, die den Schwingungsformen auf Wunsch noch mal eine gehörige Portion Schärfe, analoge Unvollkommenheit und eben Charakter mit auf den Weg gibt. Schon in der Oszillatorsektion sind die Möglichkeiten der Klanggestaltung also fast endlos.

Der Paraphonic-Modus erlaubt es, die vier Oszillatoren polyphon zu spielen, wobei sogar eigene Hüllkurven für jeden Oszillator zur Verfügung stehen. Es lassen sich mit dem eigentlich monophonen Pro 2 also faktisch vierstimmige Akkorde greifen. Sensationell! Für herkömmliche Akkorde sollte dafür jeder Oszillator mit der gleichen Schwingungsform erklingen. Spannend wird es aber, wenn jede Stimme einen anderen Klang hat, die, gleichzeitig gespielt, einen recht komplexen Sound ergeben können. 

Doch weiter geht’s in der Klangsynthese. Auf die Oszillatoren folgen zwei analoge Filter, die stufenlos in Reihe oder parallel geschaltet werden können. Filter 1 ist ein 4-Pol Tiefpassfilter mit einer festen Flankensteilheit von 24dB/Okt. (angelehnt an das Filter des Prophet-5). Filter 2 ist ein variables 2-Pol Filter, das zwischen LP, Notch, HP und BP stufenlos variieren kann (angelehnt an das Filter von Oberheims SEM-Modul). Die vier Oszillatoren können dabei wahlweise auf die beiden Filter aufgeteilt werden (Osc 1+2 auf Filter 1, Osc 3+4 auf Filter 2). Jedes Filter hat seinen eigenen Hüllkurven-Generator mit Delay, Attack, Decay, Sustain und Release (DADSR). Die Envelopes können selbstverständlich von der Keyboard Velocity beeinflusst und als kleine Spezialität auch geloopt werden. Eine weitere DADSR-Hüllkurve mit gleichen Funktionen steht dem VCA zur Verfügung. Zusätzlich gibt es zwei weitere Envelopes, die jeweils einem Modulationsziel zugewiesen werden können. 

Soweit die Klangsynthesen-Pflicht – kommen wir nun zur Kür. Der Pro 2 besitzt eine Feedback-Funktion, über die das VCA-Signal leicht verstimmt und anschließend in den VCA zurückgeführt wird. Dadurch ergeben sich feedbackartige, metallische Verzerrungen. Wie schon beim Prophet 12 fällt die Delay-Abteilung umfangreich aus. Es gibt vier Delays, die jeweils einzeln moduliert (!), gepannt (!!) und gefiltert (!!!) werden können. Für die Feinschmecker unter uns ist das vierte Delay im Bunde sogar eine Emulation eines Eimerketten-Delays. Und hier begegnet uns auch zum ersten Mal der wunderbare Tap-Tempo-Taster, der die BPM-Zahl zur Synchronisierung der Delays festlegt. Im Handbuch ist zwar die Rede davon, dass sich mit den Delays auch Reverb-Effekte herstellen lassen, was mir aber nicht so recht gelingen wollte. Allerdings ist die Erzeugung von selbst gebauten Tape-Echos, Ping-Pong-Echos und Chorus-Effekten auch bereits eine feine Sache.

Als Modulationsquellen gibt es vier synchronisierbare LFOs mit acht verschiedenen Schwingungsformen, darunter auch Random (eine Art „Sample&Hold“). Und wo wir gerade bei Modulation sind: Öffnen wir doch mal das Modulations-Matrix-Fass. Rund 50 Modulationsquellen treffen beim Pro 2 auf 140 Modulationsziele. Eigentlich fällt mir nichts ein, was nicht geht. Modwheel, zwei Slider, Aftertouch, Velocity, Sequencer, fünf Envelopes und vier LFOs können auf alles losgelassen werden, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Kurz gesagt: Alles ist mit allem verknüpfbar und das in gewünschter Stärke. Um hier den Überblick zu behalten, gibt es eine Liste im Display, über die man einfach die Quelle, das Ziel und die Modulationsstärke eingibt – fertig. Glücklich! Diese Liste lässt sich auch nach Zielen und Quellen ordnen, so dass man auf einen Blick sehen kann, was beispielsweise über das Mod-Wheel alles moduliert wird. Sehr glücklich! Wem das zu kompliziert ist (als ob), der kann auch die Taster „Assign Source“ und „Assign Dest“ drücken und die gewünschten Potis oder Taster der Quellen und Ziele bewegen, die dann automatisch zugewiesen werden. Das funktioniert in etwa so, wie man es von „MIDI-Learn“ Funktionen kennt. Einfacher geht es nun wirklich nicht.

Arpeggiator und Sequencer

Und weiter geht die Reise durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten: der Arpeggiator. Dieser beherrscht die gängigen Modi wie Up, Down, Random etc. in den gängigen Notenwerten von 1/2 bis zu 1/32. Praktisch auch hier: Die Tap-Tempo-Funktion. Ansonsten vermisst man beim Arpeggiator keine Komplexität, denn für komplexere Tongirlanden verfügt der Pro 2 über den hauseigenen Sequencer. Dieser Step-Sequencer liefert entweder bis zu 16 Tracks bei 16 Steps oder bis zu 8 Tracks bei 32 Steps. Jeder Track kann einem Modulationsziel zugewiesen werden, wobei Spur 1 der Tonhöhe vorbehalten ist. Ja, richtig gehört. Nicht nur eine Melodie kann über den Sequenzer abgerufen werden. Diese Melodie ist auch noch pro Step 16-fach modulierbar.

Die Programmierung kann entweder via Eingabe über das Display oder direktes Spielen der Tastatur bzw. Bewegen des gewünschten Potis stattfinden. Das macht mal so richtig Spaß und geht extrem leicht von der Hand. Auch hier sind die Möglichkeiten enorm vielfältig. 16 Modulationsziele pro Step bieten eine riesige Spielwiese, die die Sequenzen vor Langeweile schützen. Selbst das Programmieren von Drumpatterns ist beispielsweise durch das einzelne Ansteuern der vier Oszillatoren möglich. In diesem Zusammenhang bietet die Cue-Funktion ein interessantes Extra. Per Tastendruck kann bei laufender Sequenz das Programm gewechselt werden. Nach Beendigung der Sequenz wird nun automatisch die Sequenz des neuen Programms gestartet. So können Songübergänge (oder Parts innerhalb eines Songs) in time realisiert werden.   

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