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16.03.2018

Celemony Melodyne 4 Studio Polyphones Editing und künstliche Chorstimmen - Workshop #3

Celemony Melodyne 4 Studio in der Praxis

Teil 3 des Melodyne-Workshops thematisiert die Generierung künstlicher Chorstimmen –wenn es mal schneller gehen soll – sowie die Bearbeitungsmöglichkeiten mittels DNA Direct Note Access zur Editierung von polyphonem Ursprungsmaterial, welche in den Melodyne Editionen „editor“ und „studio“ zum Funktionsumfang gehören.

Software zur Intonationskorrektur einstimmiger Instrumente gibt es mittlerweile von vielen Herstellern, aber in diesem Feature agiert Celemony meines Wissens außer Konkurrenz und ermöglicht beispielsweise die Manipulation und Korrektur einzelner Töne einer Klavieraufnahme. Zunächst bleiben wir aber monophon und schauen uns an, wie man unter einem überschaubaren Arbeitseinsatz aus einer Spur mehrere zaubern kann.

Details

Künstliche Chorstimmen

Diese künstlichen oder virtuellen Spuren werden nicht aus dem Nichts erschaffen, sondern basieren stets auf einer vorhandenen Spur wie beispielsweise der Lead Vocal. Im gleich folgenden Video ist die Lead Vocal bereits in eine Instanz des Melodyne Plug-ins transferiert worden. Um aus Kopien dieses Materials neue Spuren zu erzeugen, genügt es, das Plug-in auf neue Spuren zu kopieren, die ich bereits erzeugt und benannt habe. Möglicherweise erscheint es etwas merkwürdig, dass man ein Signal von Spuren hört, in denen keine Audio- oder Midi-Region enthalten ist, doch das Audiomaterial befindet sich in diesem Fall bereits im kopierten Plug-in, von welchem es wiedergegeben wird. Mein Ziel ist es, zwei Dopplungen (links, rechts) auf der ersten Gesangsphrase und zwei verschiedene Harmonies auf der zweiten Phrase zu kreieren, wozu ich separate Spuren nutzen möchte.

Im Video ist zu sehen, dass ich über das Menü „Bearbeiten“ die Funktion „Zufallsabweichungen hinzufügen“ nutze, um bei den Kopien die erforderlichen Abweichungen zu generieren und einen unnatürlichen Flanger-Effekt möglichst zu vermeiden.

In der Praxis sind allerdings weitere Variationen der Tonhöhenparameter oder Formanten über den Noteninspektor empfehlenswert, um ein möglichst „unkünstliches“ Ergebnis zu erzielen. Weiterhin ist anzumerken, dass eine derartige Erzeugung virtueller Stimmen tendenziell eher im elektronischen Musikbereich als bei audiophilem Akustik-Jazz angewendet wird. Allerdings ist es auch so, dass sich in einem finalen, möglicherweise komplexen Mix eventuelle, unnatürliche Artefakte „versenden“ und nicht störend auffallen. Im folgenden Video sehen und hören wir das Ergebnis meiner roughen Bearbeitung des Country-Barden.

Das Bearbeitungsergebnis wird in der Regel gebounct und in die entsprechenden Spuren in der DAW eingefügt, wodurch es für den Mix und weitere Bearbeitungen auch wieder grafisch dargestellt wird. Die Bearbeitung im Video erfolgte mit Melodyne 4 studio, wo ich von den Funktionen der komfortablen Spurliste Gebrauch gemacht habe, welche in den anderen Versionen des Programms nicht zur Verfügung stehen. Dennoch lassen sich die gezeigten Arbeitsschritte auch mit allen günstigeren Melodyne Varianten durchführen. Hier muss man lediglich die Plug-in-Instanzen der jeweiligen Spuren separat öffnen.

Polyphones Editing - Algorithmen

Melodyne verfügt über verschiedene Algorithmen zur Bearbeitung von Audiomaterial, wobei das Programm automatisch den geeignet erscheinenden Algorithmus aus folgenden Optionen auswählt:

  • Universell
  • Perkussiv
  • Melodisch
  • Mehrstimmig gehalten
  • Mehrstimmig abklingend

Grundsätzlich kann man anhand des Namens gut erahnen, für welche Art von Material sich die Algorithmen eignen, einige Erklärungen sind aber noch notwendig, um letzte Unklarheiten zu beseitigen, z.B. beim Algorithmus „Universell“. Dieser eignet sich eigentlich für jegliches Quellmaterial, auch polyphones, allerdings sind die Bearbeitungsmöglichkeiten eingeschränkt und erlauben keinen Zugriff auf einzelne Noten, wie man es von Melodyne sonst gewohnt ist. Dieser Algorithmus eignet sich beispielsweise zur ressourcensparenden Transponierung oder Tempoänderung eines kompletten Audiofiles. „Perkussiv“ hingegen ist für die Verwendung bei perkussivem Material ohne Tonhöhenrelevanz prädestiniert und bietet sich zur rhythmischen Überarbeitung an. Zur Editierung von mehrstimmigem Material gibt es zwei Algorithmen für eher flächige Sounds (Mehrstimmig gehalten) und Instrumente mit perkussiver Attack Phase (Mehrstimmig abklingend), wie einem Klavier. Im folgenden Videobeispiel transferiere ich eine simple Klaviersequenz in das Plug-in, woraufhin das Material automatisch im korrekten Algorithmus „Mehrstimmig abklingend“ analysiert wird.

Notenzuweisung

Beim Betrachten des Notenbildes fällt auf, dass der erste hohe Klavierton fehlt, weil er bei der Erkennung offensichtlich als Oberton des Basstons interpretiert wurde, was möglicherweise an einem zu geringen Pegel der hohen Note liegt. Für solche Fälle bietet Melodyne verschiedene Werkzeuge an, mit denen man eine Korrektur der Notenzuweisung vornehmen kann. Im folgenden Video aktiviere ich den Notenzuweisungsmodus und nutze das Aktivierungswerkzeug zur Korrektur. Alternativ hierzu gibt es zur rechten Seite der Werkzeugbox einen Regler, über welchen ein genereller Threshold zur Separierung einzelner Noten angepasst werden kann, sofern dieses Problem an mehreren Stellen auftritt.

Als nächsten Schritt möchte ich das Timing des Klaviers dahin überarbeiten, dass die Sequenz auch auf einem quantisierten Beat verwendet werden kann. Hierzu nutze ich das Timingmakro und quantisiere das Audiomaterial hart auf Achtelnoten. Alternativ hierzu könnte man natürlich auch einzelne Noten per Timingwerkzeug bearbeiten.

Wer kritisch hinhört, wird feststellen, dass vereinzelt leichte Artefakte wahrzunehmen sind. Um dem entgegenzuwirken, bietet Melodyne eine Vielzahl weiterer Finetuning-Möglichkeiten der Notenzuweisung sowie diverse Parameter zur Verfeinerung des aktiven Algorithmus. Um es vorwegzunehmen: Es ist schwierig einen didaktisch nachvollziehbaren Weg aufzuzeigen, wie man zu einem optimalen, möglichst artefaktfreien Ergebnis gelangt, ein wenig Experimentierfreude ist hier klar von Vorteil, da die Auswirkungen von Erkennungskorrekturen auf das Endergebnis schwierig vorherzusehen sind. Allerdings muss man auch sagen, dass sich derartige Artefakte in vielen Fällen im Kontext zu anderen Spuren, also im Mix komplett, „versenden“ und nicht negativ auffallen, womit der Einsatz von Melodyne bei der Bearbeitung von polyphonem Material einen hohen Nutzwert hat.

Hören und sehen wir uns ein weiteres Beispiel an: Im Verlauf der Klaviersequenz wurde ein falscher Ton gespielt, der im folgenden Video korrigiert wird, woraufhin die Stelle im oberen Spektrum ein wenig künstlich klingt. Abgesehen davon, dass diese spektrale Auffälligkeit im Kontext anderer Spuren wahrscheinlich verdeckt wäre, habe ich dieses Artefakt ganz pragmatisch reduziert, indem ich den korrigierten Ton mit dem Formantwerkzeug etwas dumpfer „getunt“ und im Pegel reduziert habe. Möglicherweise könnte man hier den Sound Editor, welcher im folgenden Teil dieses Workshops behandelt wird, gewinnbringend einsetzen.

 

Doch zurück zur Notenzuweisung. Welche Werkzeuge stehen dort zur Verfügung, um die Analyse des transferierten Audiomaterials bei Bedarf zu korrigieren?

Der Werkzeugkasten

Das Aktivierungswerkzeug haben wir bereits kennengelernt. Doch es gibt noch weitere Tools zur Notenzuweisung, die im Übrigen nicht nur bei der Bearbeitung von polyphonem Ausgangsmaterial eingesetzt werden. Allerdings ist die Erkennung von beispielsweise melodischem Material vergleichsweise unproblematisch, weswegen ich die Werkzeuge, die in der folgenden Abbildung zu sehen sind, an dieser Stelle des Workshops thematisiere.

 

Einige Tools sind schon aus dem Editierfenster bekannt. Das Hauptwerkzeug (links) hat wie im Editiermodus eine Mehrfachfunktion. Hier dient es je nach Positionierung auf dem Blob als Notenaktivierungs- und Notentrennwerkzeug. In der Abbildung ist das Startpunktwerkzeug ausgewählt. Hiermit kann der timingrelevante Startpunkt einer Note aktiviert, deaktiviert und verschoben werden. Dieser muss nicht zwingend der Anfang eines Blobs sein, wo z.B. ein Konsonant oder das Attackgeräusch eines Instruments zu hören ist, welches sich für einen tighten Groove oftmals unmittelbar vor der Beat-/Quantisierungsposition befindet. Bei mehrstimmigen Akkorden hat es außerdem klangliche Vorteile für die Bearbeitung, dass gleichzeitig angeschlagene Töne einen synchronen Startpunkt haben.

Rechts vom Startpunktwerkzeug glauben wir einen alten Bekannten, das Amplitudenwerkzeug zu sehen. Im Notenzuweisungsmodus der polyphonen Algorithmen verbirgt sich hinter diesem Symbol das sogenannte Energieanteilwerkzeug, welches hier eine etwas speziellere Funktion besitzt. Die Erkennung eines Akkords stellt Melodyne vor die Aufgabe, die unterschiedlichen Töne voneinander zu separieren sowie vorhandene, zum Teil gemeinsame Obertöne als solche zu erkennen und den entsprechenden Noten zuzuordnen. Das Energieanteilwerkzeug manipuliert diese Verteilung und dient der Optimierung, falls bei der Bearbeitung einzelner Noten Artefakte auftreten. 

Jalousien & Algorithmusinspektor

Hinter dieser merkwürdigen Überschrift verbergen sich weitere Finetuning-Möglichkeiten, die im Zusammenhang mit der Notenzuweisung eine Verbesserung des Bearbeitungsergebnisses bewirken können. Simpel wie genial ist die Jalousie, die man wahlweise von unten oder oben zur Eingrenzung des Tonbereichs zuziehen kann. Der Sinn ist die Unterbindung der Fehlinterpretation von Obertönen als musikalisch relevante Note, was die Notenzuweisung erleichtert. Bei Bedarf lassen sich ausgegrenzte Töne trotzdem manuell als Note definieren.

Im Algorithmusinspektor lassen sich verschiedene Parameter entsprechend der Charaktereigenschaften (z.B. Obertonstruktur) des Quellmaterials oder der Intensität der Formantkorrektur bei potentieller Tonhöhenveränderungen verändern. Trotz der Vorhörfunktion einzelner Noten, die eine spätere Bearbeitung von Tempo, Tonhöhe und Formanten simuliert, bleibt die Auswirkung auf die tatsächliche, musikalische Bearbeitung ungewiss. Bei Änderungen der Algorithmus-Parameter nach der musikalischen Editierung werden die bereits erfolgten Bearbeitungen leider verworfen.

Damit nicht der Eindruck entsteht, dass polyphone Bearbeitungen stets eine umfangreiche Korrektur der Erkennung benötigen, zeigt das folgende Video ein simples „Aus-Dur-mach-Moll“-Beispiel anhand einer akustischen Gitarre, direkt nach dem Transfer ins Melodyne-Plug-in.

Beenden möchte ich diesen Workshop mit einer weiteren interessanten Funktion der Notenzuweisung, die es ermöglicht im polyphonen Algorithmus eine zusammenhängende Linie zu einer Notenfolge zu verbinden, die sich daraufhin so bearbeiten lässt wie eine Melodie im melodischen Algorithmus. Im folgenden Video wird das Vorgehen anhand des Cellos demonstriert.

Fazit: Mit den Möglichkeiten des direkten Zugriffs auf einzelne Noten innerhalb von Aufnahmen mit mehrstimmigem Audiomaterial ist Celemony Melodyne bis dato konkurrenzlos und der Einsatz ist tatsächlich praktikabel, obwohl es aufgrund der zahlreichen Features der Notenzuweisung vielleicht einen anderen Anschein erweckt. Tatsächlich muss man vor der eigentlichen Bearbeitung häufiger bei der Notenzuweisung nachbessern als bei melodischem Material, wobei der Umfang stark von der Komplexität der mehrstimmigen Aufnahme abhängt. In der Praxis gelingen partielle Ausbesserungsarbeiten zu dem Zweck, fehlerhafte Spuren in einer Produktion nutzbar zu machen, aber meistens zügig. 

Der nächste Teil des Melodyne-Workshops beschäftigt sich mit den Klangformungsmöglichkeiten im Sound Editor der Studio Edition von Melodyne 4.

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