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Celemony Melodyne 5 Studio Workshop #4 – Kreatives Sound Design

Neben dem Multitrack Note Editing, welches im zweiten Teil des Workshops im Mittelpunkt steht, zählt der der Sound Editor, der bereits in Versionsnummer 4 von Celemony Melodyne eingeführt wurde, zu den herausragenden Innovationen der Studio Edition von Melodyne.

Kreatives Sound Design

Dieser Workshopteil widmet sich ausschließlich den damit verbundenen Features, zu welchen es meines Wissens kein unmittelbares Equivalent oder Konkurrenzprodukt eines anderen Softwareherstellers der Audiobranche gibt. Was man mit dieser Innovation so alles anstellen kann, werden wir uns in diesem Workshop einmal anschauen.

Spätestens nach der Lektüre des dritten Workshopteils, Stichwort: DNA Direct Note Access bei polyphonem Ausgangsmaterial, sollte es bekannt sein, dass Melodyne nach der Analyse und ggf. weiterem Feinschliff bei der Notenerkennung einer Audiodatei, sehr viel, im Idealfall alles bis auf die Raumtemperatur während der Aufnahme über das File weiß. Im wesentlichen sind dies die musikalisch relevanten Noten sowie deren Obertöne sowohl bei ein- als auch bei mehrstimmigem Material.

Der Sound Editor nutzt dieses Wissen und bietet diverse Manipuationsmöglichkeiten, die weit über die Korrektur oder bewusste Verfremdung mit dem altbekannten Formantwerkzeug hinausgehen. Wie bei eigentlich allen etablierten Manipulationsmöglichkeiten von Melodyne, ist auch der Sound Editor sowohl für tontechnischen Feinschliff als auch für kreative, auffällige Verfremdungen und Soundkreationen einsetzbar.

Details

Sound Editor – Harmonics

Einen ersten Eindruck soll das folgende Video vermitteln, in dem die unterschiedlichen Zugriffsmöglichkeiten auf die Obertöne gezeigt werden. Neben der direkten Bearbeitung einzelner oder einer Auswahl von Obertönen gibt es einige inspirierende Makro-Regler, die beispielsweise speziell geradzahlige oder ungeradzahlige Harmonische bearbeiten. 

(Anmerkung: Einen kurzen Knackser, der an der Doppelbelastung aus rechenintensivem Experimentieren in Echtzeit plus gleichzeitiger Aufnahme des Desktop-Videos liegt, bitte ich zu entschuldigen.)

Welche Tools haben wir im Video gesehen? Der direkte Zugriff auf die per Balkenform dargestellten Obertöne ist ziemlich eindeutig. Die grauen Balken zeigen den durchschnittlichen, die Analyser-artigen schwarzen Punkte den aktuellen Pegel des jeweiligen Obertons an.

Fotostrecke: 3 Bilder Die Darstellung der Obertöne bietet direkten Zugriff.
Fotostrecke

Die links und rechts vom Harmonics-Button angeordneten Lo- und Hi-Buttons erlauben zusätzlich einen getrennten Zugriff auf die Obertöne tiefer und hoher gespielter Noten, wobei man als Anwender diese Bereiche bzw. den Übergang weder einsehen noch verändern kann.

Der Zweck ist beispielsweise tiefen Klaviertönen ein Plus an brillanten Obertönen zu geben, wogegen die gleichzeitig klingenden hohen Klaviertöne unbearbeitet bleiben. Gibt es irgendwo auf der Welt einen EQ, der so etwas kann? Nochmal zur Erinnerung: Hier werden die Obertöne der gespielten Noten angehoben/abgesenkt, nicht fest definierte Frequenzbänder. Unterhalb der Obertongrafik befinden sich vier Makro-Regler. Der Reihe nach:

  • Brilliance: Der Regler macht genau das, was man aufgrund seines Namens erwartet. Je nach Einstellung wird das Signal strahlender oder dumpfer.
  • Contour: Dieser Regler vergrößert oder verkleinert die Pegelunterschiede benachbarter Obertöne. Hierdurch kann ein prägnanterer Charakter erzeugt oder das Spektrum homogenisiert werden. Ist der Regler hart links positioniert, wird der ursprüngliche Pegel des Spektrums invertiert.
  • Odd/Even: Mit diesem Tool, das wahlweise gerad- oder ungeradzahlige Obertöne ausblendet, lässt sich gezielt der tonale Charakter in Richtung harmonisch und dissonant beeinflussen.
  • Comb: Nach Art eines Kammfilters können in variierender Intensität Obertöne ausgeblendet sowie das Spektrum verschoben werden, was sich zur Erzeugung unnatürlicher Effekte eignet.
Fotostrecke: 4 Bilder Der Makro-Regler „Brilliance“
Fotostrecke

EQ

Einen Equalizer gibt es ebenfalls und dieser hat erwartungsgemäß einige Besonderheiten auf Lager. Zunächst fällt einem die Skalierung ins Auge, in der die einzelnen Bänder mit Notennamen statt „unmusikalischer“ Frequenzen versehen sind.

Passend dazu agieren zwei der vier Makro-Regler tonartbezogen. Während „Brilliance“ und „Contour“ quasi die gleiche Veränderung der Kurve bewirken wie im Harmonics-Modus, bloß hier mit feststehenden Frequenzen/Tönen als Modulationsziel anstatt Obertönen, werden mit den Reglern „Tonality“ und „Comb“ skalenfremde oder -eigene Töne nach verschiedenen Mustern ausgeblendet. Hier haben wir es sozusagen mit dem Paradebeispiel eines musikalischen EQs zu tun. Das folgende Video sollte letzte Unklarheiten beseitigen:

Zum Experimentieren ist der EQ mindestens genauso einladend wie die Harmonics-Sektion. In beiden Modi lassen sich übrigens Spektren kopieren und auf andere Spuren anwenden.

Im rechten Menü können Copy/Paste-Aktionen durchgeführt werden.

Synth

Für zusätzliche Würze sorgen drei Hüllkurven mit den Modulationszielen „Spectrum“ (Intensität von Harmonics und EQ), „Formant“ und „Amplitude“ (Lautstärke), welche am Startpunkt jeder erkannten Note ausgelöst werden, ganz so als würde man einen polyphonen Synthesizer spielen. Das folgende Video zeigt, wie großartig sich die Hüllkurven zum kreativen Experimentieren eignen. Falls das hier jemand von Celemony lesen sollte, eine Skalierung der Hüllkurven zum Taktraster wäre eine super Sache für kommende Updates!

Resynthesize (Magnitudes, Phases):

Unter den Hüllkurven finden sich zwei weitere Makro-Regler mit den Bezeichnungen „Magnitudes“ und „Phases“. Magnitudes gleicht den Pegel aller Obertöne an und blendet mit zunehmender Intensität Nichtharmonische aus, wodurch das Signal in hohen Einstellungen dieses Reglers immer orgelähnlicher wird. Phases gleicht die Phasenlage aller Teiltöne an, wodurch der Klang in extremen Einstellungen statischer wird.

Resynthese
Die beiden unscheinbaren Makro-Regler zur Resynthese

Im folgenden Video hören und sehen wir, wie die beschriebenen Funktionen aus einer Klavieraufnahme neue Sounds generiert, die man während einer Produktion beispielsweise als Dopplung, partielle Alternative oder für Morphing-Effekte nutzen kann.

Emphasis & Dynamics

Im vorletzten Video konnte man schon den zaghaften Einsatz dieser beiden Makro-Regler sehen, die bisher noch nicht explizit erwähnt wurden, obwohl sie als wesentliches Feature zur Klanggestaltung in allen Arbeitsbereichen (Harmonics, EQ, Synth) verfügbar sind. Was bewirken sie? Emphasis betont bzw. verringert die Abweichung des Spektrums einzelner Noten vom durchschnittlichen Spektrum der gesamten Spur.

Somit kann der Gesamtklang wahlweise einen prägnanteren, detailreicheren Charakter bekommen oder auch homogener und unauffälliger gestaltet werden. Der Makro-Regler „Dynamics“ verhält sich wie eine Kreuzung aus Transient Designer und Kompressor. Regelt man ihn nach rechts, wird das Signal zusehends perkussiver, während die entgegengesetzte Richtung einen kompressorartigen, fast flächigen Dynamikverlauf erzeugt.

Fotostrecke: 2 Bilder Der Makro-Regler „Emphasis“
Fotostrecke

Den Einsatz beider Tools sehen wir im folgenden und abschließenden Video dieses Workshops. Man beachte den weiten Regelbereich und die teilweise drastischen Auswirkungen auf den Sound. Bei feinfühligem Einsatz handelt es sich um hervorragende Tools, um eine Spur im Mix zu platzieren.

Im nächsten Teil unserer Serie schauen wir uns die mächtige Akkordspuren an!

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von Peter Könemann

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