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Test
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28.01.2015

Casio CZ App for iPad Test

PD-Synthesizer für das Apple iPad

Phase Distortion Synth frisch vom Erzeuger!

Casios digitale PD Synthesizer, die von den 1980er Jahren bis in die frühen 90er gebaut wurden, werden in Kennerkreisen bis heute geschätzt, da sie eine besondere Nische ausfüllen. Und obwohl digitale Vintage Synthesizer im Vergleich zu ihren analogen Vettern immer noch vergleichsweise erschwinglich sind, muss man dennoch oftmals einige Hundert Euro für gebrauchte Exemplare des CZ-101 und seiner Kollegen hinblättern.


Somit ist es erfreulich, wenn derartige Geräte als Software-Version erhältlich sind, was bei PD Synthesizern in jüngerer Vergangenheit mehrfach der Fall war. Emulationen digitaler Instrumente haben den Vorteil, sich nicht mit der Nachbildung analoger Filter, Sättigungen, VCOs etc. herumschlagen zu müssen und sind in ihrer Authentizität häufig äußerst kompromisslos. Wenn eine derartige Emulation dann auch noch vom Hersteller des Originals kommt, sind die Erwartungen besonders hoch gesteckt - so wie auch in diesem Fall!

DETAILS und PRAXIS

Laut Hersteller orientiert sich die Casio CZ App am CZ 101 (weitgehend identisch mit CZ 1000) von 1984 und ist – wie viele an historische Synthesizer angelehnte Softsynths – keine hundertprozentige Emulation. Gut so, denn das Hardwarevorbild hatte beispielsweise keine Anschlagdynamik! Der CZ 101/1000 zählt zu den simpleren Vertretern der PD Synthese. Seine Klangbausteine sind in der CZ App gemäß CZ 101 Manual exakt nachgebildet. Die Hardware-Variante ist mir mehrfach unter die Finger gekommen, steht mir zum direkten Vergleich aber leider nicht zur Verfügung. Das Betriebssystem iOS 8.0 ist laut Casio die Mindestvoraussetzung zum Betrieb der App auf dem iPad. Eine Version für das iPhone gibt es nicht.

Als „Hors d´Oeuvre“ habe ich mit Hilfe von Logic Pro X ein kleines, sinnfreies Multitrack-Arrangement mit überarbeiteten Factory Sounds und Eigenkreationen der Casio CZ App erstellt. Alle Sounds entstammen ausnahmslos der App, alle internen Effekte sind deaktiviert und bis auf einen Multiband Limiter und einen dezent insertierten Raum auf der Summe kommen keine weiteren Effekte, EQs o.ä. zum Einsatz.

Die Klangerzeugung

Phase Distortion ist eine Eigenentwicklung von Casio, die in deren professionellen Synthesizern ihren Einsatz fand. Im Internet finden sich jede Menge korrekte, aber teilweise etwas akademisch anmutende Erklärungen. Ich wage mal einen stark vereinfachten Versuch, die PD-Synthese der CZ App zu beleuchten:

DCO

Als erstes Glied der Klangerzeugung befindet sich ein digitaler Oszillator (DCO) mit acht wählbaren Waveforms. Bei Bedarf können auch zwei Waveforms kombiniert werden. Kombiniert man beispielsweise Square und Saw, so werden diese quasi als neue Waveform „aneinandergeklebt“ – ganz simpel! Inklusive der Kombinationen bietet der DCO somit 36 Waveforms zur Klanggestaltung. Weiterhin steht im DCO eine Hüllkurve zur Steuerung der Tonhöhe zur Verfügung. Im Folgenden ist eine Auswahl der kombinierten Waveforms zu hören:

DCW (Digitally Controlled Waveform):

Dieses klangformende Element nimmt die Funktion eines Filters ein, ist aber keins! Das kann man sich folgendermaßen vorstellen: Per Hüllkurve lässt sich eine obertonreiche oder resonierende Waveform vom DCO (hohe ENV Amplitude) in eine obertonlose (Sinus-) Waveform (niedrige ENV Amplitude) überblenden. Somit lässt sich der (sich verändernde oder auch konstant bleibende) Amplitudenwert der DCW-Hüllkurve quasi mit der Filteröffnung eines Low Pass Filters vergleichen.

DCA (Digitally Controlled Amp):

Zu guter Letzt folgt die Lautstärkenhüllkurve. Zur Gestaltung der Hüllkurve stehen acht ENV Points zur Verfügung, was im Übrigen auch auf die Pitch- und Wave-Envelopes zutrifft.

„Lines“:

DCO, DCW und DCA gibt es in doppelter Ausführung (Line 1/2) und sie können entsprechend der Einstellmöglichkeiten im Parameter Feld „Line Select“ kombiniert werden. Bei der Verwendung von zwei Lines können diese zudem gegeneinander verstimmt werden (Oktave, Halbtöne, Cent).

Weitere charakteristische Bestandteile zur Formung vielfältiger Klänge sind Ringmodulation (erzeugt metallische, FM-ähnliche Sounds), Noise Modulation (nützlich für Drum Sounds), ein per Mod Wheel steuerbares Vibrato sowie eine Effektsektion, in der auch ein regelbarer Portamento-Effekt zu finden ist.

Im Folgenden habe ich einige der 34 überwiegend puristisch anmutenden Factory Presets kurz angespielt. Dazu habe ich die internen Effekte deaktiviert.

Weitere Features


Die Casio CZ App ist bis zu vierfach multitimbral einsetzbar und unterstützt Core Midi und Interapp-Audio. Analog dazu lassen sich mehrere Keyboards darstellen (siehe Abbildung) und gleichzeitig spielen. Mir fällt es ehrlich gesagt schon schwer, nur ein Keyboard der App sinnvoll einzusetzen, weil die Tastengröße etwas grenzwertig ist und sich nicht z.B. stufenlos individualisieren lässt, wie man es von vielen anderen Apps gewohnt ist.

Ein weiteres Feature nennt sich „Audio“. Dieses ermöglicht das Spielen der Casio CZ App zu Titeln der iTunes Music Library. Darauf habe ich mein Leben lang gewartet (Ironie aus). Das funktioniert auf meinem iPad 4 (iOS 8.1.2) aber nicht, was möglicherweise der frühen App Version geschuldet ist – macht aber auch nichts!

Sound

Der PD-Sound der CZ-Synths ist Yamahas FM-Synthese der DX-Modelle nicht ganz unähnlich. Mit Ausnahme von einigen populären Hochglanz-Sounds, die in ihrer Anzahl aber überschaubar sind, haben die digitalen Synthesizer der frühen 80er generell einen gewissen Trash-Faktor, was auch auf den Casio CZ 101/1000 zutrifft. Der CZ App gelingt es mühelos, den häufig puristisch anmutenden, direkten und manchmal gnadenlosen Sound des Hardware-Vorbilds authentisch nachzubilden – das Hauptziel ist somit erfüllt! Etwas enttäuscht bin allerdings ich von der mageren und lieblosen Auswahl an puristischen Factory Sounds. Es muss ja keine „Preset-Schleuder“ mit 500 Sounds sein, aber das ein oder andere inspirierende Klangprogramm hätte der CZ App ganz gut zu Gesicht gestanden. Die Effektsektion ist von mittelmäßiger Qualität und die Intensität der Effekte etwas hakelig einzustellen, womit wir beim nächsten Punkt wären.

Bedienung

User von CZ Hardware Synthesizern werden möglicherweise Gefallen an der vergleichsweise vorteilhaften Bedienbarkeit der CZ App finden. Als erfahrener User vieler anderer iOS Synths empfinde ich die Bedienung und Haptik der Casio CZ App allerdings als unausgereift. Angefangen mit der nahezu unspielbaren Tastatur sind viele Bedienelemente, allen voran die Drehregler aufgrund ihrer Größe schwierig zu bedienen. Besonders nervig ist dies beim Herunterregeln der Effektsends, was mangels eines Bypass-Schalters häufig notwendig ist. Auch der Maßstab der Hüllkurven ist nicht optimal gewählt. Die Feineinstellung praktikabler Attack- oder Abkling-Zeiten per Finger ist fast unmöglich. Schade! Man merkt doch ein bisschen, dass Casio hier Neuland betritt.

Fazit

Wer seine Synthesizer-Sammlung um einen stilbildenden Phase Distortion Synthesizer bereichern möchte, der findet in der Casio CZ App for iPad eine wirklich interessante und authentische Alternative zu einem Gebrauchtgerät im dreistelligen Eurobereich. Verglichen mit anderen iOS Synths erscheint mir die CZ App aber als etwas unausgereift und lieblos. Besonders die vielfältigen Möglichkeiten der Bedienung per Touchscreen werden nur mangelhaft ausgenutzt. Bei einem iOS Synth für drei oder vier Euro könnte man hier vielleicht ein Auge zudrücken, da der Preis mit ca. 20 Euro aber vergleichsweise selbstbewusst für eine iOS App ist, empfinde ich das Gebotene als etwas enttäuschend und die CZ App muss sich vor Konkurrenten wie Retronyms Phase84 (iOS App) und dem Plugin Boutique Virtual CZ (Plug-in Emulation von CZ 101/1000/3000/5000) in Acht nehmen. Da es sich bei der Casio CZ App for iPad um Frischware handelt, sind Verbesserungen und Aufwertungen natürlich nicht auszuschließen – ich lasse mich gerne positiv überraschen!

  • PRO:
  • Authentischer, direkter Sound
  • Günstige Alternative zur Hardware
  • Anschlagdynamisch
  • Einbindung in wichtige iOS Standards
  • CONTRA:
  • Unausgereifte GUI/Bedienung
  • Mittelmäßige Effekte
  • Teilweise instabil (Version 1.01)
  • Als iOS App vergleichsweise teuer
  • Kaum inspirierende Presets
  • FEATURES:
  • iOS Synthesizer App für Apple iPad
  • Bis zu 8 Stimmen
  • 2 DCOs
  • 8 kombinierbare Wellenformen (36 mögliche Kombinationen)
  • Anschlagdynamisch (DCO, DCW, DCA)
  • 3 Hüllkurven (Pitch, Wave, Amp)
  • Key Follow (DCW, DCA)
  • Vibrato (Triangle, Saw up, Saw down, Square)
  • Portamento
  • Effekte (Reverb, Chorus, DSP(Compressor, Delay, Distortion, Enhancer, Panning, Phaser, Tremolo, Wahwah))
  • 34 Presets
  • Kompatibel zu Core MIDI, Interapp-Audio, Audiobus
  • 4-fach multitimbral nutzbar
  • Preis:
  • EUR 19,99 (App Store)

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