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06.07.2015

Auswahlkriterien für eine gute Gesangsstunde

Checkliste - Teil 2 "Der innere Rahmen"

In Teil 1 ging es um die Rahmenbedingungen für eine gute Gesangsstunde. Im zweiten Teil,  "Der innere Rahmen", widmen wir uns dem Ablauf der Stunde. Dabei nehmen wir uns folgender Frage an: Woran erkenne ich, ob die Gesangsstunde gut ist? 

1. Sympathie

Singen ist eine extrem persönliche Äußerung die ihr, nach anfänglicher, natürlicher Aufgeregtheit gerne vor eurem Coach machen solltet. Singen ist auch viel Psychologie. Viele stimmliche Blockaden fangen im Kopf an. Deswegen sollte euch der Mensch, der euch unterrichtet, wirklich sympathisch sein.

2. Wohlfühlfaktor


Gesang braucht Raum. Habt ihr genug Platz?  Könnt ihr ohne Bedenken und Einschränkungen so ungezwungen und / oder laut singen wie ihr möchtet?


3. Verständnis

Habt ihr das Gefühl, euer (spezielles) Anliegen wird von der anderen Seite verstanden? Interessiert sich euer Coach für eure Unterrichtswünsche (bessere Technik, mehr Farben oder besserer Stimmsound etc)? Werden sie anschließend im Unterricht behandelt?

4. Eigene Stimme

Viele Sänger haben Bedenken, sich in die Hände eines Gesangslehrers oder einer -Lehrerin zu begeben. Sie fürchten, dass ihre Stimme verändert wird und sie nicht mehr so klingt wie sie klingen soll. Ein guter Vocalcoach geht auf das Spezielle in eurer Stimmfarbe und eure Art zu singen ein. Die Technik sollte auf euer Alleinstellungsmerkmal abgestimmt werden, um euren eigenen Stil zu entwickeln.

5. Vorsingen


Um euch vernünftig einschätzen zu können, muss euer Vocalcoach euch hören. Ich stelle meinen Schülern und Schülerinnen frei, ganze Lieder oder nur Teile vorzusingen. Wenn ihr blutige Anfänger seid, scheut euch nicht ein Kinderlied zu nehmen. Habt auch keine Angst davor, Fehler zu machen. Es geht ja nicht um Leistung sondern ums Anhören.

6. Check Up


Am Anfang sollten einmal kurz die Gesangsbasics gecheckt werden. Wie wird geatmet? Wie groß ist der Stimmumfang, wie gut ist das rhythmische Empfinden etc. Anschließend wird das Ergebnis mit eurem Lernwunsch verglichen und ein erstes, individuelles Lernprogramm daraus entwickelt.

7. Technik & Ausdruck


Technik und Ausdruck sind für mich gleichberechtigte Faktoren, die gleich viel Zeit brauchen, um entwickelt zu werden. Ich bin nicht der Ansicht, dass die Technik vor dem Ausdruck trainiert werden sollte. Beide Anteile bilden ja auch keinen Widerspruch, sondern ergänzen sich.

8. Anatomie


Ein guter Vocalcoach sollte euch auch die anatomischen Zusammenhänge erklären können, damit ihr Gesangstechnik besser versteht. So könnt ihr in Zukunft neue Informationen besser einsortieren. Es existiert leider immer noch eine ganze Menge Technikmüll. Vieles davon lässt sich leicht widerlegen, wenn wir es auf die anatomischen Gegebenheiten unseres Instrumentes überprüfen. Ein Beispiel:
Ein Rock-Gesangslehrer vertrat die Meinung, dass hohe Tönen besser mit nach vorne gezogener Zunge gesungen werden können. Das ist natürlich totaler Quatsch, da die Zunge im Hals  am Kehlkopf festgemacht ist und der Kehlkopf so nach oben gezogen wird was kontraproduktiv für entspannte Töne ist.


9. Bilder


Gesangstechnik funktioniert viel über Bilder, weil komplexe technische Zusammenhänge damit effektiv zusammengefasst werden können (z.B. „schnurre wie ein Kätzchen“ oder „Du bist ein Ölfass“). Die Bilder eures Coaches müssen aber nicht die richtigen für euch sein. Ich zum Beispiel modifiziere Bilder so lange, bis sie für den individuellen Schüler stimmig sind.

10. Besseres Körpergefühl


Guter Gesangsunterricht trainiert auch das Bewusstsein für euren Körper. Gesangsübungen sind manchmal ein bisschen wie Yoga oder Sport. Denkt immer daran: Sänger sind wie Sportler. Selbst eure Stimmbänder sind Muskeln. Also funktioniert euere Körper als Instrument wie der Körper eines Sportlers. Dehnübungen zum Beispiel helfen immens, eure Stimme besser klingen zu lassen.

11. Zu Hause üben


Habt ihr wirklich verstanden, was der Kern der Stunde war? Wofür die Übungen, die ihr zu Hause weiterüben sollt, gut sind? Hat euer Vocalcoach darauf geachtet, euch das am Ende noch einmal gut zusammen zu fassen? Ihr solltet motiviert aus einer Stunde gehen und Spaß am Üben haben, um das Maximum aus euch herauszuholen. 


12. Zeit

Natürlich dürft ihr keine Wunder erwarten. Fühlt ihr euch bei eurem neuen Vocalcoach grundsätzlich wohl, gebt ihm oder ihr Zeit, euch zu verbessern. Nicht alle Gesangsprobleme lassen sich nur durch richtiges Verständnis „mal eben“ lösen. Manchmal dauert der Weg zur Verbesserung ein paar Stunden oder ein paar Monate. In dieser Zeit wird eure Stimme Stück für Stück zum Ziel geführt.


Diese Liste ist bestimmt nicht vollständig. Ihr seht aber jetzt schon, auf wie vielen Ebenen Gesangsunterricht läuft. Deswegen wollte ich mich auf die (für mich) wichtigsten Punkte reduzieren.

Viel Erfolg wünscht euch Catharina

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