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08.05.2021

Audiovergleich - Neural DSP Soldano SLO-100 vs. Soldano SLO-30

Die SLO-100 Amplegende als Plugin gegen den SLO-30

Mike Soldanos SLO-100 gehört zu den ikonischen Amps der 80er und 90er Jahre und öffnete Tür und Tor für eine ganze Reihe von modernen High-Gain-Amps wie dem Peavey 5150 und dem Mesa Boogie Rectifier. Auch wenn der SLO von Gitarrengrößen wie Eddie Van Halen, Mark Knopfler, Gary Moore und Prince gespielt wurde, hörte man nach den 90ern nur noch sporadisch von Soldano Amps. Das lag zum einen daran, dass der damals aufgerufene Preis für den SLO-100 alles andere als günstig war, aber auch daran, dass andere Hersteller auf die Idee kamen, Amps mit höheren Gainreserven herzustellen.
Erfreulicherweise legt Mike seinen Klassiker seit 2020 wieder auf und der SLO-100 hat mit dem SLO-30 sogar noch einen kleinen Bruder dazubekommen, der 30 Watt stark ist und zu einem etwas günstigeren Kurs den Besitzer wechselt. Die frohe Kunde geht jedoch noch weiter, denn pünktlich zum SLO-Release bringt die finnische Software-Company mit dem Soldano SLO-100 Plugin eine virtuelle Version der Amp-Legende heraus.
Hier kommt natürlich die Frage auf, ob ein Plugin, das nur einen Bruchteil des Echtamps kostet, qualitativ in die Nähe des Amps kommen kann? Versuch macht klug, und da ich davon ausgehe, dass der SLO-30 aufgrund seines kundenfreundlichen Preises eine höhere Verbreitung erfahren wird, möchte ich dieses Modell gegen die Software antreten lassen.

Tech Talk

Beim Neural Plugin handelt es sich bzgl. der Potis und der Kanäle um eine exakte Abbildung des Original-Amps.
Auch hier haben wir mit Normal und Overdrive zwei Kanäle, die über jeweils einen unabhängigen Vorverstärker- und Master-Lautstärkeregler verfügen, wobei der Normal-Channel noch zusätzlich mit einem Bright- und einem Clean/Crunch-Kippschalter ausgestattet ist, um dem Clean-Kanal eine Höhenanhebung oder noch mehr Gain zu verpassen. Beide Kanäle teilen sich einen EQ, bestehend aus einem Bass-, Middle- und Treble-Regler. An der Endstufe setzen Presence und Depth an, mit denen sich Bässe und die hohen Frequenzen bestimmen lassen.
Der formale Unterschied liegt beim 100-Watter, verglichen mit der 30-Watt-Version, in der Auslegung der Endstufe. Hier kommt der SLO-30 mit einem kleineren Transformator und mit nur zwei anstelle von vier 6L6 Endstufenröhren aus. Hinzu kommt, dass es beim Plugin, wie bei Neural generell üblich, noch Pre- und Post-Effekte gibt, sowie einen EQ und einen Cab-Block.

Klangbeispiele

Um einen halbwegs realistischen Vergleich zu ermöglichen, möchte ich mich hier auf die reine Abbildung des Amps konzentrieren und die Effektblöcke des Plugins vollkommen außen vorlassen. Auch macht der Testaufbau nur dann Sinn, wenn beide Amps durch eine identische Cabinet-Faltung aufgenommen werden. Aus diesem Grund lade ich in das Plugin die IR einer 4x12" Celestion PreRola Greenback und parke dieselbe Faltung hinter die Loadbox, in die ich den SLO-30 stöpsele.

Für die Audiofiles habe ich versucht, beide Sounds zu normalisieren und so gut es geht zu matchen, was zu leicht unterschiedlichen Settings der Potis führt. Das Matching wurde hierbei ausschließlich an den Amps vorgenommen und auf den Einsatz von zusätzlichen EQ-Plugins vollkommen verzichtet. Leichte Unterscheide können einerseits darauf zurückzuführen sein, dass Plugins schlichtweg anders klingen und reagieren können als ein Echtamp, allerdings auch auf den Umstand, dass für das Plugin ein 100-Watt-Amp Pate stand, der mehr cleanen Headroom hat als das bei einem 30-Watter der Fall wäre.

Normalchannel - Clean

Clean Picking - Strat Neck

PLUGIN Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 5 5 5 5 5 6 4
AMP Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 5 5 5 6 5 7 4

Funky - Strat 

PLUGIN Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 5 6 2 7 5 6 4
AMP Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 5 6 1-2 8 5 6 4

Jazzy - Les Paul

PLUGIN Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
Off Cl 7 6 4 6 5 6 6
AMP Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
Off Cl 7 6 4 6 6 6 6

Normalchannel - Crunch:

Mid Gain - Les Paul

PLUGIN Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cr 4 6 6 6 5 6 6
AMP Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cr 3-4 6 6 6 6 5 6

Fingerpick - Les Paul

PLUGIN Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 6 6 7 7 5 6 4
AMP Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 5-6 6 7 6 5 6 4

Classic Rock - Strat

PLUGIN Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 5 6 7 7 8 6 4
AMP Bright Cr/Cl Normal Bass Mid Treble Master Pres Depth
On Cl 4 6 7 6 7 5 4

Overdrive Channel:

80s Gain - Les Paul 

PLUGIN Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
3 5 5 5 5 6 4
AMP Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
2 4 5 5 5 6 4

Mid Scoop Drop D - Les Paul

PLUGIN Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
4 1 0 6-7 5 6 4
AMP Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
3 2 0 6-7 5 6 3

Dynamic Picking - Les Paul

PLUGIN Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
4 5 5 5 5 5 5
AMP Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
3 5 5 5 5 5 4

Lead - Les Paul Bridge and Neck

PLUGIN Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
4 6 7 6 5 4 6
AMP Overdrive Bass Mid Treble Master Pres Depth
3 6 7 6 5 4 5

Zum Abschluss hört ihr noch ein Praxisbeispiel zu einem Backing Track, wobei der erste Durchgang vom SLO-30 stammt, der zweite dann vom Neural SLO-100 Plugin. 

Fazit:

Auch wenn es stellenweise nicht ganz exakt möglich war, 1:1 den identischen Sound hervorzubringen, muss ich gestehen, dass ich vom Ergebnis extrem überrascht bin. Mir war klar, dass Neural DSP Top-Produkte liefert, die sicherlich zu Königsliga der virtuellen Ampmodelle zählen, aber damit, dass das Ergebnis so nahe am Original klebt, hätte ich nicht gerechnet.
Interessanterweise fiel die Anpassung der beiden Produkte für jeden Kanal anders aus. So hatte ich im cleanen Kanal den Eindruck, dass das Plugin bei gleichem Setting minimal spritziger in den Höhen und mit einer Aushöhlung der Mitten daherkommt, die sich so am Amp nicht tweaken lässt. Außerdem schien es, als ob bei der virtuellen Lösung noch ein klitzekleiner Kompressor am Werk wäre, der den Sound insgesamt etwas kompakter macht. Im Crunch- und Overdrive-Setting hingegen musste ich eher den Bass- und Tiefmittenbereich des Plugins anheben, um einen vergleichbar druckvollen Sound zu erhalten, wobei das Topteil auf der anderen Seite des Spektrums auch klarere und offenere Höhen liefert. Auch die Gain-Auslegung ist beim 30-Watt-Topteil etwas anders gestaltet, wodurch der Echtamp bei gleicher Potistellung des Preamp-Levels signifikant mehr Zerre generiert. Beim Mid-Scoop Drop-D-Sound fällt auf, dass das Plugin nicht ganz so gut mit den Bassfrequenzen umgehen kann und selbst bei einer niedrigen Stellung des Bass- und Depth-Reglers erhält man hier ganz schön "wummrige" 150 Hz, was beim SLO-30 unabhängig vom Setting längst nicht so ausgeprägt ist.
Im Mix ist vor allem beim Leadsound wahrzunehmen, dass sich dieser etwas flacher und weniger durchsetzungsfreudig als das Röhrenoriginal präsentiert. Viele der oben genannten Unterschiede lassen sich jedoch mit einem beherzten EQ-Einsatz, auf den ich hier bewusst verzichtet habe, sicherlich bis zu einem gewissen Grad nivellieren. Trotz der Unterschiede liefert Neural hier einen astreinen Job, der neugierig darauf macht, was die Plugin-Technologie der nächsten Jahre noch so mit sich bringen wird. Die Abstände zum Original verkürzen sich nämlich merklich.

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