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24.09.2020

Audio-Hardware vs. Software – unter Umweltaspekten

Böse Hardware, gute Software? So einfach ist es nicht!

Sind Hardware-Kompressoren das „neue Fleisch“ und Gitarren-Topteile die SUVs für den Musiker? Ein Denkansatz.

Ob nun Hardware oder Software die „bessere“ Lösung in der Musikproduktion ist, ist Thema vieler Diskussionen. Das ist schon lange so und wird sich wohl so schnell nicht ändern. Vielleicht ist es aber sinnvoll, einzelne Aspekte herauszugreifen. Gregor Hennig hat sich in seinen Studiomythen beispielsweise damit auseinandergesetzt, ob es überhaupt sinnvoll ist, die Frage "Hardware oder Software" so banal zu stellen. Dieser Artikel hier behandelt den die Umweltschädlichkeit von Audio-Hardware und -Software, die zwar angesichts der großen Problemverursacher quantitativ nachrangig und daher eher zu vernachlässigen erscheint, aber deswegen dennoch nicht ignoriert werden sollte.

In den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland von der Masse der Bevölkerung wurden ökologisch denkende Menschen noch eher belächelt. Heute ist wohl jedem logisch denkenden Menschen klar, dass sein Leben auf die Umwelt und somit die Lebensgrundlage für nachfolgende Generationen nicht ohne Einfluss sein kann. Dass wir trotzdem noch viel zu große Autos fahren, Fernreisen unternehmen (wenn nicht gerade mal wieder eine Pandemie wütet), viel zu große Mengen Fleisch essen, Produkte und Lebensmittel aus allen Teilen der Welt nutzen und viel zu viel viel zu früh oder sogar komplett ungenutzt wegwerfen, das sollte mittlerweile allseits bekannt sein.

Hardware muss hergestellt werden

Die „Härte“ von „Hard“-ware muss irgendwo herkommen. Gehäuse von Geräten bestehen meist aus Metallen, die an verschiedenen Orten der Welt gefördert werden. Ein weiteres viel verwendetes Ausgangsmaterial ist schlicht und einfach Erdöl. Für die Gewinnung von Erzen werden nicht nur einfach Löcher in den Boden gebohrt, sondern bisweilen fast schon ganze Gebirge abgetragen, mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf Flora, Fauna und menschliche Bewohner. Was die Förderung organischer Rohstoffe so mit sich bringt, wissen wir auch alle (Stichworte: „Fracking“, „Deepwater Horizon“).

Verwendete Metalle sind so gut wie immer Legierungen, also Zusammensetzungen verschiedener Metalle. Auch Erdöl wird erst durch Zusatzstoffe zu dem, was uns in Geräten nutzen kann. Und so findet man in Geräten eben nicht nur Eisen und Erdöl, sondern meist auch Kupfer, Zinn, Aluminium, verschiedene andere Metalle (auch die Seltenen Erden). Besonders für die elektrischen Bauteile wird ein ganzes Arsenal an verschiedenen Ausgangsstoffen verwendet, die für eine geringe Ausbeute einen irrsinnigen Aufwand verlangen – Gold zum Beispiel!

Die Förderung benötigt immer Energie. Enorm ist auch fast immer die Energie (Hitze, Strom etc.), die zur Weiterverarbeitung verwendet werden muss. Und nicht zu unterschätzen sind die Transportkosten von den Förderorten zu denen der Weiterverarbeitung. Bis also beispielsweise ein kleiner Kondensator in den USA auf eine Platine gelötet werden kann, haben die Bestandteile oft lange und sehr unterschiedliche Wege hinter sich – die sich im Übrigen so gut wie nie wirklich komplett nachverfolgen lassen). Immerhin: Ein zunehmender Teil der Rohstoffe besteht aus recyceltem Material. Allerdings vergisst man dabei gerne: Auch dieses muss transportiert und bearbeitet werden.

Von A nach B – und da geht’s weiter

Ein fertiges Gerät muss – selbstverständlich von diversem Füllmaterial gesichert und oft mit gedrucktem Beiwerk und allerhand Zubehör bedacht – auf die Reise gebracht werden. Zu den Vertrieben und dann den Einzelhändlern geht es meist per LKW, Schiff, Flugzeug und seltener auf der Schiene. Vom Handel aus dann per LKW oder privatem PKW zum Einsatzort.

Nicht vergessen: Es gibt auch Folgekosten für die Umwelt: Zum einen benötigt man Platz (beispielsweise Racks) und Zubehör (Kabel, Interfaces mit mehr I/Os und dergleichen), zum anderen muss ein Gerät mit Strom versorgt werden und für viele Jahre auch im Winter mit beheizt werden. Zugegeben, das macht wohl nicht so viel aus, wenn man das quantifiziert und mit dem einmaligen Autoausflug zum Badesee gegenrechnet.

Software ist „grün“? Nein!

Virtuell und soft ist grün, Geräte zum Anfassen umweltschädlich? Böse Hardware, gute Software? So einfach ist es nicht! Logisch: Software verbraucht viele der genannten Ressourcen nicht, allenfalls eine farbige Verkaufsverpackung und eventuell gedrucktes Papierwerk. Jedem ist aber klar, dass der Betrieb von Computerhardware Energie verbraucht, die ja auch irgendwo herkommen muss. Und selbst Windräder müssen gebaut, transportiert und gewartet werden.

Bei der „Herstellung“ von Software werden im Regelfall nur beheizte Büros verwendet, aber natürlich auch eine Computer-Infrastruktur, die auch aus Hardware besteht und ihren Energieverbrauch besitzt. Die Software wird ja nicht nur benutzt, sondern auch entwickelt, beworben, verkauft und supportet. Selbst Datenverkehr bindet Ressourcen: Dass selbst das Verschicken einer Nachricht einen (wenn auch geringen) ökologischen Fußabdruck besitzt, ist in letzter Zeit durch die Presse bekannter geworden.

Mit Software sind Dinge möglich, die Hardware kaum leisten kann. Sie ist technologisch weiter entwickelt, hier passieren die wirklich spannenden neuen Dinge der Audiotechnik. Das bedeutet aber auch, dass hier Produktzyklen deutlich geringer sind. Plug-Ins sind schnell „alt“ – ein guter Röhren-Gitarrenamp wird so schnell nicht überflüssig (Hier sollte man aber der Fairness halber die ganzen mittlerweile obsoleten Digitalgeräte nennen, etwa externe Harddiskrekorder, Sampler oder Digitalpulte der ersten Stunden…).

Das größere Problem ist aber wahrscheinlich die recht geringe Nutzungsdauer von Computerhardware. Schon nach wenigen Jahren sind viele Systeme veraltet und werden ausgemustert, nach spätestens zehn Jahren sind so gut wie alle Computer auf dem Müll – mitsamt als kaum noch zu trennende Materialsammlungen mit bisweilen sehr giftigen und sehr teuren und seltenen Materialien.

Wenn man nun also alles in eine Waagschale wirft, steht Software unter Umwelt-Gesichtspunkten insgesamt nicht mehr so knallgrün da, wie man es sich vielleicht beim ersten Gedanken daran zusammenreimt.

Was tun?

Und jetzt? Einfach keine Musik mehr zu produzieren ist für niemanden von uns eine Option, nehme ich an.

Wie wäre es damit: Wenn man Hardware kauft, dann doch möglichst vernünftige statt welche, die in zwei Jahren vielleicht defekt ist, technologisch überholt oder von der Klangqualität her eben doch nicht so toll. Einen 1176-Limiter wird man ziemlich sicher auch in 50 Jahren noch verwenden. Wahrscheinlich benötigt er dann und wann mal ein paar neue Lötstellen und den Austausch des einen oder anderen Bauteils, aber wahrscheinlich kein neues Gehäuse. Und sollte man ihn wirklich leid sein, findet man sicher einen dankbaren Abnehmer auf dem Gebrauchtmarkt – und kann einen ordentlichen Preis erzielen. Das klingt in mehrerer Hinsicht nachhaltig, nicht?

Manche Hardware lässt sich nicht so einfach in Software verwandeln. Ob es sich durchsetzen wird, ein einzelnes cleanes Mikrofon und einen cleanen Preamp zu verwenden und den Rest mit Software zu lösen? Und wie ist das mit Audio-Interfaces, Kopfhörern und Monitorlautsprechern? Schon klar: Bei Effekten beispielsweise ist der Hardware-Verzicht einfacher zu bewerkstelligen. Man muss sich daher fragen, wie viel einem das „Original“ wert ist, und das ist nicht nur finanziell gemeint, sondern auch qualitativ.

In jedem Fall ist es sinnvoll, den „Umweltgewinn“ durch weitestgehenden Verzicht auf Hardware nicht dadurch zu konterkarieren, dass man alle Nase lang den neuesten Computer kauft und der vorige auf dem Müll landet. Hier sind weniger die Anbieter von Audio-Software gefragt denn die Hersteller von Computerhardware und Betriebssystemen. Das Einstellen von Supports und das offensichtliche Ausbremsen älterer Systeme als Kaufanreiz (oder eigentlich : -zwang) für aktuelle Systeme sowie das feste Verbauen von Akkus und anderer eigentlich tauschbarer Hardwareteile ist angesichts des Zustands unserer Umwelt ein absolutes Unding. Allerdings gibt es auch bei Audio-Hardware besonders im Niedrigpreissegment eine schwache bis nicht vorhandene „Serviceability“. Gute Hardware lässt sich reparieren, im Idealfall von jedem, der einen Lötkolben hat und ein wenig weiß, was er tut.

Software und Hardware bei bonedo

In jedem Fall findet ihr bei bonedo, der Zeitschrift, die doch immerhin ohne Papier, Farb- und Bleichmittel und Transportkosten auskommt, ein separates Software-Ressort, das nicht nur Reviews von Recordingsoftware zeigt, sondern Software-Produkte aus allen unseren Bereichen bündelt – und erklärt, wie man damit umgeht!

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