Test
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13.06.2018

AMS Neve 1073SPX Mono Preamp & EQ Test

Mikrofonvorverstärker mit Equalizer

Das britische Original – Reloaded

Neve 1073 SPX im bonedo Test: Neve. N-E-V-E! Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Kaum ein Preamp wurde in der professionellen Musikproduktion der letzten 50 Jahre öfter eingesetzt, kaum einer klingt besser als die „olle Charakter-Sau“ mit dem seidig-cremigen Sound – und kaum ein Preamp wurde häufiger nachgebaut.

Die Rede ist vom Neve 1073, welchen es als Stand-alone-Gerät lange Zeit gar nicht gab und er deswegen auch nur als umgebauter 80s-Series Konsolen-Kanal verkauft wurde. Dann kamen die Nachbauten, dann hauseigene 500er-Module, dann reduzierte 19-Zoll-Varianten und nun der AMS Neve 1073SPX.

Details

The real Deal, XL

Der Neve 1073SPX ist DER 19-Zoll Channelstrip in Class-A Technik „Made in England“ schlechthin. Er ist eine HE hoch, 31 cm tief und ganze 5 kg schwer. Die Verarbeitung des Stahlblechgehäuses ist solide und pragmatisch – besondere Erotik entwickelt sich trotz oder gerade wegen des 2330-Euro-Preisschildes nicht.

Der „Zehndreiundsiebzig“ hat aber seine Qualitäten: Da wäre der äußerst kräftige 80dB-Gain Preamp, der passive 4-Band-EQ, die fantastisch klingenden Übertrager und auch das ein oder andere neue, äußerst nützliche Feature. Seinen hohen Preis rechtfertigt er sicherlich auch mit seiner Vergangenheit. Auf geschichtliche Belange werde ich dennoch nicht weiter eingehen, das hat mein Kollege Hannes Bieger bereits ausführlich getan. Nur soviel: Für rund EUR 900,– erhält man den Nachbau WA-73 von Warm Audio und der ist nicht wirklich schlechter.


Steck- und Schaltorgie

Der „neue“ 1073 bietet sowohl vorn als auch hinten Anschlüsse, sodass er sich unkompliziert ins Rack integriert und dennoch spontan an der Front belegen lässt. Auf der Rückseite finden wir dabei einen symmetrischen XLR-Eingang für Mic-Signale und einen weiteren symmetrischen XLR-Eingang für Line-Signale – man muss sich also nicht für eine Variante entscheiden bzw. umständlich umstecken. Hinaus geht es ebenfalls in Symmetrisch-XLR. 

Der Send/Return des schaltbaren Inserts setzt indes auf schnödes – aber immerhin symmetrisches – 6,35-mm-TRS. Traditionell gesehen ist das durchaus schlüssig, ich hätte trotzdem auch hier XLR bevorzugt. Der Insert wird ferner via Druckschalter an der Front aktiviert, sodass man auch an dieser Stelle nicht umzustecken braucht. 

Ich betone dies explizit, weil es reichlich Kanalzüge gibt, bei denen dies nicht der Fall ist und der Insert – sobald er gesteckt wird – automatisch aktiv wird. Gerade bei rückseitiger Kabelzuführung und größeren Setups mit Patchbay ist das oftmals sehr ungünstig. Ebenfalls toll in diesem Zusammenhang ist der PRE-Schalter für den Insert, welcher diesen sowohl pre-EQ als auch post-EQ nutzbar macht.

Doppelt hält besser


Gut mitgedacht hat AMS Neve auch bei den Front-Ins: Die XLR/TRS-Combobuchsen werden mit einem weiteren Schalter Relais-aktiviert, sodass man gar ein zweites Mic eingesteckt belassen könnte, da auch die Phantomspannung umgeleitet wird. 

Der DI-Eingang hingegen überfährt traditionell den Mic-Pre, hat also Vorrang vor den XLRs. Das hat zwar eher einen technischen Hintergrund, ist aber ebenfalls gut, weil DI-Kabel zu Bass oder Gitarre gern in der Regie „herumfliegen“ und somit zur unbeabsichtigten Trittfalle bei Nichtbeachtung werden. 

Soviel zu den ganzen Buchsen. Ich bin bei deren vorgezogener Beschreibung übrigens deshalb besonders ausführlich gewesen, weil ich hier – vor allem in Summe der vielen kleine Details – den höchst-professionellen Anspruch von AMS Neve vertreten sehe. Ein durch die Bank weg hochpreisiger Anbieter, der übrigens seit 1992 eine Siemens-Tochter ist.

Was damals so möglich war

Der Preamp ist selbst für heutige Verhältnisse mit seinen 80dB Gain äußerst potent! Die Transistoren in Class-A-Verschaltung sind diskret aufgebaut und werden in Ein- und Ausgang mit den so klangwichtigen Übertragern ergänzt. Es kommen insgesamt drei Stück zum Einsatz, allesamt von Marinair, wie in den guten alten Tagen. Das heißt: Line-In und Mic-Pre teilen sich NICHT den Eingangsübertrager wie die günstigen Nachbauten und 500er-Module. Der DI geht selbstverständlich mit auf den Mic-Übertrager und profitiert von den unterschiedlich schaltbaren Impedanzen (300 und 1200 Ohm) – der Line-In hingegen nicht. Der dritte Übertrager sitzt logischerweise im Ausgang.

Nicht ganz gewöhnlich


Der Gain wird für Line und Mic mit einem besonders markanten, roten Gain-Drehschalter eingestellt. Das heißt, er „klickt“ beim Drehen und seine Sprünge erfolgen in 5-dB-Schritten. Auf Rechts gedreht werden die Line-Ins aktiv, auf links die Mic-Ins. 

„Überfahren“ entwickelt der Preamp einen ganz besonders markanten Sound, welcher klanggestalterisch sehr gern genutzt wird und maßgeblich für den „britischen“ Sound der 70er verantwortlich ist. Damit man den Ausgangspegel jedoch nicht zu laut fährt, kann man mit dem Level-Poti am Ausgang zum Glück gegensteuern. Es besitzt auch eine Push-Funktion, um die siebenstellige LED-Aussteuerungsanzeige Pre-EQ, Post-EQ und Post-Outputstage schalten zu können.

Sollte das optionale Digital-I/O-Modul verbaut sein, kann mit dem Output-Level-Regler durch langes Drücken auch die Samplerate gewechselt werden – zum Testzeitpunkt war dieses jedoch noch nicht verfügbar. Es würde einen zusätzlichen AES-Out, „Mastering-Grade“-Converters und auch ein Firewire-Interface liefern. Mit Hinblick auf letzteres Feature darf durchaus zweiteres angezweifelt werden. 

Alle angesprochenen Optionen werden mit großen, weißen Tatschaltern aktiviert. Hinzu kommen noch ein -20-dB-Pad, Phaseninvertierung und die Phantomspannung mit +48 Volt inklusive roter Kontroll-LED. Den Ground-Lift gibt es nur beim DI. Last but not least gibt es einen Taster für den EQ. Reichlich Schaltoptionen für einen 1-Kanaler.

Nicht alles war früher besser


Widmen wir uns nun dem EQ, welcher in der Mitte beheimatet ist: Links außen befindet sich das Poti des Höhenbandes, was grundsätzlich erst einmal ungewöhnlich ist. Bedenkt man aber, dass es sich bei den alten 1073 um Mischpult-Kassetten handelte, macht es wieder Sinn: Links war früher oben – und da gehört das Höhenband nun mal hin. Warum der Nullpunkt unten war? Keine Ahnung … Für mich steht jedenfalls fest: Soviel Originalität hätte nicht unbedingt sein müssen.

Egal. Bei dem linken Band handelt es sich jedenfalls um einen fixen High-Shelf, welcher bei 12 kHz beginnt und mit +/-16 dB arbeitet. Das Glocken-Mittenband hingegen ist flexibler und bietet somit sechs einstellbare Zielfrequenzen mit dem Poti-Ring: 0,36 kHz, 0,7 kHz, 1,6 kHz, 3,2 kHz, 4,8 Kh und 7,2 kHz sind wählbar und zwischen +/-18 dB mit festen Q-Faktor anpassbar. 

Untenrum kommt wieder ein Shelf zum Einsatz, der auch mit +/-16 dB arbeitet, aber ab 35 Hz, 60 Hz, 100 Hz und 220 Hz boosten bzw. absenken kann. Ihm steht noch ein Low-Cut zur Seite, der etwas steiler mit 18 dB/Okt. arbeitet und ab 50 Hz, 80 Hz, 160 Hz und 300 Hz bei Bedarf abschneidet. 

Alles das gleiche, jedoch nicht das dasselbe

Was ist besser als ein 1073? Zwei 1073. Das dachte sich auch AMS Neve, und so gibt es neben unserem heutigen Testkandidaten Neve 1073SPX auch noch den grundsätzlich identischen, aber zweikanaligen und damit preislich deutlich attraktiveren 1073DPX mit EQ. Das SP steht also für Single-Preamp, das DP für Dual-Preamp – und das X eben nun für EQ.

Seit einigen Jahren gibt es aber auch bereits den 1073DPA, wobei das aufmerksame Auge das X vermisst – es handelt sich somit um die zweikanalige Variante ohne EQ. Der 1073DPD hingegen wurde um eine A/D-Option ergänzt ( D wie digital). Alle bisher genannten Varianten sind dabei 19-Zoll-Kisten.

Die klassische 1037-Kassette ist übrigens weiterhin erhältlich, aber eben nur mit 80s-Series-Konsolen oder entsprechenden Rack-Kits kompatibel. Eine kleine Ausnahme stellt die 1073N-Variante dar, welche u.a. zusätzliche XLR-I/Os und Netzteil-Anschluss bietet. Ja, und die modernen API-500er-Varianten 1073LB (Preamp only) und 1073LBQ (EQ) gibt es auch noch, beide bereits von Kollege Hannes Bieger getestet.

Wir halten also fest: Unser Testkandidat ist die vollständigste, umfangreichste und selbstständigste Variante. Der Lieferumfang hingegen ist recht bescheiden: Es gibt ein externes Multi-Netzteil (110 bis 240 V) und ein Kaltgerätekabel für das Netzteil. Das Netzteil kommt unverständlicherweise ohne Verriegelung aus und ist mit einem ganz normalen Stecker ausgestattet. In dieser Preisklasse hätten es ruhig die XLR-Variante sein dürfen, genau wie ein gedrucktes Handbuch und nicht nur eine armselige CD.

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