Test
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28.04.2010

Praxis

Licht und Schatten
Die sehr enge Verzahnung von Soft- und Hardware in Form eines Plug-And-Mix-Konzepts hat einige Vorteile. Der DJ spart sich die Audio-Konfiguration, aufwendiges Strippenziehen und zudem das Mapping der Kontrolleinheit. Im Falle von DX sieht das so aus:

Erstens: Netzteil und USB-Kabel anschließen, Master- und Booth-Ausgänge verstöpseln.

Zweitens: Einschalten, CD einlegen, Itch aufspielen, Rebooten,

Drittens: Kopfhörer anschließen, Itch starten, Mixen. Fertig. Der Vorgang ist auf dem Vista Notebook und auf dem Mac identisch.

Viertens: Falls vorhanden, Serato Scratch Live-Library benutzen. Die Titel werden übernommen, allerdings ist wegen des Beatrasters eine erneute Analyse des Audiomaterials nötig. Wer schon ein paar Jahre digital auflegt und in regelmäßigen Abständen digitalisiert und Songs einkauft, könnte zwei bis dreistellige Gigabytes an Daten angehäuft haben. Das wird je nach Umfang nicht von heute auf morgen ausgewertet. Da kann man den Rechner schon eher für eine Woche auf Nachtschicht schicken oder ein Wochenende durchackern lassen, vorausgesetzt er ist entbehrlich und es steht kein Gig an. Ärgerlicherweise gab es während des Testverfahrens sowohl auf dem Mac, als auch auf dem PC mehrfache Fehler bei der Offline-Analyse. Genauer gesagt Abbrüche oder Softwarecrashs. Wer´s nachts nicht merkt, weil er beispielsweise schläft, bekommt am Morgen nicht nur große Augen, sondern auch einen dicken Hals. Partiell traten zudem Performanceprobleme auf, etwa Soundfehler beim Festplattenrecording. Ein weiteres ist mir nach Beendigung dieses Artikels unangenehm aufgestoßen. Nachdem Itch 1.6 die vorhergegangene 1.52 Installation des Numark V7 ohne Fragen überschrieben hatte, funktionierte der USB-Turntable im Anschluss nicht mehr. Das Soundinterface war sozusagen sprachlos und die Software stürzte während des Betriebes mit dem Numark Teller grundsätzlich nach kurzer Zeit ab. Der Hersteller empfiehlt, dieses Problem zu umgehen, indem die ältere Fassung zunächst umbenannt und eine parallele Version aufgespielt wird, was nicht besonders anwenderfreundlich ist.

Automatikgetriebe, Navi und Rückwärtsgang
Sind die Beats korrekt interpretiert, klappts auch mit dem Gleichschritt. Das Beatgrid wird vom Aufschlagtakt aus anhand der errechneten BPM kalkuliert und dann über der Welle gezeichnet. In der nachfolgenden oberen Wave ist der 4/4 Takt sehr gut zu erkennen. Gerade bei, Funk-, Rock- oder Urban-Music ist die Geschwindigkeit aber oftmals ein Durschnittswert, der sich durch Grid-Wanderung in der Wellenform bemerkbar macht. Das war auch im Test bei manchen Liedern deutlich zu erkennen und führt zu Problemen mit der automatischen Synchronisation. Sollte dies der Fall sein, lässt sich das Raster an den problematischen Stellen jedoch von der Hardware aus unter Verwendung des Jogdials anpassen. Eine vortreffliche Lösung, die in der Praxis gut von der Hand geht.

Auch Censor und Reverse sind wieder mit an Bord. Sie unterscheiden sich darin, dass das „echte“ Reverse rückwärts spielt und mit erneuter Betätigung von der aktuellen Position wieder vorwärts läuft. Censor rennt ebenfalls gegen die Laufrichtung, überspringt aber losgelassen den Zeitraum zwischen Auslösung und Beenden der Zensurfunktion. Die Tonhöhenkorrektur bringt die Itch-typischen drei Prozent artefaktfreien Stretchings.

Cues, Loops und Effekte - Weichgeklopft
Die Loop-Abteilung bringt automatische, manuelle und rollende (der Song spielt nach dem Looping an Echtzeitposition weiter) Schleifen in den Mix. Ein treffsicherer großer Taster aktiviert Autoloop, der Encoder dirigiert seine Größe. Das macht Spaß. Die komplette Schleife wird auf Knopfdruck on-the-fly im Song versetzt, aber immer nur um die eigene Länge. Wird der Endlosregler niedergedrückt aktiviert er Loop-Roll. Wem das ganze automatische Getöse suspekt ist, der setzt die mit IN und OUT handgemachten Flanken. Bis zu sechs Audiozyklen kann der DJ direkt von der Hardware speichern aber zur Stunde nicht reaktivieren. Ein Bug, der mit einem nächsten Update behoben werden soll. Was die Schleifenlängen angeht, hat sich Serato mächtig in Zeug gelegt. 1/128 bis 1024 Beats - das ist rekordverdächtig. In der Praxis sind 1/8 bis 16 wohl am gebräuchlichsten. Obwohl die Software bereits ein Beatgrid angelegt hat, findet nach wie vor keine Quantisierung der Benutzereingaben statt. In der Praxis holpert´s demnach auch öfter mal beim Verlassen eines Autoloops im Mix und besonders beim Upscaling einer Schleife. Serato empfiehlt auf seinen Webseiten, nicht mit Loops kleiner ¼ Beat zu arbeiten, um auf Nummer sicher zu gehen. Auch beim Cuejuggeln darf der Multideck-Artist ein wenig Lotto spielen. Sicherlich kann man einem Hotcue, der genau dort plaziert wird, wo er ausgelöst wird, einiges abgewinnen. Im Mix mit einem zweiten oder dritten Track machen Loops und Hotcue-Jumping so allerdings nur bedingt Spaß, weil es einfach sehr rumpelgefährdet ist. Es sei denn, der Anwender hat ein hundertprozentig latenzbefreites „Brain2Button-Geschick“ in die Wiege gelegt bekommen. Mir würde es besser gefallen, wenn die Cuepunkte während der Abspielphase quantisiert würden. Im Editor lassen sie sich eh beliebig plazieren.

…Ick hab noch einen Trecker in Berlin
Wer ein wenig Hand anlegt, hat Xone und Traktor innerhalb kürzester Zeit konfiguriert, denn alle Bedienelemente sind Standard-MIDI-kompatibel. Das ist sehr erfreulich. Im Grunde kann man fast den Beschriftungen an der Konsole entsprechend mappen. Die Transportsektion steuert die Songs, Die Hotcues springen im Song, der Schleifenbaukasten übernimmt Looping, zyklische Cuts und Juggling. In der Effektsektion wechselt der DJ zwischen Chained- und Single-Mode und steuert seine Units, wie im nachfolgenden Clip kurz demonstriert. Auch mit Traktor macht Xone viel Spaß. Wer mit Allen&Heaths Controller liebäugelt, aber mit Itch nichts anfangen kann, der sollte ruhig einen Blick riskieren. Wie der Praxistest zeigt, schleifen die Eingänge auch bereitwillig Traktor Pros Timecodesignale ein. Ohne Zertifizierung gelingt die Steuerung der Decks jedoch nicht. Wir warten ab.

Randbemerkungen
Auch wenn jeder DJ sich für ein Gerät entscheiden muss, das dem individuellen Verwendungszweck am Nächsten kommt, finde ich es trotzdem schon ein wenig ärgerlich, das jeder Itch-Controller seine eigene Featureanpassung bekommt. Numark V7 hat weniger FX-Parameter und kein Recording, VCI-300 bekommt nachträgliche Funktionen eingeshiftet, Effekte per VFX1 kosten wie bei Numarks NS7FX knapp 200 Euro extra, Xone DX hat zwar Turntable-Eingänge nimmt jedoch keine Timecode-Befehle entgegen, denn im Falle von Traktor fehlt die Zertifizierung und mit Scratch Live ist das Interface nicht kompatibel. Denons Serato-Controller und Loopspezialist HC1000S darf wiederum unter Scratch Live, aber nicht unter Itch benutzt werden. Man kann sich demnach nie sicher sein, wie neue Features implementiert werden und ob dazu ein weiterer Controllerkauf nötig ist. Bisher zeigt die Praxis, dass elementare Neuerungen ein zusätzliches Loch in den Geldbeutel reißen. Fairerweise muss ich sagen, das die in diesem Absatz angesprochenen Punkte nicht in die nachfolgende Wertung des XONE:DX einfließen werden. Er ist von Natur aus sehr üppig ausgestattet. Es sollte dem Portable-DJ kaum an hardwareseitigen Steuerelementen mangeln.

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