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Test
10
21.08.2017

Praxis

MPC-typischer Workflow meets Touchscreen

Die MPC X ist in weniger als 10 Sekunden hochgefahren und einsatzbereit – man ist also in der Lage, spontane Ideen einzufangen. Das Konzept wirkt gleich auf Anhieb vertraut – alte MPC-Hasen werden sich schnell zurechtfinden. Die Kombination aus Touchscreen, Q-Links und der altbewährten Bedienoberfläche gestaltet den Workflow übersichtlicher und schneller, als es mit den vorigen MPCs möglich war. Beinahe jeder Schritt kann entweder auf dem Touchscreen oder an der Hardware durchgeführt werden – so kann man das Beste aus beiden Welten nutzen. Beispiel: Möchte man gerade eingespielte MIDI-Noten nudgen, damit sie etwas mehr „laid back“ klingen, sind sie am Touchscreen schneller markiert als mit einem Regler der Hardware – besonders in Kombination mit der übersichtlichen Zoom-Funktion. Andersherum lassen sich die Noten mit einem Regler präziser verschieben (nudgen) als am Touchscreen. 

Das Display selbst reagiert im Test sehr gut. Leider spiegelt es sehr, was je nach Lichteinfall störend wirkt – man kennt dieses Problem auch von Tablets. Eine mattierte Schutzfolie in iPad-Größe könnte hier Abhilfe schaffen. Schön ist, dass man durch das Display wesentlich mehr Überblick hat, als es in bisherigen Stand-alone-MPCs der Fall war, wie ihr auf den folgenden Bildern sehen könnt.

Das Kernkonzept der MPCs hat nun schon über 20 Jahre auf dem Buckel und ist im Vergleich zu modernen DAWs weniger intuitiv. Auch zweiteilige Verbundsysteme, wie Native Instruments Maschine, verfolgen ihre eigenen Workflow-Konzepte. Spätestens beim Arrangieren ist Maschine jedoch wesentlich übersichtlicher – aber das ist letztlich auch Geschmacksache. Neulinge werden aber ganz sicher einige Stunden Lernphase einplanen müssen, selbst wenn der Umgang mit DAWs bereits bekannt ist – der MPC-Workflow ist wirklich eine Welt für sich! Auch in Version 2 der MPC-Software ist die Menüführung etwas verschachtelt. Baut man weniger aufwendige Beats, geht das noch problemlos klar. Umfangreiche Projekte mit aufwendigen Arrangements und vielen Spuren werden schnell unübersichtlich. In einer DAW würde man im Arrangierfenster mehr Überblick behalten.

Intuitives Sampling und Chopping

Die MPCs sind seit jeher Spezialisten auf dem Gebiet des Samplings. Audiorecordings ermöglicht die MPC X Stand-alone in 24 Bit und 44,1 kHz, im Controller-Einsatz sind Aufnahmen in bis zu 96 kHz realisierbar. Den Sampler kann man per Button erreichen, der sich griffbereit über den Pads befindet. Nachdem man den Input ausgewählt und mithilfe des Meters für einen sauberen Pegel gesorgt hat, kann es auch schon losgehen! Die Aufnahme lässt sich manuell starten oder kann ab einem bestimmten Threshold sogar automatisch loslegen. 

Um Slices eines Samples auf die Pads zu mappen, wird es zunächst mittels Chopping aufgeteilt. Die Zuweisung eines Slice zu einem Pad ist via BPM, Threshold, Regions und manuellem Tapping möglich. Letztere Variante ist wirklich intuitiv gestaltet: Während das Sample abgespielt wird, spielt man die gewünschten Pads an den Stellen des Samples, an denen ein neues Slice beginnen soll. Auf dem Touchscreen sind Start und Endpunkte leicht anzupassen, da sich die Aufnahmen per Aufziehen mit zwei Fingern horizontal zoomen lassen – wie vom typischen Smartphone-Pitch gewohnt! Das Ganze kann ebenso akkurat mit den Q-Links justiert werden.

Schlussendlich können die fertig gechoppten Slices in ein neues Programm konvertiert werden, damit eine Sequence eingespielt werden kann. Im folgenden Video habe ich ein iPad via Line angeschlossen und mich bei einem Klassik-Stück bedient. Neben dem Sampling und Chopping seht ihr hier auch, wie das Sample ganz einfach im Program Edit gepitcht werden kann.

Spartanischer Browser, überschaubare Library

Das Soundbrowsen ist mittels Touchscreen und Hardware-Kombination eine intuitive Angelegenheit. Leider fehlen dem Browser Kategorien und Attribute, um die Sounds schneller zu finden – da gibt es übersichtlichere Konzepte! Durch die Suchfunktion per Touch-Eingabe findet man aber dennoch schnell passende Sounds. Schnell habe ich dem vorigen Sample ein passendes Drumkit und ein paar Instrumenten-Sounds rausgesucht und einen Groove eingespielt. Hier seht ihr auch, wie praktisch Note-Repeat mit dem Touchscreen interagiert – wirklich top!

Die mitgelieferte Drumkit-Library ist recht umfangreich und kann klanglich absolut überzeugen. Die Drums klingen durchweg druckvoll und – wie von AKAI gewohnt – in den Kits bzw. Programs aufeinander abgestimmt. Darin sind oftmals schon Instrumenten- und FX-Sounds enthalten, welche zu den Kits passen und auch sauber klingen. 

Die Library der Instrument-Programs klingt dagegen altbacken und ist sehr kurz geraten. Zwar kann man sie nutzen, um den Beat grob vorzubereiten und daraufhin am Rechner durch andere Klangerzeuger – etwa die mitgelieferten AIR-Plug-ins – auszutauschen, Stand-alone kommt damit allerdings nicht weit. Wer die MPC X oftmals ohne Rechner betreiben möchte, wird wohl kaum drum herumkommen, die Instrument-Library zu erweitern.

Einfacher Sample-Import, wenig Speicherplatz!

Um den Content zu vergrößern, hat die MPC X genügend Anschlussmöglichkeiten. Die Samples werden beim Import in ein Program bzw. Pad zunächst nicht auf den internen Speicher gezogen, sondern vom externen Datenträger gestreamt – allerdings nur bis zum Speichern des Projektes. Wer größere Datenmengen an Samples, etwa für Backingtracks, importieren möchte, wird schnell an die Grenzen des internen Speichers stoßen. Im Test war bei etwa 500 Megabyte Schluss. Was noch schlimmer ist: Beim Speichern der Projekte werden die Samples dann doch ins Projekt importiert und müllen dadurch den internen Speicher voll. Eine Option dies zu deaktivieren, habe ich nicht finden können. Bei dem geringen User-Speicher sollte das also gut überlegt sein. Immerhin: Importierte Samples, die nicht mehr verwendet werden, lassen sich vom Speicherplatz mit einem Knopfdruck ausfindig machen und löschen. Wer viele Samples importieren und auch auf der MPC behalten möchte, wird sich recht schnell eine 2,5“ SATA-Festplatte bzw. SSD einbauen (was möglich ist).

Ich entscheide mich für den SD-Kartenslot und ersetze ein paar Drums aus der Library on the fly mit welchen aus meiner eigenen Sammlung. Das Erstellen von Multisamples ist im Vergleich zu älteren MPC-Systemen übrigens übersichtlicher geworden, da es nun der MPC-Software am Computer gleichkommt.

Skalen und Akkorde spielen leichtgemacht

Bei der Aufnahme von MIDI bietet der neue „PAD Perform“ etliche Skalen und Akkorde. Und auch vorgefertigte Chords Progressions liefern viele inspirierende Akkorde, natürlich passend zur eingestellten Skala und Tonart. So können kinderleicht harmonische Tracks gebaut werden. Wählt man sich also ein Instrument-Program, stellt Key und Scale bzw. Chord ein, kann es auf den Pads schon losgehen. Auf den Pad Banks werden die Oktaven gewechselt, intuitiver geht es kaum. Die Akkorde sind von 1-3-5-Akkorden bis 1-3-7b einstellbar, einfache Oktavierung bzw. Terzen etc. wie bei NI Maschine sucht man vergebens. Ebenso vermisse ich hier einen Arpeggiator: Note Repeat wiederholt nur die einzelnen Noten der Skalen bzw. alle Noten eines Akkords gleichzeitig. Ich habe keine Möglichkeit gefunden, die im Akkord enthaltenen Einzelnoten zu triggern, um Arpeggiomuster zu spielen.

Stand-alone Audio Recording Studio

Audioaufnahmen mit der MPC X durchzuführen ist wirklich einfach in der Handhabung. Dabei hat man abgesehen vom Sampler neuerdings auch Audiotracks, in denen sich ganze Audiospuren aufzeichnen lassen, die wie in einer DAW in einem Audio-Sequenzer ablaufen – sie müssen also nicht mehr durch die Pads bzw. MIDI-Noten getriggert werden. Das ist beispielsweise für Aufnahmen von Vocals oder Instrumenten interessant. Stand-alone sind acht Tracks möglich, im Controller-Mode können so viele genutzt werden, wie der Rechner verkraften kann. Eine Limitierung gibt es laut AKAI nicht.

Die Audioqualität der Pre-Amps ist für ein mobiles Gerät wirklich gut und die Handhabung mit den Gain-Potis gestaltet sich auch nicht besonders empfindlich. Positiv überrascht bin ich auch hinsichtlich der Wandlung – für meine Ohren klingt es wirklich sauber. Mittels Meter- und Clip-LEDs hat man auch ganz locker Übersteuerungen im Griff. Wirklich klasse ist, dass dem Künstler bereits während der Aufnahme ein Kopfhörermix mit allen verfügbaren Effekten gemischt werden kann. Die Latenz ist wirklich beachtlich minimal, wodurch es beispielsweise ohne Probleme möglich ist, einem Sänger mal eben ein Hall zum Einsingen auf die Kopfhörer zu schicken. Wenn man keinen separaten Aufnahmeraum zur Verfügung hat, können Producer und Künstler ganz einfach die beiden Kopfhörer-Eingänge auf der Vorderseite der MPC X nutzen.

Leider hat es im Test nicht funktioniert, zwei XLR-Inputs gleichzeitig in zwei Mono-Spuren aufzunehmen. Eine Stereo-Spur – ebenfalls mit den beiden XLR-Eingängen – konnte jedoch aufgenommen werden. Das könnte vielleicht noch ein Bug sein, der mit einem Update behoben werden könnte. Im Folgenden hört ihr die Recordings, die allesamt auf der MPC aufgenommen und direkt exportiert wurden.

Viele Effekte, simple Automation

Die Effektsektion ist für ein „portables“ Studio schon recht umfangreich. Die Effekte lassen sich pro Pad, komplettem Program oder auch in den Master einfügen, auch Send-Effekte sind realisierbar. Klanglich machen sie einen ausreichenden Job – ich persönlich würde sie jedoch im Controller-Mode definitiv durch Plug-ins ersetzen. Zudem sollte man nicht vergessen, dass heutige Musikproduktion aus ein wenig mehr besteht als nur Standard-Effekten – ich denke dabei an Editing-Tools wie Melodyne, Autotune, Vocal-Align und Konsorten. Gut gefällt mir, dass sie sich kinderleicht automatisieren lassen: Write-Modus aktivieren und Parameter regeln, schon ist die Automation in der Sequence aufgezeichnet, so muss das sein! Neben den Effekten der normalen Programs sind auch Audiotracks automatisierbar, sehr gut.

Eher grenzwertig dagegen finde ich, dass beispielsweise die Kompressoren ohne Gain Reduction auskommen müssen, was eine exakte Justierung kaum möglich macht. Das Layout der Effekte sieht zudem weder ansprechend noch übersichtlich aus. Übrigens: Wird ein im Controller-Mode erstelltes Projekt importiert, das Plug-ins beinhaltet, werden sie im Stand-alone-Mode deaktiviert. Sind einige Plug-ins besonders wichtig für einen Live Gig oder eine Session in einem anderen Studio, sollten die entsprechenden Spuren besser exportiert und als Audiotrack auf die Hardware geladen werden.

In der XY-FX-Sektion lassen sich einige Effekte per XY-Feld automatisieren. Hier ist zudem einstellbar, ob der gesamte Master oder beispielsweise nur Programs bearbeitet werden sollen. Das macht auf jeden Fall Laune und eignet sich hervorragend für Live-Performances, wie ihr in folgendem Video sehen könnt.

Stand-alone vs. rechnerbasierte Beatproduktion 

Im Grunde genommen erhält man mit der MPC ein komplettes Beat Production Studio, das wenige Wünsche offenlässt. Wer ausschließlich ohne Rechner arbeiten möchte, sollte sich bewusst sein, dass sich keine Plug-ins laden lassen, denn das geht ausschließlich in der Software für PC und Mac. Daher ist man stand-alone auf Samples, eigene Recordings und die internen Effekte beschränkt. Zwar wurden auch die Effekte ordentlich nachgebessert, verglichen mit aktuellen Plug-ins kann die MPC X stand-alone allerdings nicht mithalten. Schön ist, dass Projekte zwischen Rechner und MPC ausgetauscht werden können, wodurch sich im Stand-alone-Betrieb angefangene Projekte am Computer finalisieren lassen. Andersherum ist es möglich, die Projekte aus der Software in die MPC zu laden, was dann allerdings mit den zuvor erwähnten Abstrichen verbunden ist. 

MPC X vs. MPC Live

Bei einem Preisunterschied von rund 1.000 Euro mehr stellt sich natürlich die Frage, für welches Gerät man sich nun entscheiden sollte. Das kommt wie so oft darauf an, was man damit vorhat oder sich von dem Gerät verspricht. Der Feature-Umfang der internen Software ist bei beiden Geräten jedenfalls quasi identisch – es gibt also kaum Dinge, die man mit der Live nicht machen kann. Jedoch ist sie im Workflow deutlich eingeschränkter bzw. fehlt es ihr eben an der  Haptik, da leider nicht alles sofort griffbereit ist. Alte MPC-Heads werden damit sicher nicht glücklich, da es wenig zum Anfassen gibt und der Workflow sich von einer MPC der alten Tage recht deutlich unterscheidet - das meiste wird nämlich auf dem Touchscreen erledigt. 

Hingegen ist die MPC X wohl eher kaum mobil einsetzbar, denn dafür ist sie allein zu sperrig. Wer auf die umfangreicheren I/Os, wie den XLR-Eingängen zum Anschließen von Mikrofonen sowie den CV-Eingängen zum Ansteuern von Synthis und Modularsystemen verzichten kann, bekommt mit der Live dennoch auch ein rechnerunabhängiges MPC-System, dass zu dem auch bis zu vier Stunden Akkubetrieben werden kann – also raus in die Natur, Kopfhörer an und los geht’s! Line-Signale sampeln und MPC-Like bis zum Ende fertigstellen ist mit der Live ebenso möglich. Wer also ein transportableres Gerät sucht, das auf der Bühne Platz finden soll, ist mit der Live besser beraten. 

Für den mobilen Betrieb ist die MPC X größenbedingt äußerst unhandlich, zudem benötigt man ein entsprechend großes Case und auch eine permanente Stromversorgung. Wer allerdings ein Studiogerät sucht, das als Steuerzentrale zur Musikproduktion (Beats und einfache Recordings) dient, braucht ein Gerät, das dem auch gerecht werden kann. Und das ist ganz sicher nur die MPC X! 

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