Die 5 schlechtesten Gitarrensounds der Rockgeschichte – Warum sie trotzdem genial sind

Ein Gitarrensound muss zum Song passen – schön muss er deshalb noch lange nicht sein. Die Rockgeschichte zeigt immer wieder, dass einige der einflussreichsten Gitarrenriffs mit Sounds aufgenommen wurden, die isoliert betrachtet dünn, kratzig, nasal oder schlicht kaputt klingen. Während viele Gitarristen unermüdlich nach einem warmen, dreidimensionalen Röhrensound suchen, setzen andere bewusst oder unfreiwillig auf schneidende Höhen, ausgehöhlte Mitten und eine beinahe zerstörte Verzerrung. Hier findet ihr fünf legendäre Gitarrensounds, über deren Klang Gitarristen bis heute besonders kontrovers diskutieren.

Die 5 schlechtesten Gitarrensounds der Rockgeschichte – bonedo
Credits: Alamy / Vladimir Koletic

Warum ein schlechter Gitarrensound im Song trotzdem perfekt funktionieren kann

Was letztendlich gut oder schlecht klingt, bleibt immer eine Frage des Geschmacks und damit auch der musikalischen Sozialisation. Gerade Gitarristen erweisen sich dabei häufig als erstaunlich konservatives Völkchen. Auch wenn die Innovationskraft und Beliebtheit moderner Modeling-Technologien nach außen hin für sich sprechen, wünschen sich viele am Ende doch wieder den Sound von Röhrenamps. Und deren Sound basiert auf Schaltungsdesigns der 50er- und 60er-Jahre. Oder es sind neue Pedalvarianten, wie es sie schon seit den 70ern zuhauf gibt, nur eben kleiner, günstiger und weniger wartungsanfällig. 

Es darf also durchaus gerne Neues sein, solange es klingt wie 1968. Wehe dem, der sich tatsächlich an etwas vollkommen Revolutionäres jenseits ausgetretener Pfade wagt. Hinzu kommt, dass ein isoliert betrachteter Gitarrenton noch lange keine verlässliche Aussage ermöglicht, wie gut ein bestimmtes Sound-Setting im Kontext eines Songs und gemeinsam mit den übrigen Instrumenten funktioniert. Selbst ein bewusst ranziger, dünner oder unangenehmer Gitarrensound kann ein großartiges Stilmittel sein, wenn er Stimmung oder Aussage eines Songs gezielt unterstreicht.

The Kinks – „You Really Got Me“

Die britische Rockband The Kinks gilt als einer der wichtigsten Vorreiter von Hardrock, Garage Rock und Punk. Vor allem das Riff von „You Really Got Me“ gehört zu den brachialsten Gitarrenriffs der Mitt-60er. Nicht weniger radikal entstand der dazugehörige Sound: Gitarrist Dave Davies bearbeitete den Lautsprecherkonus seines kleinen Elpico-Verstärkers mit einer Rasierklinge und erzeugte dadurch den charakteristisch schnarrenden, beinahe fuzzartigen Klang. Für die Aufnahme wurde der malträtierte Elpico zusätzlich mit einem Vox AC30 verbunden, der für mehr Lautstärke sorgte. Wie diese technisch ziemlich abenteuerliche Signalkette im Detail umgesetzt wurde, ist allerdings nicht zweifelsfrei belegt. Fakt ist jedoch: Das Ergebnis klingt dünn, nasal und extrem bröselig – und funktioniert gerade deshalb so gut. Das einfache Riff wirkt dadurch gefährlich, direkt und seiner Zeit voraus. „You Really Got Me“ zeigt eindrucksvoll, dass ein scheinbar kaputter Gitarrenton nicht nur einen Song prägen, sondern sogar die Entwicklung des Hardrock maßgeblich beeinflussen kann.

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The Beatles – „Revolution“

Mangelnde Innovationskraft kann man den vier Pilzköpfen aus Liverpool wahrlich nicht vorwerfen – weder kompositorisch noch klanglich. Der Gitarrensound von „Revolution“ gehört zu den aggressivsten und radikalsten Klängen, die Ende der 1960er-Jahre im Mainstream zu hören waren. Statt einen übersteuerten Gitarrenverstärker zu mikrofonieren, setzte Toningenieur Geoff Emerick auf die Vorverstärker der damaligen EMI-Studios in der Abbey Road. Dafür wurde das Gitarrensignal durch zwei hintereinander geschaltete und bis an ihre Belastungsgrenze aufgedrehte Mikrofonvorverstärker geschickt. Für damalige Verhältnisse war dies ein geradezu brutaler Missbrauch der Studiotechnik. Emerick erklärte später augenzwinkernd, er hätte sich an der Stelle des Studioleiters für ein solches Vorgehen vermutlich selbst gefeuert. Aus heutiger Sicht erinnert der Sound eher an ein defektes Fuzz-Pedal als an einen klassischen Gitarrenton. Gerade diese Rücksichtslosigkeit macht ihn jedoch so wirkungsvoll. „Revolution“ zeigt damit exemplarisch, dass ein technisch hässlicher Gitarrensound im richtigen musikalischen Kontext die perfekte Wahl sein kann.

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The Rolling Stones – „Sympathy for the Devil“

„Sympathy for the Devil“ ist ein Song der Gegensätze: Auf der einen Seite stehen die überwiegend mixolydisch gefärbte Dur-Harmonik, der tänzerische Percussion-Groove und die unschuldig wirkenden „Woo-Woo“-Chöre. Dem gegenüber stehen der düstere Text, Mick Jaggers diabolische Erzählperspektive und natürlich Keith Richards’ aggressiver Gitarrenton. Der Gitarrensound von „Sympathy for the Devil“ gehört vermutlich zu den schärfsten und unangenehmsten Klängen im Katalog der Rolling Stones. Einer verbreiteten, allerdings nicht zweifelsfrei belegten Theorie zufolge spielte Richards die Leadparts mit seiner 1957er Gibson Les Paul Custom über einen Vox AC30, dessen Höhen zusätzlich mit einem Treble-Booster gepusht wurden. Das Ergebnis sind bissige Höhen, eine kratzige Verzerrung und eine beinahe schmerzhaft schneidende Attack. Auch Richards’ Spielweise konterkariert die harmonischen Choreinwürfe und das Klavierspiel sehr geschickt: Hart angeschlagene Töne, übertriebene Bendings und abgehackte Phrasen lassen das Solo beinahe hektisch und unkontrolliert wirken. Isoliert betrachtet klingt der Sound dünn, kratzig und alles andere als ohrenschmeichelnd. Damit ist er ein weiteres Beispiel für einen fragwürdigen Gitarrenton, der im musikalischen Kontext perfekt funktioniert.

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Ozzy Osbourne – „Over the Mountain“

Ich weiß: In Fachkreisen gilt es beinahe schon als Sakrileg, den in der Regel unfassbar gewaltigen Gitarrensound des damaligen Ozzy-Gitarristen Randy Rhoads in eine solche Liste aufzunehmen. Zweifellos zählt Rhoads zu den einflussreichsten Hard-Rock-Gitarristen aller Zeiten und legte neben Eddie Van Halen Anfang der 1980er-Jahre die Messlatte für modernes Gitarrenspiel enorm hoch. Sein Gitarrensound auf Ozzy Osbournes „Over the Mountain“ ist allerdings deutlich weniger unumstritten als sein virtuoses Spiel. Welche Gitarre auf den einzelnen Spuren zu hören ist, lässt sich nicht zweifelsfrei belegen. Infrage kommen jedoch unter anderem seine weiße Gibson Les Paul Custom und die Jackson Concorde. Das Signal lief über sein typisches Setup aus MXR Distortion+, einem MXR 10-Band-EQ und einem 100 Watt Marshall Super Lead. Die angeschlossenen 4×12″-Boxen waren mit den besonders höhenreich und direkt klingenden Altec 417-8H bestückt. Rhoads’ Verzerrung basierte auf dem vergleichsweise moderat zerrenden Marshall, der mit dem vorgeschalteten Distortion+ und dem Equalizer geboostet wurde. Hört man seine Spuren isoliert, klingt das Ergebnis extrem höhenlastig, nasal und körnig. Hinzu kommt, dass die mehrfach eingespielten und im Panorama verteilten Gitarrenspuren dem Klang stellenweise eine leicht ausgehöhlte und phasige Note verleihen. Nichtsdestotrotz funktioniert der Sound im fertigen Mix unglaublich gut. Im Kontext der Band wirkt Rhoads’ Gitarrenton breit, aggressiv und mächtig – auch wenn die einzelnen Spuren für sich genommen deutlich kontroverser klingen.

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Pantera – „Cowboys from Hell“

Dimebag Darrell gehört sicherlich zu den bedeutendsten Metal-Gitarristen aller Zeiten und prägte mit seinem Spiel ganze Generationen. Seine rhythmisch präzisen Riffs, sein unverkennbares Vibrato und seine spektakulären Soli sind untrennbar mit dem Sound von Pantera verbunden. Deutlich kontroverser fällt dagegen die Bewertung seines stark gescoopten Zerrsounds aus – insbesondere auf „Cowboys from Hell“. Wo andere Gitarristen nach warmen, betonten Mitten suchen, sagte Dimebag ihnen kurzerhand den Kampf an. Für den Gitarrensound von „Cowboys from Hell“ setzte Darrell auf das 100 Watt starke Solid-State-Topteil Randall RG100ES, das für eine ausgesprochen direkte und körnige Verzerrung sorgte. Zusätzlich nutzte Dimebag Equalizer von Furman und MXR, um die Mitten stark abzusenken und gleichzeitig Bässe und Höhen anzuheben. Diese extremen Settings sind maßgeblich für den hohlen und unverkennbar aggressiven Gitarrenton des Albums verantwortlich. Im Kontext der Band funktioniert dieser kompromisslose Sound jedoch erstaunlich gut: Der Bass liefert das nötige Fundament, während sich Dimebags scharfer Gitarrenton deutlich durch das Arrangement schneidet. Schön ist dieser Ton sicherlich nicht – unverwechselbar und für Panteras Musik ausgesprochen wirkungsvoll ist er aber allemal.

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Fazit

All die genannten Beispiele zeigen sehr anschaulich, dass ein musikalisch sinnvoller Gitarrensound nicht zwangsläufig schön, warm oder technisch perfekt sein muss. Entscheidend ist vielmehr, ob er zum Song passt und ob und wie sehr er die Ästhetik der Band unterstreicht. Deshalb ist es ohnehin ratsam, den eigenen Sound stets im musikalischen Kontext zu beurteilen und nicht nur in den vier Wänden des Übezimmers. Wer unverwechselbar klingen möchte, sollte sich daher gelegentlich aus der Komfortzone wagen und auch einmal „out of the box“ denken. Denn wer weiß: Manchmal liegt der Signature-Sound nicht im nächsten Boutique-Pedal, sondern in einer ausgesprochen schlechten Idee, die musikalisch erstaunlich gut funktioniert.

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