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Bracing von Akustikgitarren

Jeder, der sich mit akustischen Gitarren beschäftigt, kennt die Schlagwörter Beleistung, Verbalkung und natürlich den englischen Überbegriff Bracing. Und die Feinabstufungen dazu natürlich auch: Fan-Bracing, X-Bracing und ganz neu dabei: V-Class-Bracing. Dazu die Geschmacksrichtungen Scalloped oder Forward Shifted. Was hat es damit auf sich? Und was bedeutet es für meine Gitarre und ihren Ton? Wir bringen Licht in den Dschungel der Fachbegriffe.

(Bild:© Shutterstock.com, 795640150, von: Impact Photography)
(Bild:© Shutterstock.com, 795640150, von: Impact Photography)
Inhalte
  1. Warum braucht die Gitarrendecke Verstärkung?
  2. Neue Leistensysteme für moderne Gitarren
  3. Wer das moderne Bracing erfunden hat
  4. Bracings für Klassiker
  5. X Bracing: Zwei Leisten treffen aufeinander
  6. Scalopped Bracing: Weniger Holz, mehr Bass
  7. V-Class-Bracing: Der Sonderweg aus Kalifornien
  8. Forward Shifted X Bracing: Infos für Nerds
  9. Fazit

Bracing, Beleistung oder Verbalkung – Quick Facts

Was ist ein Bracing?
Mit Beleistung, Verbalkung beziehungsweise Bracing werden die Leisten oder Balken bezeichnet, die auf der Unterseite der Gitarrendecke den Zug der Saiten aufnehmen und die Schwingungen weiterleiten.
Was ist der Unterschied zwischen Bracing, Verbalkung und Beleistung?
Dabei handelt es sich um verschiedene Bezeichnungen für dasselbe Bauteil, nämlich die Holzleisten, die die Decke versteifen.
Wer erfand das Bracing?
Das weiß man nicht. Aber in dem Moment, als die ersten Saiteninstrumente mit einer dünnen Holzdecke entwickelt wurden, wurden auch Leisten zur Stabilisierung nötig.
Wer erfand die modernen Leistensysteme?
Auch das ist nicht bekannt. Allerdings hat in den USA Christian Friedrich Martin das X-Bracing zu seiner heutigen Form weiterentwickelt. In Spanien ist es Antonio de Torres, der die noch heute gebräuchlichen Fächerleisten für Nylonsaitengitarren perfektionierte.
Was ist ein Scalopped Bracing?
Damit ist die Form der Hauptleisten eines X-Bracings gemeint. Sie sehen, salopp gesagt, von der Seite ein wenig aus wie eine Hängebrücke.
Ist ein Scalopped Bracing besser als ein normales?
Nein! Eine Gitarre mit einem Standard Bracing tönt etwas brillanter und präziser, während sie mit Scalopped Bracing etwas weicher und fülliger klingt. Allerdings entspricht letzteres eher dem derzeit vorherrschenden Geschmack.

Warum braucht die Gitarrendecke Verstärkung?

Das englische Wort brace bedeutet übersetzt “Strebe” oder “Stütze”. Beides umreißt ziemlich genau die Art und die Funktion, denn es handelt sich dabei um ein System von unterschiedlich starken Holzleisten oder -balken, die auf der Unterseite einer Gitarrendecke aufgeleimt sind und die Decke gegen den Zug der Saiten versteifen sollen.
Dazu muss man wissen, dass eine Gitarrendecke mit zwei völlig unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert ist. Zum einen soll sie so gut wie möglich schwingen, zum anderen soll sie stabil genug sein, um dem Saitenzug widerstehen zu können. Das ist nötig, weil bei unseren üblichen Klassik- und Westerngitarren der Steg auf der Decke aufgeleimt ist. Es gibt keinen am Ende angebrachten Saitenhalter wie bei einer Jazzgitarre oder bei Streichinstrumenten. Dadurch zerrt der komplette Saitenzug am Steg und damit an der Decke. Solange die Instrumente klein waren, war das kein großes Problem. Eine Querleiste unter dem Steg sorgte für ausreichend Stabilität und für einen guten, dynamischen, wenn auch leisen Ton.

Die Lösung der Alten: ein frühes Bracing bei einer Barocklaute
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Neue Leistensysteme für moderne Gitarren

Das änderte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Gitarren wurden von den Salons der Reichen in die Konzert- und Tanzsäle gebracht. Sie mussten lauter tönen, um noch gehört zu werden. Korpus und Saitenspannung wurden also vergrößert. Jetzt war jedoch die Decke nicht mehr stabil genug; sie wölbte sich nach oben. Eine Lösung musste her.
Nun schlug die große Stunde der modernen Leistensysteme. Sie sorgen bis heute dafür, dass das dünne Holzbrett, aus dem die Decke besteht, dem Saitenzug standhält, und dass es dennoch schwingen kann. Das geht jedoch nicht ohne Kompromisse, denn die Leisten beeinflussen die Schwingungen natürlich trotzdem. Die große Kunst ist es, sie dort zu platzieren, wo sie den Schwingungen am wenigsten im Weg sind. Eine Gitarrendecke schwingt nämlich, ähnlich wie eine Gitarrensaite, nicht nur als Ganzes, sondern auch in Teilabschnitten. Hier werden die Obertöne abgestrahlt. Würde man eine Leiste genau in der Mitte eines solchen Abschnitts anleimen, würden die entsprechenden Obertöne gedämpft. Und das will man natürlich nicht.

Wer das moderne Bracing erfunden hat

Wir haben es heutzutage grob gesprochen mit zwei verschiedenen Flattop-Typen zu tun, nämlich Nylonsaitengitarren mit einem Gesamtsaitenzug von etwa 45 kg sowie Stahlsaitengitarren mit einem Gesamtsaitenzug von etwa 70 kg, alles bezogen auf einen mittelstarken Saitensatz und Normalstimmung. Eine Menge Zeug! Die Decke einer Stahlsaitengitarre muss also um ein Vielfaches stabiler sein als die einer Nylonsaitengitarren. Deswegen, so die übliche Meinung, habe der deutsche Auswanderer Christian Friedrich Martin um 1850 das sogenannte X-Bracing erfunden, weil es stabiler sei. Das stimmt aber nicht, kann gar nicht stimmen, denn Herr Martin kannte noch gar keine Stahlsaiten!
Tatsächlich ist das für die Stahlsaitengitarre so zentrale X-Bracing ursprünglich für Darmsaitengitarren entwickelt worden. Sein Talent, eine Steelstring zum Klingen zu bringen, hat es erste ab 1920 beweisen können, als die erste serienmäßig mit Stahlsaiten bestückte Martin-Gitarre auf den Markt kam. Außerdem hat C.F. Martin nach allem, was wir heute wissen, das X-Bracing nicht selbst erfunden, sondern nur weiterentwickelt. Wer es wirklich erfunden hat, wissen wir nicht, aber es tauchte bereits um 1830 auf.

Fotostrecke: 2 Bilder So sieht es aus, das klassische X Bracing.
Fotostrecke

Bracings für Klassiker

Parallel dazu hat sich in Frankreich und Spanien ein anderes Leistensystem für Darmsaitengitarren entwickelt: Die bei Klassikgitarren noch heute dominierende Fächerbeleistung oder Fan-Bracing. Es besteht im Wesentlichen aus einer größeren Zahl dünner Leisten, die die Decke fächerförmig versteifen. Hier gibt es unendlich viele Variationen: Drei Leisten, fünfzehn Leisten, symmetrisch oder unsymmetrisch angeordnet, zusätzliche Leisten – auf diesem Gebiet wird wesentlich mehr experimentiert als bei den Steelstrings. Das hat auch mit den Anforderungen der Klassikgitarristen an ihr Instrument zu tun, das so laut sein muss, dass es auch einen mittelgroßen Konzertsaal füllen und gegen ein Kammerorchester bestehen kann – ohne PA, wohlgemerkt, dafür aber mit jahrzehntelanger Arbeit am eigenen Anschlag.

Eine von vielen Möglichkeiten: Bracing einer Klassikgitarre
Eine von vielen Möglichkeiten: Bracing einer Klassikgitarre

X Bracing: Zwei Leisten treffen aufeinander

Lassen wir also die Klassiker Klassiker sein und wenden uns der für uns wichtigeren Steelstring zu, auch als Westerngitarre bekannt. Hier haben wir es vor allem mit den Begriffen X-Bracing und scalloped zu tun. Die etwas Fortgeschritteneren unter euch kennen außerdem den Begriff forward shifted.
Das X-Bracing ist ein Leistensystem, das im Wesentlichen aus einem unter die Decke geleimten Holzkreuz besteht. Der Schnittpunkt liegt dabei zwischen Schallloch und Steg. Dazu gesellen sich noch ein paar Hilfsleisten. Natürlich zählt auch die genaue Position dieser Leisten, aber für die Stabilität ist speziell die Abstimmung zwischen Leisten und Decke wichtig. Hier hat der Gitarrenbauer eine erste Stellschraube, um den Sound zu beeinflussen. Wir stellen vor: scalloped bracing, das unbekannte Wesen!

Scalopped Bracing: Weniger Holz, mehr Bass

Eine Gitarre besitzt ein Scalloped Bracing. Das liest man in den technischen Daten der Hersteller und der Fachmagazine, und meist ist es mit der Vorstellung einer Qualitätssteigerung verbunden. Das dem nicht so sein kann, zeigt alleine die Tatsache, dass es nach wie vor Gitarren gibt, die ein Standard-Bracing besitzen, das genau eben nicht scalloped ausgearbeitet ist. Schon daraus können wir schließen, dass ein Scalloped Bracing lediglich eine Alternative für einen anderen Sound darstellt, keinesfalls jedoch in jeder Hinsicht klanglich überlegen ist.
Das englische Wort scalloped lässt sich am besten mit “bogenförmig” übersetzen. Die eigentlich gerade Oberseite einer Deckenleiste wird in der Mitte tiefer gehobelt. Sie sieht dann ein wenig aus wie eine Hängebrücke. Auf diese Weise wird sowohl das Gewicht als auch die Steifigkeit dieser Leiste verringert.

Fotostrecke: 2 Bilder Standard-Bracing: Die Oberseite ist gerade.
Fotostrecke

Eine Gitarre mit einem Scalloped Bracing wird lauter tönen und möglicherweise etwas mehr Schub in den Bässen liefern. Allerdings ist die Decke einer solchen Gitarre weniger stabil und wird mit dicken Saiten möglicherweise nicht den optimalen Sound liefern und sich im Extremfall sogar verziehen. Dazu müssen die Saiten allerdings schon sehr heavy sein! Eine Gitarre mit Standard-Bracing kann man dagegen mit deutlich dickeren Saiten bespannen, vor allem aber liefert sie einen etwas anderen Sound: weniger fett, dafür aber im Attack etwas präziser.

V-Class-Bracing: Der Sonderweg aus Kalifornien

Mit dem V-Class-Bracing von Taylor Guitars ist gerade ein ganz neuer Bracing-Typ vorgestellt worden. Die damit ausgestatteten Gitarren klingen deutlich ausgeglichener und glatter als Gitarren mit X-Bracing. Sie haben weniger Ecken im Kanten im Sound, was wirklich toll ist – aber eben erst mal anders. Letztendlich ist also auch das eine Frage des Geschmacks. Taylor Guitars sind von dem Konzept jedoch so überzeugt, dass sie es nach und nach bei allen ihrer Serien verwenden möchten. In ein paar Jahren werden wir sehen, wie die Gitarristenwelt damit umgegangen ist. Allerdings ist Taylor natürlich nicht irgendein Hersteller, sondern die derzeit innovativste Steelstring-Manufaktur …

Die neueste Strömung: V-Class-Bracing von Taylor (Bild zur Verfügung gestellt von Taylor Guitars)
Die neueste Strömung: V-Class-Bracing von Taylor (Bild zur Verfügung gestellt von Taylor Guitars)

Forward Shifted X Bracing: Infos für Nerds

Für die Gitarren-Nerds unter euch habe ich jetzt noch die Beschreibung eines anderen Mysteriums der Gitarrengeschichte: Was ist eigentlich ein Forward Shifted X Bracing? Man hört diesen Begriff speziell in Verbindung mit Martin-Gitarren. Wie man auf den Fotos gut sehen kann, treffen sich die beiden Leisten eines X-Bracings ungefähr in der Mitte. Wo genau dieser Kreuzungspunkt platziert wird, ist nicht ganz unwesentlich für den Sound. Hier kommt es auf den Abstand vom unteren Schalllochrand an. Normalerweise beträgt dieser Abstand 1,5 Zoll (3,81 cm). Früher wurden die Gitarren von Martin jedoch anders abgestimmt. Bei den Gitarren mit Baujahr 1938 und früher befindet sich dieser Kreuzungspunkt 1 Zoll, also 2,54 Zentimeter unterhalb des Schalllochs.

Fotostrecke: 4 Bilder Die heutige Standard-Position des X:
Fotostrecke

Für Martin-Enthusiasten sind diese Gitarren der “heilige Gral”, und besagtes Forward Shifted X Bracing soll einen wesentlichen Anteil daran haben. Der Sound ist tatsächlich etwas anders, soweit man das bei einzelnen Instrumenten beurteilen kann: weicher, fülliger, aber nicht ganz so knackig. Das könnte daran liegen, dass die Decke etwas weicher abgestimmt ist, denn die X-Balken versteifen andere Deckenbereiche. Dabei handelt es sich jedoch um Nuancen!

Fazit

Soll ich meine Gitarre also nach technischen Daten aussuchen?
Keinesfalls – das Ohr sollte immer das letzte Wort haben. Ob das X-Bracing normal oder “forward shifted” ist, ob die Decke von einer Fächerbeleistung gestützt wird oder einem modernen V-Class-Bracing, oder ob die Leisten “scalopped” ausgeführt sind oder nicht: Alle diese Merkmale haben zwar Auswirkungen auf den Klang, sind aber keineswegs Kennzeichen für einen besseren oder schlechteren Sound. Eine gute Gitarre klingt gut, egal, wie sie innen aufgebaut ist. Jede Gitarre ist anders, und es wäre wirklich schade, wenn ihr die perfekte Gitarre verpassen würdet, nur weil sie das angeblich falsche Bracing besitzt.

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(Bild:© Shutterstock.com, 795640150, von: Impact Photography)

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von Jürgen Richter

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