Als Vocalcoach werde ich immer mal wieder gefragt, ob wirklich jeder Mensch singen kann. Die kurze Antwort: Ja, das glaube ich. In meiner Karriere als Vocalcoach kann ich mich an nur zwei Fälle erinnern, in denen ich wirklich nichts tun konnte – was daran lag, dass die Personen keinen Zugang zu ihrer Stimme gefunden haben. Andersrum hatte ich schon einige Schülerinnen und Schüler, die echte Probleme damit hatten, einzelne Töne zu treffen, es aber unbedingt wollten und dann auch geschafft haben. Warum entscheiden unsere Annahmen über „Gesangstalent“ und „Talentfrei“ darüber, ob jemand singen lernen darf? Sollten wir nicht danach entscheiden, wie sehr jemand singen lernen möchte?

- Warum glauben manche Menschen, sie könnten nicht singen?
- Kann man Singen lernen, auch wenn man unmusikalisch ist?
- Woher kommt das Bedürfnis zu singen und Musik zu machen?
- Warum treffen manche Menschen beim Singen die Töne nicht?
- Unterschied zwischen Singstimme und Sprechstimme
- Welche Rolle spielt Übung im Vergleich zu angeborenem Talent beim Singen?
- Was macht einen guten Sänger oder eine gute Sängerin aus?
- Kann ich als Erwachsener ohne Vorkenntnisse noch singen lernen?
- FAQ
Warum glauben manche Menschen, sie könnten nicht singen?
Oft ist es nur ein einfacher Satz – ob achtlos oder absichtlich –, der uns ein Leben lang begleitet, manchmal sogar am Singen hindert: Hör auf, so rumzuträllern. Das klingt ja schrecklich. Du singst schief. Du kannst nicht Singen. Sing nicht so laut.
Und zack, ist der Hals zu. Wir vertrauen dem eigenen Gesang nicht mehr und unsere Stimme spiegelt uns genau das zurück. Wir bewerten und kritisieren jeden Ton, den wir von uns geben, und verlieren den Spaß und die Unbesorgtheit. Als selbsterfüllende Prophezeiung haben wir dann den Beweis, dass unser Gegenüber recht hatte. Wenn ich Gesang unterrichte, verwende ich viel Zeit darauf, das Vertrauen in die eigene Stimme (wieder) aufzubauen. Erst wenn das geschafft ist, kann ich herausfinden, was eine Stimme kann und was noch nicht.
Kann man Singen lernen, auch wenn man unmusikalisch ist?
Fangen wir anders an: Was bedeutet es eigentlich, unmusikalisch zu sein? Google zeigt mir an: Ohne musikalisches Empfinden. Woerter.de schreibt: Ohne musikalisches Talent oder Verständnis. Im Spiegel hält der Neurologe Eckart Altenmüller seine Forschungserkenntnis dagegen: Musik ist keine Wahl, der Mensch ist zu ihr veranlagt und „unmusikalische“ Menschen gibt es nicht.
Ich persönlich bin zu derselben Erkenntnis gekommen, als mein Sohn klein war und Freundinnen mich dazu überredet haben, ein Kinder/Elternsingen zu leiten. Dort habe ich beobachtet, dass jedes Kind ein Gefühl für und ein Bedürfnis nach Musik, Tanz und Kunst hat. Die einen Kinder machten sofort mit, andere standen am Fenster und wirkten desinteressiert, während sie zu Hause das ganze Lied auswendig sangen.
Die meisten Eltern dagegen waren gehemmt, hatten Angst, falsche Töne zu singen und fanden ihre Stimme hässlich. Ich habe sie dazu ermutigt, ihren Kindern vorzusingen, Spaß zu haben und weder ihre Stimme, noch die ihrer Kinder je wieder zu bewerten. Kinder nehmen nicht nur die gesungenen Töne auf, sondern vor allem das Gefühl, das der singende Mensch ihnen beim Singen vermittelt.
Woher kommt das Bedürfnis zu singen und Musik zu machen?
Singen ist der direkteste Ausdruck für unsere Empfindungen. Singen soll uns erfüllen und Spaß machen. Egal, ob wir gerade oder schief singen. Singen ist keine Leistungsschau. Wer sich als unmusikalisch bezeichnet, ist oft nur von der eigenen Musikalität abgetrennt und findet keinen Zugang zur Musik. So begreife ich die Definition „ohne musikalisches Empfinden und Verständnis“.
Wir alle haben Musik in uns, von Geburt an. Singen ist eine der fundamentalsten Form Musik zu machen – nämlich mit sich selbst. Viele Menschen verlieren beim Heranwachsen den Bezug zu ihrem Musikkanal. Andere schaffen es, ihn offenzuhalten und die Kraft ihrer Stimme für sich zu nutzen. Aber jeder kann lernen, die eigene Stimme wiederzuentdecken und an Musik und Gesang Spaß zu haben.
Warum treffen manche Menschen beim Singen die Töne nicht?
Wirkliche Ton-Taubheit, wie die wortwörtliche Übersetzung des englischen Wortes „tone-deafnes“ heißt, betrifft nur 1 bis 4 Prozent aller Menschen. Die sogenannte Amusie hat nichts mit einfach schief singen oder körperlicher Schwerhörigkeit zu tun. Sie bezeichnet ein neuropsychologisches Defizit, das zur Unfähigkeit führt, Musik aufzufassen oder zu musizieren.
Amusie ist die krasseste Form davon, dass eine Person Töne, die sie hört, nicht in ihrer Tonhöhe (Intonation) zuordnen kann. Wenn Töne nicht richtig gehört werden können, können sie nicht richtig nachgesungen werden. Das Ergebnis: Wir singen schief.
„Richtig“ zu singen beginnt also damit, Töne genau hören zu können und eine innere Beziehung zu ihnen aufzubauen. Die Abfolge bei Intonationsübungen ist immer: Ton hören, Ton innerlich singen, Ton laut singen. Ist diese Kette gestört oder untrainiert, singt man schief. Das heißt aber auch: Man kann die Intonation üben und verbessern. Meist genügen schon ein paar Minuten jeden Tag.
Unterschied zwischen Singstimme und Sprechstimme
Schon meine erste Gesangslehrerin sagte zu mir: Singen ist verlängertes Sprechen. Es ist der gleiche Apparat, unser Kehlkopf, der einen Ton produziert. Unser Körper bleibt unser Körper, egal wie kurz oder lang der produzierte Ton ist.
Machen wir eine Übung zur Verdeutlichung: Zählt langsam bis drei. Eins – zwei – drei. Dann stellt ihr euch vor, ihr rezitiert ein wunderschönes Gedicht in einem großen Raum, während ihr wieder bis drei zählt. Die Töne verlängern sich, der Klang jeden Tones nimmt zu. Und dann singt ihr eins – zwei – drei und stellt fest, dass die Pausen zwischen den Tönen ganz verschwinden. Singen ist verlängertes Sprechen.
Viele Menschen empfinden ihre Gesangsstimme als ganz anders als ihre Sprechstimme. Auch hierbei geht es um das Gefühl, etwas sei getrennt. Beim Unterrichten sage ich immer: Alles, was ihr sprechen oder rufen könnt, könnt ihr auch singen. Hohe Melodiephrasen lasse ich in einer entsprechenden Tonhöhe ein paar Mal rufen. So können meine Schüler*innen ein Gefühl zu der Phrase und dem Verhalten ihrer Stimme und ihres Körpers aufbauen. Dann wechseln wir zwischen Rufen und Singen ab, bis sich beides gleich anfühlt. Erst dann erst singen wir die Phrase. Eure Sprechstimme also ist ein guter Guide, um Singen zu lernen.
Welche Rolle spielt Übung im Vergleich zu angeborenem Talent beim Singen?
Kurz gesagt: Gar keine. Es ist völlig egal, ob du von Natur aus Singen kannst oder ob du es durch Übung lernst. Das Ergebnis zählt! Der Vorteil, wenn du viel über Gesangstechnik gelernt hast ist, dass du in Situationen (Stress, Krankheit), wo dein intuitives Gefühl fürs Singen verloren gehen kann, mit Technik deine Gesangsperformance wiederherstellen kannst. Wenn alles gut läuft, brauchst du keine Technik. Wenn die Bedingungen suboptimal sind, rettet dich Technik.
Manche Menschen sind mit sehr viel Talent gesegnet. Andere – wie mein Allzeit-Favouriten-Beispiel Madonna – sind ganz normal begabt, haben aber alles (!) aus ihrer Stimme herausgeholt. Wie heißt es so schön: Talent ist 20 % Inspiration und 80 % Transpiration.
Was macht einen guten Sänger oder eine gute Sängerin aus?
Authentizität – Persönlichkeit und Stimme passen zusammen.
Mut – Emotionen zeigen.
Eigenheit – im Stimmklang und der Art zu Singen.
Musikalität – Die Nuancen in der Musik spüren und gesanglich umsetzen können.
Leidenschaft – für das, was man tut. Es unbedingt tun wollen.
Können – Eine gute Technik schadet nie.
Groove – Ein gutes rhythmisches Verständnis zu haben. Also mit der musikalischen Zeit spielen zu können.
Kreativität – Musik ist eine große Spielwiese, die immer neue Ausdrucksformen hervorbringen kann.
Kann ich als Erwachsener ohne Vorkenntnisse noch singen lernen?
Ja, natürlich kannst du das! Es ist nie zu spät. Fang einfach an und schau, wie weit du kommst. Unsere Gehirnzellen erneuern sich, bis wir sterben. Also kannst du auch in jedem Alter noch Singen lernen. Such dir einen Vocalcoach, der oder die zu dir passt und dich auf deinem Weg begleitet. Und hör auf, deine Stimme zu bewerten, denn jede Stimme ist einzigartig, wie der Mensch, der zu ihr gehört.

Wie findet ihr den richtigen Vocalcoach für euch und was sollte euch guter Gesangsunterricht bieten.
FAQ
Kann wirklich jeder Mensch singen?
Ja, grundsätzlich kann jeder Mensch singen lernen.
Warum glauben manche Menschen, sie könnten nicht singen?
Oft liegt es an früher Kritik und daran, dass sie das Vertrauen in ihre Stimme verloren haben.
Kann man auch ohne Talent singen lernen?
Ja, Singen ist lernbar und lässt sich mit Übung und Technik verbessern.
Warum trifft man beim Singen manchmal die Töne nicht?
Häufig fehlt die Übung im genauen Hören und Nachsingen von Tonhöhen.
Kann man als Erwachsener noch singen lernen?
Ja, auf jeden Fall. Es ist nie zu spät, damit anzufangen.
