Vinnie Colaiuta zählt zu den bekanntesten und renommiertesten Schlagzeugern unserer Zeit. Die Liste der Künstler und Bands, mit denen er im Laufe seiner Karriere gespielt hat, scheint unendlich zu sein mit Namen wie Frank Zappa, Chaka Khan, Jeff Beck bis hin zu Megadeth. Bei Frank Zappa hatte Vinnie schon gezeigt, wie natürlich und musikalisch er in den vertracktesten Taktarten spielen kann. In der Band von Sting, in der er seit 1990 als Schlagzeuger tätig war, konnte er genau das auch wieder unter Beweis stellen – wenn auch hier eher songdienlich und technisch weniger vertrackt.

Der Drumsound auf “I Hung My Head“
Vinnies Sound auf “I Hung My Head“ ist sehr präzise und trocken. Die Snare liefert diesen Vinnie-typischen trockenen und kräftigen Backbeat mit Rimshots gespielt, während die Bassdrum einen bassigen Ton mit einem angenehmen Attack verbindet. Die Toms spielt Vinnie in diesem Song nur einmal während eines kurzen Fill-Ins am Ende. Ansonsten benutzt er hauptsächlich kleine, brillant klingende Effektbecken wie Splashes für kurze Fill-Ins oder setzt kleine Displacements mit Snare und Kick als Überleitung in einen anderen Part. Die minimalistischen Fill-Ins stehen schon sinnbildlich für Vinnies songdienliche Spielweise bei Sting. Vinnie bringt den Song zum Grooven und leitet die Band und den Hörer durch die Songparts, ohne dabei den Vocals in die Quere zu kommen.
Die Drums steigen erst nach knapp zwei Minuten ein
Der Song startet direkt mit einem 9/8-Groove, welcher über die ersten beiden Strophen von einem Percussion-Instrument gespielt wird. Vinnie setzt nur einen einzigen kräftigen Snare-Backbeat zwischen den beiden Strophen, ansonsten steigt er tatsächlich erst bei 1:47 mit dem Schlagzeug ein.
Es gibt allerdings Live-Versionen im Internet zu sehen, wo Vinnie auch schon die ersten Strophen mitspielt. Hier übernimmt er den Groove vom Percussion-Instrument und spielt ihn mit Bassdrum, Hi-Hat und Rimclick, sowie einer Side-Snaredrum ohne Teppich. Die Rhythmik in der Hi-Hat gestaltet er hier schon sehr schnell und polyrhythmisch – ich zeige euch nachfolgend mal eine vereinfachte Version für die Begleitung der ersten Strophen und im Anschluss noch Vinnies Version.

Die Hi-Hat spielt durchgehende Achtelnoten. Die Bassdrum-Schläge und die Rimclicks funktionieren im Grunde genau wie bei einem Realtime Groove im 4/4-Takt, nur dass ihre Position hier an den 9/8-Takt angepasst wurde.
Versucht mal den 9/8-Takt in 5/8 und 4/8 zu unterteilen. Die melodische Struktur des Gitarrenriffs ist genau so unterteilt – das macht es deutlich leichter zu verstehen. Ich habe auch die Einzähler für die Soundfiles mit dieser Betonung versehen.

Kommen wir nun zu Vinnies Variante aus den Live-Performances mit Sting:

Die Hi-Hat spielt ein Ostinato aus einer Achtel- und zwei 16tel-Noten. Die Achtelnoten sind jeweils akzentuiert und mit einem Hi-Hat-Lift versehen. Dadurch dass Vinnie dieses aus vier 16tel-Noten bestehende Ostinato ununterbrochen über den 9/8-Groove spielt, bekommen wir einen gleichmäßigen Viertelpuls, welcher den ungeraden Rhythmus des Songs deutlich auflockert.
Nach der zweiten Strophe kommt das Einstiegs-Fill
Im Anschluss an die zweite Strophe steigt Vinnie dann mit einem Fill-In, bestehend aus Flams auf der Snare, in den kompletten Groove ein. Bassdrum und Snare sind auf der gleichen Position wie schon in den obigen Grooves, nur dass Vinnie jetzt statt des Rimclicks kräftige Rimshots auf der Snare spielt. Dazu spielt er Viertelnoten auf der Glocke des Ridebeckens, welche sich wieder über den 9/8-Groove verschieben. Vinnie tritt zusätzlich die Hi-Hat in Achtelnoten durch.

In der darauffolgenden Strophe behält Vinnie den gleichen Groove bei, ändert dabei aber die Dynamik, indem er vom Ridebecken auf die Hi-Hat wechselt. Zusätzlich spielt er hier sehr leise Ghostnotes auf der Snare. Die Hi-Hat spielt Vinnie jetzt in Achtelnoten, wobei er auch hier die Viertelnoten betont spielt.

Kleine Fills werden in den Groove einwebt
Der nun folgende Bläserpart bietet ein paar schöne Beispiele, wie musikalisch Vinnie seine kleinen Fills zwischendurch in den Groove einwebt. Im ersten Takt spielt er einen kurzen Hi-Hat-Lift und setzt dann im zweiten und dritten Takt kleine Offbeat-Akzente mit dem Splashbecken. Im vierten Takt spielt er dann mehrere Snare- und Bassdrum-Schläge, welche den Groove stark verdichten, ohne dabei den Fluss zu stören. So bringt Vinnie eine Menge Abwechslung in den Drumpart, ohne den Groove ein einziges Mal für ein Fill-In unterbrechen zu müssen.


Zuletzt gibt es nochmal eine kleine Herausforderung: In der folgenden letzten Strophe werden die Drums kontinuierlich leiser, bis nur noch die Percussions zu hören sind. Gegen Ende der Strophe werden die Drums wieder lauter, bis sie zum darauffolgenden Chorus wieder bei ihrer Maximal-Lautstärke ankommen.
Es klingt hier ehrlich gesagt so, als wären die Drums mit einem Fader im Mix leiser und lauter geschoben worden. Da es aber eine super Übung ist, diesen dynamischen Verlauf selber nachzuspielen, wollen wir das hier einmal versuchen:

Wir spielen zunächst ein Decrescendo von Forte bis Pianissimo (bis die Drums fast gar nicht mehr zu hören sind), bis wir mit einem Crescendo wieder zurück zu unserer Ausgangslautstärke kommen. Das erfordert eine hohe dynamische Kontrolle und verleiht der letzten Strophe des Songs nochmal einen ganz eigenen Charakter.
Der Song hat – trotz minimalistischer Instrumentierung – sehr viel zu bieten. Am Ende gibt es dann doch noch ein ganz Vinnie-typisches, zackiges Fill-In über die Toms, bevor die Band in den letzten Bläserpart geht.
Fazit
So minimalistisch der Song und die Drumparts zunächst scheinen – hier steckt (Vinnie-typisch) eine Menge fordernder Zündstoff drin. Denkt beim Nachspielen unbedingt daran, dass der Groove trotz der sich überlagernden Rhythmik und der ungeraden Taktart sehr entspannt und fließend gespielt werden sollte. Erst dann entfaltet er den schönen Sound von Vinnies Original-Groove.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Nachspielen!

























